Techno hat sich an den 80ern einen retrostylishen Wohlstandsbauch angelacht. Darauf wird jetzt noch mal richtig draufrumgetrommelt. Und, was halten die Grummelopas Waldorf und Stattler aka Safety und Joswig davon? Steigen sie ein ins Indianergeheul? Eine dialektische Detaildiskussion.
Text: jan joswig aus De:Bug 63

Retro-80s

Hilfe, Mammi, der Zombie riecht gar nicht!
Alte Männer kriechen gen Kanossa

He, nicht dass wir dieses Thema – der schimmlige Widergänger 80s – freiwillig noch anzufassen gedachten. Aber es finden Spezialisierungen und Konsolidierungen statt, und es wird archäologisch geforscht an den Urquellen, dass eine frische Wellenbewegung durch den Moderpfuhl geht.
Spezialisierungen: Wer hätte gedacht, dass irgendwer in einem sperrigen, Oberflächen-zersetzenden 80er Dadawaveprojekt wie Palais Schaumburg genug Kaufpotential sieht, um es wieder zu veröffentlichen? Ist aber geschehen. Konsolidierungen: Bei Karstadt, Mediamarkt, Promarkt, WOM, Bäcker Kruse stehen die Themen-Sampler von Ministry of Sound, Universal und Sony (Neue Heimat I + II, Neopop I + II, This is not the 80s) im vordersten Startloch. Hier wird etwas zu einer Szene zusammenbehauptet, von deren Existenz keiner der Beteiligten je was wusste, die aber so schlüssig erscheint, dass selbst die Berliner Wohnzimmerballadeure Quarks auf ihrem kommenden Album den 80s-Glam in sich entdecken (zu müssen glauben). Ein Krake wird nicht müde. Kommt das, was er frisst, doch wieder als geile Scheiße raus? Oder bleibt’s dabei, ein lockerer Genrezusammenschluss wird zwangskonsolidiert und frisst sich selbst?
Da fragen wir doch den archäologischen Forscher Nr.1: Safety Scissors, unser Mann zum Thema, die Faust auf’s Kajalauge. Kajalauge? Solche Wortlinks auf die 80s kann doch niemand mehr schreiben in ihrem Poster-Charakter. Genau so wenig, wie noch jemand die entsprechende Musik in ihrem Poster-Charakter hören kann? Hm, da steht noch ein Fragezeichen, wie gesagt, das Projekt bleibt in Bewegung. Also doch: die Faust auf’s Kajalauge. Okay, kurz zur Person Matthew “Safety Scissors” Scissors. Mit dem gleichen Schiff, mit dem Renfield als Vorhut für Dracula in San Francisco einläuft, gelangt ein Tape aus der alten Welt an Land, das in Bruchstücken die Erweckung für Safety Scissors bereithält. Was singen die da, die crazy Germans? “Ich möchte ein Eisbär sein / am kalten Polar”? Safety Scissors erliegt seinem persönlichen Groundzero. Geil, nicht zu toppen, was die sich trauen, so viel Plakativität, eh, Naivität, eh, Genialität, was nur? Das muss er rauskriegen. Safety macht rüber ins alte (gelobte?) Land und hält sein Stetoskop voraus. Berlin, die einzige Stadt, in der man mit Anstand Schnurrbart tragen, Hairdresser-Parties geben und die 80er NDW-Gründe erforschen kann. Safety Scissors, eine völlig übersensibilisierte Koryphäe auf dem Gebiet des Original-80er-Weizens. Die Faust auf dem Kajalauge, niemand, der rigoroser – aber gerecht, bitte beachten – mit den Erbverwaltern ins Gericht gehen würde / könnte / dürfte. Geklärt?
Legen wir also einen der Sampler ein in unseren originalen 80er-Atari (haben die eigentlich einen CD-Slot?), setzen unseren Safety-Seismographen auf das semantisch-historisch knifflige Untersuchungsfeld an und harren dem Ausschlag:

Debug: Kennst du Palais Schaumburg? Eine der wichtigsten Gruppen für Popper mit Anstand aus den allerfrühesten 80ern.

SS: Palais Schaumburg? Trifft sich da nicht die Politelite zu konspirativem Kaffee und Kuchen? Ne, aber Grauzones ”Eisbär”, das habe ich geliebt. Ich hatte keine Vorstellung vom Kontext, das Tape kam halt mit diesem Renfield-Schiff, ich stand da wie die nachgeborenen Retro-80s-Hörer heute. Keine Ahnung von den historischen Vorläufern, keine Ahnung von den Herleitungen, um es neutral zu sagen. (Er lauscht zum Atari, kurzer Ausbruch) Tankstellen-Tunes, das sind doch nur Tankstellen-Tunes.

Debug: Aber gab es in den 80ern nicht eine übermusikalische Attitüde, die man in der Retrobearbeitung wieder fruchtbar machen könnte?

SS: Die 80er-Originale waren von komplett anderen Dingen beeinflusst. Die jetzige Retroszene reagiert nur auf musikalische Zeichen aus der Vergangenheit, beißt sich selbst in den Schwanz. Die alten Sachen hatten einen viel weiter gefassten politischen Hintergrund, reagierten viel sensibler und kritischer auf die Situation um sich herum, führten die Punk-Ideale weiter, nur musikalisch avanciert, aber genau so laut, dreckig, frontal. Heute wird dieses ”Laut, dreckig, frontal” nur noch zahnlos zitiert. Und dann noch überproduziert.

Debug: Die neuen Stücke übernehmen also nur die Attitüde von gefährlich, riskant, geil zickig schroff überspannt, sind aber komplett abgesichert? Wenn du diese Radical Chic-Posen siehst, fühlst du dich dann beleidigt?

SS: Nicht wirklich, es ist Popmusik, ich kann es respektieren. Ich kann es in coole Satire ummünzen. Das Hauptproblem mit den Retro-80s ist, es ist nicht lustig genug, nicht genug Satire. Wie viel vom Original-80er-Scheiß war totaler Scheiß? Es ist nicht ironisch genug, sie können nicht über sich selbst lachen.

Debug: Kokain-User haben keinen Sinn für Selbstironie und Retro-80s ist Musik für Kokain-Parties?

SS: Kokain ist eine sehr ironische Droge.

Debug / SS (nach der Melodie von ”Der Mann aus den Bergen”): It’s over simplifying, we know, we sound like old farts, cranky, oh kids, make us feel so old. Zwei alte Säcke, die sich aus besserwisserischem Griesgram in dadaistische Strategien flüchten und dabei über die Auslinie treten. Zwei gelbe Karten für Spielverderber?
Hören wir doch noch mal Bros’ “When will I be famous” und Sascha Funkes “When will I be famous”. Klarer Fall, die Neo-80s sind musikalisch eindeutig viel besser, q.e.d., zum allerletzten Mal.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.