Warum Jena nicht Hauptkulturstadt Europas ist, weiß niemand, der sich für House interessiert. Das "Freude am Tanzen"-Kollektiv planscht dort seit Jahren in einem musikalischen Jungbrunnen, der einfach nicht versiegen will. Genauso weit vorne wie draußen sind sie mit ihrem Nebenlabel "Musiik Krause". Dort veröffentlicht jetzt der musikalische Chefdenker des Kollektivs, Gabor Schablitzki aka Robag Wruhme, sein erstes Album - Harry Belafonte sei Dank.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 83


Was’n Wuzzelbud?
Robag Wruhme

Das ist die Geschichte von Gabor Schablitzki, der als Robag Wruhme mit seinem Album “Wuzzlebud ‘KK'” dieses Jahr alles klar machen wird. Für so eine Erfolgsgeschichte braucht es ein paar Zutaten, die an dieser Stelle kurz erwähnt werden sollen, bevor Robag selber zu Wort kommen wird und die Mutmaßungen eines Westberliner Journalisten über das Produzieren im Sozialismus vielleicht bestätigen wird. Vielleicht aber auch nicht. Wir schieben sozusagen eine Maus ein, die mit dem Elefanten die Koordinaten für uns checkt. Um Robag Wruhme zu werden, braucht es: Papa mit Plattensammlung, Tapedeck aus dem Westen, Kino, Harry Belafonte, ICQ, Die Ärzte, abstürzende Soundkarten, Berliner Plattenläden und einen Kopf, der sich ständig neue Dinge ausdenkt. So viele, dass man mitunter nach gewisser Zeit über seine eigenen Pseudonyme stolpert oder sie als DJ in einem Backroom erst ins Bett bringt und dann vergisst. Danke, Maus …
Gabor Schablitzki kommt aus Jena, ist von kleiner Statur und wir sitzen in Leipzig in der Sonne unter einem Baum-ähnlichen Gewächs. Dreizehn Jahre auflegen liegen hinter ihm. Als Teil von “Beefcake” hat er Elektronika in Deutschland groß gemacht, als einer von zwei “Wighnomy Brothers” hat er am Rechner und als DJ Deephouse geknackt und “Freude am Tanzen” und “Musik Krause”, die beiden Labels, um die er sich kümmert, kaufen gerade eh alle. Und Robag Wruhme bildet diese Facetten alle ab, vermischt und verwischt sie zu einem persönlichen Megamix von Gabor Schablitzki. Rückwärts, ist ja klar. Warum? Weil “Wruhme” in der Gegend von Jena eben “warum” heißt und man Robag und Gabor spiegeln kann …

Mein Freund Harry
Potter? Ich bitte euch. Belafonte! Der hatte bei den Mitgliedern des Politbüros einen Stein im Brett und weil er den legendären HipHop-Film “Beatstreet” initiiert hatte, lief der landauf, landab und die Kids drüben fingen an zu breaken. Gabor auch. Und der andere Wighnomy Brother sowieso. “Ich glaube, es war einfach Glück, das alles so kam”, sagt Gabor und erzählt von der umfangreichen Plattensammlung des Vaters: “Es waren fünf LPs. Jean-Michel Jarre, Tomita spielt Musorski und Vangelis. Irgendwann lief dann ‘Beatstreet’ und es kursierten HipHop-Tapes, oder man hat es eben im Radio aufgenommen. ’87 gab es auch eine HipHop-Band in der DDR, das ließ sich damals schon alles nicht mehr so kontrollieren.” Als man dann in Jena einfach in den Zug ein- und in Köln wieder aussteigen konnte, holte Gabor wie ein Wuzzelbud alles im Sauseschritt nach. Darkwave, Punk, The Doors, die Ärzte, Depeche Mode auf Vinyl, Kraftwerk. Und langsam wurde klar, dass es die Elektronik eben doch war. Vangelis sei Dank. Und Hardwax. Aus Aphex Twin und Techno wurde dann Beefcake. Das war er und Volker Kahl. Aber eigentlich eher ein DOS-Programm, das sich nicht besonders gut mit der Soundkarte verstand. Details würden hier zu weit führen. Wichtiger sind die Plattenspieler, auf denen zu dieser Zeit schon lange Deephouse aufgelegt wurde. Bei Leuten wie Jeff Mills lernte er, wie die Kommunikation zwischen DJ und Crowd funktioniert und Deephouse passte einfach. “Produzieren konnte ich das aber nicht. Klar, der Aufbau war ganz einfach: Bassdrum, HiHat, Snare, Bass, Rhodes, Gesang und wieder raus. Es kribbelte aber nie im Studio. Irgendwann gab es diesen einen Track, eigentlich Beefcake. Je mehr Samples dazu kamen, desto mehr verschob sich das Tempo, ummixbar. Den haben wir auf der Freude am Tanzen 09 releast, einer Wighnomy-Brothers-Maxi. Eindeutiges Rotwein-Arrangement. Da platzte irgendwie ein Knoten. Vielleicht wollen die Leute jetzt auch eher dieses Zeug hören, man kommt damit schneller an. Uns war auf jeden Fall klar: Das ist das, was wir machen wollen. Mischen, experimentieren. Robag Wruhme ist für mich die Schnittmenge aus klassischen Dancetracks und Experiment.” Musik für Wuzzelbuds eben, klare Sache.

Vom Schillergässchen in die Welt
Was ein Wuzzelbud genau ist, habe ich bis zum Ende des Interviews nicht rausgefunden. Das Album von Robag Wruhme jedenfalls, “Wuzzelbud ‘KK'”, das im Juni auf Musik Krause erscheinen wird, lässt all die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die Gabor über die Jahre, allein oder in Begleitung aufgebaut und ausprobiert hat, ineinander fließen. Wenn House, dann aber mit stotternden Beats und Hall-Presets, die schon auf Beefcake-Platten die Münder haben offenstehen lassen. Wenn clickernder Techno, dann am Ende mit Flächen und Melodien, die man eigentlich in einem anderen Regal kaufen würde. Wenn Vocals, dann so, wie es Nicolette nie schaffen würde, vom Text-To-Speech-Windows-Derivat ganz abgesehen. Wenn Acid, dann gefaked und mit gecuttetem Jack-Rotz. “Doch, da war auch viel Glück dabei. Und ich frage mich, wie das weitergeht. Ob es nicht irgendwann umkippt und sich niemand mehr für mich oder für unsere Labels interessiert.” Gabor schaut auf das Diktiergerät und räsupert sich. Gleich muss er in den Zug steigen, fast bis an die Küste fahren. Da werden die Wighnomy Brothers morgens von sechs bis zehn Uhr auf einer Kompakt-Party auflegen. Vodka hilft in der Regel. Bald muss er nach Detroit und Kanada. Er sollte sich an Fernreisen gewöhnen, denke ich, und bin immer noch dabei, das Album in seiner ganzen Größe zu erfassen, und grübele nach, wie man es schafft, in einer knappen Stunde alle wichtigen Kapitel der elektronischen Musik zu einem Ganzen zu verschmelzen, dabei aber doch immer auf dem Dancefloor verhandelt wird und mit einem Gitarrentrack am Ende der Platte das Schillergässchen aus Jena, das Hauptquartier der Bande, um die ganze Welt tragen wird. Doch dann sehe ich ihn, wie er bei seinen Großeltern in den Sommerferien Radio hört, Tapes aufnimmt, das Puzzle zusammensetzt. Stück für Stück. Wuzzlebud.

PS: Lieber Gabor, wenn du mir erklären willst, was ein Wuzzlebud ist, ruf doch an. Gruß, Thaddi

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Elektronische Lebensaspekte.