Harmonien für die Ewigkeit
Text: Finn Johansson aus De:Bug 117


Vor knapp fünfzehn Jahren gründete Rick Wade mit Dan Bell in Detroit das Deep House Label Harmonie Park. Seitdem ist viel Wasser den Michigan River herunter geflossen. Dan Bell wurde als DBX berühmt und Rick Wade tauchte, wie auch sein Buddy Mike Huckaby immer mal wieder mit neuen Tracks auf der Bildfläche auf. Wie gerade mit seinen Maxis auf dem deutschen Label Yore.

Rick Wade stand wie sonst etwa Terrence Parker und Marc Kinchen für das Bestreben, sich Anfang der 90er mit House von der allgegenwärtigen Techno-Tradition in Detroit zu emanzipieren. In regelmäßigen Abständen landeten seine Tracks in den Fächern für die unbehauene Deepness und die kunstvollen Disco-Dekonstruktionen, die dann später über KDJ, Sound Signature oder auch Omar S flächendeckend fortgeführt wurden. Wade selbst hat seine Idee von House ohne nennenswerte Qualitätseinbrüche stets weiterverfolgt, und in periodischen Abständen scheint das Interesse der globalen Clubkultur seine Produktionen zu streifen, wie zuletzt bezüglich seiner EP “Night Of The Living Deep“ auf dem deutschen Label Yore. Und dann wird man sich erneut bewusst, dass diese Musik nur zu oft ein rechtmäßig erhebliches Maß an Ehrfurcht eingefordert hat.

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De:Bug: Man ordnet dich meistens in Detroit ein, aber du bist eigentlich in der Nähe von Chicago aufgewachsen?

Rick: Ja, ich zog während meines ersten Jahres an der Universität of Michigan in Ann Arbor zurück in die Gegend um Detroit. Aufgewachsen bin ich aber in einer kleinen Stadt mit 5000 Einwohnern namens Buchanan, Michigan. Es war sehr ländlich, viele Bauernhöfe und nichts zu tun. Es gab da nicht mal einen McDonald’s. Es war ganz schön langweilig.

De:Bug: Spielte das musikalische Erbe beider Städte eine Rolle für dich? Sowas wie Radioshows und musikalische Pioniere oder DJs und Clubs?

Rick: Das Gute an Buchanan war, dass es eine der letzten Städte an der Grenze zwischen Indiana und Südwest-Michigan ist, also nur ein Stunde von Chicago entfernt. Wir konnten also die ganzen Fernseh- und Radiosender Chicagos empfangen. Ich wuchs mit WBMX und ihren ganzen Mixshows auf. Ich liebte es, wie sie zwei Songs zusammenmixten, bis es wie einer klang, insbesondere die alten Disco- und Electrosachen. Ich wusste damals nicht einmal, was ein DJ ist, ich wollte nur Songs zusammenmixen. Ich ging in den Plattenladen und diese Songs waren nur als 12“ erhältlich, ich brauchte einen Plattenspieler und dann einen Mixer, um sie zusammenzubringen. Auf Partys hatte ich dann die Platten und die Turntables und so wurde ich fast automatisch zum DJ.

De:Bug: Und welche Unterschiede im Sound der Städte fanden sich dann in deiner Musik wieder?

Rick: Am Anfang meiner DJ-Karriere ahmte ich nach, was ich im Radio von Chicago hörte: sehr glatte, präzise Mixe mit ziemlich konsistenten BPM-Zahlen vom Anfang bis zum Ende. Dann zog ich nach Detroit. Wow! Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich den Wizard alias Jeff Mills hörte und mir dachte: “Mein Gott, so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört! Das ist unglaublich!“ Ich meine, er ging von House über HipHop zu Techno und alles, was dazwischen lag. Er spielte 16 Takte eines Songs und dann war er schon beim nächsten. Es war super! In dem Moment entschied ich mich, die Smoothness von Chicago mit der spontanen Dynamik von Detroit zu verbinden und so kam ich zu meinem DJ-Stil.

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De:Bug: Deine ersten Schritte als DJ hast du über Mixshows im Radio gemacht. Lohnt sich das noch oder hat es seine Wirkung verloren?

Rick: Leider ist das Zeitalter der House-Music-Mixshow im kommerziellen Radio hier in den Staaten vorüber. Es starb vor Jahren einen schrecklichen Tod durch die Machenschaften eines korrupten Militär-, Industrie- und Firmenkomplexes, der danach strebt, die amerikanische Bevölkerung uninformiert zu halten und unfähig, für sich selbst zu denken. Die Kontrolle der Massenmedien hier in den Staaten ist obszön, aber das ist ein Thema für eine anderen Ort und eine andere Zeit. Ich mache immer noch Mixshows, aber nur für mich, Freunde und Familie. Ich hatte eine Menge Angebote, meine Mixtapes zu verkaufen, und ich denke, ich werde mich mit diesem Aspekt auseinander setzen.

De:Bug: Wie siehst du denn den Übergang von herkömmlichen Radioformaten zu Webradio?

Rick: Ich denke, Webradio ist eine großartige Sache. Leider gibt es eine gemeinsame Anstrengung der großen Medienkonglomerate, Internetradio zu vernichten und jegliche Bedrohung für den überholten Status Quo der gesellschaftlich kontrollierten Sender zu eliminieren. Man wird sehen, was dabei herauskommt, aber ich stehe hundertprozentig hinter Webradio.

Chillen mit Dan und Mike


De:Bug: Du hast Harmonie Park 1993 gegründet. Wie kam es dazu?

Rick: Harmonie Park? Dan Bell und ich haben es damals gegründet. Zu der Zeit spielte ich Bass und Ghettotech in örtlichen Clubs in Detroit und Windsor und ich war auch der Assistent des Managers der Dance-Abteilung von Record Time, Mike Huckaby war der Manager, und ich war der Haupteinkäufer für den ganzen Bass- und R&B-Kram. Ich hatte eine gute Gefolgschaft als Bass-DJ und entschied mich, ein paar Bass-Tracks zu machen. Zur gleichen Zeit machte ich eine Menge House-Mixshows bei den Lokalsendern und als ich eines Tages ein Set zusammenstellte, gingen mir buchstäblich die Tracks aus, die ich spielen konnte. Im gleichen Moment hatte ich plötzlich eine Melodie im Kopf, “Nothing To Fear“, und ich dachte mir: “Ich wünschte, ich hätte eine Platte, die so geht …“ Da entschied ich mich, anstatt über Tracks oder deren Mangel zu nörgeln, selber aktiv zu werden und Tracks zu machen, die ich in meinen Mixshows spielen konnte. Also machte ich House-Tracks, nicht um sie auf einem Label zu veröffentlichen, nur für meine Mixshows. Eine Woche später chillten Dan und ich und hörten eine dieser Shows an und “Nothing To Fear“ fing an. Dan hörte es und meinte, es würde um Längen besser klingen als all die Bass-Tracks, an denen ich zu der Zeit arbeitete, und schlug vor, mich auf House zu konzentrieren. Nun, ich saß für eine Weile an dem und anderen Tracks und ging dann mit dem Material herum. Dan dachte, ich sollte es selber herausbringen. Er hielt mir ein wenig das Händchen und leistete Überzeugungsarbeit und wir starteten Harmonie Park mit “Late Basix Vol. 1“. Zur gleichen Zeit gingen die DBX- und Accelerate-Sachen von Dan ziemlich schnell durch die Decke und er musste sich mehr auf seine eigenen Sachen konzentrieren. Auftritt Mike Huckaby. Huck war von Anfang an eine große Hilfe, er war die Qualitätskontrolle und stellte sicher, dass die White Labels in die richtigen Hände gerieten. Also setzten sich Dan, Huck und ich zusammen und beschlossen, dass Huck und ich mit Harmonie Park weitermachen und Dan sich auf seine eigenen Sachen konzentrieren würde. Das ist die Kurzversion der Geburt von Harmonie Park. Ich verdanke sowohl Dan Bell als auch Mike Huckaby eine Menge, denn ohne sie wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht der Deep-House-Soldat, der jetzt vor dir sitzt. Zumindest nicht der, der seine House-Tracks mit der Welt teilt. Also Dan, wenn du das hier liest: Danke, haha!

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De:Bug: Hattest du damals bestimmte Vorstellungen, die du verfolgt hast?

Rick: Was das betrifft: Die Welt erobern und mit eiserner Hand regieren! Haha! Nein, Quatsch. Ich wollte nur positive Schwingungen in die Welt zurücktragen und die Möglichkeit haben, meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu können, was ich am meisten liebe.

De:Bug: Auf vielen deiner Veröffentlichungen treffen tiefe Klänge auf Disco-Einflüsse. Steht das für persönliche Vorlieben und willst du damit Möglichkeiten beider Genres ausloten?

Rick: Beim Produzieren von Tracks denke ich nicht wirklich darüber nach, Möglichkeiten auszuloten oder Grenzen zu erweitern. Aber ich habe einen guten Freund namens Anthony Hollis alias Kid Mesh. Haltet Ausschau nach ihm, er macht wirklich tollen, reinen Detroit Techno. Er sagte, meine Tracks würden in seiner Vorstellung danach klingen, wohin sich 70er-Jahre-Funk wie von Brass Construction oder Gil Scott Heron vielleicht entwickelt hätte. Haha! Ich liebe einfach Musik und ich mache, was ich gerne hören würde. Und da ich Disco und tiefe Akkorde liebe, macht es meiner Ansicht nach Sinn, dass eine Menge meiner Tracks Elemente von beidem verbinden.

De:Bug: Gibt es dabei eine Verbindung zu anderen Künstlern, die an Ähnlichem arbeiten?

Rick: Wir sind alle Freunde: Mike Huckaby, Theo Parrish, Kenny Dixon und ich. Nicht wegen der Musik, sondern weil es sich so ergeben hat. Ich meine, wir arbeiten an unseren jeweiligen Tracks und wir spielen sie uns gegenseitig vor, um eine andere Meinung zu hören, aber darüber hinaus hängen wir zusammen rum und reden nicht wirklich über das Musikgeschäft. Wir reißen nur Witze, spielen Videospiele und reden über familiäre Dinge.

De:Bug: Siehst du einen Einfluss oder eine Wirkung deiner Arbeit in der internationalen Entwicklung von House?

Rick: Tut mit leid, aber mit so etwas beschäftige ich mich nicht. Nicht, dass ich das nicht für ein wichtiges und relevantes Thema halten würde, aber als geschiedener Vater passieren in meinem Leben zu viele Sachen, als dass ich mir die Zeit nehmen könnte, über Szenen nachzudenken. Es gibt viele Leute da draußen in Detroit, die eher dazu qualifiziert sind, mit dir über so etwas zu reden, bis die Sterne vom Himmel fallen.

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De:Bug: Beziehst du denn Inspiration vom Fortschritt der Musik, mit der du dich beschäftigst?

Rick: Ehrlich gesagt kommt die Inspiration von einer Vielzahl von externen und internen Anreizen, aber ich denke, meine drei durchgängigsten sind klassische Disco- und Soul-Tracks, Träume und Frauen. Wenn ich einen klassischen Track höre, funktionieren die Rhythmen und Harmonien wie ein Schlüssel zu Teilen in meinem Kopf und verborgene Melodien werden freigesetzt. Was meine Träume anbetrifft: Seitdem ich ein kleines Kind war, hatte ich Albträume und Visionen, die meistens auf weltweite Katastrophen und postapokalyptisches Überleben fokussiert waren. Normalerweise hörte ich während dieser Träume eine leise Melodie, die wie aus dem Himmel kam, wie ein Soundtrack für den Traum. Wenn ich aufwachte, konnte ich mich immer an diese Melodien und Akkorde erinnern, auch wenn sonst alle Details von dem Traum nicht mehr im Gedächtnis waren. Bei Frauen gibt es einfach etwas, das mich ansteuert und meine Vorstellung hochfliegen lässt! Ich weiß nicht, was es ist, aber Huck und Theo können es bestätigen, wenn ich sage, dass einige von meinen deepesten und auch zornigsten Stücken direkt auf eine Frau zurückgehen.

De:Bug: Du arbeitest ja auch als Grafikdesigner. Wie bist du denn dazu gekommen?

Rick: Ja, ich arbeite gelegentlich als freischaffender Grafikdesigner unter den Namen DarkSkills und The Graphic Alchemist. Ich habe schon lange, bevor ich darüber nachgedacht habe, meine ersten Tracks zu machen, Kunst geliebt. Insbesondere Zeichentrick, weißt du, Cartoons. Schon als Kind wusste ich, dass ich eines Tages Cartoons machen will. Ich fing ernsthaft an zu zeichnen, als ich so acht Jahre alt war, und machte bis zum Alter von 18 damit weiter. Ich hatte nie eine formelle Ausbildung, aber ich war ziemlich gut darin. Realistische Bleistiftzeichnungen und Comic Art war mein Hauptaugenmerk, aber ich hörte auf zu zeichnen, als ich zum College ging. Dort ging es mir mehr darum, Frauen aufzureißen und auf Partys zu gehen. Erst einige Jahre später, als mein erster Sohn Ricky geboren wurde, lebte meine Liebe zum Bleistift wieder auf. Ich habe zwei Jungs, Ricky, achteinhalb, und Xavier, sieben Jahre alt. Als Ricky ein Baby war, wurde er wie ein Uhrwerk um Mitternacht wach, um gefüttert zu werden. Da ich schon immer ein Nachtmensch war, bin ich schon auf gewesen, um ihm die Flasche zu geben. Nun, währenddessen machte ich den Fernseher an, Cartoon Network, damit er was zum Gucken hatte, und damals zeigte der Sender um Mitternacht DBZ. Als ich es das erste Mal sah, dachte ich: “Wow, das ist super!“, und meine Liebe für Kunst und Zeichentrick wurde wiedererweckt und alles kam zurück. Mein guter Freund Anthony Hollis zeigte mir zur gleichen Zeit Photoshop und danach schaute ich nie zurück. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine 2Bs und mein Bristol Board immer noch, und in Bezug auf Zeichentrick gibt es nichts Schöneres als diesen Look von Cel Shading, aber als Ein-Mann-Produktion musste ich Faktoren wie Geschwindigkeit und Effizienz bedenken und fing dann mit Computergrafiken an. Seitdem meine Liebe für die Kunst vor acht Jahren reanimiert wurde, habe ich mein Arsenal und meine Fertigkeiten um 3D-Modeling und sowohl 2D- als auch 3D-Animation erweitert. Mein größtes Ziel ist es, eine Cel-Shading-Animationsserie mit der Verbindung von 2D- und 3D-Elementen zu kreieren, in der die besten Bestandteile von Animes mit einem Detroitflair zusammenkommen.

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Elektronische Lebensaspekte.