Die 80er waren längst kein so homogenes Jahrzehnt, wie es die Nachkonstruktion einengt. Die revivalten 80er waren selbst das erste Jahrzehnt exzessiver historischer Stilzitate.
Text: jan joswig | janj@de-bug.de aus De:Bug 50

MonoStabiloRetro
Poly-80er statt Mono-80er

Neben der aktuell einschlägigen Eisdielen-Elektronik wurde gerade in diesem Jahrzehnt die Möglichkeit des Identitätenspiels durch saisonalen Wechsel vom Rockabilly-Revival (Stray Cats, Gene Vincent) zu 60ies (TV Personalities,13th Floor Elevators) zu Country (Mekons, Hank Williams) zu Soul (Haircut 100, Al Green) durchgefeiert. In den 70ern hieß es, der aufrichtige Künstler bleibt bei seinen Leisten. In den 80ern zerschlug man diese Fessel mit der anti-authentizistischen Parole: jeder Künstler hat 20 Füße, nicht nur 2. Aber in Zeiten von Post-Techno Non-Identität führt das Spiel mit Poly-Identitäten zurück in Gefangenschaft. Non ist radikaler als Poly (siehe auch “Unsichtbar” von Ralph Ellison).

Erschüttern statt stabilisieren
Wenn das 80er Revival bei aller Ironie in seiner Übersichtlichkeit so etwas wie Heimat sichert, verliert man ganz aus dem Blick, dass das Aufgreifen vorgängiger Stile und Epochen die Nation nicht nur festigen kann. Die US Westküstenpsychedeliker der 60er (Kiffen und Grateful Dead, ihr wisst schon) haben auf vedrängte Folkloren wie Jugband- oder Steelband-Musik zurückgegriffen und sich mit Waschbrett und Samtschleife geschmückt. Musik und Ästhetik haben sie in ihren LSD-Himmel und aus dem Redneck-Sumpf und der Kreuzfahrer-Exotik gehoben. Van Dyke Parks, Sobwith Camel, Jim Kweskin haben mit diesem Retro gerade nicht angestammte Plätze zementiert, sondern das US amerikanische Selbstverständnis von gutem nationalen Fun und dessen Grenzen genau so erschüttert wie den Hippie-Irrglauben, dieses Erbe durch Ignoranz abstreifen zu können. Und selbst die NDW hat mit ihrer Casio-Dadaisierung des deutschen Nachkriegsschlagers die Frage nach Gruppen- und Nationszugehörigkeiten weitaus mehr problematisiert als es das entsignifizierte Tragen von Punk-Insignien auch nur anvisieren würde (siehe auch “Der Plan”, nicht “Marcus” und “Fräulein Menke”). Die Nation haben wir schon. Mit dem drohenden 50s Revival und dessen Dresscodes werden wir auch die alten Geschlechterrollen wieder einführen. Denn es würde mich sehr wundern, wenn Männer plötzlich Petticoats tragen würden.

Rhodes statt Retro
Das Fender Rhodes E-Piano wird emuliert (siehe S.35). Die leichtere Verfügbarkeit wird aber nicht zu einer Retro-Rhodes-Welle führen. Denn das Rhodes war nie weg, seit Mitte der 40er Jahre nicht. Seit es, wie alle revolutionäre Technologie (Kunststoff, Elvis Presley, Internet), für das Militär entwickelt wurde. Kontinuität statt Retro. Eine kontinuierliche Präsenz in Jazz, Soul, Funk, eigentlich allen Musikstilen, die die Gitarre nicht dominant setzen. Und in House, dass aus seiner Treue dem Rhodes gegenüber resistent ist gegen die 80er Verführungen in Techno. Von Chick Corea zu Chez Damier, von Stevie Wonder zu Stir15 ist Harold Rhodes’ E-Piano in der House-Musik die unhintergehbare Konstante. Das Rhodes mit seinem warm sonoren Klang ist das patriarchalische Rückgrat, der Pabst, der nie abtrat. Auf ewig beschützt es dich auf all deinen Wegen. 80er Retro hingegen ist die abtrünnige Mun-Sekte, die sich selbst in den Tod verzückt. Wer den Tod des Vaters noch symbolisch durchexerzieren muss, wird an seinem eigenen (Style-)Tod nicht vorbeikommen.

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Elektronische Lebensaspekte.