Was haben die Hunde von Wien, Studentenausweise in China und Prada-Fummel in New York gemeinsam? Dank RFID-Chips sind sie funkende "Smart Objects". Die Chips sollen in Zukunft jedes Produkt identifizierbar machen. Die Wirtschaft sieht damit die Welt ins Nirwana der Effizienz aufsteigen. Doch den Chips hängt ein hässliches Big-Brother-Image an.
Text: Annett Jaensch aus De:Bug 80

Killer App der Totalübewachung / RFID-Chip

“Das Internet, wie wir es jetzt kennen, ist kaum effektiver als eine Schnur zwischen zwei Dosen”, tönte der New Yorker unlängst. Was nicht nur Technikgazette sondern auch Feuilleton elektrisiert, sind Meldungen über Fortschritte im “Pervasive Computing”, der Durchdringung der Welt mit digitalisierten Objekten. Es wird langsam eng für das Analoge. RFID (Radio Frequency Identification) ist eine der Schlüsseltechnologien auf dem Weg zum intelligenten Dings und dabei auch noch recht simpel. Zur Erinnerung: Der RFID-Chip ist ein Transponder, der von einem Lesegerät mittels Hochfrequenzfeld aktiviert wird und als Antwort die auf ihm gespeicherte ID zurückfunkt. Der Clou: Er braucht keine eigene Energiequelle, der Impuls des Lesegerätes versorgt ihn mit der nötigen Power. Die ID in eine entsprechende Datenbank eingegeben und schon lassen sich Megabyte an gesammelter Information über das Objekt abrufen.

Die Mission des Chip
Eine Vision wie aus einem Polizeihandbuch: Alles in dieser mit Chaos geschlagenen Welt lässt sich leichter auffinden, im Pulk identifizieren und ist zudem noch fälschungs- und diebstahlsicher – zumindest vorerst, man kennt das ja. Industrie, Handel, Verwaltung, Transportwesen, jeder findet sich in diesem Wunschschema irgendwie wieder. Analysten überschlagen sich in den Prognosen für diesen gigantischen Markt. Mindestens drei Milliarden Dollar Umsatz sagt beispielsweise ABI Research für das gerade anlaufende Geschäft mit RFID voraus. Das Patent ist zwar schon 31 Jahre alt, aber erst jetzt biegen sich die Enden zwischen Forschung und wirtschaftlicher Rentabilität einander gnädig zu. Die Chips kosten in Abhängigkeit von der georderten Menge zwischen sieben und zehn Cent. Forrester sieht die Preise in den nächsten Jahren auf unter einen Cent sinken. Solche Aussichten befeuern die Phantasie. Überall Pilotprojekte, Zukunftsgeraune und Halbbestätigtes. Auch der Staat hält da mit. Biometrische Pässe mit Funk-Chips sind im Gespräch. Und angeblich soll auch die Europäische Zentralbank Euronoten ab 2005 mit Transpondern versehen, um Blüten zu bannen. Die EZB hüllt sich in Schweigen, einzig der japanische Chiphersteller Hitachi bestätigt die Zusammenarbeit.
Die RFID-Elite nimmt ihre Mission ernst. “Mit 54 Bit können Sie jedes Reiskorn durchnummerieren, das auf der Welt produziert wird, mit 138 Bit jedes Molekül auf der Oberfläche des Planeten”, rechnete das Auto-ID-Center vor ein paar Jahren vor. Inzwischen hat der vom Massachusetts Institute of Technologie (MIT) gegründete Think Tank den Stab an EPC Global übergeben. Die Gemeinschaftsunternehmung von EAN (European Artifical Numbering Association) und UCC (Universal Code Council) arbeitet weiter an der Titanenaufgabe, ein System zu implantieren, mit dem jeder Artikel in jedem Land dieser Erde via RFID über das Internet nachverfolgt werden kann. Dabei hilft das Geld von rund 100 Sponsoren, darunter Coca-Cola, Gilette, Procter & Gamble und Wal-Mart. Wenn Wal-Mart ruft, hört der Handel gewöhnlich sehr gut zu. 1984 wollte das US-Supermarkt-Imperium den Bar Code, heute geht ohne die Streifenetiketten nichts mehr. Bei RFID wird es nicht anders sein. Wal-Mart hat seinen 100 wichtigsten Zulieferern zu verstehen gegeben, bis 2005 auf Funk umzustellen. Auch die Großen in Europa Tesco, Carrefour und Metro testen im Moment den stromlinienförmigen Supermarkt vom Lager bis zur Kasse. Branchenkenner schätzen, dass nach dem Schneeball-Prinzip der Bar Code 2010 endgültig in Rente geschickt sein wird.

Datenschutz? Persönlichkeitsrecht?
Für Gegner, wie die amerikanischen Verbraucherschützer “Caspian” oder den deutschen Verein “Foebud”, ist klar, dass der RFID-Einsatz Datenschutz und Persönlichkeitsrechte verhöhnt. Da beim Verlassen eines Geschäftes die Tags weiterhin aktiv bleiben, ist nicht nachvollziehbar, von wem Daten ausgelesen und gespeichert werden können. Alles sei halb so wild, solange keine Verbindung zwischen dem Namen einer Person und den Transpondern besteht. Dieses Argument lässt ein Chipverächter nicht durchgehen. Kommen nach und nach immer mehr Tags und Labels in den Einsatz, die auch in Uhren, Schmuck und Schuhen stecken, hat man schnell vier bis fünf konstante Funkabdrücke. Zumindest für den Handel haben Kundenprofile mehr Wert als die Frage, ob jemand Peter, Paul oder Mary heißt.
Die First-Mover finden sich immer wieder in Negativschlagzeilen. Gillette und Tesco mussten sich medialen Beschuss gefallen lassen, nachdem bekannt wurde, dass jeder, der nach mehr als drei markierten Gillette-Packungen in den schlauen Tesco-Regalen griff, sofort von einer Videokamera gefilmt wurde. Die PR-Maschinerie versucht nach Kräften, die Chips harmlos erscheinen zu lassen. So schlug die Berater-Firma Fleischman-Hillard kurioserweise vor, die Transponder “Green-Tags” zu taufen, um dem Ganzen einen ökologisch-sympathischen Anstrich zu geben. Andere Akteure treten inzwischen die Flucht nach vorn an. Metro bietet in seinem “Future Store” in Rheinberg einen “Deactivator”-Dienst an. Die Kunden können ihre Chips vorm Verlassen des Supermarktes mit Nullen überschreiben lassen. Der Haken bei der Sache: Ausgerechnet die Produktnummer, die das spätere Tracking möglich macht, bleibt bis jetzt noch resistent. Das dürfte kaum jemandem aufgefallen sein. Die Resonanz auf die Aktion sei schwach, ließ ein Sprecher wissen. Auch ein Hinweis darauf, dass bei Otto Normal das Wort RFID noch nicht ins Bewusstsein gedrungen ist.

Umgehungsschutz für RFID?
Während die Wirtschaft harte Tatsachen schafft, ist der rechtliche Rahmen reichlich schlaff. So vernachlässige die geplante “EU-Richtlinie zur Wahrung geistigen Eigentums” die RFID-Problematik, moniert der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar. Der Grund für die Kritik: Vorrichtungen, die Produktfälschungen verhindern und Echtheit zertifizieren, sollen laut Richtlinie nicht mehr entfernt werden dürfen. Im Klartext: Wer solche Vorrichtungen, also auch RFID-Chips, außer Betrieb setzt, macht sich strafbar. Selbst Aktionen des Handels, wie die von Metro, stünden theoretisch quer zu dieser Gesetzesnovelle.
Hat RFID nun das Zeug zur Killer App für die Totalüberwachung? Das wäre zuallererst ein kostspieliges Datamining-Projekt mit Milliarden an Terabytes. Außerdem bedient sich RFID des normalen Funkspektrums, ließe sich also mit Störsendern manipulieren. Bleibt trotzdem die Frage: Wer will ein lebender Sendemast sein? Und wie finden menschliche Zellen eigentlich permanente Hochfrequenzberieselung? Kevin Kelly, Internet-Visionär und Wired-Mitbegründer prophezeite schon vor Jahren das Aufkommen von smarten Objekten und die Funkvernetzung. Kelly war es auch, der Spielberg bei einigen Sci-Fi-Szenen für “Minority Report” beriet. Tom Cruise wird darin beim Gang durch ein Einkaufscenter mit auf ihn zugeschnittenen Werbebotschaften zugeballert. Mit RFID kein Problem. Nach zwei Stunden war für Cruise alles vorbei. Für uns fängt es erst an.

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Elektronische Lebensaspekte.