Wenn KRS One sein Rappen als Edutainment bezeichnet, könnte man Saul Wurmans Arbeit Edugraphics nennen. Mit seinen Grafiken bringt er komplexe Inhalte auf einfache Metaphern. Damit ist er seit 44 Jahren so erfolgreich, dass er heute als einer der wichtigsten Impressarios des Informationsdesigns gilt.
Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 95

Newport, nicht Memphis
Der Informationsarchitekt Richard Saul Wurman

Man erzählt sich, fast jeder Amerikaner hätte ein Buch von Richard Saul Wurman im Schrank. Mit 26 machte er sein erstes, mit fast 70 sein 81. Buch. In seinen Büchern lebt Wurman seine Passion: Information verständlich darzustellen. Er will Zugänge schaffen, Beispiele geben, das Komplexe vereinfachen. Seine ACCESS Reise- und Städteführer, die er Mitte der 60er zu entwickeln begann, machten es auf einmal möglich, Orte und Gebiete nicht nur chronologisch nach Rubriken, sondern bezogen auf den jeweiligen Standpunkt zu erkunden. Er erfand also das, was heute in jedem Reiseführer Standard sein sollte: Farbleit- und ortsbezogene Orientierungssysteme. Die ”ACCESS Guide“-Reihe wuchs in den folgenden Jahren um einige Gebrauchsanweisungen für verschiedenste Lebensfragen, vom Sport bis zur Geldanlage. Der an der amerikanischen Ostküste in Newport, Rhode Island lebende Wurman war auch der erste, der in den 90ern mit dem USAtlas, einem Straßenatlas, die USA mit einem für jeden Reisenden direkt anwendbaren Raster vermaß. Jede Rasterzelle maß dabei 50 Meilen und entsprach somit der durchschnittlichen (Auto-)Reisegeschwindigkeit in einer Stunde (bei 55 Meilen Geschwindigkeit). Durch einfaches Addieren der Rasterzellen konnte nun jeder sehr einfach in den ausgedehnten ländlichen Bereichen seine Reisedauer errechnen.

Sein Mantra des “Design of Understanding” weitete er in den 2000ern auf die ”Understanding“-Büchereihe aus, erklärenden Sach-Büchern, die unter Mithilfe von Designern wie Clement Mok und Joel Katz entstanden. Understanding America, Understanding Healthcare und Understanding Children sind dabei ebenso einer anschaulich erklärenden “amerikanischen” Didaktik verpflichtet, die wenig Basiswissen voraussetzt, wie man es vom Grundtenor aus der Sesamstraße kennt.
Sein didaktischer Ansatz besteht dabei darin, Werte und Größen im Vergleich von Verhältnissen darzustellen – und diese in erklärende, realitätsnahe Metaphern zu transformieren. Maßstäbe werden “an das Leben angelehnt” dargestellt, um komplexe Zusammenhänge in Einzelschritten und Ebenen zu erklären. Bei Wurman gibt es keine komplexen Erklärungsmodelle. Wurman abstrahiert zur Einfachheit, zum einfach und schnell erkennbaren Informationsmuster. Infografik ist dabei sein zentrales Werkzeug. Jede Farbe, jedes Muster, jedes Element und jede Größe hat dabei eine Funktion und ist verbunden mit einer Bedeutung. Dabei ist Wurman eigentlich Architekt und kein Designer. Form als Ornament und ohne Funktion hat für ihn keinen Wert. Mit fast 70 Jahren ist Richard Saul Wurman ein Impressario des Informationsdesigns. Die Sprecher auf seinen Designkonferenzen, seiner zweiten Passion, lesen sich wie ein interdisziplinäres Who is who der intellektuellen Kreativszene. Auf dem nächstes Jahr stattfindenden “Entertainment Gathering” werden sich Nicholas Negroponte, Gründer und Direktor des MIT, Architekt Frank Gehry und Herbie Hancock wie selbstverständlich das Mikro in die Hand geben. Sofern sie der Meister zu Wort kommen lässt.

Herr Wurman, welche Charaktereigenschaften muss man mitbringen, um Informationen verständlich zu erklären?

Richard Saul Wurman: Es geht in erster Linie darum, seine eigene Dummheit zu akzeptieren. Ideal ist eine Kombination aus Dummheit, Interesse und Neugierde. Diese Kombination ist der Grundbaustein für all meine Projekte, für meine 81 Bücher und 25 Konferenzen. Alles entstand aus dem Bedürfnis, etwas zu verdeutlichen, das ich bisher nicht verstanden hatte.

Wie haben Sie damit begonnen?

Wurman: Ich bin siebzig, also doppelt so alt wie Sie. Als ich so um die zwanzig Jahre alt war, hatte ich eine Erleuchtung, einen Moment der Wahrheit. Ich hatte begriffen, dass ich nichts verstehe. Dann wurde ich zu einem Zen-artigen Taschendieb. Ich hatte mir geschworen, nur Dinge in meine Taschen zu stecken, die mich interessieren und die ich mir selber erklären könnte – nur mir selber und nicht anderen, denn eigentlich interessiere ich mich nicht für andere. Alles, was zählt, bin ich. Doch so eine Aussage fassen die Leute heutzutage nicht besonders positiv auf. Der Hauptgrund dafür mag sein, dass viele heute versuchen, auf die Öffentlichkeit zu reagieren. Es ihr recht zu machen. Aber ich scheiße auf die Öffentlichkeit. Da ich aber nicht so clever bin, ist es nicht nur für mich verständlich geworden, sondern auch für viele andere Menschen.

Sie werden in einem Atemzug mit dem Begriff des “Information Architect” genannt.

W: Ich habe diesen Begriff erfunden.

Wie notwendig ist es, Kompetenzen und Disziplinen generalistisch anzuwenden?

Wurman: Man muss die Wahrheit sagen. “Hey, wie geht’s?” oder eine ähnliche Floskel sind Beispiele dafür, wie man nicht die Wahrheit sagt, weil bei den Fragen die Antwort gar nicht interessiert. Es interessiert uns erst mal einfach nicht, was dieser Mensch zu sagen hat. Und nebenbei wird diese Frage auch nicht wahrheitsgemäß beantwortet werden. Dies ist eine Kommunikationssituation, in der es nicht um die Wahrheit oder um Informationen geht. Es ist also als “Information Architect” unerlässlich, die Wahrheit zu sagen und danach zu fragen. Das ist das Talent, das man haben muss, um einem anderen Menschen etwas verständlich zu machen. Man muss verstehen, wie es sich anfühlt, nichts zu verstehen. Außerdem mag ich den Begriff “Information Designer”nicht sehr. Ich muss es manchmal benützen, aber ich finde es nicht treffend. Etwas zu “designen” bedeutet für die meisten Menschen, etwas besser aussehen zu lassen, als es eigentlich ist. Darum geht es aber nicht. Man soll etwas besser machen. Es ist die leere Tasche, die es dir erlaubt zu beginnen. Es geht immer zuerst um folgende Frage: Wie genau macht man Informationen verständlich? Und mit welchem Medium? Leider sind die meisten Grafikdesigner oft der Meinung, dass alle Probleme, wie auch immer sie aussehen mögen, mit einer Grafik zu lösen sind. Das ist aber ein großer Fehler. Manchmal erreicht man mit Worten oder einem kurzen Vortrag mehr. Manchmal macht auch ein Foto alles klarer. Oder man findet in der Kombination der verschiedenen Medien die optimale Lösung. Es gilt also, für alles offen zu sein.

Welche Methoden und Strategien nutzen Sie?

Wurman: Ich nutze den Anfang. Ein Universitätskollege begann seine Vorträge immer mit den Worten: “Beginnings. Beginnings. Beginnings. Beginnings. I love beginnings. And I love beginnings.” Es geht um den speziellen Moment, in dem man diesen Terror erlebt, dieses vollkommene Unwohlsein, das einen überkommt, wenn man von einem Thema keine Ahnung hat und nicht weiß, wo man anfangen soll. Was will man als erstes wissen? Wie lautet überhaupt die Frage? Ich glaube an Fragen … viel mehr als ich an Antworten glaube. Es geht einfach darum zu überlegen, was man wirklich tun will, um das “Was will ich erreichen?“ und nicht um das “Wie kann kann ich es erreichen?“. Die Antworten zu finden ist der leichteste Part am Ganzen.

Herr Wurman, gibt es Projekte, die Ihnen misslungen sind?

Wurman: Oh ja. Alles, was ich bisher getan habe, ist auf irgendeine Art misslungen. Nichts von dem, was ich bisher gemacht habe, versetzt mich in Ekstase. Ich habe 81 Bücher gemacht und bin der Meinung, dass viele davon misslungen sind. Einige machen allerdings Sinn, das heißt aber nicht, dass sie perfekt sind. Es gibt ein Buch, das die Leute wirklich lieben: “Understanding America“. Mindestens die Hälfte des Buches ist aber totaler Mist.

Was macht Kartengestaltung aus?

Wurman: Das Prinzip einer Karte ist “Graphic Design that performs“. Die größte Herausforderung besteht darin, dass zunächst nur eine Informationseinheit mit einer visuellen Abbildung in Übereinstimmung gebracht wird. Es ist graphisches Design, das dir absolute Klarheit verschaffen soll. Es geht nicht darum, ob es gut aussieht. Eine schlechte Karte ist schlecht, wenn sie nicht funktioniert. Das liegt doch auf der Hand. Und genau das sollte man auch diesen fürchterlichen Designern sagen, die gerne Buchstaben zerstückeln. Sie haben versagt, wenn man die von ihnen gestalteten Informationen nicht lesen kann.

Was sind die häufigsten Fehler im Kartendesign?

Wurman: Es gibt viele Fehler, die zu einem Desaster führen können. Viele denken, dass die Karte umso besser wird, je mehr darauf eingezeichnet ist. Jede Informationseinheit auf einer Karte ist aber mit einer anderen verknüpft. Je mehr Informationseinheiten man also abbildet, desto mehr Beziehungen gehen diese Einheiten miteinander ein. Das Muster der Verknüpfungen wird damit zu komplex, um noch verständlich zu sein. Karten müssen subtil funktionieren. Es sollte Karten für verschieden Zwecke geben, jede mit wenig visueller Information. Die wichtigen Informationsmuster müssen klar werden..

Dosieren und reduzieren

Wurman: Viele denken, dass die Farbe mit der Größe eines Objekts zu tun hat. Doch Farbe hat nichts mit der Größe zu tun. Es zeigt den Typ, die Kategorie an. Wechselt also die Farbe, zum Beispiel von Dunkelgrün zu Hellgrün oder von Dunkelrot zu Hellrot, dann macht das keinen Unterschied, weil sie einfach eine andere Kategorie darstellt. Das ist die Basis der visuellen Kommunikation. Es geht zuerst darum, dass Elemente, die in einer Karte sehr klar herauskommen, alle aus bestimmten Gründen eingesetzt werden: die Farben, die Zonen, die Größe einer Zone. Es gibt diese drei Grundformatierungen. Man kann Informationen nur auf fünf verschiedene Arten strukturieren.

Das L.A.T.C.H.-System

Wurman: Ja, örtliche (Location), alphabetische, zeitliche (Time), kategorische (Category) oder hierarchische Strukturierung von Informationen. Ein großes Problem, das wir haben, ist, dass die Technologie mit graphischen Interfaces und Displays verknüpft ist. Das erlaubt es zunächst alles darzustellen. Jede Möglichkeit wird ausgeschöpft. Wenn Sie also zum Beispiel eine Karte aus dem Internet herunterladen, dann werden Sie merken, dass diese Karten oftmals viel zu kompliziert sind. Zu viele Farben. Zu viele Informationen. Diese Karten zeigen nicht die groben Anhaltspunkte auf, die helfen würden, das Ziel zu finden. Man will damit nur zeigen, dass man all diese Dinge verwirklichen kann. Das ist sehr typisch.

Und die besten Karten?

Wurman: Sind die, auf denen man sofort das System, das Informationsmuster erkennt. Eine der einfachsten Karten besteht aus zwei gekreuzten Linien in einem 90-Grad-Winkel. Dann markiert man irgendwo auf einer Linie einen Punkt. Das Kreuz stellt den Ort dar, an dem man sich befindet, und der Punkt ist das Ziel. Meiner Meinung nach sind Karten ein Ausdruck und ein Beweis dessen, dass alles eine reale Verortung hat. Karten schaffen Orientierung und auf diese Weise mehr Realität, da sie den Menschen eine Vorstellung von Orten und Dimensionen geben. Titelseiten von Zeitungen und die Nachrichtensendungen sollten mehr mit erklärenden Karten arbeiten. Schlicht und einfach, damit klar wird, was, wo und wie etwas stattfindet.

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Elektronische Lebensaspekte.

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