Zwei Freunde reisen durch Australien. Statt einen Reiseführer mitzunehmen, verlassen sie sich auf ihr Internet-TV-Projekt 'roadTV'. Dort sollen die User interaktiv ihre Route strukturieren. Fernsehen im Netz kennt nur Akteure, 2 Mill. Freunde müsst ihr se
Text: Tjoss May aus De:Bug 40

Wann ist im Internet eigentlich 20 Uhr 15?
RoadTV

Im Fernsehen ist das ja ganz einfach. Um 20 Uhr gibt’s die Tagesschau und danach, um 20 Uhr 15, fangen eine ganze Menge Spielfilme an. Im WWW ist das sehr ähnlich. Um irgendwann Uhr schau ich mir die Nachrichten des Tages an und danach, davor oder währenddessen irgendwelche Filmchen. Fragt sich nur, wer in diesem Fall ‘ich’ ist, ich war’s bis jetzt eher selten. Vielleicht, weil ich immer denke, dass Internet TV nicht unbedingt TV im Internet sein muss. Dann mal umgekehrt: Ich erinnere mich an so eine Sendung, da hat man versucht, das, was am Internet so toll ist, Drinsein, Dabeisein, ‘Interaktion’ eben, mit 20 Uhr 15 zu verbinden. Leider konnte man hier immer nur eine Person in der Woche abwählen. Wahrscheinlich, weil man angekündigt hatte,100 Tage lang ‘interaktiv’ zu sein. Wie ich damals in das Geschehen eingegriffen habe, ist mir allerdings entfallen. Macht aber nix, weil: wie jetzt Schnubbs mit Schnubbsi umgeht und wo genau deren zwischenmenschliche Probleme anfangen spannend zu werden, ist wahrscheinlich auch gar nicht so wichtig. Hätte ich die mal “echt” steuern können – blöde Überlegung, das waren ja keine Videogamemännchen sondern Leute. Und außerdem wollten die immer dort in dem Haus bleiben, damit man sie besser sehen kann. Aber angenommen, man macht so etwas Ähnliches nur eben ganz anders. Dann hat man möglicherweise sogar einen Grund, sich um 20 Uhr 15, davor, danach oder währenddessen vor den Rechner zu setzen, um sich kleine Filmchen anzuschauen.

Das Projekt
Das haben sich drei Jungs ausgedacht, von denen zwei damit an der FHTW in Berlin derzeit ihr Diplom machen. Kurz gesagt, geht das Projekt so: Zwei von den Jungs reisen nach Australien und einer bleibt zu Hause. Klingt jetzt vielleicht ein bisschen ungerecht, aber eigentlich doch nur, wenn man davon ausgeht, dass Weg-Sein extrem spannend und Zu-Hause-Sein extrem langweilig ist. Sollte man nicht denken, so. Dialektik war schon immer eher doof. In diesem Fall wäre sie das sogar ganz besonders. Denn die beiden, die weg, also im spannenden Australien sind, haben im Prinzip noch keinen konkreten Plan, was sie da so alles machen und erleben wollen. Das, so die Idee, sollen vielmehr diejenigen mitbestimmen, die ganz spannend zu Hause bleiben, bzw. eben nicht physisch mitreisen. Das bedeutet: ab in’s Netz, rein ins Forum von http://www.roadTV und dort eifrig Vorschläge machen, wo man in Australien so überall hingehen sollte. Tatsächlich kann das alles mögliche sein, vom Soso-das-ist-Australien-Programm bis hin zum Besuch beim tollsten Lattenzaun der Welt. Ausdiskutiert, was jetzt besser ist, wird, ganz im Sinne des Community-Gedanken, dann ja hoffentlich sowieso, wobei die Auswahl letzten Endes natürlich den beiden Jungs überlassen bleibt. Die fahren dann da hin (Auto), machen Aufnahmen (digitale Kameraausrüstung) und stellen danach die Photos und Filmchen ins Netz (Labtop). Wenn alles gut geht (Telefonanschlüsse in Australien aufzuspüren, soll ja auch ganz abenteuerlich sein), dann ist es auch im Netz jeden Abend 20 Uhr 15.

Aber nicht so, wie man das schon mal versucht hat. Denn wie der Schnubbs mit Schnubbsi umgeht, spielt bei roadTV eine eher untergeordnete Rolle. Da beschäftigen sich die Jungs dann doch lieber mit anderen Sachen, z.B. mit der Frage, wie das eigentlich so ist mit den Begrifflichkeiten (macht das Wort “Sendung” in diesem Kontext noch Sinn?), welche Kommunikationsformen, welche Bildsprache man am besten wählt, damit aus InternetTV am Ende nicht wieder nur verpixeltes TV im Internet wird. Und wie sagt doch gleich ein Videogamemännchen, wenn es sich mal nicht so gut fühlt? Gesundheit 50% (über den Lattenzaun gestürzt?), Ausrüstung 30% (Auto kaputt?), Motivation 100% (Telefonanschluss gefunden). Im Ganzen wird die Reise übrigens 101 Tag dauern und übetrifft auch damit mal wieder das, was man schon einmal versucht hat.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.