Rephlex wird 10. Zeit für ein paar vertrauliche Statements an der Salatbar von den Labelbesitzern Aphex Twin und Grant Claridge. Thaddeus Herrmann leiht sein Ohr und verschenkt Oliven.
Text: Thadeus Hermann aus De:Bug 47

Junge Männer mit Anschluss
Rephlex/ Aphex Twin
Erinnerung, Tradition, Zukunft. So gut wie allen Labeln, die Anfang der 90er Jahre damit begannen, elektronische Tanzmusik auf Maxisingles zu pressen, bleibt heute gar nichts anderes übrig, als sich mit diesen Begriffen auseinanderzusetzen. Einfach, weil sie immer noch dasselbe tun, auch wenn damit zu Beginn nicht zu rechnen und das schon gar nicht geplant war. Vielleicht ein bisschen besser organisiert als damals, ein wenig stetiger, vielleicht mit einem kleinen Büro in irgendeiner Stadt und einem verlässlichen Vertriebspartner im Rücken, vielleicht sogar mit CDs und T-Shirts, Anzeigen und Interviews in Magazinen, hat sich doch für viele nichts Grundlegendes verändert. Da gibt es Musik, die es verdient, das kleine Büro zu verlassen, auf Vinyl gepresst und in die Regale der Läden gestellt zu werden. Die magische Zehn-Jahres-Grenze haben mittlerweile viele Label ohne große Schwierigkeiten überschritten. Alte Fans haben sich verabschiedet, neue sind dazu gekommen, musikalisch ist nichts mehr so wie es war, genauso wie die Clubs nicht mehr dieselben sind, in denen die Cuts getestet werden und die Leute auf der Tanzfläche leuchtende Augen bekommen. Zehn Jahre Label, das bedeutet zehn Jahre Musikgeschichte, Stile, Umbrüche, Neuanfänge, Verwirrung, Zweifel, kurz: Zeit für das längst fällige Resümee, den unvermeidlichen Gang ins Archiv, kramen, gegenhören, auswählen, ordnen, um zehn Jahre auf einer CD zusammenzufassen. “Rephlex” ist bei weitem nicht das einzige Label, das zur Zeit Glückwunschkarten entgegen nimmt, und dennoch einzigartig. Denn der Beginn der Labelarbeit vor runden zehn Jahren im malerischen englischen Cornwall markiert auch den Karrierebeginn für Rephlex-Mitinhaber Richard D. James aka “Aphex Twin”.
Beim Italiener
Süd-London, Elephant & Castle. Alles ist wie immer. Es regnet, und im Shopping Centre im leicht fauligen 70er Jahre Design ist gerade Feueralarm ausgebrochen. Die Passanten sind gelangweilt, stehen in den Gängen rum, rauchen und warten darauf, ihre Einkäufe fortsetzen zu dürfen. Aphex Twin und Grant Claridge, der andere Inhaber von Rephlex, wohnen gleich um die Ecke, und wir sitzen beim Italiener und essen bizarr aussehende Salate. Aphex bedient sich von meinen Oliven und fragt, wie das denn so in Berlin sei und wo man da gut wohnen könne. London langweilt ihn im Moment. Von Anfang an ist klar, dass Fragen nach etwaigen Strategien für Rephlex, grundlegenden Überlegungen, wie sich das Label entwickelt hat und in Zukunft aussehen wird, ins Leere laufen würden. Hier sitzen zwei Jungs am Tisch, die sich irgendwann auf einem Kiesgruben-Rave in Cornwall kennengelernt und einfach ein Label gegründet haben. “Wir dachten, meine Tracks würden auf Vinyl einfach besser klingen als auf Tape”, erzählt Richard und setzt zu einem Monolog an, warum man auf dem Land die bessere Musik produzieren kann, nicht ständig mit neuem Equipment und anderen Produzenten konfrontiert ist und der Blick aus dem Fenster Inspiration für mindestens drei Alben liefert. “In meinem Notizbuch hatte ich ein kleines Diagramm erstellt, um den Prozess für eine Vinylproduktion für mich zu strukturieren. Dann haben wir Tracks ausgesucht und los ging’s.” Was folgt, ist die Geschichte, die bei jedem Label ungefähr gleich ist. Die erste Platte verkauft sich und Kids schicken Demos. “Demos brechen dir das Genick, es ist so demoralisierend, weil du plötzlich merkst, was für wahnsinnig schlechte Musik es gibt. Ich musste erst bei Mayday auflegen, um dort Mike Dred zu treffen. Dann zwang uns Mike Paradinas dazu, seine Tapes zu hören, und langsam entwickelte sich so etwas wie eine kleine Musikerfamilie, die bei uns ihre Platten veröffentlicht.” Richard D. James erzählt das alles, als sei er in dieser ganzen Geschichte völlig unwichtig und die Reputation, die Rephlex heute mit Künstlern wie Ed DMX, Gentle People, Bochum Welt, Cylob, Bogdan Raczynski, Like A Tim oder Squarepusher hat, allein in eben diesen Veröffentlichungen begründet ist und Rephlex in der Öffentlichkeit nie als “das Label vom Aphex Twin” gesehen wurde. “Heute sehen mich die Leute als Warp-Künstler. Dass ich immer noch bei Rephlex mit drinhänge, haben fast alle vergessen. Gut so. Mittlerweile liest man in Reviews auch nicht mehr, ‘die neue Rephlex-Maxi klingt verdächtig nach Aphex Twin’. Zum Glück. So etwas frustriert nur die Künstler. Immer diese Vergleiche…Boards of Canada, Autechre…Dabei klingen die Boards wie Global Goon und Autechre…naja, such dir was aus. Dieses Geschäft nervt. Wir bringen einfach das raus, was wir wollen.”
An der Jukebox
Die Tagesgeschäfte laufen gut für Grant und Richard, Rephlex ist ihr gemeinsames Baby, egal was die Öffentlichkeit denkt. “Ich kann mir nicht vorstellen, etwas Anderes zu machen. Vielleicht Kopfgeldjäger oder doch selber Musik machen”, sagt Grant. “Musik rauszubringen ist fast dasselbe, wie sie selber zu produzieren. Ich bin einfach stolz darauf, mit so vielen guten Leuten arbeiten zu können.” Dann werden die Teller weggeräumt und wir hangeln uns anhand einiger Künstler durch die Rephlex-Geschichte. Rein mental versteht sich, denn im Restaurant läuft immer noch “Adriano Celentano”.
DEBUG: Electro von “Drexciya”, Easy Listening von “The Gentle People”, der “Industrial Folk Song” von “Cylob” oder der Rave-Wahnsinn von “Bodenständig 2000″…irgendwie weiß man nie, wie Rephlex nun gerade klingen will…
Richard D. James: Als ich die Gentle People traf, hatte ich so die Nase voll von langweiligem Techno. Die Gentle People haben sich lieber schick gemacht, als sich im Club die Klamottten vom Leib zu reißen und ‘Techno’ zu brüllen. Sie dachten, mit ihren beiden Platten würden sie zu Popstars werden, was leider nicht wirklich geklappt hat. Ich frag mich heute noch, was da schief gegangen ist.
DEBUG: Bochum Welt hatte ein ähnliches Gespür für Melodien, oder?
Grant Claridge: Ja, aber er spielt zu schlecht Baseball, als dass er Popstar werden könnte.
Richard: Was?
Grant: Ja, wir haben Baseball gespielt und es war die Katastrophe schlechthin. Es war die Mischung aus New Romantics, Elektro und den 80ern, die uns damals begeistert hat. Sein neues Material verstehe ich nicht so ganz, aber seit er mit Thomas Dolby arbeiten kann, ist er im siebten Himmel.
Richard: Wir wollen immer, dass er uns alte Tracks schickt, aber nichts passiert. Irgendwie hat er komplett den Anschluss verloren.
DEBUG: µ-ziq aka Mike Paradinas?
Richard: Hah! Der hatte nie Anschluss.
DEBUG: Wie jetzt?
Richard: Mike ist ein ganz merkwürdiger junger Mann. Ich verehre ihn, aber er ist und bleibt mir ein Rätsel. Seine neuen Tracks mag ich nicht so gerne. Ich glaube, er versteht sich als eine Art Terrorist, der aus dem Underground so sein Ding macht. Du kannst stundenlang mit ihm über Produktionstechniken debattieren, was ich auch nicht so gerne tue…wie gesagt ein komischer junger Mann.
DEBUG: Drexciya?
Grant: Kenne ich nicht. Ich meine persönlich…
Richard: Es gibt keinen schlechten Track von Drexiya. Wahnsinnig gute Produzenten.
DEBUG: Das ist ein gutes Stichwort…Bodenständig 2000.
Richard: Tja, besser wird’s nicht…Ihre Musik war mit die einzige lustig gemeinte Platte, die ich auch wirklich komisch fand. Dasselbe mit Lektrogirl. Ich nenne diese Art von Musik ‘Broken Music’, weil alle Instrumente irgendwie alt und kaputt sind. Anti-Snob Musik. Anti-Equipment-Musik…
DEBUG: Bei so vielen unterschiedlichen Künstlern…
Grant: Hey, du hast unsere ganzen guten Acts vergessen (lacht).
DEBUG: Ach so?
Grant: Ja, Bogdan Raczynski, Ovuca… Bogdan hat gerade ein Album mit Liebesliedern fertiggestellt…unbeschreiblich. Und das neue Ovuca-Album wird alle wegblasen. Genau wie das neue Global Goon-Album…
DEBUG: Also nochmal: Auf Rephlex veröffentlichen so viele unterschiedliche Künstler, und viele von ihnen werden dann weggekauft oder verschwinden völlig von der Bildfläche. Frustriert das nicht?
Richard: Nein, längerfristige Deals finden wir albern. Außerdem kann es ja auch passieren, dass nach einer guten Platte nur noch Müll kommt. Reiner Selbstschutz also.
DEBUG: Aber wenn dann doch eine gute Platte auf einem anderen Label rauskommt?
Richard: Dann haben wir gerade jemand anderen gefunden, der mindestens ebenso gute Musik macht. Es geht nicht um Rephlex, es geht um die Musik. Den Leuten ist es egal, welches Label die Platte rausbringt, und mir auch. Ein Label zu machen, ist ja irgendwie wie Platten kaufen. Und wenn die Künstler das Label wechseln, sind sie immer noch Teil der Rephlex-Familie. Und außerdem: Irgendwann kommen sie alle wieder zurück, haha.
Grant: Leute sollten sich nicht so auf Labels konzentrieren. Natürlich bin ich froh, wenn es Menschen gibt, die unsere Platten sammeln, verstehen tue ich das aber nicht. Labels bieten nur Hinweise in gewisse musikalische Richtungen. Wir versuchen, das Beste aus verschiedenen Richtungen zu veröffentlichen. It’s all Braindance. Das klingt vielleicht blöd, aber genau darum geht’s. Egal, ob die Musik auf CD oder Vinyl gepresst wird, es geht um gute Platten, Tracks, die etwas mit dir anstellen. Ich habe neulich darüber nachgedacht, ob sich unsere Herangehensweise in den letzten zehn Jahren verändert hat, und für mich ist alles noch genauso neu und frisch und enthusiastisch wie damals. Und hoffentlich ist das in zehn Jahren immer noch so. Wenn ich nach dem Essen hier nicht an Vergiftung sterbe.
Richard: Deshalb habe ich nicht gegessen…
Grant: Es wird einfach nicht langweilig. Wir waren überall auf der Welt, haben gute Platten veröffentlicht…einfach etwas Gutes bewirkt. Braindance eben…
Und verdammt…genau das isses.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. De:Bug Musik » Vintage Aphex Twin

    […] Claridge anlässlich des zehnten Geburtstages von Rephlex vor knapp neun Jahren geführt haben, hier nachlesen. // Share| GA_googleFillSlot("ContentAd_Index");GA_googleFillSlot("DeBug-300×250"); […]