Hillmann interviewt Hillmann. Retro ist sein Beichtvater, der ihn verleitet, Acid-Defizite zu bekennen, sich für den "Design-Wasserstoff" Pixel auszusprechen und sich argumentativ auf den Chrysler PT Cruiser zu stützen.
Text: rikus hillmann | hillmann@its-immaterial.com aus De:Bug 50

Retro als Prinzip
Von Neurosen, Acid House und Design

De:Bug: Herr Hillmann, was fällt ihnen zum Stichwort “Retro” ein?

Hillmann: In meinem persönlichen Fall viel Aufarbeitung.

De:Bug: Aufarbeitung ist eine anstrengende Sache. Doch warum aufarbeiten? Und was?

Hillmann: Wie das Wort schon sagt, bedeutet es harte Arbeit, Zeit, Geld und Rechercheaufwand, Produkte und Wissen vergangener Dekaden ins Bewusstsein bzw. in den Besitz zu holen. Das ist für mich eine Suche, die sich in der Schmach, ein Zuspätgekommener d.h. entweder “Born too late”, “Born too blind”, “Born too unkreativ” oder in meinem Fall “Born in Friesland” zu sein, begründet. Bei fachkundiger Nachfrage kann man eben nicht im Glanze des Originators erstrahlen dürfen.

De:Bug: Das klingt nach Neurose.

Hillmann: Das ist es: Man hat nie wirklich dazugehört, und man wird nie wirklich dazugehören, egal was man tut, und egal wie gut man ist.

De:Bug: Doch die guten alten Zeiten sind vorbei. Allemal und Ende.

Hillmann: Doch trotzdem oder gerade deswegen ertappe ich mich bei dem Versuch des Eigenbetrugs, indem ich im Nachhinein meine Vergangenheit mit Klassikern besetze. Ein Einfügen gefaketer Milestones zur Berichtigung der Kartographie des Lebens. Wenn schon Peripherie, dann aber eine im Nachhinein coole. Ich will den authentischen coolen Spirit der vergangenen Zeiten nachempfinden können.

De:Bug: Sie armes Würstchen.

Hillmann: Dankeschön. Aber trägt da nicht jeder sein Päckchen Neurose, Neid und Schmach mit sich herum? Um nicht allzusehr aufzufallen, deklariere ich deswegen meinen Selbstbetrug als Suche. Als Suche nach Neuem. Und zum Neuen gehört für mich sehr viel Altes. Nennt es Interesse, Inspirationswut, Unbildung …

De:Bug: … oder wahrscheinlicher Pre-Midlifecrisis. Aber was ist eigentlich ihr Problem?

Hillmann: Ich habe Acid-House verpasst.

De:Bug: Und damit ist es raus. Sehr peinlich.

Hillmann: Ist das Interview jetzt zu Ende? Bin ich deswegen ein schlechter Mensch?

De:Bug: Nein, aber vielleicht waren sie einer ….

Hillmann: Warum das Gestern zum Heute, und das Heute zum Morgen gehört, stecken wir zum jetzigen Zeitpunkt jetzt lieber in den Hörsaal der Philosophen und machen die Tür zu.

De:Bug: Ok, nochmal Rewind. Wie war das mit Acid House?

Hillmann: Wie gesagt, es gibt Leute, die haben Ende der 80er Acid House verschlafen. Dazu gehöre ich. Ich hab Acid zwar immer auf Parties gehört und geliebt, habe es nur einfach nicht als konsumierbaren Style begriffen und deshalb nie die richtigen Platten gefunden. Eigentlich habe ich in den letzten 12 Jahren nicht mal drüber nachgedacht, welche zu kaufen. Hatte wohl besseres zu tun.

De:Bug: Besseres?

Hillmann: Warum ist mir bis heute ein Rätsel. Deswegen versuche ich, sie jetzt zu finden. Nach ausgedehnten Recherchen in sehr ausgedünnten Trax-, Warehouse- und DJ International-Backstock-Label-Fächern unter eingehender Beobachtung schmunzelnder Plattenverkäufer beneidet man zunehmend diejenigen, die dieser wahrlich wichtigen Zeit glücklicher Weise ElectronicBodyMusic verpennt haben. Würde irgendjemand seine Acid-Perlen gegen meine belgischen a;gruhm Maxis tauschen?

De:Bug: Wohl eher nicht.

Hillmann: Beten wir lieber eindringlich, dass EBM kein Revival erfahren wird. Ich werd’ in meiner Schmach mich suhlen, aber glücklicherweise wird es niemandem auffallen, weil es wahrscheinlich vielen Jungs vom Lande so geht.

De:Bug: Wahrlich. Diese Neurose scheint sowieso eher ins Jungsland zu gehören. Aber ab dafür in die große allmächtige Retro-Dekade. Warum reden alle bei Retro von den 80ern?

Hillmann: Nichts eignet sich besser als Retro-Sündenbock als die Achtziger, die gerade eine massive Aufarbeitung durch viele “Born too cool” oder “Born schon immer hip” – Twens erfahren. Allerdings hat man es Anfang dreißig nicht sonderlich schwer, sich an das Original bzw. “die peinliche Zeit” zu erinnern, zudem sie momentan von massiven Sendemaßnahmen der medialen Kanonenboote wie Formel Eins oder Falcon Crest flankiert werden. Und wenn mir einer sagt, die 80er wären nicht peinlich, meine Konfirmationsfotos sind es. Aber ich stehe dazu.

De:Bug: Ein echter Klassiker bei jedem. Aber z.B. die Neo-80er-Mode lebt doch eher von einer oberflächlichen Adaption, bzw. zititiert bestimmte Styles.

Hillmann: Dieser Prinzip bezeichnet sich selber als Innovationsprozess. Er lässt die guten alten Zeiten nicht gut, alt und original sein, sondern mutiert sie im Endeffekt zu impertinent – und etikettiert sie zu allem Überfluss als neu. Aber das muss man eigentlich dem Mainstream zuschreiben. Dieses Prinzip kennen wir, denn es ist ein gängiges: Die Adaption “alter” Versatzstücke und Styles durch ein zeitgemäßes Produktions- und Kreativumfeld.

De:Bug: Der Vorteil dieses Prinzips ist seine Halbwertzeit.

Hillmann: Ja. Circa zwei Jahre, dann hat es sich auch im letzten Kaff verzehrt. Im Vergleich zu der gesamten Achtzigerdekade dauerte es immerhin 8 Jahre weniger. Doch die eigentliche Frage ist, ob man durch Zitate einen neuen Style prägen kann. Das Zitat als Rückbesinnung.

De:Bug: Oder Aufarbeitung …

Hillmann: Aufarbeitung bedeutet für mich Rückbesinnung. Das Grafikdesign der heutigen Zeit gibt ein gutes Beispiel: Illustration ist wieder stark vertreten, ohne jemals in dieser Form schon bestanden zu haben. Eine kleine Innovation.

De:Bug: Liegt wohl an den Flash Vektoren, die sich besonders gut mit Freehand verstehen.

Hillmann: Da beißt sich der Hund in den Schwanz. Vielleicht war Flash als Tool ein bahnbrechender Katalysator für den Illustrationsstyle. Die illustrativen Carrharrt Anzeigen jedoch erscheinen seit ca. 2 Jahren in Printmedien. Und Büro Destruct waren schon anno 1995 illustrativ extrem weit vorne. Da gab’s noch kein Flash.

De:Bug: Und was ist mit dem Pixel? Überall Pixel, in Videos, auf Websites etc. Das ist doch massiv Retro oder?

Hillmann: Der Pixel ist ein gutes Beispiel. Einerseits eine Reminiszenz an alte Arcade Games, andererseits das visuell-digitale Urelement. Der Design-Wasserstoff.

De:Bug: Wohl eher Kohlenstoff.

Hillmann: Die Pixelgestaltungen in Web und Broadcast haben für mich persönlich mehr mit Reduktion und Einfachheit zu tun als mit Pling-Plong-Billo-80er Elektrosong-Remakes. Es ist doch so: Die fetten 90er Jahre haben die Gestaltungsmöglichkeiten von Designern entschieden verändert, d.h. erweitert und umstrukturiert. Macintosh, Layouttools, Fonts und Postscript-Drucker haben eine Zeit des Fast-alles-visuell-Möglichen eröffnet. Diese Möglichkeiten haben z.B. David Carson, Alexander Branzyck, die Cranbrook Leute und Designers-Republik genutzt und angewandt. Es waren fette Zeiten. Alles musste ausprobiert werden. Der codierte Collage-Style dieser Zeit illustriert das. Der Designer konnte jetzt auch inhaltlich gestalten und die zu kommunizierende Information interpretieren.

De:Bug: Interpretieren? Wohl eher verschleiern.

Hillmann: Blödsinn. Ohne Branzyck würde es diese Zeitung gar nicht geben. Nachdem fast alles ausprobiert war, wurden die Styles gerader, der interpretierende Moment mutierte zu einer aussagekräftigen kombinierten Kommunikationseinheit aus Bild, Text und Typographie. Bild- und Texteinheiten wurden dem Rezipienten wieder als Gesamtgestaltung einzelner Informationselemente “übergeben”. Es war kein “decodieren” der Information nötig. Dies kennzeichnet für mich die Einfachheit der heutigen grafischen Zeit. Aber das Heute ist ein Teil eines Prozesses der für mich in den 90ern begann.

De:Bug: Und was ist mit dem Pixel?

Hillmann: Der Pixel ist die Rückbesinnung auf das einfachste Element. Aufräumen und nur mit den Lego-Klassiksteinen Kommunikationsräume bauen.

De:Bug: Klingt nach Neo-Bauhaus?

Hillmann: Nein. Klingt nach Gestalten lernen und meint, sich auf das Wesentliche, Substanzielle und Relevante besinnen. Inhalte nachfragen, fokussieren und dann gezielt visuell kommunizieren.

De:Bug: Neo-Sinn?

Hillmann: Sinnhaftigkeit ist zeitlos. Das sieht man auch im Web. Dort sind die fetten Zeiten vorbei. Marketing als alleiniges Kommunikationsargument hat versagt, und es findet eine Rückbesinnung auf wesentliche Kommunikationsinhalte statt. Web ist jetzt wieder ein Kanal und nicht alle Kanäle zusammen, wie uns versprochen wurde. Wenn man will, kann man hier eine Parallele zum Design ziehen.

De:Bug: Was hat das jetzt noch mit Retro zu tun?

Hillmann: Retro als Prinzip ist sinnlos, weil es uns Dinge wie den Chrysler PT Cruiser beschert. Eine Vehikel von “alluring charme”, laut Eigenwerbung. Der Wagen, ein wahres Fest des Retro-Designs, lässt von Gestalt und Funktion her vermuten, der Familien-Transporter der Waltons habe sich mit einem New Beetle gepaart. Da steht dann fett Retro drauf, und von allen wird’s geglaubt.

De:Bug: Ach so. Danke für die Klarheit.

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Elektronische Lebensaspekte.