Retro gibt es nicht. Zumindest nicht als Wort. Retro ist ein englisches Präfix vor Verben wie retrospect oder retrograde. Das Oxford Dictionary zu retrospect: looking back at past events. 2001 meint das: Looking back auf die 80er von Simmons Drums plus Vokuhila, Vocoder plus Nietengürtel.
Text: jan joswig | janj@de-bug.de aus De:Bug 50

I (Herz-Symbol) Retro
Die desodorierte Wiederkehr der Zombies mit Vokuhila

Zeichen und Images eines Jahrzehnts, die aus dem kollektivem Totalvergessen als Zombies wiederkehren. Untote, die mittlerweile so widerstandsunfähig sind, dass sie brutal simplifizert nachkonstruiert werden. Mit der Verkürzung auf die plakativsten Signale dieses Jahrzehnts rettet sich Techno vor seiner eigenen komplexen Leere. Endlich ist Feiern keine Arbeit mehr, und die ästhetisch Denkfaulen dürfen hip sein wie nie. Das Scheußlich-Schöne, die schrillen Banalitäten werden bejubelt als Substitute einer Welt, die sich im Griff hatte. Damit man selbst alles im Griff hat. Schafft sich Techno mit dem Retro-80er seine Easy Listening-Ecke?
Das Oxford Dictionary zu retrograde: directed backwards, likely to cause worse conditions. Wirft sich Techno damit in die Arme einer Kunstpraxis zurück, die es einst triumphierend ausgehebelt hatte? In den 80ern dachte man gerade, dass jede Melodie gesungen, jedes Riff gespielt sei und man in einem endlosen Dickicht aus Verweisen ohne Dornen gar nicht anders kann, als immer sicheren Halt zu finden. Da kam die 303 als Machete und machte Schluss mit dem postmodernen Spiel der Zeichen. Ein referenzloser Futurismus, der geradewegs aus der Moderne kam.

Die “Futurhythmaschine” kennt nur einen Vektor: Voraus. Neue Technologie statt historischem Gedächtnis. Das Laptop ist wichtiger als das Archiv. Und jetzt Retro. In der Abstraktion wurde die Luft wohl zu dünn zum Atmen. Also wird kollektiv verschnauft im konkret abgesteckten Freizeitpark. Haben wir’s? So einfach? Ein Kompendium ab Seite…

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Elektronische Lebensaspekte.