Seinen Vater befreit er aus der Jazz-Depression, die Pariser aus der Minimaltechno-Ahnungslosigkeit. Als Duplex 100 bringt Sam Reynold mit Phil Stumpf die Minimal-Syntax zum klassischen Schillern - und zeigt dem weißen Funk den Rüffelfinger.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 86

Hüftschwung gegen die 80er

Minimalismus und Frankreich, das ging, jedenfalls was Musik betrifft, lange Zeit nicht zusammen. Klassisch ausgebildeter Violinist und Gitarrist und minimale Elektronik eigentlich auch nicht. Für Reynold passt das alles perfekt. Über die experimentelle Jazzrockszene und einen Abend mit Derrick Carter in Chicago und einen Freund aus Deutschland, der in Paris hängen geblieben ist, landete er in Berlin. In Paris hat er aber immer noch regelmäßig den “Minimal Dancing”-Clubabend. Mit seinem Vater zusammen spielt er in einer elektronischen Jazzband, die Canvas heißt. Nebenher rockt er mit Phil Stumpf (tatsächlich ein Doktor übrigens) als Duplex 100 und betreibt obendrein noch zusammen mit seiner Freundin eine Bookingagentur. Ganz abgesehen von einem Label, Trenton, das sich eigentlich als Hobby versteht und sich musikalisch gar nicht festlegen will.

Sam Reynold ist viel herumgereist. Er kommt aus Toulouse, Südfrankreich, hat in New York, Chicago, London und Spanien gelebt und ist seit ein paar Monaten in Berlin. “Alles hat mit meinem Vater angefangen. Mit den analogen Synthesizern, die er auf der Bühne benutzte. Mein Vater ist ein Jazz-Keyboarder, er hatte, als ich klein war, schon einen dieser Yamaha-Computer und einen Atari. Ich liebte das. Aber war doch lange Zeit eher ein Akustiker, lernte Geige, weil meine Hände für Gitarre einfach zu klein waren, und spielte immer eher in Free-Jazz- und Experimentalrockkontexten. Als ich nach Chicago ging, um dort in einer Band zu spielen, traf ich einen Haufen Produzenten und DJs. Und ein Abend mit Derrick Carter überzeugte mich dann vollkommen. In Chicago war ich dann auch im Studio von John McEntire, sah, wie er all diese verrückten Dinge mit dem Computer anstellte. In Frankreich ging es grade mit Superdiscount los. Also fing ich an, die ersten Tracks zu machen, zu lernen, denn wenn man elektronische Musik macht, ist ja alles anders. Dann traf ich Phil Stumpf, der mit “OH” Vorband von Tortoise war. Er war absolut auf minimalem Sound. Er brachte mich erst dazu, das alles ernst zu nehmen.”

Action in Paris
Mit ihm und ein paar anderen gründete er zurück in Paris dann den “Minimal Dancing”-Abend und brachte nicht nur sämtliche deutsche Minimalisten oft zum ersten Mal nach Paris, sondern auch die zu dieser Zeit grade explodierende kanadische Szene. “Duplex 100 begann auch mit unserem Minimal Dancing Event. Wir hatten Modernist als Gast und er liebte unsere Tracks und war nicht nur ein großer Einfluss für uns, sondern auch ein großer Supporter. Als wir mit Minimal Dancing angefangen hatten, gab es in Paris gar nichts in dieser Art. Wir hatten so viele Freunde, die wir nach Paris bringen wollten, und als es diesen neuen Club gab, in dem auch noch Leute aus dem Süden von Frankreich beteiligt waren, die ich kannte, dachten wir uns, versuchen wir es doch einfach. Jetzt gibt es mit den Karat-Leuten, Krikor und so weiter so viele Leute, die das machen, dass es immer schwerer wird jemanden zu booken der nicht schon da war. Aber immer, wenn ich zurückkomme nach Paris, bin ich glücklich, weil ich feststelle, dass jede einzelne Party immer voll war und jeder es genossen hat. Bei Partys in Berlin ist das ganz anders. Man kann völlige Hype-Leute haben und niemand kommt, das ist schon bedrohlich. Und locale Heroes können einen Abend füllen. Berlin hat einfach eine so riesige Technogeschichte. In Paris ist die Szene immer noch jung. Wenn man nicht von hierher kommt, weiß man in Berlin gar nicht, wo man hingehen soll. Ich mag diese Dynamik, aber es ist genauso harte Arbeit.”

Autark gegen die 80er
Während wir hierzulande mit einem Minimalbacklash kämpfen, der selbst Rock und 80er immer noch als einen Ausweg empfiehlt, ist die französische Szene dem glücklicherweise nach wie vor, ebenso wie viele Kanadier, irgendwie treu geblieben. “Ich mag vieles, was diese 80er-Sounds betrifft, überhaupt nicht. Ich hasse das nicht, aber es ist nicht mein Sound. Das ist mir zu weiß. Ich muss meine Hüften bewegen. Aber wann immer jemand die gleiche Musik den ganzen Abend spielt, schalte ich ab. Es geht so leicht, aus den Styles auszubrechen. Eine Snare woanders hin, kleine Details und schon ist alles anders. Das ist sehr subjektiv. Aber auch sehr interessant, weil man sofort hört, wer von der Rockmusik kommt. In Berlin sind das sehr viele.” Und, wenn auch in einem anderen Sound, ist es dieses Aufgehen in den Ideen des Grooves elektronischer Musik, die Reynolds Tracks ausmachen. Sie sind wie Phil-Stumpf-Platten minimal in einer klassischen Art, reduziert um ein paar wenige Themen herumdriftend. Aber anstatt wie Stumpf auf seinen Soloprojekten zu klarem trockenen Funk zu tendieren, drehen sich Reynolds Tracks um melodische smoothe Houseideen. Beides zusammen ergibt ziemlich nahtlos Duplex 100’s schillernden minimalen Funk.

Auf Canvas hingegen überlebt die eigene Musiker-Geschichte gebrochen durch digitales Eqiuipment. “Mein Vater hatte all diese Samples, stundenlange Piano- und Rhodes-Parts auf einer Minidisc. Die haben wir bearbeitet und am Ende hatte es nichts mehr damit zu tun, was er gespielt hatte. Alles war neu kombiniert, aber er mochte es und begann das alles nachzuspielen. Ich glaube, er brauchte das, weil er so von der Jazzszene enttäuscht war, die irgendwie feststeckt. Aber mit Canvas als Band zu arbeiten, ist fast unmöglich. Phil und James (der Bassspieler) sind in Paris, ich in Berlin, mein Vater in Toulouse. Wir nehmen zur Zeit unser zweites Album auf, und das erste ist jetzt erst erschienen, obwohl es schon drei Jahre alt ist.” Aber Reynold hat Zeit, denn mit all den laufenden Projekten, die immer zu etwas führen, das funktioniert, Spaß macht und den Dancefloor bewegt, können sich die einzelnen Teile der Existenz durchaus mal Zeit lassen.

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Elektronische Lebensaspekte.