Das ist keine schicke Berlin-Musik. Hier werden keine girligen, niedlichen Blümchensongs gespielt. Hier gehts um Punkgeschichte mit hohem Anteil an Fraueninitiative. Rhythm King & Her Friends nehmen ihren Punk nun mehr denn je mit elektronischen Instrumenten in Angriff.
Text: Arne Linde aus De:Bug 82

Femmes Fatales

Die Platte ist zwar nur ein bisschen böse. Trotzdem funkt feminine Rotzigkeit zwischen den elektronischen Beats hervor, als wäre sie eine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Manchmal klingt es nach digitalisierter Riot-Erbschaft, manchmal nach Lullaby für Zombie-Babies und immer regiert der bewusste, aber nicht allzu radikale Dilettantismus. Das Debütalbum stellt Fragen: Ist es Punk? Ist es Riot? Ist es Berlin-Style? Pauline Boudry und Linda Wölfel von rk&hf geben die nötigen Antworten.
Pauline: Punk ist eine Attitude, man kann mit Instrumenten spielen, die man nicht gelernt hat, sie sich aber spielerisch aneignen. Und das ist es auch, was wir gemacht haben. Keine von uns hat vorher mit so vielen elektronischen Instrumenten gearbeitet.
Linda: Ich selber kann das Punkige in unserer Musik immer nicht so ganz entdecken, denn unsere Musik ist elektronisch, mit poppigen und vielleicht trashigen Anleihen und was die Herangehensweise angeht, kann ich auch nur bedingt zustimmen. Ich habe z.B. durchaus den Anspruch, eine gute Gitarristin zu sein!
Pauline: In den 90ern haben wir viel gehört, was als ”riot-girl” galt. Als wir rk&hf anfingen, hatten wir das Gefühl, dass irgendwas zuende ist, z.B. diese Revival-Welle der 3-Akkord-Musik. Wir mussten es anders machen! Berlin spielt eine Rolle, weil wir mit vielen Frauen, die hier sind, zusammen gespielt haben. Angie Reed, Kevin Blechdom, und es ist ein gutes Gefühl, dass es hier so viele gute elektronische Musikerinnen gibt. Aber wir machen keine Berlin-Musik.

Tatsächlich fehlt bei ihnen jedes girlige Gehampel, Befindlichkeitsgesten und bunt-geblümte Schick-Heischereien. Der Live-Auftritt gerät beinahe etwas zu cool. Aber vielleicht liegt es auch an der Betrachterin, die nicht erkennt, wenn Konventionen bewusst gebrochen werden.
Pauline: Drei Frauen auf der Bühne, das ist sowieso etwas, was sehr auffällt. Viele Leute haben die Erwartung, dass Frauen sich niedlich und sexy verhalten und sich besonders auf das männliche Publikum beziehen. Das tun wir nicht. Als Lydia Lunch eine große Distanz zum Publikum performierte, sagte sie: The fact that I actually don´t move is that I am so selfish!
Debug:
Habt ihr ein vorwiegend weibliches Publikum?
Pauline:
Viele unserer Texte sind feministisch, ja, und es ist uns wichtig, dass Frauen uns hören. Genauso wichtig ist es aber, dass es andere Arten des Zugangs gibt, rein musikalische, ästhetische, und dass verschiedene Szenen uns hören, Queerszenen zum Beispiel.
Debug:
Der Regisseur Bruce La Bruce hat gesagt, die Punkszene sei ihm zu sexistisch, machistisch und heterosexuell gewesen, um sich darin lange aufhalten zu können, er musste da raus. Wie verhaltet ihr euch zu dieser Punkgeschichte?
Pauline:
Ja, sicherlich gibt es das im Punk. Aber für mich ist Punk eine Geschichte, die mit einem großen Beitrag von Frauen geschrieben worden ist. Frauen sind auf die Bühne gegangen und haben ihr Zeug gemacht. Sie haben ihre Texte geschrieben, sich Instrumente genommen und gesungen, Raincoats, Slits, Au Pairs und früher Yoko Ono, etc. Das war eine große Erkämpfung von Freiheit. Das ist die Geschichte des Punk, die ich meine, daran kann man anschließen.
In diesem Sinne funktioniert es: Man muss darüber hinausgehen, um an etwas anschließen zu können. Rk&hf sind Post-Punk, Post-Riot und
Post-Berlin. Wenn das mal kein Kompliment ist.

I am Disko erscheint im Mai 2004 bei Kitty Yo.

Frauen machen Punk / DiY klar:
The Shaggs
Raincoats
The Slits
Au Pairs
Hanin Elias
Patti Smith
Lydia Lunch
Sylvia Juncosa

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.