Emulier mich! Der digitale Nachbau legendärer Instrumente als PlugIn ist längst ein profitables Geschäft. Nachdem Native Instruments mit der Hammond Emulation B3 schon die klassischen Pfade elektronischer Musik verlassen hat, kontert Emagic nun mit dem EVP88 und lässt Fender Rhodes, Wurlitzers und artverwandte E-Piano-Legenden auf der Festplatte einziehen.
Text: thaddeus herrmann | thaddi@debug-digital.de aus De:Bug 50

Rhodes To Go

Emagics E-Piano Simulation EVP88

Kompletter Wahnsinn. Da redet man sich jahrelang die Köpfe heiß über elektronische Musik und wie zukünftsträchtig und neu und toll und anders das alles ist, und dann bricht unter Musikern weltweit das Zittern aus, weil Emagic eine E-Piano-Emulation ankündigt. In den Newsgroups ist die Hölle los, und Händler berichten von entnervten Kunden, die täglich mehrmals nachfragen, ob und wann das Teil denn nun lieferbar sei. Warum E-Pianos nun plötzlich wieder so im Trend liegen, ist nicht überliefert. Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es ein gutes Gefühl ist, ein gut klingendes Rhodes auf dem Rechner und dabei keinen Stress zu haben. Nur für den Fall. Man weiß ja nie. Denn…

…Das Problem in groß…

…ist sperrig, schwer und extrem zickig: E-Pianos aus der guten alten Zeit passen nicht ins Handgepäck und brauchen viel Liebe und Pflege. Das brauchen Powerbooks zwar auch, nur kann man bei denen den Lötkolben in der Regel zuhause lassen. Wer dennoch ein Fender Rhodes oder ein Wurlitzer sein Eigen nennt, weiss den ganzen Ärger, den man unter Umständen mit diesen Sauriern haben kann, zu schätzen, denn: Der Sound bläst einen weg. Und genau hier bekommt das Problem noch einen zweiten Teil. Zwar sollten sich in jeder Sampler-Bibliothek brauchbare Rhodes-Samples finden lassen, nur die dann auch so authentisch wie möglich hinzubiegen, braucht Zeit und ist nur in den seltesten Fällen wirklich befriedigend. Das hängt zum einen mit der speziellen Klangerzeugung im Rhodes zusammen, andererseits mit den typischerweise zum Einsatz kommenden Effekten wie Tremolo und Chorus. Wer genug hat von schräg hängenden LFO’s, die irgendwelche Hüllkurven tremolieren sollen, für den ist die E-Piano-emulation von Emagic, das EVP88, die Lösung.

…ist gelöst.

Beim EVP88 wird nicht gesampelt. Vielmehr emuliert die ‚Piano Synthesis Engine‘ die spezielle Klangerzeugung der Rhodes- und Wurlitzermodelle, die auf Metalzungen beruht, die ähnlich wie Stimmgabeln eingesetzt werden und mit einer Hammertechnik (herkömmliches Klavier) angeschlagen werden, sprich: den physischen Bewegungsablauf der Klangzungen. Das liest sich sehr beeindruckend und klingt erfreulicherweise mindestens genauso gut. Selbst das ‚Loslassgeräusch‘ der Tasten beim Abklingen wurde gleich mitprogrammiert. Ich brauche meine Samples jedenfalls nicht mehr.

Darf ich auch Hancock sein?

Mit entsprechendem Rechner schon. Im Detail sieht das so aus: Das EVP88 ist ein Audioinstrument für Logic Audio ab Version 4.7.0, läuft offiziell ab G3/233 Mhz auf Mac OS und ab PII/300 Mhz unter Windows98 und ist nicht VST-fähig. Für Cubase und andere VST 2.0. fähige Hostprogramme steht mit dem EVP73 aber immerhin eine abgespeckte Version zur Verfügung, auf die ich hier nicht näher eingehen kann. Getestet habe ich auf meinem G4/533. Abhängig von der Rechenleistung lassen sich bis zu 16 vollpolyphone EVPs (je 88 Stimmen!) gleichzeitig betreiben. Die Bedienung ist denkbar einfach. PlugIn-Fenster aufgerufen und erstmal die Presets durchgenudelt. Zur Verfügung stehen diverse Rhodes-Presets (Suitcase, MK1, MK2, MarkIV) und Wurlitzer-, Hohner- und von den Programmieren erfundene Modelle. Zur Klangbearbeitung werden angeboten: Decay und Release, Bell (regelt den Obertonanteil und ist für den glockigen Klang der Pianos verantwortlich), Damper (Dämpfungsgeräusch, das durch die Berührung des Dämpfungsfilzes mit der Klangzunge entsteht) und Stereo (verteilt Bässe nach links und hohe Töne nach rechts). In der Sektion ‚Stretch‘ kann die wohltemperierte Stimmung sachte aufgehoben werden. Desweiteren gibt es einen Zweiband-Equalizer (Treble, Bass), einen Verzerrer und detailliert regelbare Phaser (Rate, Colour, Phase), Tremolo (Rate, Intensity, Phase) und einen zuschaltbaren Chorus. Abgerundet wird das Interface mit Potis für die Stimmenanzahl und die generelle Stimmung. Alle Parameter sind selbstverständlich voll automatisierbar.

Ich will so sein wie du

Kein Problem. Das EVP88 klingt durchweg fantastisch und überzeugend und muss sich nicht hinter den Originalen verstecken. Zwar muss man auf die hardwareseitigen Eigenschaften der Saurier verzichten, aber daran haben wir uns alle schon längst gewöhnt. Die Presets bieten gute Ausgangspunkte für eigene Soundkreationen, und mit einem ganzen Ordner voller PlugIns auf der Festplatte sind dem Sound des EVP sowieso keine Grenzen gesetzt. Auf meinem G4 lief das Programm sehr Resourcen-schonend und stabil, selbst der Versuch bei voller Polyphonie zu arbeiten, hat den Rechner nicht weiter interessiert. Auch zeigt sich, dass sich Instrumente wie E-Pianos schon allein deshalb als Emulationsopfer anbieten, weil man bei ihnen, im Vergleich zu virtuellen Nachbauten großer Synthesizerklassiker wie etwas dem Pro-52, nicht ständig an allen möglichen Potis rumschrauben möchte, was ohne MidiFaderBox wirklich kein Spaß ist.

Nun denn

Mit 390.- DM ist das EVP88 nicht gerade ein Schnäppchen (die 73er VST-Version kostet knapp die Hälfte), ich würde aber dennoch keine Sekunde zögern. Auch wenn es nur Software ist: Musiker tendieren dazu, Dinge auszuprobieren, Geräte schnell zu kaufen und noch schneller wieder zu verkaufen. Das EVP88 bleibt, wo es ist. Garantiert.

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Elektronische Lebensaspekte.