Sam Reynold hat dem Filmfan in sich freien Lauf gelassen und ein cineastisches Ambientalbum eingespielt. So schickt man Fahrstühle zurück.
Text: Constantin köhncke aus De:Bug 108

Reynold
Allein im Kollektiv

Der Mann hinter Trenton Records ist eine vielschichtige Person. Reine Dancefloor-Optimierung ist nicht das Ziel seines musikalischen Schaffens. Reynold ist Vollblutmusiker. Sein Vater ist professioneller Jazzpianist, er selber hat nach zehnjährigem Violinspiel in diversen Rockbands gespielt, sich dann aber vom kollektiven Musizieren distanziert, die Entdeckung der Möglichkeiten in der musikalischen Selbsterfahrung am Laptop kennen gelernt und gemerkt, dass seine Dominanz in Bands nicht immer zum besten Ergebnis führt. Dennoch: Mit Leuten zusammenzuarbeiten, ist eine Essenz seines Schaffens. Sein Label Trenton wurde vor drei Jahren zeitgleich mit Clique Bookings ins Leben gerufen, um sich ein Netzwerk zu schaffen, sich gegenseitig zu pushen, die gleiche musikalische Stilrichtung und gewisse kollektive Charaktermerkmale zu verbinden. Sprich, man versteht sich einfach gut, eine Clique eben.

Nach langer Zeit in Chicago und Paris, wo Sam Rouanet mit Bands und Projekten wie Duplex 100, wie er sagt, den Soul der Musik erfahren hat, tingelt er seit drei Jahren zwischen Paris und Berlin, um sich neben dem Management seines eigenen Labels auch selber musikalisch weiterzuentwickeln. Zeit hat ihm gefehlt: Drei Jahre hat es gedauert, bis er sein erstes Album fertig gestellt hat. Die hat er aber auch gebraucht, denn “My Favorite Film“ klingt komplett anders als sein Output auf Dumb Unit, Sushi Tech, Treibstoff oder Trenton. Ein Ambient-Album für unterwegs und zu Hause, dass aber mehr ist als ein reines Chill-Out-Album. Über drei Jahre hat er Melodien und Audiotracks gesammelt, Freunde haben Melodien eingespielt, Bassläufe und Klavierharmonien. Letzten Winter hat Reynold das Album dann arrangiert, es mit seinem Archiv an gesammelten Audio- und Vocalsamples aus Filmen gespickt.

“Ich bin Filmfan und wollte schon immer Soundtracks machen, das ist mein Traum. Und irgendwann werde ich das auch machen. Ich habe einfach angefangen, Filme, die ich mag, noch mal zu gucken und sie zu samplen. Dialoge und Musik. Ich habe wirklich versucht, die Atmosphäre widerzuspiegeln, dieses cinematische und emotionale, aber auf meine Weise, verbunden mit elektronischer Musik.“

Dass er so ein Album nicht auf Trenton rausbringt, ist schon durch die selbstinduzierte Limiterung auf 12“ klar, Reynold hatte von Beginn an Stewart Walkers Persona Records im Auge. Eigentlich, gibt er zu, hat er das Album für Stewart produziert. “Das war meine erste Option. Ich dachte, wenn es nicht funktioniert, dann suche ich jemand anderes. Stewart mochte es aber sofort, es war perfekt. Das Album passt genau auf Persona.“

“My Favorite Film“ repräsentiert auch Reynolds musikalischen Schaffensprozess. Allein arrangiert, aber doch zusammen gestaltet. Auf dem Label von Freunden veröffentlicht, im Hinterkopf die eigene Labelsuche. Wenn Sam bei sich in seiner neuen Küche sitzt, die Wohnung gehört zurzeit noch einem Freund, dem Fotografen des Covers übrigens, konstatiert er auch, wie wichtig die Clique ist. “Es ist wichtig, ein Kollektiv zu haben, um unabhängig zu sein. Als wir nach Berlin kamen, haben uns so viele Leute mit offenen Armen empfangen, jetzt können wir ihnen etwas zurückgeben. In French we say: We can send the elevator back. Das tun wir jetzt.“

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Elektronische Lebensaspekte.