Eine Detroit-Legende serviert harten Tobak
Text: Sebastian Eberhard & Anton Waldt aus De:Bug 110


Robert Hood hat “Minimal” in Detroit erfunden und anschließend in Berliner Keller gebracht. Zum Dank wurde er vom Hedonismus versucht, bis eine Prophezeiung seines sterbenden Großvaters dem Leben in Rausch und Sünde ein Ende bereitete. Heute ist Hood mit Gott unten.

Robert Hood hat Techno auf der Achse Berlin-Detroit maßgeblich geprägt, nicht zuletzt durch seine Wortschöpfung “Minimal Nation”, mit der er 1993 einem Genre seinen Namen gab, das heute unheimlich allgegenwärtig scheint. Hood zeigt sich davon weitgehend unbeeindruckt, auch wenn ihn mangelnder Respekt vor seinem Genre-Baby offensichtlich ein bisschen kränkt. Von Underground Resistance hat Hood sich schon lange verabschiedet, hier wie generell in Detroits Techno-Szene sind ihm die Elbogen zu aggressiv und die Solidarität zu mau. Hood hat sich daher auf seine eigene musikalische Umlaufbahn zurückgezogen, Energie und Inspiration bekommt er von Gott und seiner Familie. Langsam aber selbstbestimmt geht es auch mit Hoods Label M-Plant weiter, das sich seit geraumer Zeit in “Re-Organisation” befindet.

Debug hat Robert Hood im Dezember in Berlin getroffen, nach standesgemäßer Wartezeit in der Hotel-Lobby erscheint er in Begleitung seiner Gattin Eunice, und hat eigentlich keine Zeit. Es folgt hektisches Rumchecken mit amerikanischen und deutschen Handys, um den Besuch bei Richtchie Hawtin zu verschieben, aber dann ist alles gut und Hood erklärt seine Welt zwischen Minimal-Ausverkauf, Technik-Skepsis und seiner neuen Heimat Alabama. Zum Aufwärmen plaudern wir über sein Set am Vorabend im Watergate, die DJ-Routine nach zwei Dekaden Techno-Arbeit und die Karriere des Begriffs “Minimal”.

Debug: Du bedienst dich eines sehr christlichen Vokabulars, magst du die Metaphern oder ist das wörtlich zu verstehen?

Robert Hood: Ich bin Christ! Wir glauben an Gott und lesen die Bibel. Wenn Gott dein Herz, deinen Verstand und deine Hände berührt hat, musst du auch der Vision und der Aufgabe folgen, die er dir gegeben hat. Gottes Geschenke nur zu benutzen, um Geld zu verdienen, ist Verschwendung! Aber wenn du dem Weg folgst, den Gott dir gezeigt hat, kommen irgendwann auch Geld und Erfolg.

Debug: Aha, Ok. Wir sind Atheisten und haben es nicht so mit Gott…

Robert Hood: Auch wenn du nicht an ihn glaubst, beschenkt dich Gott! Gott schenkt jedem eine Vision. Ich will dich nicht bekehren. Aber ich kann dir erklären, was ich gelernt habe: Auch ich bin Gott nicht immer gefolgt. Ich habe nicht immer die Bibel gelesen. Ich war nicht immer gläubig. Es gab eine Zeit, in der ich eine sehr weltliche Person war. Ich habe mich angepasst und den weltlichen Dingen gefrönt. Nicht dass weltliche Menschen per se böse sind, aber ich bin damals nicht Gottes Plan gefolgt. Ich habe in den Tag gelebt, ich hatte Beziehungen…

Eunice Hood: Er hat ein weltliches Leben gelebt. Heute lebt er ein anderes, ein christliches Leben. Er kann also beurteilen, welches Konzept für ihn das bessere ist.

Robert Hood: Ich habe geraucht. Ich habe Gras geraucht. Ich habe Speed genommen. Nicht täglich, aber… Ich habe Ecstasy genommen… Aber dann hat Gott mich vor die Wahl gestellt: “Welchen Weg willst du einschlagen?” Und er gab mir Zeichen. Das war hier in Berlin, in einem Hotel, zu Tresor-Zeiten, 1995. Mein Großvater, der damals sehr krank war, sprach zu mir im Traum. Wir waren zusammen in meinem Elternhaus in Detroit und mein Großvater sagte: “Krieg dein Leben auf die Reihe! Du lebst falsch!” Ich habe ihm geantwortet: “Wovon redest du? Es läuft doch alles großartig! Mein Label ist erfolgreich, meine Karriere läuft prima!” Aber Großvater sagte: “Du musst dein Leben in Ordnung bringen!” Und dann war noch meine tote Urgroßmutter da und sie pflichtete ihm bei. Diesen Traum hatte ich in einer Sonntagnacht, am nächsten Morgen war meine Schwester auf der Mailbox, und sie sagte, dass Großvater stirbt und ich schnell heimkommen müsse. Also flog ich zurück und besuchte meinen sterbenden Großvater, der mich mit der Frage begrüßte: “Wo ist deine Frau?”. Meiner Großmutter erinnerte ihn daran, dass ich gar nicht verheiratet sei, aber er fragte wieder: “Wo ist deine Frau?” Und da sprach er von Eunice, die damals mit unserer Tochter schwanger war. Kurz darauf haben wir geheiratet, und das war eine Prophezeiung! Mein Großvater war Laienprediger, das sind meine Wurzeln, und auf denen beruht auch unsere Ehe. Es war nicht immer einfach, aber meistens sind wir glücklich. Wie ich heute lebe, ist ein Zeugnis meines Glaubens. Mein Leben zeugt von einem Wunder, weil ich auf dem falschen Pfad war. Es ging abwärts mit mir.

Debug: Kollidiert das nicht permanent ganz schrecklich mit der Arbeit in Clubs? Alle sind druff und wollen Raven und du stehst mit deinem Glauben hinter den Decks?

Robert Hood: Das ist ein Widerspruch, aber die Vision und die Aufgabe, die Gott mir geschenkt hat, wird auch in den Clubs Menschen berühren. Vielleicht nicht in der gleichen Nacht, wenn du auf E bist, wenn du betrunken bist, aber es wird dein Herz irgendwie erreichen.

Debug: Ok, aber jenseits dessen muss es doch Reibungsflächen und Konflikte geben, schließlich liegt dein Arbeitsplatz im Zentrum des hedonistischen Sündenbabels?

Robert Hood: Wenn mich beispielsweise ein Frau anbaggert, sage ich: “Sorry Miss, aber ich bin ein verheirateter Mann.” Ich werde nicht wieder die gleichen Fehler begehen. Gestern Nacht hat mir jemand einen Joint in die Hand gedrückt, den ich vor zehn Jahren auch geraucht hätte, aber jetzt sage einfach: “Nein Danke!” Wenn ich Platten auflege, kann ich natürlich nicht wirklich mit den Menschen reden, ich erzähle den Ravern nichts von Jesus Christus – was ich vielleicht tun sollte – aber ich will Menschen auch nicht verurteilen. Also sage ich ihnen nicht, dass sie den Joint ausmachen sollen, das Weinglas wegstellen und ihr Leben nach Jesus Christus richten. Wir sind alle Sünder, aber ich bin nicht der Richter. Den meisten Leuten in den Clubs ist es sowieso egal, ob ich kiffe, oder was ich glaube. Aber das ist die Masche des Teufels: “Warum probierst du´s nicht einfach? Was kann schon passieren?”

Eunice Hood: Gestern Nacht wurde auch mir ein Joint angeboten und als ich ablehnte, wurde der Typ wütend und hat die Tüte nach mir geworfen. So sind die Menschen. Aber man sollte selbst nicht wütend reagieren.

Robert Hood: Ja! So ist die Welt! Aber manchmal kommen Leute am Ende des Abends und sagen zu mir: “Du hast mich zum Nachdenken gebracht.” Nicht, dass sie sofort ihr Leben ändern, aber sie haben wenigstens angefangen Nachzudenken. Ich hatte selbst so viele Fragen: Warum gibt es Pädophile? Warum verhungern Menschen in Afrika? Man könnte natürlich sagen, dass das Dinge sind, die Menschen sich gegenseitig antun? Das ist Satans größter Trick: Dass er uns glauben lässt, dass es ihn nicht gibt!

Debug: Satan?

Robert Hood: Als Jesus in die Welt kam, war das ein Kampf. Jesus kam in eine Welt voller Sünde, Jesus kam um Licht in die Dunkelheit zu bringen. Heute ist es auch meine Aufgabe, Licht in die Welt zu bringen. Dieses Interview wird jemand berühren. Ein Raver hat mir beispielsweise kürzlich eine Mail geschickt und erklärt, dass er Priester wird, weil er meinem Vorbild folgen will.

Eunice Hood: Robert ist ein gutes Vorbild. Er redet nicht schlecht über andere. Er ist freundlich. Das bringt Menschen dazu, den gleichen Weg einzuschlagen.

Robert Hood: Es geht darum, wie man sein Leben lebt. Wenn du in einer Fabrik arbeitest und die Situation kotzt dich an, werden deine Kollegen sehen, wie du als Christ mit der Situation umgehst. Nicht was man sagt, sondern was man tut, kann andere Menschen berühren.

Debug: Okidoki. Alles klar, außer der Sache mit Gott: Man kann doch auch ein anständiges Leben führen, ein Vorbild sein, nach dem Guten streben, ohne an Gott zu glauben?

Robert Hood: Es ist prinzipiell großartig, wenn du großherzig, ehrlich, offen und freundlich bist. Aber wenn du nicht an Gott glaubst, dann kommst du nicht in den Himmel! Es gibt ein Leben nach diesem Leben! Es gibt einen realen Ort namens Himmel. Ernsthaft. Du kommst entweder in den Himmel oder in die Hölle. Wenn du willst, dass deine Seele gerettet wird, musst du Jesus als Gottes Sohn akzeptieren. Du kannst gut und liebevoll sein, aber du kommst nicht automatisch in den Himmel. Ein Dieb, der schlimme Dinge tut und einen schlechten Charakter hat, kommt in den Himmel, wenn er sich dazu bekennt, das Jesus Gottes Sohn ist.

Debug: Aha. Mmh. Wenn es euch mit dem Glauben ernst ist, müsstet ihr ein Problem mit George W. Bush haben, der sich auch dauernd auf Gott und dessen Auftrag beruft, sich aber gleichzeitig so gar nicht christlich aufführt?

Eunice Hood: Das ist eine harte Prüfung. Aber irgendjemand muss wohl US-Präsident sein, denn nur wenn alle menschlichen Führer versagen, wird Gott die Führung übernehmen.

Robert Hood: Wort! Und der Präsident ist arrogant. Er hat gelogen, um den Irak-Krieg anzufangen. Er hat die UNO hintergangen und jetzt sterben unsere Kids da drüben. Bush ist arrogant. Er spricht von Gott, aber er folgt ihm nicht. Er sagt nicht: Lasst uns als ganzes Land zusammen zu Gott beten. Er sagt: Wir machen es auf meine Art. Robert hat es auf seine Art getan und ist damit permanent vor die Wand gelaufen. Erst als ich Gottes Pfad gefolgt bin, ist Harmonie eingekehrt in meine Ehe, meine Familie und mein Leben. Ich würde das niemals behaupten, wenn es nicht wahr wäre. Ich habe versucht den Glauben zu ignorieren, ich habe Drogen, Promiskuität und andere Abweichungen probiert. Aber der Weg der Sünde führt zum Tod. Du kannst dir Aids einfangen und sterben. Du kannst Sterben! Und wenn du nicht körperlich stirbst, wird deine Seele sterben! Deine Familie wird auseinander gehen, du wirst geschieden, auch das ist der Tod.

Debug: Um wieder auf Politik zu kommen: Du hast 2002 Sympathien für den neuen Detroiter Bürgermeister geäußert, und die Hoffnung, dass es wieder aufwärts gehen könnte mit Detroit? (2001 wurde der Demokrat Kwame M. Kilpatrick als jüngster (31 Jahre) Bürgermeister der Stadtgeschichte in sein Amt gewählt. Im November 2005 wurde Kilpatrick, Skandalen zum Trotz, wiedergewählt.)

Robert Hood: Gemischte Gefühle. Erst dachte ich, dass ein neues Gesicht mit frischen Ideen eine gute Sache ist. Was soll auch falsch daran sein, wenn der Bürgermeister sich Detroits Jugendlichen nähert, den progressiven Movers und Shakers der Stadt? Ich möchte nicht auf Gerüchte reinfallen und auch nicht verurteilen, aber es gab wohl rauschende Partys, und einiges daran wird schon wahr sein. Letztendlich sind es nur wieder nicht eingehaltene Versprechungen, typisch Politiker. Ich bin kein wirklich politischer Typ. Aber wenn es um meine Nachbarschaft geht, den Hood, in dem ich groß geworden bin, da gab es Versprechungen wie ein neues Polizei-Revier, das groß angekündigt wurde… Um es kurz zu machen: Der Bürgermeister sollte nicht versuchen, hip zu sein. Er sollte sich darauf konzentrieren, der Bürgermeister zu sein und nicht versuchen, der Hip-Hop-Bürgermeister zu werden. Der Notorious B.I.G. der Bürgermeister – das braucht echt niemand!

Debug: Es geht also weiter bergab mit Detroit?

Robert Hood: Es sieht zwar aktuell besser für die Geschäftsleute in der Innenstadt aus, weil mehr Touristen kommen, etwa zum Superbowl vor zwei Jahren. Wir haben auch ein neues Stadion, es gibt jede Menge Festivals, aber in den Nachbarschaften… Die Arbeitslosigkeit steigt auch immer weiter… Andererseits gibt es auch viele Gebäude, die äußerlich schäbig aussehen und drinnen werden teure Autos verkauft… Es sieht tot aus, aber es gibt Leben. Es ist bloß eingefroren. Ein wirklich unheimlicher Ort. An dem immer noch tolle Kunst entsteht, auch wenn es von außen alles tot aussieht. Da liegt vieles im Argen, und zwar schon lange, seit ´66 oder ´67. Auch in Detroit herrscht eine Apartheid. Wie in den 60ern, als es einen Trinkbrunnen für Weiße und einen für Schwarze gab. Heute haben die weißen Kids in den Vororten brandneue Bücher und wir müssen mit uralten, zerflederten Büchern lernen. Schwarze Schulen liegen auch mal gerne direkt neben einer Müllverbrennungsanlage. Wir müssen die Ausdünstungen einatmen.

Debug: Wie kaputt viele Gegenden Detroits sind, kann man sogar mit einem Blick bei Google-Maps sehen…

Robert Hood: Genau. Um einen Bogen zu spannen: Der erste Track auf dem ersten Axis-Release, der “Tranquilizer EP”, hieß “Sleepchamber”. Das bezog sich auf den Stillstand in Detroit. Kunst im Stillstand. Schlafend. Damals war Detroit eine Art Geisterstadt. Viele Unternehmen hatten die Stadt verlassen. Das war Stillstand, aber gleichzeitig auch eine künstlerisch reiche Stadt – Auch wenn die Sonne scheint, liegt oft ein Grauschleier über dieser Stadt.

Debug: Wobei man erwähnen muss: Dass ihr gar nicht mehr in Detroit wohnt?

Robert Hood: OK. Wir sind vor vier Jahren weggezogen. Wir leben jetzt in Alabama. Vor allem wegen unserer Tochter, das Schulsystem ist besser, und wir konnten ein Haus auf dem Grund von Eunices Großvater bauen. Aber Detroit wird immer unsere Heimat bleiben. Mein Herz und meine Gedanken, mein Geist und meine Gefühle sind immer dort. Egal, wo ich mich gerade aufhalte, in Alaska oder Tibet… Aber, wie gesagt: Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordhöhe, die Mittelklasse stirbt langsam aus – wie überall in den USA – es gibt nur noch ganz Oben oder ganz Unten…

Eunice Hood: Zuerst ist meine Mutter nach Alabama gezogen, wo sie geboren wurde. Viele aus meiner Familie sind inzwischen zurückgegangen.

Robert Hood: Sie hat eine echt große Familie. Zehn Brüdern und Schwestern, die in einem kleinen Haus aufgewachsen sind, das ihr Großvater eigenhändig gebaut hat. Das steht inzwischen nicht mehr, aber auf dem gleichen Grundstück haben wir jetzt gebaut. Es gibt viel Platz und der Himmel ist friedlich. Richtiges Landleben mit Wäldern, Baumwollfeldern… unser Haus liegt auch noch am Ende einer Straße. Der totale Gegensatz zu Detroit.

Debug: Ändert sich deine Musik durch den Ortswechsel?

Robert Hood: Wenn ich an einem Track arbeite, aus dem Fenster sehe, und da ist ein Kornfeld, das ist sehr abstrakt. Das produziert ganz unerwartete Gefühle, ich sehe die Welt mit anderen Augen. Mit Gelassenheit. Ich muss nur den Wolken zusehen und dem Himmel, der größer ist, als ich jemals vermutet hätte. Gleichzeitig ist der Himmel viel näher. Wie ein Gemälde, das man fast anfassen kann. Gleichzeitig sind die Kräfte der Natur unglaublich. Beim ersten Hurrikan ist man natürlich neugierig. Man will die Kraft erleben. Aber es ist absolut beängstigend, wenn man spürt, wie der Wind am Haus rüttelt. Einen Hurrikan haben wir jedenfalls ausgesessen, es war knapp und heftig, das Auge des Sturms war direkt über uns.

Eunice Hood: Wir werden nie wieder bleiben, wenn ein Hurrikan aufzieht!

Debug: Eure Großeltern sind also, wie viele Schwarze ab den 40ern, aus dem Süden nach Detroit gegangen, weil es dort Arbeit gab, das gesellschaftliche Klima vergleichsweise liberal war, und jetzt gibt es eine Bewegung zurück in den Süden, weil es sich dort inzwischen wieder besser lebt?

Robert Hood: Genau. Sie kamen aus Alabama, aus Georgia, Tennessee und Mississippi nach Detroit, weil es Jobs gab. Aber dann kam die Reagan-Ära, die Crack-Ära! In der auch Techno seine Wurzeln hat: Es war eine Do-or-die-Situation. Etwas Neues musste aus den Ruinen entstehen. Für mich war das immer ein Hybrid aus Yellow, Funkadelic, David Bowie…. Detroit ist eben eine progressive Stadt, wir waren mal fast so hip wie New York. Aber wir sind ein merkwürdiges Tier: Tief im Funk und in New Wave verwurzelt. Ich erinnere mich an schwarze Hinterhofpartys, wo Devo lief, Heatwave, die B52s, oder Queen: “Another one bites the dust”. Der ganzen Track, weil das vor Mixing und der ganzen DJ-Kultur war. Ende der 70er, ich war 13. Zu jung, um in die Clubs zu gehen. aber ich bin immer der Musik gefolgt. Electrifying Mojo hat im Radio Dead or Alive, Peter Frampton, Prince, The Clash, Michael Jackson und Kraftwerk mit der Musik kombiniert, mit der wir aufgewachsen sind: Earth Wind and Fire, ein bisschen Motown, aber nicht viel, Marvin Gaye, aber nicht die Four Tops. Nur innovative Sachen. Stevie Wonder, der auch aus Detroit kommt, war übrigens der erste, der einen Fairlight-Computer benutzt hat.

Debug: Wie hast du das als Teenager alles mitbekommen, außer im Radio?

Robert Hood: Es gab immer Musik um mich herum. Motown-Gründer Berry Gordy ist beispielsweise der Cousin meines Großvaters. Das war also alles in meiner Nähe. Inzwischen betreibt ein Onkel, der auch Robert Hood heißt, das Motown-Museum.

Die Interviewer sind nachhaltig beeindruckt und verlieren den Faden, das Ehepaar Hood lacht wissend, der Spickzettel spuckt eine neue Frage aus.

Debug: Wie kommt´s eigentlich dass es weder eine Robert-Hood- noch eine M-Plant-Site gibt? Verpeilung? Absicht?

Robert Hood: Ich hab es nicht so mit Computern… Ich bin Künstler! Techno, Keyboards, Drummachines, das sind alles nur Medien, die ich mir ausgesucht habe, um zu Malen. Das DAT-Tape ist meine Leinwand. Alles nur Medien, nichts weiter. Neue Technologie gibt mir keinen Kick. Hardware-Sequencing ist für mich, wie für andere eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Wenn ich eine Inspiration habe, möchte ich sie sofort umsetzen, ich möchte nicht auf irgendwelche Downloads warten oder so. Hardware-Sequencing sorgt dafür, dass ich mehr denke, und ich möchte nicht, dass der Computer für mich denkt! Viele Leute sagen ja immer noch, dass Techno-Musiker gar keine Musiker sind, was nicht stimmt. Aber wenn wir weiterhin den Computer alles machen lassen, was irgendwie geht, dann werden es wirklich keine Musiker mehr sein. Ich muss meine Menschlichkeit in der Musik transportieren.

Eunice Hood: Die Zukunft wird bestimmt auch in unser Leben mehr Technologie bringen, wir werden sogar eine Website haben! Aber jetzt mussten wir uns auf unseren Umzug, unsere Familie und solche Dinge konzentrieren.

Debug: Dass Musiker vom Kästchen-Schubsen am Monitor gelangweilt sind, hören wir immer wieder. Ist die Zeit reif für eine elektronische Renaissance?

Robert Hood: Techno braucht dringend eine Renaissance! Für mich ist seit sechs, sieben Jahren ein neuer, verrückter Durchbruch fällig. Ein radikaler Aufbruch, mit radikalen, neuen Ideen. Weil wir uns festgefahren haben. Alles klingt gleich. In den 70ern hatten alle ihre eigene, starke Identität. Wenn die Nadel die Platte berührte, wusste man sofort, dass es James Brown ist. Wenn die Nadel die Platte berührte, wusste man sofort, dass ist Funkadelic oder meinetwegen sogar Barbara Streisand. Der Musik von heute fehlt die Seele, ihr eigenes Gefühl. Mir ist egal, wo du herkommst, ob du schwarz, weiß oder gelb-rosa-gestreift bist, du musst Gefühl in deiner Musik haben. Das fehlt heute der Pop-Musik, oder dem sogenannten Hip-Hop. Techno, House, R&B – überall fehlen Seele und Gefühle. Musik ist zu einem banalen Produkt geworden, wie eine Packung Zigaretten.

Debug: Wir haben es ja nicht so mit dem Kulturpessimismus…

Robert Hood: Das ist natürlich alles Industrie-Politik. Man kann dafür bezahlen, dass Stücke in die Heavy-Rotation kommen. Das ist die Art und Weise wie die Industrie gemanaged wird. Leute machen sich einen Namen, aber ohne eigenes Profil, ohne Originalität, ohne eigene Identität, ohne eigene Sicht der Dinge. Was die Industrie, die Musik und die Kunst tötet, ist, dass einer wie der andere klingt. Und warum sollte ich wie jemand anders klingen wollen? Um Geld zu verdienen! Um populär zu werden. Heute wollen zuviele Musiker in Schubladen passen. DJ-Sets bestehen oft aus ein und demselben Sound – Aber das macht die Party kaputt.

Debug: Bevor wir zum Schluss kommen: Wie wird es Minimal 2007 ergehen?

Robert Hood: Minimal heißt sich auf die essentiellen Dinge zu konzentrieren. Keeping it stripped down. Auch eine funktionale Gestaltung des Lebens. So habe ich schon ´93 über Minimal gedacht. Viele Trittbrettfahrer sind damals aufgesprungen und haben Minimal fast zu einem Trend verkommen lassen. Heute machen viele Minimal, weil sie glauben, dass es angesagt ist, und weil sie Geld verdienen wollen. Aber die kapieren nicht, dass es das immer schon gab. Design aus den 20er Jahren. Oder der gesamte Ansatz abstrakter Kunst. Das gab es schon lange, bevor meine Mutter geboren wurde. Daher kann Minimal gar kein Hype oder ein kurzlebiger Trend sein. Ich wusste immer, dass die Kunst alle aufgesetzten Ambitionen überleben würde – Und so sitze ich heute hier!

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Elektronische Lebensaspekte.

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