Der Feind der Party ist der Break und der Freund von Richard Bartz der Strom. Voller Handwerkerstolz strotzt sein Album bei Gigolo von Analogität und gebratzten Basslines und haut mit subtilen Verschiebungen und Verdichtungen auf die Pauke.
Text: Felix Denk aus De:Bug 82

Sandburgen aus Strom
Richard Bartz

”Den Bass rausnehmen, ist ein irre physikalischer Vorgang“, erklärt Richard Bartz und wird ganz ernst dabei, ”gerade auf einem großen Floor. Weißt du, was da passiert? Dann ist erstmal Pause! Die Leute hängen ja an der Bassline. Die ist wie eine Perlenkette, an der sie so durch die Party gehen (hangelt sich an einer imaginären Schnur durchs Zimmer). Das kann man eigentlich gar nicht machen, dass man den Bass rausnimmt!“ Schon überzeugt, man kann das nicht machen. Die Kickdrum muss marschieren, und zwar immer. Sie ist der Pulsschlag, die Bassline, die Arterie – ein hochsensibler, lebenswichtiger Bereich. Der Break dagegen ist der Feind – die Leute könnten von der Tanzfläche an die Bar gehen oder, schlimmer, nach Hause. Also den Bass immer drin lassen? “Ganz klar! Weiter, immer durchschieben und weiter verändern. Da gebe ich auch mein Bartzsches Gütesiegel, dass solche Tracks hundertprozentig funktionieren!“

Rückblende, die frühen 1990er-Jahre: Richard Bartz, damals noch Teenager, veröffentlichte auf Disko B Platten mit der rabiatesten 909 Kickdrum, die jenseits der Chicagoer Southside ins Vinyl gepresst wurde. Wenn seine Tracks liefen, mutierten Clubs zu Sträflingsgaleeren und TänzerInnen zu angeketteten Ruderern. Erlösung von der pumpenden Sklaverei gab es höchstens, wenn der Acid Scout live auftrat und die Anlage mit seinem tieffrequenten Druck wieder einmal zugrunde richtete. Im Tresor wurde er schon lange nicht mehr gesehen. Weil sich Intensität aber nicht nur in Härte ausdrückt und das menschliche Bewegungszentrum in der linken Hirnhälfte und nicht in den Hüften angesiedelt ist, haute Bartz nicht nur mächtig auf die Pauke, sondern bastelte an subtilen Verschiebungen und immer neuen Verdichtungen in seinen Tracks.

Diesen Faden nimmt Richard Bartz auch auf seinem neuen Album auf Gigolo Records wieder auf und verknetet das Brachiale mit dem Feinen. “Midnight Man” wurde entsprechend eine konsequente, zwingende Platte – psychedelische Wertarbeit, die die Klarheit eines klassischen Chicago-Entwurfs mit Versatzstücken synthetisch-schriller Italo-Disko kombiniert. Dramaturgien werden immer weitergesponnen, noch einmal verdreht und verzogen, um vielleicht neue Steigerungsmöglichkeiten aus den Tracks herauszukitzeln. Das eigene Gütesiegel ist verinnerlicht und der Dancefloor gerät dazu außer Atem.

ERTÜFTELTE AUTORENSCHAFT
”Ich bin mehr so ein Tüftler, so ein Synthie-Freak, mehr als ich ein Produzent wäre“, erklärt Bartz seine Arbeitsweise. Vom Computer macht er kaum Gebrauch, auch wenn ein Laptop als Loop-Player mittlerweile bei Live-Auftritten dabei ist. Seine Liebe gilt der Hardware, deren Vorzüge er auch dem Laien gerne vermittelt: ”Hier der RSF zum Beispiel: Der schwingt, der läuft. Einen stehenden Ton kann man sich stundenlang anhören, weil da ganz viel passiert – da läuft Strom durch das Gerät, so richtig!“ Dabei ist der Synthie-Freak aber kein Synthie-Sammler. Sein Equipment ist überschaubar, neue Geräte eher rar. Als Optimierer sucht er nach immer neuen Möglichkeiten, um dabei gleichzeitig noch analog zu bleiben. ”Für mich ist das dann immer so eine Weltmeisterschaft, hier noch mal drücken und dann da“, beschreibt er den Produktionsprozess und fuchtelt dabei anschaulich mit den Händen. Ehrensache, dass auf Midnight Man alles selbst gespielt ist. Nur drei Vokal-Samples seien auf der ganzen Platte zu finden, meint Bartz mit Handwerkerstolz.

Eigentlich wäre ein Album ein schönes Finale für Kurbel gewesen, Bartz’ eigenes Label, das er Anfang des Jahres eingestellt hat. Aber so ein Projekt hätte die Kapazitäten des Ein-Mann-Betriebs deutlich überschritten. In seinem Forscherdrang blickt der umtriebige Track-Ingenieur nicht zurück. Bei all den ungedrückten Knöpfen und noch ausstehenden Schaltungen interessiert das Vergangene nicht so sehr: ”Als Kind hat man ja auch oft eine Sandburg gebaut und ist danach mit dem Fuß reingestiegen und hat dann wieder von vorne angefangen.“ Das Bauen ist das Coole, das was man mal gebaut hat, ist dann schon nicht mehr so interessant. Sentimentalität fließt wohl nicht durch die Schaltkreise. Ein neues Label ist geplant, sogar schon ”extrem konkret, aber ich lass da nichts raus!“ Bartz freut sich über die Nachfrage, weil er noch entschiedener auf Geheimhaltung bestehen kann. Um die Spannung zu steigern, verrät er aber, dass die neue Plattform ein reines Autorenlabel sein wird, auf dem nur eigene Produktionen erscheinen werden, so wie das bei Kurbel anfangs gedacht war.

”So etwas hätte es halt auch werden können“, meint Richard Bartz und spielt Stücke vor, die DJ Hell nicht für das Album ausgewählt hat. Ein ziemlich rockiger Track ist dabei, andere Nummern sind etwas weniger düster als die auf Midnight Man. Bartz lobt den guten Riecher vom Gigolo-Chef und fügt an, dass natürlich immer etwas anderes herauskommt, als man denkt. ”Erst mach ich den Soundtrack, dann übernimmt jemand anderes das Drehbuch. Schließlich wird das Ganze zu einem Gigolo-Film umgeschnitten. Befremdlich ist, dass ich mich manchmal nicht mehr so genau erinnern kann, wie ich das eigentlich gemacht habe.“ Ist ja auch nicht so wichtig, neue Sandkästen warten überall auf Bebauung mit Gütesiegel und solidem Bass-Fundament.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Felix Denk aus De:Bug 18

In Bed with Richard Bartz Ein Junger Herr und ein alter Hippie Felix Denk superfelix@iname.com In gewisser Weise hat Richard Bartz eine Techno-Bilderbuchkarriere hingelegt. Schon mit 16 Jahren begann er elektronische Musik zu produzieren. Schlüsselerlebnis und Initialzündung hierfür waren die Ultraworld Parties in München, Vorläufer des heutigen Ultraschall. Von der Musik, die da lief, beflügelt, begann Bartz im Tonstudio seines Bruders herumzuexperimentieren, und so kam es, daß er schon mit 17 sein erstes Release auf DJ Upstarts Disko B Label verbuchen konnte. Als Acid Scout wird Bartz zu einem international berühmt – berüchtigten Live Performer. Auf Disko B erscheinen zahlreiche Releases, darunter die LPs “Safari” und “Melodien für Millionen”. Lange ist er der Produzent in DJ Hells Schatten. 1995 gründet er sein eigenes Label Kurbel, daß sich schnell als Basis für qualitativ hochwertige Technotracks und perfekte DJ Tools etabliert. Im Jahr 1997 war es dann etwas stiller um Richard Bartz. Er absolvierte weniger Auftritte, kaum neue Platten erschienen, und obendrein wurde das Acid Scout Projekt auf Eis gelegt. Was in dieser Phase entstanden ist, trudelte in den letzten Wochen in den Plattenläden ein: Zwei neue EPs, eine auf Disko B, eine auf Kurbel, die stilistisch vielfältiger und gereifter klingen, ohne jedoch die Eckpfeiler seiner Klangästhetik zu unterwandern. Als ich Richard Bartz in Berlin beim Soundcheck treffe, ist er etwas muffig. Beim Transport seiner 909 im Flugzeug hat sich dank des ruppigen Fluglinienpersonals die Batterie gelöst und seine gesamten Drumpatterns aus dem Speicher gelöscht. Sowas gehört wohl zum Produzentenalltag. Am Wochenende wird man in die Stadt XY geflogen, wird zur Partylocation gefahren, dann kommt Geräte aufbauen, Soundcheck machen, weiter ins Hotel fahren, langweilen, später auf der Party spielen, Geräte wieder abbauen, ins Hotel zurück und am nächsten Tag übernächtigt nach Hause fliegen. Da muß man natürlich das beste daraus machen. Also, vom Soundcheck ins Hotel, Glotze an, Bier aus der Minibar, Füße hochlegen, im Bett chillen. Und auf dem riesigen Doppelbett hat der Interviewer auch noch Platz. Also, Mikro an. Debug: Mit 10 Jahren Acid House gibt es ja momentan ein Jubiläum zu feiern. Die 303 ist ja auch zurück… Bartz: Ist sie das? Debug: Ein bißchen schon, oder? Bartz: Hab ich nicht mitgekriegt. De:Bug: Auftrieb beispielsweise, oder die neue Hardfloor spiegeln ja einmal sehr abstrakt, einmal total mimetisch den Acidsound wider. Bartz: Schwierig. Den Acid Gedanken, dieses Verrückte, extrem Abstrakte (die 303 ist ja tonal gesehen ein abstraktes Musikinstrument) gibt es ja schon lange in der Musik. Der Name Acid Scout ist ja aus dieser Zeit, als ich 17 Jahre alt war. Jetzt bin ich 23 und ein junger Herr (lacht). Aber, was ist aus Acid geworden? Ich habe auch mal eine 303 besessen, aber nach einer Zeit forscht man immer weiter, und nimmt sich immer kompliziertere Geräte vor, die weitaus komplexere Töne von sich geben. Acid war ja auf diesem fiepsigen Ton gegründet, aber der bedeutet ja nichts, wenn du vor riesigen Synthies sitzt. Ich bin im Moment eher polyphon und arbeite jetzt viel mit Akkorden. Das geht weg von Acid, was mehr so monophone Disko ist. Aber, um die Sache zusammenzufassen, ich glaube die 303 ist viel zu simpel heutzutage. De:Bug: Der Begriff ÒSound of MunichÒ ist ja in letzter Zeit zu einem geflügeltem Wort geworden. Gibt es sowas, und wenn ja, was ist das eigentlich? Bartz: München stand immer schon für abstrakten Techno der härteren Gangart. Mit Ausnahme der Compostleute vielleicht. Sound of Munich ist eigentlich eine heftige Aussage, ich selber habe die nie getroffen, aber irgendwie gibt es das schon. Und ich selber repräsentiere München auf meine Art und Weise. Schon bei Gorgio Moroder gab es eine Szene. Dann aber erst seit ’92 wieder. In den 80ern war in München nicht allzuviel los mit elektronischer Musik. De:Bug: Mit Kurbel hast du ja schon seit einiger Zeit dein eigenes Label. Wie kam es denn eigentlich dazu? Bartz: Das hat damit angefangen, daß der Upstart meine Platten zu spät rausgebracht hat und es immer endlos lang dauerte bis diese ganzen Absegnungs- und Selektionsprozesse bei Disko B. beendet waren. Der Upstart ist sehr gründlich, da wird alles gut vorbereitet. Es gibt ein aufwendiges Artwork und so weiter. Das war mir nie wichtig. Mir gehts halt um die Rille, neue Tools für Djs mit neuem Sound, neuen Ideen. Letztes Jahr hatte ich einen Break, wo ich überlegt habe, wie es jetzt weitergehen soll. Da bin ich dann daraufgekommen, daß ich ruhigere und positiv getunete Tracks machen werde. De:Bug: Das hört man ja vor allem auf der Evolution Revolution recht deutlich. Bartz: Aber auch die Traveler soll das vermitteln. Durch meine Kindheit war recht viel Druck da, der sich auch auf den ersten Releases gespiegelt habt. Das ist auch eine Verarbeitung gewesen. Jetzt bin ich 23 und dann findet man sich selber auch und soetwas wie dein “wahres” Ich kommt langsam raus. Vorher ist man noch so wahnsinnig befangen, läßt sich beeinflußen. Irgendwann kommt dann aber raus wer man wirklich ist. De:Bug: Die ersten Kurbelreleases waren ja nur von dir selbst. Sollte Kurbel ein Label nur für deine Releases werden, oder war das schon als Plattform für verschiedene Artists gedacht? Bartz: Erst war geplant, daß ich nur meine eigenen Sachen rausbringe. Aber dann haben sich illustre Gestalten dazugesellt, mit Tracks, die mir gut gefallen haben. Ich bin auch nicht so ein tougher, der jetzt wirklich genau bis zum Ende plant, sondern eher ein Fähnlein im Wind. De:Bug: Läuft so etwas dann auf Austauschbasis? Bartz: Ja. Das war mehr oder weniger Austausch. Die Jungs haben sich sehr bemüht, warum soll ich mich da nicht auch bemühen. Im Moment ist es ja eh schon sehr schwierig. Ich selber kümmere mich nicht um Artists, wie andere Labels. In der Labellandschaft läuft es eh nur noch auf Exchange raus. Jeder der einigermaßen gut ist, hat auch sein eigenes Label. Für eine multimediale Gesellschaft ist das ganz normal. Heute ist jeder irgendwo Patchworker. Jeder der einen Computer hat kann Grafik bedienen, kann Filme machen und drucken lassen. Das ist auch wichtig, die Sachen so schnell wie möglich unter die Leute bringen, weil Techno schnellebig ist, und Ideen schnell geklaut werden. Autechre beispielsweise, die Musik würde ich jetzt mal als Speedelektro bezeichnen, machen etwas neues und das bedeutet einen kurzern Innovationsvorsprung, den greifen aber ganz schnell andere auf und es wird zum Mainstream. Es ist jetzt ein krasses Beispiel. Bei anderen Artists sind das dann winzige Nuancen in ihrer Entwicklung, die danach alle benutzen. Hat jemand einen Schlüsselreflex gefunden, schon greifen es alle auf. Techno mit heavy Basslines, die ja im Prinzip nur bei Drum and Bass benutzt werden z.B. Das macht einer, und in kürzester Zeit wird das breitgetreten. Darum ist es wichtig, daß die Sachen schnell rauskommen. Und daß deine White Labels nicht ein halbes Jahr rumgammeln. De:Bug: Würdest du dich eigentlich als Minimalisten bezeichnen? Bartz: Reduktion ist die Essenz. Je reduzierter, desto besser. Im Grunde bin ich ein bombastischer Minimalist. Ich versuche den größten Bumms aus dem geringsten Equipment herauszuholen. De:Bug: Im Zusammenhang mit dem Kölner Sound wird manchmal von der Strategie der “Enteuphorisierung der TanzflächeÒ gesprochen. Weniger akademisch ausgedrückt, könnte man so eine Haltung als Abfahrtsverweigerung bezeichnen. Wie stehst du mit deiner Musik dazu? Bartz: Im Prinzip ist meine Musik eine Dauerabfahrt, wobei die Abfahrt selbst der DJ interpretieren soll. Bass raus, rein, Höhen usw. Wenn ich Tracks mache, dann bin ich in meiner eigenen kleinen Welt und schalte voll ab. Und je nachdem wo ich ankomme ist dann das Produkt, das auf die Platte kommt. Abfahrt ist ja auch kein schönes Wort… De:Bug:…deswegen sag ichs ja. Bartz: Jaja. Ich würde meine Musik eher als extrem hypnotisch bezeichnen. Der Four To The Floor Beat hat ja auch etwas wahnsinnig meditatives. Ich weiß auch nicht warum, aber Elektro wird mir selber schnell zu nervös. Ich suche dann lieber nach diesem meditativen Moment. Da ist eine Bassline, die ist noch total undefiniert, und ich geh da rein, hab Lust zu forschen und Bassline Grooves zu machen. Manchmal denke ich mir dann, vielleicht lasse ich die Bassdrum ja mal raus. Das geht aber nicht, weil ich dann wieder diesen meditativen Kick brauche. Den Punch, an den ich mich dranhängen kann. Meine Musik hat ja an sich eine enorme Geschwindigkeit, 133 Bpm ist ja schon eine Menge, klar, du kannst jetzt nicht dabei einschlafen, aber wenn du mal drin bist, dann ist das Ganze schon auch ruhig und in gewisser Weise meditativ. Vielleicht bin ich ja einfach auch ein Hippie. De:Bug: Ein junger Herr und alter Hippie? Bartz: Jaja (lacht). ZITATE: Im Grunde bin ich ein bombastischer Minimalist. Heute ist jeder irgendwo Patchworker Da muß man natürlich das beste daraus machen Ich bin im Moment eher polyphon

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