Im Drum and Bass kann von Retro keine Rede sein, auch wenn Sounds und Techniken aus grauer Jungle-Zeit gerade sehr beliebt sind. Nach dem Diktat des Boom-Tschak werden derzeit vielmehr die Karten wieder neu gemischt, die Prämisse ist: Alles geht. Wie früher. Und da war's toll.
Text: sven von thülen | svent.vt@debug-digital.de aus De:Bug 50

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Retro im Drum and Bass?

Retro. Ein Wort, das dem über Jahre gepflegten Selbstverständnis von Drum and Bass als die zukunftsgenerierende, komplexeste Form von Tanzmusik per Definition ebenso äußerlich war, wie, sagen wir, eine gerade Bassdrum. Musik als Wissenschaft. Immer einen Schritt voraus. Im Soundlabor Breaks auf nie gehörte Weise spalten und wieder zusammensetzen, mit dem neuesten Equipment so lange Achterbahn fahren, bis es mit einem Seufzen ungeahnte Sounds und technische Möglichkeiten freigibt. Soundevolution durch Technik und Zufall. Auch wenn viele Drum and Bass Produzenten dieses über Jahre der explosionsartigen Entwicklungen geprägte Selbstverständnis noch immer bockig in die Höhe halten, so glaubte ihnen die Welt außerhalb der Szene spätestens seit 1998 kein Wort mehr. Die Musik kreiste mit der Etablierung des 2Step-Diktats quasi autonom um sich selbst. Tunnelvision. Zukunft? 2Step? Industrial? Vielen Dank, auf Wiedersehen.

Rettung durch Retro
Als dann alte, teilweise fast vergessene, aber in Hardcore-Tagen liebgewonnene Tricks, Breaks und Sounds wieder auftauchten, blieb so manchem die neu entflammte Old-School Euphorie im Halse stecken. Drum and Bass goes Retro? Der große Paradigmenwechsel? Dabei kann man dieses Adaptieren zum Beispiel mit dem gerade grassierenden Retro-80-NewWave-Punk-Hype gar nicht vergleichen. Ein Mentasm-Sample hier und ein paar clonkige Ravestabs da machen noch kein Retrophänomen. Lustiger Weise entbrannten die meisten Diskussionen vor allem um produktionstechnische Aspekte – etwa bei Tracks von Leuten wie z.B. Digital und Spirit. Schöne kleine Jungswelt. Abgesehen davon, dass zwischen Drum and Bass und der Gesamtheit von, nennen wir es mal Techno-Elektro, allein was mediale Aufmerksamkeit und Airplay angeht, ein himmelweiter Unterschied besteht, was um ehrlich zu sein, einen Vergleich auch gleich auf wackelige Beine stellen würde, hat sich Drum and Bass in den letzten Monaten wieder auf sich selbst besonnen, anstatt ein eingeführtes System aus wiedererkennbaren Codes zu plündern. Denn zu der gesamten Old-School Bewegung gehören nicht nur Hardcore-Tracks von Total Science oder Loxy und Ink, sondern vor allem auch solche von Marcus Intalex & ST Files oder Calibre, die ihre alten Houseplatten wieder hervorgekramt haben.
Drum and Bass hat sich aufgemacht, die besinnungslose Hegemonie von Technoelementen und Boom-Tschak Darkness aufzubrechen. Man besinnt sich wieder darauf, wo die eigenen Stärken liegen: Nämlich in der Hybridität der verschiedenen Styles und vor allem Breaks. Das ist das, was Drum and Bass immer ausgezeichnet hat. Zurück zum Ursprung sozusagen. Hallo Ragga, hallo Hardcore, hallo House – welcome back! Euphorie-Mehrwert durch Abwechslung. Als weitestgehend ausformulierter Musikstil ist Drum and Bass eher in der Gegenwart angekommen (in der er nämlich dank Monotonie uninteressant wurde), als dass man in der Vergangenheit hängengeblieben wäre. Und um das Futurismusdiktat braucht sich niemand mehr zu kümmern, denn die Zukunft wird von ganz alleine wieder an die Tür klopfen. Man muss sich nur trauen.

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Elektronische Lebensaspekte.