"Clowning" ist der neue Tanzstil in L.A. Aggressiv, athletisch, verzerrt tanzen sich die Homeboys und -girls den Ghettoalltag vom Leib. Das hat Hyperglanz-Fotograf LaChapelle in einem Dokumentarfilm eingefangen.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 96

Clowns mit Wut in den Gliedern
Rize von David LaChapelle

Ein typischer Kindergeburtstag in South Central L. A.: Ein Clown und sein metallic-grünes Auto mit Spoiler fahren an. Aus dem offenen Kofferraum brummt das Soundsystem, davor ruckelt der Clown mit einer riesigen regenbogenfarbenen Afro-Perücke und wallendem Kostüm in Neon- oder Airbrush-Optik mitten auf der Straße. Zu den Bässen von Dizzee Rascal rotiert daneben ein dicklicher Junge zum wild gewordenen Marshmellow-Man, reißt sich wahlweise das T-Shirt vom Leib oder tanzt eine Wand oder ein Gitter an. Mehr als bizarr ist das, aber es tritt in den Hintern. “Rize” von Videoclip-Regisseur David LaChapelle beschreibt das Phänomen einer getanzten Bewegung, die er teils mit den Aufständen wie den Rodney-King-Riots 1992 verlinkt, geboren in den sozialen Brennpunkten wie Inglewood, hauptsächlich also in der afro-amerikanischen Community. Auch verständlich – wer in einem Viertel von L. A. lebt, in dem man auf dem Weg zum Kiosk ganz zufällig von irgendwelchen Nachbarsjungs aus dem vorbeifahrenden Auto erschossen werden kann, dem hilft nur noch der Glaube an Gott, um den Wahnsinn im Alltag zu ertragen. Und man klammert sich an jedes Treibholz wie ein Ertrinkender, wie das ein Tänzer im Film formuliert. An den Clownstanz zum Beispiel, dem “Clowning” und dem “Krumping” in Kombination mit dem “Stripper Dance”: Tanzen aus einer wahnsinniger Verzweiflung heraus, die die Schritte soweit beschleunigt, dass sie einen in Trance wegtanzen können. Beim sonntäglichen Gospel-Gottesdienst wird das ähnlich praktiziert, aber das spirituelle Tanzen für den Herrn ist nur die Zeitlupenversion. Benannt ist die neue Tanzbewegung nach Tommy The Clown. Der nahm nach seiner Zeit im Knast Anfang der Neunziger einzelne Moves auf, die er beobachtete, und integrierte sie in sein Programm als Partyclown auf Kindergeburtstagen: Herkömmliche Elemente aus dem Breakdance wie Lockin` und Poppin` oder dem Moonwalk zusammen mit afrikanischen Stammestänzen, die nervöse Energie von Drum-and-Bass-Bewegungen hineingepackt und oben drauf vor allem viel Wut.
Angelegt als dokumentarischer Musikfilm will LaChapelle mit der DV aber auch Echtes aus desolaten Verhältnissen zeigen: dysfunktionale Familien, drogenabhängige Eltern und Großeltern, die auf die eigenen Enkel schießen. Dazwischen der Tanz als identitätsstiftender Faktor. “It is art implemented in us”, sagt einer. Da kann sich LaChappelle doch nicht zurückhalten und zeigt Tänzer vor romantischem Sonnenuntergang am Strand. Vor allem hat er aber ein feines Timing für den Spannungsaufbau und schneidet oft direkt auf den Soundtrack zu. Oder er legt Langsames wie “Amazing Grace” über die getanzte Raserei und kann so noch mehr Energie rüberschwingen lassen. LaChappelle fing als Fotograf an, schoss Albumcover für J-Lo und kam zu Videoclips für Gwen Stefani bis Britney Spears. Da war er bekannt für Fleckenfreies mit einem Hang zu einer Ästhetik, bei der alles wie mit sterilem Plastik übergossen aussah. Bei seinem Debütfilm, entstanden aus einem Kurzfilm zum Thema, hält er sich zurück. Und zeigt lieber, wie sich Clown Tommy die Schminke wie Kriegsbemalung bei einem Akt des totalen Zupuderns aufschichtet. In Brasilien gibt es den rabiaten “Baile Funk” mit Wummerbass. Für South Central L.A. ist es eben der “Clown Battle mit Make-Up”, sagt Tommy.
Eine interessante Komponente ist, dass das üblicherweise ausgelaugte Booty Shaken als Teil des “Stripper Dance” eine erweiterte Bedeutung hat. Die Spielart neben dem “Clowning” und dem “Krumping” ist zuerst entstanden als “Unterschichten”-Bewegung. Inzwischen ist sie kommerzialisiert bei dem wackelnden Hintern von Christina Aguilera im Clip zu “Dirty” gelandet. Und dieser wiederum kann auf einmal auch heißen: Tanz den Protest. Genauso wird er als aggressives Accessoire bei den Chemical Brothers im Video zu “Galvanize” eingesetzt. Sicher kein Modul für den nächsten Aerobic-Kurs, aber wer weiß: Auch der Breakdance hat es unfreiwillig bis in seine eigene TV-Show geschafft.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.