Patrick Bauer versucht, Licht ins Dunkel des Second-Hand-Geschäfts zu bringen. Was es mit dem "trendy Textilrecycling" auf sich hat, verfolgt er von Kreuzberg über Polen bis nach Afrika.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 86

Sammeln, Stylen, Klauen | Das Second-Hand-Imperium

Zu viert liegen sie auf einem Berg Flanellhemden. Breitbeinig, kaugummikauend, skeptisch blickend. Nein, er wisse gar nichts, sagt einer der arabischen Jungs. Alles was er tue, sei die Klamotten hier verkaufen. Woher sie kommen? Schulterzucken. ”Das regeln alles die Chefs aus Chile und Amerika. Sie bringen Kleidung und holen Geld!“ Dass das Gespräch damit auch schon beendet ist, verdeutlicht sein Gesichtsausdruck. Mürrisch wirft er ein paar Leggins auf einen der vielen Tische voller Second-Hand-Ware.

Im schattigen Zelt am Berliner Moritzplatz liegen Altkleider im Übermaß, etwa so liebevoll angerichtet, als wären es die Überreste eines Massakers. Zu dem üblichen Textil-Muff kommt der Geruch von Fäule, vielleicht weil der erdige Boden hier immer etwas feucht ist und sich hinter den schmutzigen Planen des Zelts Müllsäcke stapeln. Es wirkt nicht so, als bestünde der Druck, etwas zu verkaufen, als hätte man Kunden nötig. Sie kommen trotzdem, wühlen in speckigen Trainingsjacken und verblichenen Jeans. Entweder sind es hagere Gestalten, die sich ganz einfach über das nächste Blouson freuen, das in das Sozialhilfebudget passt, oder aber entdeckungslustige Hipster, die mit triumphierendem Grinsen Lacoste-Beute oder fesche Zweireiher aus dem Kleidungskompost ziehen. Hier ist das noch möglich, hier sucht doch eh niemand.

Ominös erschien der namenlose Second-Hand-Stand schon immer. Mal liegen ganze Lagerbestände gut erhaltener Markenkleider bereit, mal würde man für das herumliegende Sortiment bei Ebay keinen Cent bekommen, selbst wenn man ”Vintage!“ dazuschreiben würde. Und nun: Chile, Amerika? Pächter unbekannt. Auf dem Schild vor dem versteckten Eingang steht: ”Second Hand täglich – außer Donnerstag“. Dann nämlich kann es schon mal passieren, dass ein Laster voller Textilware vorfährt, begleitet von einem protzigen Mercedes. Am Donnerstag scheint Zahltag zu sein und Cheffe bringt den neuen Stoff. Selbst wenn wohl ausgeschlossen werden kann, dass dieser aus den Armenvierteln Santiagos stammt oder Diebesgut vom letzten Lagerstreifzug ist, stellt sich doch die Frage nach der Bezugsquelle.

Altkleidersammeln als Wirtschaftszweig
Second-Hand, das ist längst mehr als der nachbarschaftliche Deal nach dem Ausmisten von Opas Kleiderschrank. Angefangen bei der Terminologie: Textilrecycling. Es geht um einen Wirtschaftszweig, der pro Jahr an der Haustür, auf der Straße oder in Containern etwa 600.000 Tonnen Altkleider sammelt. Die Hälfte davon wird gewinnbringend weiterverarbeitet. Es geht um karitative Organisationen und um gewerbliche Unternehmen, die in insgesamt 200 Sortieranlagen versuchen, aus ausrangierten Textilien das Beste herauszuholen und den Rest wenigstens noch an Drittverwerter zu verkaufen, die daraus Putzlappen herstellen. Es geht um gutgläubige Kleiderspender und dubiose Praktiken, um Mottenkugeln und vor allem: um Geld.

Davon ist beim Second-Hand-Laden an der Ecke eher wenig im Spiel, versteht sich, auch handelt man dort mit dem Kauf einer abgewetzten Lederjacke keineswegs politisch unkorrekt und fällt munter aus dem Einheitslook. Der kostenreduzierte Konsens im Style. Ohne erhöhte Duplikats-Gefahr. Und somit findet Mode im Reich der Urban Hipster zunehmend außerhalb von Boutiquen und Standard-Shops statt. Und damit auch außerhalb kapitalistischer Handelsstrukturen. Inspiration zum Anziehen hat der Klamotten-Dealer, der seine Ware vom geschröpften IT-Profi aus dem Haus abkauft, der dank seines Armani-Anzuges nun endlich wieder flüssig ist. Oder der Gebrauchtkleidungshändler, der sein Sortiment auf dem Großmarkt findet. Oder aber der gut sortierte Humana-Laden. Oder eben der eingangs erwähnte Fetzen-Stand. Und prompt steckt man mitten im abenteuerlichen Meta-Kapitalismus rund um das getragene Stück Stoff.

In einer alten Lagerhalle auf einem verwilderten Industriegelände, umringt von der Vorstadt-Tristesse des Berliner Südens stehen vier Frauen auf einer Empore an einem Fließband und schmeißen immer wieder Röcke, Pullover oder Unterhosen in verschiedene Behälter. “Textilmüll“ steht auf denen, oder: “Trend“. Textilien, die im Trendeimer landen, werden bald in einem der Humana-Shops zu finden sein. “Die Vorgaben, was trendy ist, ändern sich natürlich andauernd“, sagt Julia Breidenstein, die bei der Gesellschaft mit dem Motto “Kleidung für Entwicklung“ für den Bereich Altkleidersammlung zuständig ist. Momentan müsse das Zeug am besten orange sein. Ein Norwegerpulli landet hinter ihr im Trend. “Unsere Sortiererinnen informieren sich regelmäßig über Neues und schauen nach Feierabend in die Schaufenster!“ Routiniert und mit gezielten Griffen kategorisieren die schweigenden Frauen die vorbeifließenden Kleider, im Hintergrund dudelt es aus dem kleinen Radio. Auch für den Normalo haben sie einen Korb – unscheinbare, aber brauchbare Ware für die grauen Ecken der Humana-Läden. Alles andere geht nach Afrika. Und eigentlich will Breidenstein nicht weiter über Trends reden, denn “davon habe ich keine Ahnung“.

Für Entwicklung
Ihre Augen glänzen hingegen fordernd, wenn sie von Angola, Mosambik oder Zambia spricht. Dorthin werden die Säcke voller Schuhe oder Fleece-Pullover geschickt, die sich bis unters rostige Hallendach stapeln. Nur 15 Prozent der hier nicht aussortierten Kleider kommen in die Second-Hand-Geschäfte, vor allem die für afrikanische Verhältnisse zu dicken oder zu chicen. Beulige BHs, Gürtel und ausgefranste Westen fallen durch Schächte runter, werden in Folien gepresst und in Wägen durch die Hallen geschoben. “Die Tasche gehört aber nicht da rein!“, schreit Breidenbach zu dem hageren Mann im Blaumann, der an der Presse steht und sie kaum versteht. Es quietscht und rattert, Breidenbach holt ein Paar Doc Martins aus einem Karton: “Hier kommen auch immer wieder brauchbare Sachen an!“ Das Endlager der Kleidercontainer, das Second-Hand-Zwischenlager.
Julia Breidenstein ist eine kleine Frau. Wenn sie mit schnellen Schritten durch die stickigen Hallen und über das Unkraut auf den Betonplatten eilt, dann wirkt sie oft verloren angesichts der Unmengen von eingeschweißten, verpackten Kleidungsresten des deutschen Wohlstandes. Sitzt sie dann in ihrem kleinen vergilbten Büro und spricht von Armut, glänzen ihre Augen: “Es ist doch toll, für eine Sache zu arbeiten, zu der man steht!“ All die Geschichten um versickernde Gelder, Pseudo-Projekte und die Abzocke des dänischen Mutterunternehmens Tvind, die stets um Humana kreisen, wischt Breidenstein mit einer flüchtigen Handbewegung weg: “Das sind oft böswillige Behauptungen“, und mahnend fügt sie an: “Ich war ja davor in der Friedensbewegung …“

Hinter ihr hängt eine Berlin-Karte: 500 kleine Stecknadeln für 500 Altkleidercontainer. “Die Leute schmeißen immer mehr rein!“, sagt Breidenbach und die Kiste voller CDs oder dreckiger Barbie-Puppen erklärt den Rest. Auf den gespenstischen Weiten des Humana-Geländes hört man das Wort “gewerblich“ nicht gerne. Das Grüppchen bedächtiger Mitarbeiter am Pausentisch zuckt zusammen. Und ob der Verkauf der Kleider, die bald entweder auf mosambikanischen Märkten für ein Stückchen Grundbedürfnisbefriedigung oder im Second-Hand-Laden für ein wenig Stylefreuden sorgen werden, für Humana schnöder Selbstzweck bzw. humanitäres Standbein ist, hier in der kahlen Fabrikeinöde ist Second-Hand jedenfalls zum Produktionsgiganten geworden. Während Blümchenschürzen und Kordhosen an ihr vorbeifahren, sagt Breidenstein: “Berlin ist für das Second-Hand-Geschäft eine gute Stadt!“

Textildiebe
Wenn man sich ausführlicher mit dem Innen- und Außenleben von Altkleidercontainern beschäftigt, landet man irgendwann zwangsläufig bei Toralf Reinhardt. Der Pressesprecher des LKA Eberswalde hat sich intensiv mit ausgeraubten Exemplaren beschäftigt.

In Brandenburg sind solche Vorfälle nichts Ungewöhnliches und laufen meist nach dem gleichen Prinzip ab: Eine kleine Gruppe von Textildieben fährt mit dem LKW von Container zu Container und dann schnell über die Grenze nach Polen. Hier fängt es dann an, kurios zu werden: Die Täter waren bisher allesamt polnischer Herkunft, stammen nahezu komplett aus demselben Dorf unweit von Stettin und waren darüber hinaus in den meisten Fällen stets miteinander verwandt oder verbandelt. Das Dorf der Altkleiderklauer. Gestohlen, Lastwagen – Moritzplatz? Wohl kaum. Über den Hintergrund der Beutezüge – die Dunkelziffer ist kaum abzuschätzen – rätselt man beim LKA zwar noch, meist wird aber lediglich wertvolleres Diebesgut in den Kleidungssäcken versteckt, in anderen Fällen fand man gestohlene Klamotten an der ukrainischen Grenze auf Flohmärkten. ”Ich denke nicht, dass erhebliche Mengen der entwendeten Kleider in Deutschland weiterverkauft werden“, sagt Reinhardt. Es käme höchstens Mal vor, dass die Klamottenganoven brauchbare Ware direkt hinter der Grenze auf Autobahnraststätten Deutschen anböten.

Am Moritzplatz steht der glatzköpfige Verkäufer im Feinripp-Unterhemd vor dem kleinen Holzverschlag gleich hinter der Kasse, in dem ergraute Perserteppiche liegen und eine fleckige Kaffeemaschine steht. Das pure Unverständnis: ”Was?“ Ob er wisse, wieso kürzlich noch reihenweise nahezu unversehrte Dickies-Hosen herumlagen, heute aber mal wieder ausgewaschene Leere herrscht? ”Dicke Hosen?!“ Dickies! ”Dicke Hose! Winterhose!“ Also gut, aber wovon hängen diese Lieferschwankungen ab? ”Mal kommt, mal nicht!“ Die Verschwiegenheit: eisern, zum Verzweifeln. Letzter Versuch: Woher denn eigentlich? ”Von Chef!“ Dann schlägt er die wacklige Tür hinter sich zu.

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Elektronische Lebensaspekte.