Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 22

Die Waffe meiner Wahl: der Plattenspieler Rob Swift: HipHop, Turntablism und die neue Wichtigkeit handwerklicher Fähigkeiten Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de INFOKASTEN ANFANG!!!!!!! An seiner ersten DJ Battle nahm Rob Swift im März 1991 teil. Damals gewann er bei den Northeast DMC-Finals in New York den dritten Platz. Steve Dee, Gründer der X-Men (heute X-Ecutioners), der damals den ersten Platz belegte, war derartig begeistert von den Skills des jungen Swift, daß er ihn sofort als Mitglied für die X-Men gewann. Ein Jahr später stand er dann auf dem Siegertreppchen. Seitdem hat Rob Swift mit HipHop-Größen wie Large Professor, Rocket, Grandmaster DST und Szene-Dons wie Bill Laswell zusammengearbeitet und unzähligen Produktionen durch seine Scratches eine Trademark aufgedrückt. Im September 1997 erschien das Debutalbum der X-Ecutioners “X-pressions.” Rob Swift hat Psychologie studiert und stammt aus Queens / New York. Sein aktuelles Album, sein zweites Solowerk, “The Ablist” ist auf Asphodel / Rough Trade erschienen. INFOKASTEN ENDE!!!!!!!!!! Eigentlich hätte man mit Rob Swift Dinge wie Geschirrspülmittel, Handcremes und autogenes Training verhandeln müssen, sprich: Mittel und Wege, die Hände zu beruhigen und zu pflegen. Ohne sie wäre er aufgeschmissen: Turntablism, die Erschaffung eines neuen musikalischen Universums mit Hilfe diverser Plattenspieler, ist schweißtreibende Handarbeit; zittrig, nach einer durchgerockten Nacht, scratcht es sich nicht mehr wirklich gut. Doch bei HipHoppern, die bei der obligatorischen Frage nach den musikalischen Einflüssen wie aus der Pistole geschossen Portishead und Jimi Hendrix antworten, kann man seinen Zettel mit den Fragen eh genüßlich zusammenknüllen, den Telefonhörer entspannt zwischen Ohr und Schulter klemmen und zunächst mal zuhören. Rob Swift läßt sich nämlich auch von unpersönlichen Telefoninterviews nicht abschrecken und plappert einfach los. Daddy Swift und die Wheels Of Steel Was kann aus einem Jungen schon werden, wenn der Vater zwei Technics und einen Mixer im Wohnzimmer stehen hat und in seiner Freizeit für Hochzeiten und Geburtstagsparties als DJ gebucht wird. “Ich war damals zwölf Jahre. Mein großer Bruder war HipHop-Fan und übte Scratchen, wenn unser Vater nicht da war. Irgendwann durfte ich auch mal. Daddy besaß damals einen 1300er und einen 1600er Technics…ganz großartige Plattenspieler.” Was seine Liebe zu Plattenspielern angeht, ist der Rest damit sozusagen Geschichte, nicht jedoch die Sache mit dem Scratchen, also die technischen Gegebenheiten des 1200ers bis ins Letzte auszureizen, nicht nur einfach Platten beatgenau zu einem Flow zu verbinden und die Nadeln und Systeme fortan in Großhandelsmengen einzukaufen. “Mit dem Scratchen beschäftige ich mich noch gar nicht so lange. Als ich anfing, wirklich intensiv aufzulegen, habe ich mich vor allem mit Beat Juggling und Body Tricks beschäftigt. Beim Juggling werden Platten in real time neu arrangiert. Auf dem linken Plattenteller hast du die Bassdrum, rechts vielleicht die HiHats. Es ist eine Art des Samplings, es findet nur live statt und erfolgt per Hand. Es wird also ein komplett neuer Rhythmustrack erstellt. Dieses Beat Juggling lockert man optisch für die Zuschauer ein bißchen durch die Body Tricks auf, das heißt, man setzt nicht nur seine Hände ein, sondern auch andere Körperteile. Aber irgendwann beherrscht man das Juggling, und man sucht nach Möglichkeiten, seinen Style weiterzuentwickeln. Bei mir ist jetzt die Verfeinerung meines Scratchens dran.” Beatmatching vs. Turntablism Die Frage, warum Rob Swift nicht in die Fußstapfen seines Vaters gehüpft ist und nach der Maxime des europäischen Durchschnitts-DJs “Beatmatching ist das Ziel der Ziele” gehandelt und damit die New Yorker Hochzeitsszene von hinten aufgerollt hat, erübrigt sich. “Mir kann kein DJ erzählen, daß es ihn auf Dauer irgendwie befriedigt, die Tempi zweier Platten anzugleichen. Der Plattenspieler ist unser Instrument, und Instrumente muß man spielen, auf ihnen üben, sie immer besser kennenlernen, versuchen, das Beste aus ihnen rauszuholen. Es gibt immer Dinge dazuzulernen.” Zum Beispiel? “Neue Arten des Scratchings! Es gibt da so viele verschiedene Arten und Nuancen…Ich habe erst vor kurzem den Style von DJ Flair von der Westküste erlernt, als nächstes ist jetzt wieder was anderes dran.” Dabei ist genau diese Wißbegierigkeit von Turntablists, die das Genre mitunter bei Konzerten/Jams/Performances/Parties/nennt es wie ihr wollt so ein bißchen anstrengend macht…das gnadenlose Demonstrieren von beeindruckenden Skills macht jeden musikalischen Flow komplett platt, und die zahlenden Zuschauer kratzen sich nach ein paar Minuten ratlos das Kinn. ‘Um das, was die da zusammengescratched haben, irgendwie tanztechnisch umzusetzen, hätte ich mir schnell beim Dealer um die Ecke ein drittes Bein und ungefähr 28 zusätzliche Finger kaufen müssen, um physisch gleichzuziehenÔ, denken sich die enthusiastischen Scratcher von morgen. “Ey, bei mir ist das aber nicht so”, versichert Rob Swift und lacht dabei. “Ich weiß genau, was du meinst. DJs dürfen nicht zu sehr mit ihrer Sache beschäftigt sein. Die Technik ist die eine Sache, der Spaß der Crowd ist das andere. Der Sound muß präsentierbar bleiben. Das ist kein Kompromiß, man muß nur immer im Kopf haben, für wen man da eigentlich auf der Bühne steht. Mir geht es um HipHop. Ich habe zum Beispiel vor zwei Jahren auf ein Semester lang an einer New Yorker HighSchool Scratchen unterrichtet und versucht, den Kids HipHop ein bißchen näher zu bringen. In der ersten Stunde stürmten alle auf mich zu und versicherten mir, sie seien alle große HipHopper…nur kannten sie weder Grandmaster Flash noch Kool DJ Herc und die ganzen anderen Helden der ersten Stunde. Da war eine kleine Geschichtsstunde fällig…her mit den Roots. Gerade jetzt, wo versucht wird, einem den größten Mist als HipHop zu verkaufen. Wir in New York unterscheiden ganz klar zwischen HipHop und Rap. Rap kümmert sich nur um Plattenverkäufe, da wird ein bestehendes Muster bis ins letzte ausgereizt. Bei HipHop geht es um Kreativität, neue Einflüsse. Deshalb höre ich auch alle Arten von Musik. Ich will den Sound weiterentwickeln. Auf meinem Album ist es dasselbe. Es geht mir nicht darum, meine gesamten Skills in einer Stunde vorzuführen, um der Welt zu beweisen, daß ich mit einer Durchschnittgeschwindigkeit von 10.000 Meilen pro Stunde durch die Gegend scratche. Vielmehr setze ich den Plattenspieler ein, um mit verschiedenen musikalischen Stilen möglichst viele Menschen zu erreichen. Ich kommuniziere durch den Plattenspieler. HipHop soll alle Menschen erreichen, es ist ein Gemütszustand, den man in Berlin genauso haben kann wie in China. Es geht um die Zukunft unserer Musik!!” The Ablist: Technics vs. Sampler Daß es um die nicht gerade schlecht bestellt ist, beweißt Swift auf seinem neuen Album “The Ablist”. Hier paßt einfach alles, HipHop-Roots, Jazz, längst vergessen geglaubte Samples und relaxte Live-Instrumentierung stellen sich alle brav in einer Reihe auf, um dann auf dem Plattenteller gecuttet zu werden. Selten war HipHop so organisch. “The Ablist ist eigentlich ein Wortspiel. Es ist natürlich eine Referenz zum Word Turntablist. Auf der Platte zeige ich aber, daß ich mich durch verschiedene Dinge musikalisch ausdrücken kann: durch die Produktion, durch Lyrics und natürlich durch mein Scratchen. Ich bin also able. Ich glaube, ich bin auch deshalb mit der Platte so zufrieden, weil viele Freunde von mir mitgewirkt haben, die Produktion war ein totales Familiending.” Im Studio kommt es für den HipHopper zum definitiven Clash: Plattenspieler gegen Sampler, analoges Vertrauen gegen teure Digitalität, Handarbeit gegen Knöpfchendrücken. “Ich arbeite gerne mit Samplern. Ich verstehe mich bewußt auch als Producer und interessiere mich also auch für die technische Seite eines Studios Der Unterschied liegt ja nur im Equipment, das Ziel ist immer der neue Beat! Beim Plattenspieler kann ich mich auf meine Skills verlassen, ich bestimme durch meine Hände das Ergebnis. Beim Sampler begebe ich mich bis zu einem gewissen Grad in die Abhängigkeit der Maschine. Probleme gibt es aber bei beiden Methoden. Software kann abstürzen, Nadeln können springen.” Und was ist ihm letztendlich lieber? “Verdammt, noch nie drüber nachgedacht…der Plattenspieler…doch, doch, der Plattenspieler.” Zitate: WAHL EINS HipHop soll alle Menschen erreichen, es ist ein Gemütszustand, den man in Berlin genauso haben kann wie in China. WAHL ZWEI Es geht mir nicht darum, meine gesamten Skills in einer Stunde vorzuführen, um der Welt zu beweisen, daß ich mit einer Durchschnittgeschwindigkeit von 10.000 Meilen pro Stunde durch die Gegend scratche. WAHL DREI (ERSATZ, ZUSATZ:) Der Plattenspieler ist unser Instrument, und Instrumente muß man spielen, auf ihnen üben, sie immer besser kennenlernen, versuchen, das Beste aus ihnen rauszuholen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.