Der Kanadier Richie Hawtin aka Plastikman hat gerade den 10. Geburtstag seines Labels Plus 8 gefeiert. Jetzt feiert er die Markteinführung der DJ Software "Final Scratch", an deren Entwicklung er mit John Aquaviva beteiligt ist. Und präsentiert ein neues Album, das den Weg vom analogen zum digitalen DJ, den die Software einleitet, vorwegdenkt.
Text: ulrich gutmair aus De:Bug 51

Zukunft des DJs

Die Zukunft des DJs
Richie Hawtin zwischen DJ und Produzent

Ohne Disziplin geht gar nichts, Funk war immer schon ein anderes Wort für Disziplin. Dass Richie Hawtin in den Neunzigern zum Jimi Hendrix der 303 ausgerufen wurde, hatte zwar eine gewisse Logik, schließlich ging es in der allgemeinen Euphorie erst mal um Ekstase, Entgrenzung, Durchdrehen. Der Reiz an solchen Vergleichen liegt aber wohl eher in der Differenz, die sie nonchalant überwinden: Zwischen Hendrix und Hawtin liegt sie im Interface.
Um eine 303 zu programmieren, braucht man im Prinzip nur einen Zeigefinger. Und es ist völlig egal, in welchem psychosomatischen Zustand sich Richie Hawtin alias Plastikman befunden hat, als er einen seiner frühen Plus-8-Tracks programmiert hat. Die robotische Disziplin, der diese Tracks den Dancefloor unterwarfen, war schon in den Schaltungen angelegt, die japanische Techniker vorher in kleine silberne Kisten eingebaut hatten.
Während man als Tänzer die Unterwerfung unter den Beat genießen kann, regiert den Produzenten die Selbstdisziplin der inneren Fabrik. Für seine neue CD “DE9 closer to the edit” hat Hawtin über hundert Tracks aus seiner aktuellen Plattenkiste, darunter Carl Craig, Baby Ford und Sergej Auto, digitalisiert und in ihre Bestandteile zerlegt. Eine mühsame Arbeit, an deren Ende 300 Loops standen, die Hawtin dann wieder zu einem Mix zusammenfügte und übereinander mischte. Lediglich digitale Effekte wurden eingesetzt, um den Mix runder zu machen. Wenn das Faszinierende an Techno immer schon die Tatsache war, dass der einzelne Track nichts, die Kommunikation von vielen Tracks, vielen Leuten und einem DJ alles ist, dann hat Hawtin mit “closer to the edit” diesem sozialen System jetzt ein Konzeptkunstwerk gewidmet, über dem man zuhause meditieren kann, das aber dennoch ein Fenster zum Club offen lässt.

Blick ins Mikorskop

Hawtin verschiebt die Idee des DJ soweit nach vorne, dass sie mit der des Produzenten zusammenfällt: Er mixt keine Tracks, sondern setzt ihre rhythmischen Atome neu zusammen. Der DJ wird zum Editor von “microcomponents” und kommt somit wieder da an, wo die frühen HipHop DJs mit dem Scratchen und Cutten von Tracks aufgehört haben, sagt Hawtin.
“Closer to the Edit” pumpt mit stetiger Geschwindigkeit vor sich hin, verändert sich dabei aber ständig mit immer neuen Mikroereignissen, die am Zeithorizont auftauchen. Manchmal kehren einzelne Sounds und Sequenzen zurück, um dann für immer zu verschwinden. Nahe am Edit herrscht eine elegante Form der Überraschung.
Hawtin, Sohn eines Robotikingenieurs aus Windsor, sozusagen der kanadischen Hälfte von Detroit, liebt Technologie, bevorzugt aber nicht unbedingt Hi-Tech. Auf die kreative Nutzung von sowieso überall vorhandener Technologie kommt es an. Für sein erstes Mixalbum “Decks, EFX & 909” kombinierte er in den frühen Neunzigern Plattenspieler mit Drumcomputer und Effekten.
In dieser Tradition unterstützen Hawtin und sein Partner John Aquaviva jetzt “Final Scratch”, sie nutzen schon länger Prototypen der Software, um “die digitale Lücke zu überbrücken” (Final Scratch siehe Seite 2). Gleichzeitig besteht Kreativität unter den Bedingungen uneingeschränkter digitaler Kopierbarkeit unter anderem darin, neue Technologien individuell einzusetzen.

Wenn sich die jeweils angesagten Sounds ohnehin in der digitalen Public Domain befinden und jeder über die neuesten Platten verfügen kann, arbeitet Hawtin seine Tracks eben im Flugzeug um, um sie abends exklusiv via “Final Scratch” in sein DJ-Set einzubauen. Auch wenn Hawtin kein Sympathisant von 0pen Source ist – schon aus Prinzip hat er bei allen Labels um freundliche Genehmigung für die Nutzung ihrer Mikrokomponenten gebeten – ist er doch für die restlose Demokratisierung der Produktion. Akribisch werden alle benutzten Programme aufgelistet. Für “closer to the edit” hat er unter anderem “Peak” und “Acid” verwendet. Dass “Acid” der Anfang vom Ende sei, weil damit jeder schnell und einfach Tracks produzieren kann, kann er als “Technology Artist” nicht nachvollziehen: Technologie ist da, um die Welt immer weiter zu optimieren, damit man sich dem nächst kleineren Detail unter dem Mikroskop zuwenden kann. Produzenten und Hörer sind immer näher am Edit und können immer kleinere Strukturen verstehen. Er nennt es “the discipline of listening”.

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Text: Sascha Kösch aus De:Bug 29

Techno/Minimal — Das Netz, der grosse Equalizer Concept-Company Sascha Kösch bleed@lebensaspekte.de Pech gehabt, Kapitalismus. Vor knapp einem Jahrzehnt gerade mal vom Credo einer selffulfilling Prophecy zu einer Tatsache süffisanter Weltherrschaft geworden, schon kommt die komplett “oute” kalifornische Ideologie nebst Neoliberalismus daher und gönnt dir keine Ruhepause. Falsche Welt aber auch. Gemein. Alles steht Kopf, und wer ist wieder mal schuld? Die Studenten, klar, und das Militär. Kurz, das Netz. Links wie rechts und erst recht in der Mitte ist das Leid gross. Und es bleibt trotzdem irgendwie alles beim alten. Klar macht Business müde. Manchmal, aber Richie Hawtin, der Controlfreak, liebt es. Er muss die Pläne für sich selber machen. Und sein Plan, das ist neben der Musik schon immer die Company gewesen. Das Zusammengehen von beidem. Infrastruktur und Content müssen für ihn immer zusammen verwaltet werden. Auch unterwegs, auf dem Laptop, von dem aus er, wenn er wieder mal ein Jahr wie 1999 hinter sich hat, die Firma, je mehr sie ihre Aktivitäten ins Netz verlegt, auch im Griff haben kann. “Produktion Nonstop”, der Traum eines jeden Kapitalisten, und “Abgabe der Produktionsmittel und Vertriebswege”, der Alptraum desselben. Für Richie Hawtin sind elektronische Musik und eine Menge andere Positionen in der Gesellschaft etwas, das sich getrennt gar nicht denken lässt. Einer der grossen Strategen und Konzepter in Techno, jemand, der schon immer sehr stark auf Logos setzte, aber auch auf Verbindungen. Klar, dass er sofort dabei war, als es darum ging, im Netz Präsenz zu zeigen. Und klar auch, dass es auf sehr professionelle Weise stattfand und das Musiker-Selbst sich dabei eben mitprofessionalisiert. Aber auch, dass man das in der Musik hört, so sehr, dass man ein Album wie seine neue DJ Mix CD, “Decks Effects & 909” wie ein Abfragen von Daten hören kann, (A1, B2, A2, B1), sie sogar ihre Relevanz genau aus diesem Punkt zieht, und dass die neuen ökonomischen Strukturen, die sich überall aufmachen, sich in dem Produkt, das man in der Hand hält, als Schallplatte, CD oder Chip, bemerkbar machen, bis hin zur Tendenz, das Produkt verschwinden zu lassen. Shipping Dates, das war gestern! Dabei ein Gleichgewicht zu halten, das auch Musik beinhaltet, ist Richie Hawtins Hauptinteresse. Ob es gelingen kann, bleibt abzuwarten. Die Zukunft ist alles andere als vorhersehbar. De:Bug: Deine Label M_nus und Plus 8 waren für mich immer sehr nah an den spannenden Bereichen neuer medialer Entwicklungen, wie z.B. Recordings On Silicon, oder auch Webdesign und Betalounge. Gibt es in dieser Richtung noch Projekte? Richie: Die ganze Idee von M_nus war ja, dass Leute mit Technologie kreativ sein können. Der Hauptfaktor dabei: Technologie bleibt ein Tool. MP3, Recordings On Silicon und andere Dinge, an denen wir im Netz arbeiten – ich nehme die immer mit auf meinem Laptop und arbeite auch von unterwegs an neuen Dingen und für die Company. Eines der neuen Dinge wird Clonk.com sein, das sich mit den Ideen des Broadcastens von elektronischer Musik befasst. Daran haben wir lange gearbeitet. Viele meiner Freunde arbeiten auch in verschiedensten technologischen Bereichen. Da sind neue Ideen selbstverständlich. De:Bug: Wo siehst du den Hauptimpact, den das Netz auf Musik hat? Richie: Es wird der grosse Equalizer werden. Technologie hat zunächst jedem erlaubt, in seinem Basement ein DJ zu werden, ein Musiker zu werden und ein Studio zu haben. Und jetzt kann jeder es auch zu den Leuten bringen. Alles ist upside down. Man muss kein Geld mehr haben, kein Instrument mehr spielen können und kann trotzdem eine ganze Firma machen. De:Bug: Wie kommst du auf die Idee, eine DJ-CD zu machen, mit sehr oldschooligen, fast schon erdig wirkenden Instrumenten wie der 909? Richie: Das sind die Dinge, die ich in den letzten zehn Jahren durchgängig benutzt habe, irgendwann ist es dann eben einfach komfortabel. Es ist Zeit, sich von ihnen loszusagen und neue Dinge auszuprobieren, auch wenn für mich Cutting-Edge nicht notwendigerweise mit Cutting-Edge-Technologie zusammenfällt, sondern eher etwas mit Ideen zu tun hat. Ich wollte das Medium der Mix-CD etwas weiter treiben, als mit ihm einfach nur ein DJ-Set abzubilden, das man ja eh nicht nachempfinden kann, weil sämtliche Eindrücke des Raums fehlen, die man z.B. im Club hat: der Schweiss, das Soundsystem, die Menschen, die Temperatur. All das geht verloren. Ich wollte zwar einfangen, was ich mache, aber etwas, das auch einen Bezug zu meiner Studioarbeit hat. Meine DJ-Auftritte sind ja auch Hybride. Das interessiert mich: Dinge zu tun, die dazwischenliegen. De:Bug: Das hat viel von einem Tool-Showoff. Richie: Ja, es hat aber auch viel mit Information zu tun und der Art und Weise, wie man sie kanalisiert. Die Konstruktion, das Editieren – das ist für die Zeiten, in denen wir leben, sehr relevant. Menschen arbeiten über die Collagierung von Soundbytes, Textbytes, Videobytes. De:Bug: Pläne… Richie: Es wird in Avignon eine Milleniumsfeier geben, nächstes Jahr, und ich darf den Soundtrack für einige Räume des Papstpalastes machen. Diese Soundinstallation wird die ersten Monate im neuen Jahr beanspruchen. Auch dort kann man Neues kennenlernen und expandieren. De:Bug: Wann glaubst du sollte Expansion aufhören? Richie: Vermutlich, wenn die einzelnen Teile so weit voneinander entfernt sind, dass man sie nicht mehr verbinden kann. Es muss immer einen Zusammenhang geben. De:Bug: Hättest du dir am Anfang von FUSE und Plus 8 jemals vorstellen können, was passiert? Richie: Nein, auf keinen Fall. Und wenn, hätte ich es vielleicht nicht gemacht. Deshalb sind vermutlich soviele Leute aus diesen Zeiten so bekannt geworden, weil sie keinerlei Vorstellung, aber auch keine Einbildung von Grösse hatten. Wir haben einfach gemacht, was wir machen, und dabei auch noch Spass gehabt. Musik. Darum ging es. Alles andere war egal.

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