Wenn Legenden zu einer Erfindung der Gegenwart werden
Text: Christian Blumberg; Nils Mollenhauer aus De:Bug 155

Geschichte ist wieder ziemlich angesagt und eben nicht wie bei Francis Fukuyama, der vor fast 20 Jahren noch „Das Ende der Geschichte“ beschwor. Nicht nur die Kunstszene überwirft sich permanent mit großen Neuentdeckungen bereits verblichener Künstler, auch in der noch relativ jungen Popkultur, vor allem jener der elektronischen Machart, sind Archäologie, Historizität und das neu einordnende Reüssieren vergangener und fast vergessener Klänge wieder stark in den Fokus gerückt. Unreflektierte Retromania lässt aber auch Lücken zu. So foppte der Autor William Boyd mit seiner gefakten Biographie des erfundenen Künstlers Nat Tate die gesamte Kunstwelt. Auch in der Popmusik gibt es Fälle der erfundenen Geschichten und Personen und vor allem eines ist dabei spannend. Der Fake-Artist beginnt durch den Diskurs ein Eigenleben und er zeigt uns etwas, das wir irgendwie schon immer vermuteten: Die Geschichte als Erfindung der Gegenwart. De:Bug hat mit einem gesprochen, der seit geraumer Zeit an so einer erfundenen Biografie und der entsprechenden Musik strickt.

Begreift man Retro wörtlich als einen Blick zurück, dann lässt sich auch die musikalische Ausgrabung als Retrophänomen verstehen. Labels wie Young Americans, Trunk Records oder Honest Jon’s durchforsten die Archive nach frühen Klangexperimenten und längst vergessen geglaubter Musik. Durch solche Veröffentlichungen erscheinen elektronische Avantgarde-Musiken nun in einem Pop-Kontext, den die Musik eigentlich nie hatte. Gern auch mit ausführlichen Linernotes versehen, die eine (pop)geschichtliche Einordnung gleich mitliefern. Und lässt man sich von Google ausspucken, wie viele Platten ein Online-Laden wie Boomkat inzwischen mit dem Tag “Early Electronics” belegt, wird klar: Das Genre ist schwer en vogue. Da geht es längst nicht mehr um die nächste Wiederveröffentlichung von Altbekanntem. Vielmehr werden in letzter Zeit weitestgehend in Vergessenheit geratene “Pioniere” der elektronischen Klangerzeugung ausgebuddelt, deren Musik jedoch ebenso breit gefächert ist, wie die Motivationen oder Biografien der Protagonisten.

So erschien jüngst etwa Musik, die Anfang der 80er Jahre im Hobbykeller des Meeresbiologen Jürgen Müller entstand. Dieser hatte einen submarinen Dokumentarfilm wissenschaftlich betreut und fühlte sich in der Folge berufen, sanfte Klangmeditationen zu komponieren. Auf Kassetten überspielt, verteilte er diese jedoch nur in seinem Freundeskreis, anstatt sie zu veröffentlichen. Ebenso vergessen, musikalisch wie konzeptionell aber wesentlich strenger, muten die Stücke der Grupo NPS (Nuove Proposte Sonore) aus den 60er Jahren an. Den Geist des Futurismus gleichermaßen zitierend wie konterkarierend, verfasste dieses italienische Kollektiv politisch motivierte Manifeste, die als Anweisungen für die Produktion ihrer sehr abstrakten Klangexkursionen dienten. Bei diesem Kuddelmuddel muss man von einer Archäologie der Avantgarden sprechen. Das hat seine Entsprechung in der Kunstwelt: Seit die letzte Documenta die Moderne zu “unserer Antike” erklärt hat, kommt auch keine der großen Kunstschauen mehr ohne solche Wieder- bzw. Neuentdeckungen aus. Auch in den Wissenschaften hat der Begriff der Archäologie seit längerem Konjunktur und wurde sogar schon zu einer neuen Leitwissenschaft ausgerufen.

Fake, Pseudonym oder Alter Ego
Ein solches Revival bringt jedoch nicht nur in allen Bereichen der Kunst die Werke vergessener Künstler ans Tageslicht. Es bietet auch Zeitgenossen die Möglichkeit, sich unter falschem Namen in die Kunst- oder Musikgeschichte zu mogeln. Will meinen: Nicht jeden dieser Wiederentdeckten hat es wirklich gegeben. Es sind Fakes darunter: fiktive Künstler, nachträglich mit sorgsam ausgedachten Biografien bestückt, der Öffentlichkeit angeblich durch die Maschen gegangen. Auch diese Fake Artists sind kein neues Phänomen. Es gibt den Fake, der weit mehr ist als nur ein Pseudonym oder Alter Ego, als Strategie in der Kunst und Literatur schon lange. Aufsehen erregte in jüngerer Zeit eine Veröffentlichung des Schriftstellers William Boyd. Dessen fiktive Biografie eines nur mäßig produktiven Vertreters des abstrakten Expressionismus namens Nat Tate sorgte in der Kunstszene New Yorks für mächtig Wirbel. Bei der Buchpräsentation zeigte Boyd nicht nur Fotos seiner Schöpfung, sondern auch einige von dessen Malereien: Den Großteil seines Werkes hatte Boyd seinen Maler jedoch kurz vor dessen frühen Tod den Flammen übergeben lassen. Die genarrte Kunstwelt feierte die vermeintliche Entdeckung des Malers als Sensation, bevor Boyd einige Jahre später seinen Fake selbst entlarvte.

Pfusch an der Geschichte
Der Fake Artist ist ein Pfusch an der Geschichte. Er schreibt sie nicht neu, aber er fügt ihr Fußnoten hinzu und stellt sie um. Während die Ausgrabungen von historischer Musik darauf zielen, sich in eine lineare (Pop)Geschichtsschreibung eingliedern zu lassen, unterläuft die gefakte Ausgrabung eben diese Linearität. Der historische Fake Artist und sein Werk lassen sich darüber hinaus als ein spezielles, zugegeben etwas sperriges Retrophänomen begreifen – auch wenn die Rede vom “Retro” in der Popmusik meistens beinhaltet, dass man Altes nicht bloß imitiert, sondern sich Teile aus der Vergangenheit herausbricht und in neue Zusammenhänge stellt. Hinsichtlich der Popgeschichte haben solch ungleich eleganteren Retrophänomene jedoch oft einen ähnlichen Effekt wie der Fake. Früher hieß Retro: mit dem Vergangenen an der Zukunft arbeiten. Heute ist Retro Arbeit an der Geschichte. Simon Reynolds beschreibt in seinem jüngsten Buch, dass sich die Retrozyklen des Pop solange verdichtet haben, bis sie schließlich in einer posthistorischen “Hyper-Stasis” implodiert sind. In diesem neuen Zustand des Pop scheint dessen Geschichte jederzeit präsent und verfügbar. Dieser Zustand ist mit der Aufhebung eines evolutionären Modells zu bezahlen: Es geht nicht mehr um musikalische Innovationen oder lineare Entwicklungslinien. Originell ist nicht mehr das Neue, sondern vielmehr die Art und Weise, wie das Alte vorgetragen wird.

Pop und seine Peripherien
Angesichts dieser neuen Ausgangsposition wäre es ein Leichtes, in den üblichen Kulturpessimismus zu verfallen und den Verlust der Innovationskraft der Popmusik zu beklagen. Dann aber würde man übersehen, dass Pop auch unter den neuen Vorzeichen weiterhin Wirkung erzielt: Nur richtet er seinen Blick eben nicht mehr nach vorn, sondern nimmt eine Neuverteilung seiner eigenen Vergangenheit vor. Ein Beispiel: Wenn Hipster-Formationen wie “Dolphins Into The Future” oder ‘Stellar OM Source’ mit ihren Klangcollagen aus seicht oszillierenden Synthflächen und Meeresrauschen die Musik des New Age wiederaufleben lassen, dann arbeiten sie (ob gewollt oder nicht) an einer Neuaufteilung des Vergangenen. Denn New Age ist einst von der Popgeschichte ausgeschlossen worden. Man schob die daddelig-kitschigen Klangcollagen lieber dem Bereich der Esoterik zu. Besagte Bands aber spielen diese Musik, befreit vom pseudo-religiösen Hintergrund, nun in den Keimzellen der Popkultur. Sie veröffentlichen bei derzeit so hippen US-Labels wie etwa “Not Not Fun Records” oder “Olde English Spelling Bee”. Dadurch reißen sie retrospektiv die scheinbar feststehenden Barrieren zwischen Pop und seinen Peripherien ein – oder stellen zumindest jene in Frage, die diese Barrieren mal errichtet haben.

In ähnlicher Weise will auch der Fake die Mechanismen der Popgeschichtsschreibung neu denken. Man kann den oben genannten Bands vielleicht nicht unterstellen, dass sie ihre Platten mit einer derart gestalteten Intention produzieren. Dem Fake Artist und seinem Schöpfer ist eine solche Tragweite jedoch immer bewusst. Bei aller Freude an Geheimwissen, falschen Fährten und Biografie-Entwürfen denkt er immer taktisch. Doch nicht nach Art eines Feldherren: Teil der Taktik ist stets Offenheit. Das klingt zunächst widersprüchlich, aber fast alle Fake Artists sind so angelegt, dass ihre Rezeption prinzipiell offen ist. Jeder, der mit diesen Figuren konfrontiert ist, kann eigene Vorstellungen auf sie projizieren. Egal ob noch getarnt oder schon enthüllt: Der Fake bleibt immer anschlussfähig in einem Sinn, dass die Person, die sie konzipiert hat, ihren Fake Artist – und nicht nur dessen Werk – in einem gewissen Maße verliert und der Öffentlichkeit überlässt. Der Kontrollverlust ist immer Teil des Plans. Der Fake-Artist beginnt ein Eigenleben, das ihn gegenwärtig aber auch historisch wirksam werden lässt. Er zeigt uns etwas, das wir irgendwie schon immer vermuteten: Die Geschichte als Erfindung der Gegenwart.

In der elektronischen Musik, die ja lange als geschichtslos galt, ist der Fake Artist noch recht unverbraucht. Grund genug zu fragen, wozu ein solcher Fake eigentlich gut ist. Wir sprachen mit jemandem, der selbst einen fiktiven Musiker in die Welt gesetzt hat. Ach so: Wir können hier natürlich keine Namen nennen. Vielleicht nur so viel: Unser Gesprächspartner war lange Berufsmusiker, sah sich jedoch in Folge eines Arbeitsunfalls gezwungen, die Seiten zu wechseln und ist inzwischen im Kulturjournalismus tätig. Der von ihm erdachte Fake Artist hingegen begann seine Klangexperimente in den späten 50er Jahren in Berlin (Ost), nachdem er von Berufs wegen mit der entsprechenden Technik in Berührung gekommen war.

Debug: Was hat dich daran gereizt einen Fake Artist zu erschaffen?

Anonym: Da muss ich gleich etwas ausholen: Die intensive Auseinandersetzung mit elektronischer Musik war bei mir vor allem Folge eines biografischen Bruchs. Ich hatte einen Unfall, nichts Tragisches, aber ich kann seitdem mein ursprüngliches Instrument eben nicht mehr so einfach bedienen. Also habe ich mich der elektronischen Musik zugewandt, denn mit Knöpfen und Reglern komme ich problemlos zurecht. Und obwohl ich schon immer in Clubs gegangen bin, war das Produzieren für mich eine völlig fremde Welt. Ich kam ja vom traditionellen Instrument. Dann habe ich mir erst mal einen alten Synthesizer angeschafft und ein Freund gab mir seinen Midi-Sequenzer. Der war aber wirklich fast prähistorisch. Ich hatte also von vornherein völlig veraltetes Equipment. Zu der Zeit war ich in Wien. Dort bin ich auch auf Georg Paul Thomann gestoßen, einen fiktiven Künstler, den sich das Kunstkollektiv monochrom ausgedacht hatte. Eine eher politische Sache. Mit diesem Umfeld hatte ich auch privat zu tun. Und damals ist das so zusammengewachsen. Einerseits fand ich das Phänomen Fake interessant, andererseits klangen meine elektronischen Produktionen wegen meines alten Equipments ziemlich angestaubt. Dann bin ich noch den Platten von Raymond Scott begegnet und irgendwann kam dann die Idee, historische, also vermeintlich historische Musik zu produzieren.

Debug: Und weil die Musik historisch sein sollte, brauchtest du für die Veröffentlichung auch eine historische Figur, einen Fake Artist?

Anonym: Genau. So wie dieser Paul Georg Thomann die Kunstgeschichte umschrieb, so wollte ich mit der Musikgeschichte verfahren. Mich hat interessiert, was mit so einem ausgedachten Künstler passiert, wenn ich ihn in die Vergangenheit setze. Irgendwie muss der ja rezipiert und eingeordnet werden. Die Musik meines Fake Artists klingt schon sehr akademisch. Aber diese Art von Musik wird heutzutage eigentlich nur im System Pop wahrgenommen. Mein Artist war also eine Art Trojanisches Pferd, das ich in den Musikbetrieb eingeschleust habe. Und damit meine ich vor allem den Musikjournalismus, denn der schreibt ja Popgeschichte.

Debug: Ging es also auch darum, Teilen des Kulturbetriebs einen Spiegel vorzuhalten? Denn das würde ja bedeuten, dass du den Fake irgendwann aufdecken müsstest.

Anonym: In Teilen ist der ja aufgedeckt, sonst säßen wir schließlich nicht hier. In dem Punkt würde ich mich Frank Apunkt Schneider von monochrom anschließen wollen, der es in etwa so formuliert hat: Beim Fake geht es um die graduelle Entlarvung. Um eine Art Dialektik zwischen Aufdeckung und Tarnung, die den Fake erst interessant macht. Das sehe ich genauso. Und was den Kulturbetrieb angeht: Ein Spiegeln von Mechanismen des Kulturbetriebs ist dem Fake natürlich grundsätzlich immanent. Und wenn man sich so eine Figur ausdenkt, ist das ja ein einziger Akt der Manipulation. Und ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mir dieses Manipulieren keinen Spaß gemacht hätte. Aber das ist nicht mein eigentlicher Punkt. Ich ziele schon eher auf die Geschichtsschreibung und wie sie funktioniert – eben oft über biografische Details. Das ist übrigens in der Kunst oder der Wissenschaft nicht anders.

Debug: Das heißt, die Konstruktion deines Fake Artists spielt auf eine sehr bürgerliche Kunstrezeption an: Du schaffst einen biografisch fundierten Autor. Genauso funktioniert ja auch Popgeschichte, als reine Evolutionsgeschichte. Sogar in der elektronischen Musik, obwohl die ja in weiten Teilen ursprünglich ohne Autor auskommen sollte. Ist dein Fake Artist ein Kommentar auf die Diskurse des Autors und auf die Rezeptionsweisen, die daraus folgen?

Anonym: Die Sache mit dem “Tod des Autors” finde ich zwar als Modell attraktiv, aber im Grunde ist das kaum durchzuhalten. Man will ja doch immer die Geschichte hinter der Musik erfahren. Aber diese standardisierte Musikerbiografie finde ich trotzdem ermüdend. Die funktioniert ja nach einem immer gleichen Schema: Da geht es um Einflüsse, um gesellschaftliche Umstände, die erste Veröffentlichung, ein Aufeinandertreffen mit Künstler XY etc. Diese Evolutionsgeschichten sind – so wie der Autor – auch in der elektronischen Musik nicht überwunden worden: Jeff Mills hat in seinen frühen Interviews nicht gesagt, wer seine Einflüsse gewesen sind, stattdessen hat er Techno als Musik beschrieben, die einfach im Raum ist. Aber in späteren Interviews hat er plötzlich doch Kraftwerk oder die B52’s als Referenzen gezogen. Da hat er letztlich dieses evolutionäre Denken von Popgeschichte übernommen. Für Journalisten funktioniert Musikrezeption immer als Aneignung von Geschichte.

Debug: Und dein Fake Artist ist von diesen Logiken der (Pop-) Geschichtsschreibung suspendiert, weil er nie damit in Berührung kam?

Anonym: Ja und nein. Er funktioniert in anderen Referenzsystemen. Zum Beispiel mit den Konzeptionen von künstlerischer Avantgarde, die im Pop eher sekundär sind. Mein Fake Artist ist kein Vollblutmusiker, sondern eher zufällig zur Musik gekommen. Was ihn prägte sind Stereotypen seiner Zeit. Also Gedankengut, Ideologisches, Zeitgeist.

Debug: Wenn du Avantgarde sagst: Die Historizität deiner Figur erlaubt dir, aus der Postmoderne zurückzufallen in eine Zeit, als Kunstproduktion noch mit kühnen Konzepten ausgestattet war. Dein Artist steht ja nun nicht gerade unter dem Verdacht der Postmoderne. Ist der Fake Artist eine Möglichkeit, Musik aus einer anderen Haltung heraus zu produzieren?

Anonym: Ich würde es anders sagen. Wenn man diese elektronische Musik der 50er und 60er hört, dann weiß man, dass sie unter ideologischen Vorzeichen gemacht wurde. Raymond Scott glaubte ja damals, man könne Kleinkinder mit elektronischer Musik erziehen. Heute ist da statt Humanismus aber Hedonismus. Früher waren das sozusagen Leute in weißen Kitteln, die im Namen der Forschung Musik machten. Heute ist das eher so ein prekäres Jungunternehmertum in einem postideologischen Zeitalter. Mein Fake Artist war aber vor diesem Paradigmenwechsel aktiv. Trotzdem habe ich ihm nachträglich keine Ideologie angedichtet. Ich habe ihn lediglich in Ost-Berlin angesiedelt. Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass ich mal in einer Review gelesen habe, seine Musik sei stalinistisch. Das war natürlich ein bezeichnender Versuch dieses Journalisten, die Biografie gleich einzuordnen. Ich fand das sehr lustig. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass der Fakeverdacht schnell im Raum steht, stattdessen wurde mir gleich Stalinismus vorgeworfen. Das ist ja eine enorme Steigerung in der Qualität des Vorwurfs.

Debug: Es gibt aber nicht bloß einen ästhetischen Paradigmenwechsel, sondern auch einen technischen. Das Ergebnis kann man zum Beispiel digitale Gesellschaft nennen. Dein Fake Artist ist hingegen Teil einer analogen Gesellschaft …

Anonym: … er ist schon insofern ein totaler Anachronismus, klar. Genauso wie der Fake an sich in der digitalen Welt schon etwas Anachronistisches hat. Zweifel an Authentizität gehört im digitalen Zeitalter zum festen Inventar. Ich schaue mir inzwischen jedes Foto mit dem Wissen an, dass es durch Photoshop gelaufen ist. Ich meine das jetzt gar nicht technikfeindlich, aber das läuft als Zusatzwissen inzwischen mit. Bei diesen Veröffentlichungen von früher elektronischer Musik dienen aber Fotografien im Booklet immer noch als Beweismittel. Im Fall des Fakes sagt so ein Foto: ,Guck mal! Den hat es wirklich gegeben‘. Schon seltsam: Da haben wir dann doch wieder Vertrauen in die Bilder. Aber warum? Nur weil die Schwarzweiß sind?

Debug: Würdest du dich in eine Tradition des Hochstaplers einordnen? Damit meine ich jetzt nicht den Heiratsschwindler, sondern den guten Hochstapler, den Felix Krull …

Anonym: Absolut. Hochstapelei hat für mich keine negative Konnotation. Wenn es nicht um die persönliche Bereicherung geht, bedeutet Hochstapeln, dass man die bestehenden Verhältnisse ignoriert. Wer hochstapelt, der erfindet sich selbst neu, der macht sich dadurch besser, schöner oder wichtiger. Und der erfindet nicht nur ein besseres Selbst, sondern schafft damit gleich eine wünschenswertere Welt. Klingt das jetzt irgendwie süß? Aber eigentlich ist das doch wirklich super! Das hat etwas Utopisches. Und das beeindruckt mich auch an einer Figur wie Felix Krull. Der will nicht nur nach oben, der will überall hin. Das ist vielleicht auch ein Akt der Befreiung.

Debug: Gilt das auch für dich und dein Projekt? Also inwiefern ignorierst du Verhältnisse und befreist dich von irgendetwas?

Anonym: Ich würde nicht soweit gehen, mein Projekt als persönliche Befreiung zu begreifen. Natürlich ignoriere ich die Verhältnisse, jedenfalls gewisse Aspekte davon. Vielleicht gerade auch digitale Aspekte. Es herrscht ja dieser Zwang zur Selbstdarstellung. Das ist nun ein bekannter Vorwurf an die Mechanismen der Social Networks. Aber was machen denn die Leute an ihrer Facebook-Pinnwand? Sie schreiben ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Biografien. Was da zum Teil passiert, das ist eigentlich nicht social, sondern komplett subjektbezogen. Das grenzt fast an digitalen Autismus, was man da liest. Davon befreit mich, zumindest in Teilen, der Fake Artist, weil ich da nicht an meiner Biografie, sondern an der eines Menschen arbeite, den es gar nicht gegeben hat. Und den setze ich in eine Zeit, in der es wiederum diesen Imperativ der Selbstdarstellung noch nicht so gegeben hat.

Debug: Aber über deinen Fake Artist teilst du dich trotzdem mit, oder zumindest befriedigst du doch durch ihn dein eigenes Sendungsbewusstsein?

Anonym: Aber ich sende nicht meine eigenen Befindlichkeiten. Ich sende nachträgliche Kapitel zur Musikgeschichte, also eigentlich Fiktion. Auch wenn ich Musik mache, hat das dadurch etwas Literarisches. Das ist ja ein Aspekt des Fakes. Im Fake werden fiktive Momente in einen realen Kontext gestellt. Wenn beispielsweise Alexander Kluge in seinem Nachtfernsehen Karl Marx interviewt, aber Karl Marx von Helge Schneider gespielt wird: Das ist natürlich streng genommen kein Fake mehr. Jeder weiß ja, dass das gar nicht Marx ist. Aber da geht es eigentlich um das Gleiche. Das ist eine Erzählung, da wird etwas Literarisches als Geschichte verpackt. Oder anders: Es wird ziemlich offensichtlich die Frage gestellt, ob die Geschichte selbst nicht eine Form der Literatur ist.

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Elektronische Lebensaspekte.

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