Vor ungefähr vier Jahren hat Jürgen Michaelis von Jomox damit begonnen, einen völlig neuartigen Synthesizer zu entwickeln. Der Resonator Neuronium basiert auf dem Konzept der neuronalen Netze. Soll heißen: Ähnlich wie im Gehirn, wo sich Nervenzellen zu immer neuen Netzen verknüpfen und sich gegenseitig beeinflussen, können hier sechs analoge Knotenpunkte (=Neuronen) miteinander verknüpft werden. Aber nicht nur das Gehirn wurde als Modell herangezogen. Die Modulation funktioniert in einigen Bereichen wie die Weitergabe von DNA.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 102

Übersicht
Die sechs Neuronen sind in einem Sechseck angeordnet, mit je einem Drehregler und einem Button ausgestattet und besitzen je einen Einzelausgang. Die Signale werden aber zusätzlich noch durch den Stereoausgang ausgegeben. Rechts neben dem Sechseck befindet sich ein kleines Display, das die Namen der editierten Parameter zeigt, zwei Drehregler zum Editieren und sechs Buttons (einer pro Neuron). Am ehesten bekannt sein dürfte zunächst die Neuron Frequency, die bei der subtraktiven Synthese der Cutoff Frequency entspricht und für jedes Neuron einzeln einstellbar ist. Im Display erscheinen die Frequency-Werte für alle Neuronen gleichzeitig, was die Übersicht erleichtert. Natürlich können diese Werte zusätzlich über den internen Sequenzer (siehe weiter unten) und per Frequenzmodulation gesteuert werden. Berührt man einen der Drehregler, so wird das zugehörige Neuron als Modulationsquelle aktiviert. Im Display werden daraufhin der Sender und der Empfänger (=Modulationsziel) der Verknüpfung angezeigt und auch die LEDs zeigen an, welches Neuron gerade mit welchem verknüpft wird und ob die Verbindung eine additive oder Frequenz-modulierende ist. Alle Neuronen können sowohl alle anderen Neuronen als auch sich selbst modulieren. Die Neuronen besitzen je einen 16-Step-Sequenzer, der zur Midiclock synchronisiert werden kann. Die Step-Anzahl lässt sich für jedes Neuron individuell einstellen, es können also bis zu sechs verschiedene Taktmaße gleichzeitig vor sich hintuckern. Midi als Noteninformation kann der Resonator Neuronium auch verwenden, wobei jedes Neuron seinen eigenen Kanal hat. Da das Gerät aber auch ohne Noten allein durch Modulationen und Rückkopplung schon einiges von sich geben kann, braucht man sie nicht unbedingt. Der Sequenzer der Neuronen wird bei jeder empfangenen Note neu gestartet und kann Cutoff (=Neuron Frequency), GECO und Recombination steuern. Mit GECO (Generative Evolutionary Controlled Oscillator) kommt die Evolution ins Spiel. Der GECO ist das, was man sonst einen Oszillator nennen würde und wird in jedem Neuron durch einen Mikroprozessor erzeugt. Eine GECO-Sequenz kann sich mit anderen “paaren”, wobei die Informationen ähnlich wie bei der sexuellen Fortpflanzung weitergegeben und neu kombiniert werden.

Die Neuronen 1 und 4 haben zusätzlich die Möglichkeit, externe Audiosignale zu verarbeiten, so dass man diese in den Kreislauf von Filtern, Modulationen und gegenseitigem Manipulieren integrieren kann. Je nachdem wie heftig die Modulationsketten eingestellt sind, wird das Ausgangsmaterial einfach zum Impulsgeber für weitere Klangveränderungen oder bleibt teilweise erhalten; für “klassische” Filterverläufe sind die Möglichkeiten des Resonator Neuronium aber völlig überdimensioniert, das wäre etwa so, wie mit dem ganzen Orchester auflaufen, wo eigentlich nur eine Triangel gebraucht wird. Wem all diese Modulationsmöglichkeiten des Resonator Neuronium noch (immer) nicht ausreichen, der kann auch mehrere Geräte miteinander verbinden. Das geschieht über den so genannten D-Sub Connector und erlaubt das Erstellen komplexer Netzwerke.

Bedienung und Sound
Die Bedienung ist aufgrund des völlig neuen Konzepts mit einer doch recht steilen Lernkurve verbunden, bei mir hat es etwa drei Tage gedauert, bis ich sie so richtig durchschaut hatte. Hat man das Grundprinzip aber mal ein wenig verinnerlicht, fängt der Spaß richtig an, denn das Interface entpuppt sich als sehr durchdacht und intuitiv. Der Sound ist so abwechslungsreich wie das Konzept speziell, von tieflagigen Basswaber-Sequenzen bis hin zu durch den ganzen Klangraum modulierenden Geräuschcollagen und brüllendem Acid des nächsten Jahrhunderts ist alles, was man sich so vorstellen kann, mit dabei. Aber auch sich nur sehr subtil ändernde Sounds sind möglich.

Fazit
Reproduzierbarkeit als Feature muss man sich abgewöhnen, sobald man anfängt, mit dem Resonator Neuronium zu spielen. Nie klingt ein abgespeichertes Preset so, wie man es verlassen hat, am besten beim Spielen also immer die Aufnahme mitlaufen lassen, denn das Ding lebt.
Klar ist das gute Teil ziemlich teuer, aber zieht man die Entwicklungsarbeit sowie den wohl eher kleinen Anwenderkreis und die sorgfältige Verarbeitung, den unverwechselbaren Sound und das einzigartige Konzept in Betracht, ist es auf jeden Fall den Preis wert.

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Elektronische Lebensaspekte.