Retro ist ultrakonservativer Positivismus nostalgischer Ja-Sager. Ein 4 Punkte-Hammer von Sascha Kösch, der mit einer versöhnlichen Ballade schließt.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 50

Die 4 fache Affirmation von Retro
Oder: man muss es nur oft genug sagen, dann stimmt es auch

Zu Zeiten von Techno war Affirmation nicht etwas, das man als Verteidigung anführen wollte, sondern etwas, das als sozialer Vorwurf ständig auf diese unerhörte neue Musik projeziert wurde. Mit der intensiven Beschäftigung von Musik mit Technik als etwas, das mehr als zentral war, hatte man auf Produzentenseite eigentlich keine Zeit, sich selber eine Ideologie aus Affirmation zu stricken. Und der Rest war vorübergehend auf einer Party, also nicht zu sprechen. Retro holt das jetzt alles nach. Man muss wieder (um es mit Jungblut zu sagen, der jetzt Licht heißt, wie die anderen Lichtgestalten, Beckenbauer zum Beispiel) ‘Ich’ sagen, Seinsfragen stellen. So sieht es aus, und die Ich-Frage von Retro lautet JA. Und das in 4 Formen.

1. Vergessen

Retro ist ein Teil des Generationenphänomens. Es gilt eine Szenerie, die weit weg liegt, historisch komplett vergessen zu haben, damit man sie als neu, aufregend, vermarktbar präsentieren kann. Was wäre besser geeignet, um es zu vergessen, als die Konstruktion einer Generation? Lernen von den 50ern heißt das hier. Weshalb Retro auch so radikal bieder ist. Man muss JA zu sich
selber als Generation sagen. Ein “bin ich” haben wir also schon. Ab jetzt geht eigentlich alles wie von selbst.

2. Wiederaufleben lassen

Darum geht es. Anders als bei Referenzen, bei Zitat-Pop und all den Vermächtnissen, die man so glaubt aus den 80ern immer noch (und jetzt um so mehr) mit sich rumschleppen zu können, ist dieses Wiederaufleben nicht einfach Wiederholung, Andeutung, Anspielung. Ein Wiederaufleben muss, sonst überlebt nichts, viele mediale Register ziehen – Haare, Brillen, Sounds, Einstellungen. Schließlich darf man Jugendliche ja nicht in Käfigen halten. Retro ist prinzipiell immer multimedial. Mit allem, was Multimedialität so an Idiotie zu bieten hat. Man muss JA also auch in ganz vielen Bereichen sagen.

3. Strähnchen rausfusseln

Um anschlussfähig zu bleiben, muss sich Retro aus den gerade geltenden Bestrebungen ein paar distinkte, leicht merkbare Strähnchen rausfusseln und weiterspinnen. Schließlich will man nicht nur als nostalgische Liebhaberei dabei sein, sondern soll ja über die Neuheit der Nostalgie etwas einspielen. Schnelligkeit – noch nie haben sich so viele Leute so schnell ausverkauft, Nostalgie der Technologisierung – fangen wir doch noch mal beim Bit an, beim Pixel, usw. und gleichzeitig die Lücken besetzen, die mehr als offensichtlich die letzten 10 Jahre elektronische Musik bestimmt haben: Stimmlosigkeit, Imagerückzug ins Materielle, Entpsychologisierung. Die CDU nannte das passend: “Mitten im Leben”, Meinrad Jungblut präziser: “eine für vorher, eine für nachher, eine für mittendrin”. Man muss so tun, als hätte man damals JA gesagt, würde später auch noch JA sagen und tut es deswegen jetzt. (JA!) (Was “Sonnendeck” neben seiner Gemütlichkeit der Bilderwelten eines Rheinischen Kapitalismus des “Es sich wieder gut gehen Lassens” und seinen Qualifikationen als Junge Union Wahlsong wiederum als Symptom besonders symptomatisch klingen lässt, weil es das “mittendrin” so reimtechnisch unbeholfen dazwischen quetscht. Tja, die Lyrik in Retro, ein Kapitel für sich.)

4. Die bruchlose Geschichte

Retro strickt sich eine bruchlose Geschichte eben solcher Affirmationen zusammen, damit nicht noch mehr Gegensätze das schöne Bild eines reifen Alpenlandes der Befindlichkeiten, das es zu melken gilt, stören. (Die Achtziger, das waren… usw. blabla. ist das, was man überall ausgehend vom Chef-Retroblatt im SZ Känguruhbeutelchen JETZT bis in die Feuilletons und Bestsellerlisten, in VIVA 2 usw. sieht, hört, aufgeballert bekommt. Nicht etwa: in den Achtzigern gab es nicht… / …war es nicht möglich, dass…. / …konnte man gar nicht…, usw. Bezeichnender Weise. Etwas, das in der Musik der 80er durchaus mehr als präsent war. Scheitern, Unfähigkeit, etc.)

Es ist damit logisch wesentlich ultrakonservativer Positivismus, der mit verheißungsvollen neuen Generationenverträgen lockt. (Du, Marc, willste nich noch mal Singen, so für die Jugendlichen? Oder, hey, junger Künstler, du kannst so gut singen, willst du wirklich bei diesem Indielabel versauern?) Was damals gut war, ist auch heute gut. Retro kann also als historische Konsequenz gar nicht anders und trägt somit keinerlei Verantwortung. Retro ist also auch fein wieder raus. Wer damals JA gesagt hat, sagt auch heute JA. So ist das nun mal. (JA, JA.)

Und bevor jetzt alle denken, De:Bug wollte hier jetzt entschieden NEIN sagen. Ganz viel ‘Ich’ macht noch kein ‘Wir’, auch nicht als Gegner. Das Schwarzweiß überlassen wir lieber Blumfeld. Wir freuen uns eher, nach der vielen Nostalgie und der Melancholie auf die erste große Retro-Ballade.

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Elektronische Lebensaspekte.