Ricardo Villalobos produziert zwischen Chile, Frankfurt und Ibiza seit Jahren perkussiven Minimalhouse für die streunende Party-Gesellschaft. Detroit und Santiago de Chile sind dabei genauso unlösbar verschränkt wie Techno und House.
Text: Aljoscha Weskott / Alexis Waltz aus De:Bug 42

Ibiza is burning!
Ricardo Villalobos

In der MTV-Hacienda wird das Versprechen des sexual healing eingelöst. Und obwohl immer etwas dazwischengeschaltet ist – ein zuckender Touristenkörper, ein Cocktailglas, ein entspanntes Moderatorenlächeln, ein Soundfetzen – bleibt nichts mehr aufgeschoben: Eine Politik des Glücks ist im ästhetischen System Ibiza nicht zuletzt durch das mediale Beschwören endloser exzessiver Ereignisketten konsolidiert worden. “Book your Flights now!” Aber irgendetwas ist nicht zu vermitteln. Auch mit dem Verweis auf die ganz spezifischen Funktionsweisen Ibizas und der vermeintlichen Ununterscheidbarkeit zu einer Hacienda im Format MTV‘s bleibt das Begehren auf die Insel real. Klar ist einzig, so berichtet Ricardo Villalobos, dass der Exzess so oder so stattfindet. Die historisch überlieferten Stationen Ibizas stützen diese These, reichen sie doch von den ersten überlieferten E-Praktiken über den vergessenen Gayhouse-Glamour der 80er bis hin zu den Effekten überdosierten Heroinkonsums (der tödliche Fahrradunfall Nicos).

Ricardo Villalobos fügt sich in dieses System Ibiza ein, um etwas Neues entstehen zu lassen. Er affirmiert den bestehenden musikalischen Repräsentationsrahmen Ibizas, wie in dem auf Playhouse erschienenen Track “Ibiza 99”, und lässt gleichzeitig über eine komplizierte rhythmusorienterte Soundstruktur die Images Ibizas erzittern: Ibiza is burning! Der bislang fehlende, anspruchsvollere Sound ist in den letzten beiden Jahren vermehrt nach Ibiza eingezogen: “Das ist eine Promoterleistung”, meint Villalobos. Die Buchungs- und Werbepolitik der Cocoon-Veranstaltungsreihe von Sven Väth ist dafür verantwortlich, dass auf Ibiza über exponiertere Line-Ups (Josh Wink, Richie Hawtin, Ricardo Villalobos) die Konzentration auf ganze Sets gelegt wird. Villalobos bringt an neuesten Entwicklungen geschulte Sound-Genauigkeiten an einen Ort wie den Ibiza-Club “Amnesia”. Oder auch an eine dogmatische Technofestung wie das Berliner Ostgut. Orte, an denen tendenziell ein verhärteter Technoprofessionalismus formalisierte Soundstandards diktiert. Orte, die der avancierte Technoproduzent und -hörer aus der Ausgehlandlandkarte weitgehend zu Gunsten des Loungismus gestrichen hat. Villalobos: “Die massiven Begeisterungsclubs sind gestorben, wie das Frankfurter ‘Omen’. Die Leute sind aus Begeisterung hingegangen, das ist vorbei.”
Dennoch besteht Villalobos darauf, dass ein Angekommensein im ent-intensivierten Lounge-Modell, das natürlich immer auch mit einem Angekommensein in gesettelteren Lebensstilen und –praktiken zusammengeht, im Jahr 2000 nicht Bedingung für einen vorausweisenden elektronischen Sound ist. Der Ort der musikalischen Entwicklung ist der Floor. Es bleiben die Tanzpraktiken. Der Rückzug in die Wohnung, ins Studio ist keine Option: “Für mich ist das Allerwichtigste das Clubgefühl aus Bass und Rhythmus. Das nimmt dich komplett ein, du kannst einfach nicht anders als tanzen, weil die Töne und die Frequenzen so gut gesetzt sind. Das habe ich erlebt, wenn Heiko [MSO] und Ata von Klang/ Playhouse in Frankfurt gespielt haben. Jeder Produzent will das für sich besser hinkriegen.” Ein Track wie “808 the Bassqueen” funktioniert daher nicht als Schutzzonenhouse, als Begleitung einer fahrenden Stammheimzelle, die gesichert durch ein unentwirrbares Außen groovt. Diese Distanz kann nicht gewahrt werden.
Bei aller rhythmischen Gebrochenheit und stimmungsmäßigen Minimalität fallen Villalobos‘ Tracks nie auseinander. Immer können die auseinandergerissenen Rhythmen in eine permanente Bewegung gebracht werden. In der durchlaufenden Bassdrum echot der Exzess fordernde Floor. Welcher minimale, durch eine zehnjährige Percussionpraxis geschulte Überschuss ist in der Wüste Ibiza möglich, auch wenn das Agieren an diesen funktionalisierten Orten immer mit Kompromissen verbunden ist? “Es ist einzige Möglichkeit, das Percussion–Rhythmus Ding rüberzubringen. Ich kann von meiner Seite keine Hits spielen. Wenn, dann alte. Deswegen ist das Horror, gerade in Ibiza. Die Leute geben vier-, fünf-, sechstausend Mark aus und erwarten von jedem Beat ein Maximum an Groove, an LEISTUNG.”

Die Wiederkehr der Liebe an einem anderen Ort

Ricardo Villalobos lebt die hybride Künstleridentität, d.h. die Tatsache, intensive Verhältnisse zu mehreren Orten zu haben – in seinem Fall zu Chile (Welcher DJ hat einen Lieblingsclub in Südamerika?). “Hybride” sollte dabei nicht mit freien, postkolonialen Künstlersubjektivitäten verwechselt werden. Es meint gerade nicht eine transkulturelle, transnationale Kombinationsmöglichkeit von Identitäten. Und Villalobos besteht darauf, dass die mittlerweile auf verschiedene Weisen durchexerzierten Minimal-Techno/House-Konzepte Detroit eben nicht umgehen können: das Klanggeschehen muss aus den Zerfallsprozessen des industriellen städtischen Komplexes gefiltert werden. Aber nicht allein die Vertonung des Morbid-Städtischen als implizit politisches Statement eröffnet für Villalobos den Horizont Detroits. “Für mich ist Detroit eine Musik, in der die technischen Möglichkeiten auf die Rhythmik stoßen, die aus Afrika kommt. Die Rhythmen, genauso auch die Melodien, die zwischen der dunklen und hellen Welt liegen, können negativ oder positiv beeinflusst werden.” Aus welcher Richtung die diasporischen Rhythmen eindringen und dem Sound seine groovige Präzision verleihen, ist nicht mehr verifizierbar. Das gilt auch für den Stil Villalobos’, der sich der kulturalistischen Effekte der Percussionrhythmen entledigt, ohne die besonderen lateinamerikanischen Musikcodes zu negieren. Gerade darin liegt das anti-essentialistische Vermögen von Techno/House. Detroit könnte Santiago de Chile sein und doch niemals.
Villalobos ist es wichtig, ein Bild zu zerstören, nach dem Musiker in einem Land wie Chile nicht in der Lage seien, sich vom Sound der westlichen Metropolen zu emanzipieren. In Südamerika entwickeln sich Produktionsweisen und Kommunikationskanäle, die von einem imaginären Zentrum völlig abgeschnitten sind; z.B. mexikanische Audiosoftwareprogrammierer, die mit japanischen Hochschulen kooperieren.

Postmoderne Manufakturen

Ebenso wie an Chile, Detroit oder sonstwo kein Ursprungsmythos geknüpft werden kann, will Villalobos nicht auf Frankfurter Zusammenhänge reduziert werden. Bei allen über viele Jahre gewachsenen Verbindungen und Verbindlichkeiten in Darmstädter und Frankfurter Szenen, die sich heute u. a. um den Ongaku-Labelkomplex (Ongaku, Klang, Playhouse) organisieren, würde er sich doch nie als Teil einer Familie sehen. Villalobos besteht vielmehr auf das “Gegenmodell des “rumstreunenden Musikers”. Es gilt, den Ort der Produktion privat zu halten und nicht in Aufträgen zu arbeiten: “Ich produziere und verteile dann die Musik. Ich habe noch nie für ein Label Musik gemacht. Auch weil es ein Wahnsinnsdruck wäre, praktisch den Erwartungen gerecht zu werden.” Der primäre Kanal zur Öffentlichkeit ist das DJing, die Musikproduktion ist beinahe privatistisch. Ausschließlich auf einem Label zu veröffentlichen, hieße für Villalobos Erwartungen zu produzieren, die die Produktion blockieren könnten. Gegen einen Technodiskurs, der trotz der Dogmen von Anonymität und Entpersonalisierung doch durch zentrale Figuren wie Väth oder Mills organisiert ist, entwickelt Villalobos das Modell der Duo-Kooperation. Ebenso arbeiten seine Lieblinge Bell, Ford oder Weatherall mit “minimierten” Autorenpositionen: sie werden wie im Falle Bells nur selten sichtbar, sind Akteure im Rahmen eines sich um Labels und Studios organisierenden Kollektivs (Ford) oder haben wie Weatherall generell ein sehr relaxtes Verhältnis zu ihrer Produktion.
Villalobos ist einer der wenigen aktuellen Produzenten, dessen Musik nicht mehr durch die House/ Techno-Unterscheidung organisiert ist. Durch subtile und minimale Verschiebungen setzen Villalobos Sets und Tracks einen Moment frei, der die ausstehende Entscheidung offen lässt: “Mimimale Musik stößt etwas ganz isoliert an, ideal für einen völlig durchgedrehten Zustand, in dem du gar nicht mehr weißt, wer du bist, wer dein Vater ist.” In dieser immanenten Perspektive übersetzt Villalobos musikalisch die irren diffusen Zustände alltäglicher Fragmentierung in die Zonen möglicher Verwandlung. Ein Hauch von Freiheit, in dem plötzlich alles möglich zu sein scheint. Sometimes it’s all about!

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.