Mit "See Mi Yah" legen Rhythm & Sound ein lupenreines One-Rhythm-Album vor. Ein lang gehegter Traum von Mark Ernestus und Moritz von Oswald wird Wirklichkeit.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 90

Hört auf die Sänger
Rhythm & Sound

“See Mi Yah” ist ein weiterer Schritt. Ein weiterer Schritt von Rhythm & Sound, Mark Ernestus und Moritz von Oswald also auf dem Weg zu den Wurzeln. Zahlreiche Produktionen liegen hinter ihnen. 10″s, 12″, kompilierte Alben, eine endlose Geschichte. Mit jedem Track haben sie ihre Vision von Dub weiter verfeinert, immer weiter ausgedünnt, radikal reduziert, neu gedacht. Jeder Track war eine Haltestelle auf dem Weg zurück zu den Wurzeln. Was aus heutiger Perspektive vor unglaublich langer Zeit als Basic Channel begann, ist heute Blueprint, unerreichter Meilenstein, eine perfektionierte Auseinandersetzung mit der Musik Jamaikas. Aufrollen muss man die Geschichte hier nicht noch ein weiteres Mal, zu viel ist mittlerweile darüber geschrieben worden, zu oft haben Journalisten sich daran versucht, die Historie aufzudecken. Ernestus und von Oswald sind der schreibenden Zunft eh immer einen Schritt voraus.
“See Mi Yah” ist ein weiterer Schritt, nicht nur, weil es ein klassisches One-Rhythm-Album ist, also ein Riddim und zehn verschiedene Sänger, die daraus ihre eigenen Tunes bauen. Auch weil Rhythm & Sound damit so rootsig sind wie nie zuvor.
Mark Ernestus erzählt bedächtig und überlegt. Hier, eine Etage über dem Hardwax, hängen die Wände voll mit Reggae-Platten, Reissues von Wackies, dem New Yorker Label, mit dem ihn eine langjährige Freunschaft verbindet. Ein Projekt wie “See Mi Yah” kann man nicht planen, Glück und Zufall spielen eine große Rolle. Sieben Monate Produktionszeit klingen da fast wie ein Spaziergang. Ernestus und von Oswald teilten immer eine große Begeisterung für dieses spezielle Album und hatten mit Paul St. Hilaire als Sänger natürlich den perfekten Startpunkt mit im Boot. Dessen Bruder Ras Perez lebt auch in Berlin, ebenso Koki und Ras Donovan (der auch mit Stefan Schneider am Mapstation-Projekt arbeitete), die wie die beiden Hilaires von der Karibik-Insel Dominica stammen. Der Rest war Zufall. Joseph Cotton, Sugar Minott und Willi Williams waren eben einfach da und kamen vorbei. Dabei sangen alle nur über wenig mehr als einen Loop, die fertigen Mixe wurden erst später erstellt. Keiner hörte die Vocals der anderen Sänger, viele wollten nicht mal bereits erschienene Platten von Ernestus und von Oswald hören. Das OK anderer Größen des Reggae, dass die beiden gute Sachen machen, reichte ihnen. Im Reggae funktioniert die Community. Und dennoch: Paul St. Hilaire war oft genug für Rhythm & Sound oder Burial Mix im Studio, ist mit dem speziellen Sound vertraut, schätzt die ungewöhnliche, elektronische Herangehensweise an Reggae. Bei Joseph Cotton war das schon anders, er konnte sich zwar mit dem Loop anfreunden, sang aber, in alter Reggae-Tradition, seine Vocals und verschwand wieder. So macht man das eben. Und weil dies das erste Zusammentreffen mit dem legendären jamaikanischen DJ war, wurden die Vocals auch in ihrer Ursprünglichkeit erhalten. Hilaire liebt den Remix, das Experiment mit seinen Vocals, Cotton wohl eher nicht. Das verzerrt das engültige Album vielleicht ein bisschen, wenn man es mit den Erwartungen von Ernestus und von Oswald abgleichen würde, wichtig ist das aber eigentlich nicht. Da mischen sich die beiden nicht ein, genauso wenig bei den Vocals, die über die Jahre eine immer größere Tragik mit sich herumschleppen und auch eine immer größere religiöse Dimension bekommen. Jah, Babylon, Befreiung, Überleben. Davon abgesehen, dass das eben die Themen einiger Sänger sind, ist es wohl auch die Musik, die die Texte vermehrt in diese Richtung treiben. Hinter dem Mischpult wird eher musikalsich zugehört. Und wenn es gar nicht mehr passt, wird gestoppt, von vorne begonnen, versucht, den Track in eine völlig andere Richtung zu drücken.
Bei Rhythm & Sound war die Musik schon immer alles, was zählt. Und so wird “See Mi Yah”, egal ob als CD, LP oder einer Sammlung aus 7 7″s, seine Runden machen und neue Wellen der Erschütterung ob der Tiefe dieser Tracks auslösen. Und dann? Vielleicht wird es bald wieder rein instrumentelle Produktionen von Rhythm & Sound geben. Doch, das wäre eine Möglichkeit. Aber vielleicht wird auch alles doch wieder ganz anders. Man wird sehen. Bis dahin ist “See Mi Yah” der Fels in der Brandung.

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Elektronische Lebensaspekte.