Nichts viel Neues seit Heidi?
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 114


Nichts viel Neues seit Heidi? Warum sehen die Sci-Fi-Animes aus dem HiTech-Land Nummer eins so oldschoolig aus? Verena Dauerer hat vor ihrer Tokioter Haustür Thesen gesammelt.

Eigentlich ist man bestens an die Retro-Ästhetik der Animes aus den 70ern und 80ern gewöhnt – und dazu gehört nicht nur die Heidi-Serie. Und auch wenn sich seitdem einiges im Aussehen dieses Genres und seiner Vielschichtigkeiten wie beispielsweise den Mecha-Animes, also denen mit allerhand Robotergesellen, verändert hat: Irgendwie ist nicht nur die Ästhetik der Stupsnasen und Knopfaugen mit Abstufungen bis heute gleich geblieben. Sci-Fi hin oder her, komischerweise schaut es nur zu oft ein bisschen arg nach Uralt-Retro aus. Aber wieso?

Gründe gäbe es viele, und der einfachste wäre ein oberflächlicher, nämlich das die Riege an alten japanischen Animationshasen langsam im Greisenstadium angelangt ist und an ihrem eigenen Stil festhält. Genau aus dem Grund haben sich auch Daft Punk vor drei Jahren Altmeister Leiji Matsumoto für ihren Animé Interstella 5555 ins Boot geholt – die Gitarren-förmigen Raumschiffe aus den 70ern inklusive. Ein weiterer, ebenfalls leicht dahingesagter Grund ist, dass die Mangavorlagen seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten auf dem Markt sind, bis sie mal verfilmt werden.

Und wenn sich die Vorlagen zwar eines futuristischen, aber gleichzeitig auch altmodischen Settings bedienen, vielleicht auch weil der Autor eben aus einer älteren Generation stammt, dann springt natürlich auch der Stil der Verfilmung darauf auf. So einfach ist es aber nun wieder nicht. Wenn man sich ein Weilchen in Japan aufhält, scheinen da noch mehr Sachen ins Spiel zu kommen, deren Gewichtung man aber letztendlich doch nur erahnen kann: zum Beispiel die Haltung zu und das Verständnis für den Fortschritt. Ja genau, Fortschritt im Sinne von einer umfassenden Technisierung der Umwelt und des Lebensraums, dessen urbanes Resultat meistens ziemlich zweckrationell ausfällt.

Was kann man also einem vordergründig beispiellos geordnetem wie strukturiertem, innerlich aber genauso chaotischem und wuseligem Stadtbild mit Abertausenden von Menschenflächen entgegensetzen? Dazu sollte man wissen, dass es einen öffentlichen Raum im westlichen Verständnis im traditionellen Japan nicht gab – und der moderne, wenn nicht sowieso durchzogen von Transportadern jeder Art, ist zugepflastert und vollgestopft.

Vielleicht liegt es deshalb gar nicht so weit weg, dass sich eine Art Retro-Sehnsucht nach einer sentimentalisierten Vergangenheit in manchen Animes widerspiegelt: Die Sehnsucht nach einer freundlicheren, wärmeren Zukunft, die zwar auch technisiert auf Vordermann gebracht wurde, aber nicht ganz so aseptisch und stählern wie das japanische Metropolenbild von Tokio wirkt. Gerade deshalb scheint der zwiespältige Kampf mit dem Fortschritt im Anime über die Ausstattung, die Szenerie, also über die Architektur ausgetragen zu werden.

Konkret ist das schön zu sehen in Tekkon Kinkreet von 2006, der eben auf der Berlinale lief. Die 3D-Adaption des gleichnamigen Mangas von Taiyo Matsumoto stammt von der Anime-Schmiede Studio 4°C, aus der unter anderem auch Ken Ishiis Acid-futuristischer Techno-Clip “Extra“ von 1996 entsprungen ist. Wenn man diese Sehnsucht hineininterpretiert, dann drückt sie sich in diesem Sci-Fi-Anime in seinen urbanen Landschaften aus, die mit einer gelb verstaubten, schmuddeligen Patina überzogen wurden. Schon der Titel Tekkon Kinkreet ist selber ein Wortspiel und packt das Thema an: Die verdrehten Silben bedeuten übersetzt Stahl und Beton.

Die Freundschaft zweier Straßenkids findet hier in einer klassisch japanischen Stadtwucherung, einem Sprawl, statt. Wuchern ist das richtige Wort, hier wird es positiv für “lebendig und vielfältig“ besetzt. Die beiden Jungs müssen sich gegen den bösen Bauinvestor zur Wehr setzen, der in einer retro-futuristischen Kuppel hoch über der Stadt residiert. Genau, ein teuflischer Investor mit spitzen Öhrchen, der den traditionell und langsam gewachsenen Stadtteil komplett plattmachen will, um daraus ein einziges Vergnügungsviertel zu bauen. Seine Gehilfen sind Yakuzas, der japanische Mob, die mit ihren schablonenhaften Gangster-Anzügen eher aus einem Cartoon der 50er entsprungen sein könnten.

Diese Gruppe ist wiederum in sich gespalten: Während der alte, erfahrene Yakuza auf die Traditionen und geltenden Moralvorstellungen pocht, ist der Nachwuchs eher an der Kohle interessiert – und wird den Alten im Zuge des Generationswechsels später erschießen. Übrigens und vielleicht nicht ganz zufällig wird eine ähnliche stadtplanerische Politik, die des Abrisses von gewachsenen Strukturen und der gleichzeitigen Konzentration von Freizeitparks in einem Bezirk, seit einer ganzen Weile in Tokio durchgesetzt. Darf man hieraus auf eine beidseitige Verquickung von städtebaulichen Umbrüchen, Umweltproblemen und Anime-Thematiken schließen? In diesem Fall: Ja, mehr als offensichtlich.

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Elektronische Lebensaspekte.