Rob Hood und Detroit, das ist wie Kuala Lumpur und die Petrona Twin Towers. Hood ist einer der unumstößlichen Säulenheiligen der Technostadt als Part-Time-Member von Underground Resistance, Betreiber des M-Plant Labels und Vordenker von Minimal Techno. Ein tiefer Blick in sein internal Empire.
Text: aljoscha/ alexis aus De:Bug 51

techno

WHERE IS YOUR DESTINY CHILD?
Robert Hood

Detroit ist zur Folie maschineller Wunschökonomien avanciert. Das “perfekte Milieu” wird im Horizont futuristischer Mensch- und Maschinephantasmen als unendliche Serie heraufbeschworen. Es bedarf eines besonderen musikalischen Gespürs, um nicht in eine vertikale Fiktionalität abzudriften oder “The Inner City Desert” Detroit als TV-kompatiblen Sozialdrama-Soundtrack zu vermitteln. Robert Hoods stilbildender Minimalismus entfacht eine andere Realität: Detroit ist weder der Ort, den sich die europäische Elektronikavantgarde als Utopie im Untergang projiziert, noch das romantische Feld afroamerikanischer Selbstgenerierung.

DEBUG: Was halten Sie davon, dass viele Technoproduzenten im Zuge des DEMF/ Detroit Electronic Music Festival von der politischen Klasse Detroits geehrt wurden?

Rob Hood: Die Musiker Detroits schulden eher etwas ihrer Stadt als umgekehrt. Als die Anerkennung in Europa größer war als hier, sagten viele, zum Teufel mit Detroit. Die Radiosender spielten unsere Musik nicht, viele Mixshows wurden abgesetzt. In dieser Zeit hätte man Detroit unterstützen müssen, denn man muss sich auf den Ort beziehen, aus dem man stammt.
In Detroit gab es Leute, die Techno und House feierten, die aber meinten, weggehen zu müssen, weil niemand die Musik unterstützte. Wir sind immer noch gefordert, unsere Köpfe zusammenzustecken, um einen Radiosender zu eröffnen oder einen Club und Detroit in Bewegung zu halten. Wenn dazu Kevin Saunderson, Juan Atkins und Derrick May notwendig sind, müssen sie das tun. Sven Väth ist nicht in Detroit unterwegs. Er sagt, ‘Deutschland ist meine Heimat’ und hält’s dort am Laufen.

DEBUG: Warum ist es so schwer, in Detroit einen Club aufzumachen?

Rob Hood: Es ist nicht unbedingt schwer. Entweder man bekommt eine Alkohol-Lizenz oder nicht. Das ist reine Geldfrage. Die Schwarzen sollten ihr Geld zusammenlegen. Es ist auch ein Problem von Egos, jeder will die zentrale Figur sein, falls das nicht gelingt, geht man nach Europa.

DEBUG: Es ist also besonders wichtig für Sie, eine Black Community in Detroit zu konstruieren?

Rob Hood: Das ist das Erste, woran ich denke, wenn ich morgens aufwache. Ich bin ein Schwarzer, und ich komme aus Detroit. Ich bin genauso in der Umgebung von Riots und Drogen aufgewachsen wie unter dem Einfluss der Black Church. Es ist uns allen wichtig, dass die Schwarzen mit einem Gefühl von Hoffnung aufwachsen und begreifen, dass Drogenhandel, Sport oder Entertainment eben nicht die einzigen Möglichkeiten sind. Ich will mehr Schwarze in höheren Berufen sehen. Ich kann ein Richter sein, Anwalt, Arzt, ein Plattenlabel führen, Direktor einer Schule sein. Ich will, dass sich die Lebensbedingungen der Schwarzen verbessern.

DEBUG: Aber wie verhält sich dazu Techno, wie können diese Forderungen in Technotracks artikuliert werden?

Rob Hood: Techno ist fortschrittliche Musik. Fortschritt und Entwicklung sind zentral. Techno ist für mich ein Spiegel unserer Geschichte: von der Sklaverei, der Zeit der Depression, den Riots der Sechziger Jahre bis zur Gegenwart und in die Zukunft.
Techno ist ein dreiseitiger Spiegel. Der Sound Detroits, vor allem Motown, impliziert Fortschritt. Wenn man die Temptations hört, Diana Ross, Marvin Gaye oder die Jackson 5 – das ganze Label Motown stand für die Hoffnung auf ein besseres Leben. Wir wissen, wo wir herkamen: von der Skaverei. Techno nahm den Ball auf und trug ihn weiter. Die Sounds sind grau wie die Stadt mit ihren ausgebrannten Gebäuden. Aber wir hoffen auf eine bessere Zukunft für die Schwarzen und letztendlich für die Welt.

DEBUG: Das ist also ein Versuch, politisch zu werden? Wie schätzen Sie Jeff Mills’ Metropolis Projekt ein und dagegen Spike Lees “Bamboozled” als Versuch schwarzer Repräsentation? Wo würden Sie sich da positionieren?

Rob Hood: Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, das ist Minimalismus. Nimm Spike Lees “She’s Gotta Have It”. Neunzig Prozent sind in schwarz / weiß gefilmt. Im Moment, als sich die beiden im Park befinden, als Clowns und Tänzer erscheinen, wechselt der Film zur Farbe. Weil das die phantasiehafteste Szene war, setze ich schwarz und weiß als Realität. Ich will mich nicht in der Phantasie verlieren. Jeff Mills kokettiert bei dem Metropolis-Album mit europäischer Hochkultur. Meine Perspektive ist die eines schwarzen Mannes. Das Schwarz/ Weiß ist meine Realität als Schwarzer. In diesem Rahmen kommuniziere ich. Ich will die Realität nicht mit Zucker überziehen, ich mag es direkt ins Gesicht. Ich will vermitteln, wie die Welt ist, ohne jemanden niederzumachen.
“Black Hollywood”, der Eröffnungstrack von “Nighttime World 2”, handelt von der miserablen Situation schwarzer Schauspieler in Hollywood, besonders schwarzer Schauspielerinnnen. Gleichzeitig ist meine Musik aber ein schwarzes Hollywood, aus einer kleinen Perspektive, es ist die Vorwegnahme eines schwarzen Hollywoods, Affirmative Action.
Ich hoffe, dass meine Musik wie helles Licht ist, das zum Weg Christi weist. Als ich das Konzept von Minimalismus und M-Plant entwickelte, war Gabba der populäre Sound. Mein minimaler Sound sollte das Gegenteil sein. Diese Musik bringt verschiedene Kulturen zusammen, Menschen verschiedener Hautfarben. Gabba ist faschistisch. Auf einem Rave in Amsterdam sah ich einen Typen mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck “I will meinen Vater töten”. Auf der Bühne wurde ein weiß gekleidetes, tanzendes Mädchen von einem Monster mit dem Messer aufgeschlitzt. Das ist nicht, was Gott wollte.
Meine Gegenaktion gegen all das war Minimalismus, angefangen mit “Internal Empire”.

DEBUG: Wie schätzen Sie den Erfolg Ihres Sounds ein und die Tatsache, dass ihn zahllose Produzenten aufnehmen?

Rob Hood: Es ist die Revolution, und zugleich tötet es die Musik. Als Künstler sollte man lernen, sein wahres Selbst auszudrücken, nicht das Rob Hoods, Juan Atkins’ oder das der Rolling Stones.

DEBUG: Wie anders könnte sich die Musik entwickeln?

Rob Hood: Jeder muss von sich selbst ausgehen. Davon handelte “Internal Empire”. Ich habe ein ganzes Reich in mir. Das lernt ihr über die Jahre kennen. Ich präsentiere es, wie es ist, roh und sauber. Als ich “Internal Empire” produzierte, wollten alle jemand anders sein. Schon bevor ich begann Musik zu machen, wusste ich, ich werde Pionier sein, ich werde ich sein. Du kannst nicht in Robert Hood schauen, weil du nicht ich bist, und ich nicht du.

DEBUG: Vielen Dank!

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Elektronische Lebensaspekte.