In den Sphären des Mega-High-Gloss ist und bleibt die Devise: business as usual auf Champangner-Niveau. R'n'B ersehnt den nächsten Timbaland herbei und überbrückt die Wartezeit mit glitzernden Hochzeitsvideos. Jenny from the block macht es sich unterdessen gemütlich im heterosexuellen Darkroom einer der gefräßigsten US Entertainment-Kraken überhaupt. Who's next?
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 67

Um darauf hinzuweisen, dass Jennifer Lopez kein zynisches, weltverlorenes Mediensubjekt sei, sang sie, sie sei immer noch jene Jenny aus jenem Block von damals in der Bronx. Die Bewohner jener Gegend, Castle Hill, protestierten und wiesen darauf hin, dass Lopez sich dort nur zum Video-Dreh blicken ließ und Bodyguards ein auf ihr Idol zurennendes Kind so bestimmt zurückdrängten, dass es in Tränen ausbrach. Die eigene Geschichte lapidar mit den Worten “Used to have a little, now I have a lot” zusammenzufassen und das, worin man so verwurzelt sein will, mit Nichts weiter zu benennen als mit zwei als Bronx-Archetypen auftauchenden Rappern und dem Nachsatz “From the Bronx” produziert keinen Kontext, keine Spannung, keine Bewegung. Auch wenn es dann doch geil ist, wie Ben Afflek Lopez’ Hintern küsst.

Im jenem Genre zwischen R&B, Pop und HipHop, in dem Videos ebenso wichtig sind wie die Musik, geht es zunächst darum, die Zugehörigkeit zu einer Upper-Class-Aufsteiger-Szene zu beweisen – daran können sich Scharen von Set-Designer und Stylisten abarbeiten. Das Ereignis in den Songs ist die sozial-sexuelle Konstellation zwischen Männern und Frauen, die immer wieder neu ausgehandelt wird. Die im Song erzählte, im Video inszenierte konkrete Situation soll eine immer wieder neue beziehungenmäßige-sexuelle Spannung erzeugen. Welchen Handlungsraum konstruieren die Pop-Subjekte? Britney etwa, wie sie in den Songs und Bildern erfunden wird, gelingt kaum mehr als sich als verfügbares, verpeiltes Nymphchen zu inszenieren, kann eben gar keinen Raum für souveränes oder irgendwie interessantes soziales Agieren erschaffen. Den irisierenden und taumelnden Grooves der Neptunes in “I am a slave for you” wird die Aussage aufgepfropft: ‘Ich gehöre dir, Mann.’ Anders bei Aaliyah, etwa im Übersong “Try Again”: Zunächst erscheint Timbaland, der auch was zu erzählen hat. Die schöne Frau ist nicht Halluzination, sondern Teil einer konkreten Posse. Im Song wird vom männlichen Gegenüber aus einer zunächst ablehnenden Geste heraus mehr Insistieren, mehr Engagement eingefordert und so der ganze Raum zwischen gar nicht wahrnehmen und verliebt sein als besetzbar hingestellt. So kann das komplette Drama der Heterosexualität zwischen Beklemmung und Affiziert-Sein verhandelt werden, bis zu Missys “Pussycat”, einer Ansprache im Stile jenes introspektiven Subgenre Elliotts aus Trostlosigkeit, Verzweiflung, Glamour und Aggressivität, die an ihre Pussy gerichtet ist: sie möge sie nicht im Stich lassen, weil es letztlich sie ist, an die der Mann gebunden ist. Der kommt auch zu Wort und erklärt, wie das ist.
In diesem Genre wird so viel verhandelt, weil es kein Zentrum hat, auch nicht wirklich ein Genre ist, eher Clash. Von der extrovertiertesten sexuellen Politik, die kein Geheimnis mehr setzt, ist bis hin zur Mittelstands-Miniatur alles möglich. Den anderen Pol von ”Pussycat“ stellt vielleicht Nellys & Kelly Rowlands ”Dilemma“ dar, in dem das Dilemma, zwei Männer zu lieben, beschaulich aufgehoben ist wie in einem holländischen Genre-Bild. Aber wahrscheinlich ist dieser Entwurf von Mittelstandsjugend als Paradies nicht als existierender Zustand zu verstehen, sondern als Wunschbild.
Oder wiederum Christina Aguliera und Redmans “Dirrty” mit dem Video von David La Chapelle: In Dirrty wird ein heterosexueller Darkroom erfunden, was schon oft versucht wurde, aber selten funktionierte. Natürlich ist Christina das Zentrum auf das das Begehren gerichtet ist, sie funktioniert aber eher als die Figur, die den Einstieg in das Getümmel ermöglicht und ist weniger der Punkt den das maskuline Begehren gerade noch fixieren kann. Im Song wird nicht der Mann angesprochen, sondern die Freundinnen “Gonna get my girls, Get your boys”: Herein in den Dreck, ins Getümmel, mit Hasen und Catchern zwischen Chapelleschem Symbolismus und Körperlichkeit.

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Elektronische Lebensaspekte.