Wenn man Anfang der 90er seinen bücherverwurmten Freunden erklären wollte, wie sich Techno anfühlt, dann drückte man ihnen den "Localizer" in die Hand. Der Bildband war nur der erste Streich des "Die Gestalten Verlages", der seitdem mit seinen Grafikbüchern die verschiedensten Themen abbildet, wenn sie gerade heiß sind.
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 102


Zwischen Inspiration & Utility

Im seinem elfjährigen Bestehen hat sich der 20-köpfige Berliner “Die Gestalten Verlag” mit über 170 Veröffentlichungen zu einem der wichtigsten Verlage für Buch-Publikationen zwischen Gestaltung und Style, Trend und Zeitlosigkeit, Oberfläche und Tiefgang etabliert. Dabei gründet dieser Status nicht nur auf dem immensen Buch-Output für Interessierte an Gestaltung, sondern auf der Fähigkeit, den kreativen Ausdruck unserer Zeit aktiv begleitend mit inspirierenden Veröffentlichungen und solchen mit anleitendem Werkzeug-Charakter zu dokumentieren, anstatt ihn im Nachhinein philosophisch zu reflektieren und zu erklären: Die Publikationen des DGV zeigen den aktiven Status der Szene an. Wer so schnell sein kann und muss, wertet eben erst mal noch nicht aus. Dabei ist der aktive, forsch forschende und experimentelle Duktus der Macher und Autoren, das Gespür für Strömungen und die Kenntnis um die Potentiale von Netzwerkarbeit sicher entscheidend für die Produkte und den Erfolg. Zudem gibt der Verlag der Kreativ-Szene das in einem guten Preis-Leistungsverhältnis zurück, was er von ihr bekommt. Robert Klanten, kreativer Leader im Verlag, skizziert für uns die Milestones in der Verlagsentwicklung und erklärt, wie Bücher entstehen.

Debug: Könntest du die Entwicklungsgeschichte des Verlages seit der ersten Veröffentlichung Localizer (1994) in Milestones skizzieren?

Robert Klanten: Localizer, die Dokumentation der visuellen Seite von Techno, hatten wir als One-Off-Projekt konzipiert. Zuerst haben wir gedacht, wir machen einfach mal ein Buch. Dann haben wir gemerkt, dass wir administrativ etwas investieren müssen, und haben 1995 einen Verlag gegründet. Eigentlich hatten wir gar keine Ahnung. Das war teilweise schon relativ bizarr. Daraufhin haben wir zwei Jahre lang quasi eine Lehre in unserem eigenen Laden gemacht. Wir haben uns gegenseitig ein paar Sachen beigebracht, ich hab mir ein paar Sachen beigebracht und hab mich in das Thema eingelesen. Nach dem Localizer-Projekt hatten wir wenig Geld und haben uns als Existenzgründer fördern lassen. 1997/98 fingen wir an, einen regelmäßigen Output mit ca. vier Titeln pro Jahr zu starten. Von 1997 ab kann man von einem zielgerichteten Tun sprechen. Der Output ist stetig gewachsen. Wir sahen zu der Zeit, dass es einen unheimlichen Bedarf an Materialisierung und Dokumentation von Arbeiten und Prozessen im Gestaltungsbereich gab. Das haben die anderen Verlage nicht geleistet. Oder wenn, war es einfach nicht zeitgemäß. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon alle Publikationen in englischer Sprache konzipiert, arbeiteten mit einem japanischen und englischen Vertrieb, Jahre bevor wir einen deutschen Partner hatten. Das merkt man heute noch. Wir verkaufen weniger als ein Fünftel in Deutschland. Unsere Hauptmärkte sind die USA, Asien und England. Die Internationalität und das Besetzen der Nische war die richtige Entscheidung und somit wachstumsfördernd. Ab 1998 haben wir kontinuierlich Bücher zum Thema Grafikdesign veröffentlicht: KM7, Swiss Graphic Design, Buero Destruct. Bei Buero Destruct war nicht nur die Dokumentation der Inhalte und der Arbeiten, sondern auch die Vermittlung des Lebensgefühls dieses Gestaltungskollektivs wichtig: Die sitzen in Bern. Die machen Grafikdesign. Die scheinen sich ganz gut zu verstehen. Die fahren zusammen in Urlaub. Die machen Quatsch. Die arbeiten alle auch autark. Aber doch zusammen. Und das auch noch international. Diese Doku hat perfekt in diese Zeit gepasst. Der nächste Milestone war die komplette Umstellung nach dem 11. September. Das Ereignis hatte zwar erst mal wenig Einfluss auf uns als Verlag selbst, aber danach wurden Bücher anders gekauft. Vor diesem Ereignis haben wir gleich viele Bücher aus den Bereichen “Inspiration”, den Büchern zum visuellen Flanieren, und “Utility”, den Büchern zur Anwendung, verkauft. Viele wollten noch wissen, wie andere arbeiten. Wollten sich einen neuen kreativen Korridor öffnen. Das hat sich innerhalb von neun Monaten sehr stark gewendet. Wir hatten zwar auch danach zehn bis zwölf Titel auf dem Tisch, die haben sich vorher gleich gut verkauft. Danach haben sich von denen nur noch drei sehr gut und der Rest sehr schlecht verkauft. Auf den Umsatz hatte das wenig Einfluss, da sich die Verkäufe ausgeglichen haben, aber das Verhältnis stimmte nicht mehr. Alles, was Nutzwert hatte, wie z.B. das Logo-Kompendium Los Logos, folgend dem Motto: “Value for Money, damit kann ich was mit anfangen, damit kann ich Geld mit verdienen, damit kann ich arbeiten!”, das verkaufte sich wie blöd. Lange hat wenig im Inspirations-Kontext funktioniert. Seit zirka einem Jahr hat sich das aber wieder normalisiert. Wir haben wieder gemerkt, dass viele unserer Bücher als Inspiration und Recherchemedium genutzt werden, da sie von Leuten gemacht werden, die Ahnung haben, im Thema drinstecken und weit vorne sind. Deswegen gibt es auch eine klare Legitimation für diese Publikationen hier im Verlag.

Wir haben dann 2003 das von State-of-the-art Grafikdesignern illustrierte Gebrüder-Grimm-Märchenbuch veröffentlicht. Wir wollten eine Lücke schließen, da, um dieses Thema zu rezipieren, kein Fachwissen nötig ist. Das Märchenbuchformat hat eine fast standardisierte Präsentationsform: bekannte Geschichten, Hardcover, große Typo, klassisches A4-Format. Aber die Bildwelten, die mit den Geschichten assoziiert werden, die sind eben immer noch von Ravensburger geprägt. Ein romantisches, niedliches Kinderbilduniversum, das sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. Das wollten wir ändern und haben gedacht, da könnten wir einen neuen Einstieg für eine breitere Leserschaft bieten. In Deutschland hat das leider nicht so gut geklappt. Der Hintergrund ist wohl folgender: In England, wo das Märchenbuch gut angekommen ist, setzt sich die Käuferschicht zu gleichen Teilen aus Otakus, also den totalen Auskennern, den 3/4-Auskennern, den 1/2-Auskennern und dem Mainstream zusammen. In Deutschland gibt es nur eine kleine Menge Otakus. Dann kommt erst mal gar nichts. Und ganz hinten kommt der Mainstream.

Debug: Ihr habt damit die neuen Illustrationsformen integriert …

Robert Klanten: Das hat sich sehr klar abgezeichnet. Nach der intensiven Vektorgrafik-Phase um 2000, nach dieser ganzen Freehand-Orgie und der vorherrschenden Foto-Ästhetik zu dieser Zeit wollten die Gestalter unbedingt etwas Menschliches, etwas Persönliches einfügen. Gestaltung brauchte einen persönlicheren Standpunkt und sollte nicht so aussehen, als wäre es von einer Maschine gemacht. Es wurde in Fotos reingekrakelt, gezeichnet, gerne richtig hahnebüchen. Einfach mit der linken Hand, damit es nur irgendwo diesen menschlichen Touch hat. Wenn man das weiterdenkt, war es vollkommen klar, dass sich über die Verbreitung der Fotografie durch Digicams ein ganz anderer Bedarf und eine ganz andere Sichtweise für Illustration entwickeln musste. Die Anwendungen und die Stilistiken von Illustration mussten sich ausweiten.

Debug: Du bist eigentlich Industriedesigner. Welche Rolle spielst du im Verlag?

Robert Klanten: Wir haben in Essen Industriedesign studiert. Generalistisch, polytechnisch und interdisziplinär. Doch an dem Punkt im Hauptstudium, wo es um das Schnitzen von Schaummodellen ging, hatten wir uns gedanklich schon vom klassischen Industriedesign verabschiedet. Andreas Peyrl und ich haben in Frankfurt die “Experimente Schauen” organisiert, diese zum Teil kuratiert und damit im Prinzip das vorweggenommen, was wir jetzt tun. Andreas hat sich Ende der 80er den Mäusekino-Mac gekauft und grafisch gearbeitet, dann Anfang der 90er für den Tresor und die Loveparade gestaltet. Dieser Bezug zum Kommunikationsdesign war also bei uns allen schon sehr stark und früh vorhanden, bei mir über Gestaltungstheorie und -geschichte. Radkappen bei BMW gestalten sah ich nicht als meine Zukunft. Zu meiner Aufgabe hier: Ich habe mich zu der Zeit, als wir das erste Buch machten, als operativer Designer ausgeschaltet. Jetzt mache ich hier im weitesten Sinne Art Direction und die Herausgeberschaft, ich weiß, wie Bücher funktionieren, wie die Gestaltung funktioniert, und leite es an. Ich versuche die Hälfte meiner Zeit inhaltlich und die andere administrativ zu arbeiten. Die wesentliche Aufgabe, die wir haben, ist, Themen und Buchkonzepte selber zu generieren oder Autoren dabei anzuleiten und zum Ziel zu führen. Dabei kommt es uns zugute, dass wir erfahrene Gestalter im Team haben, die die Konzepte überprüfen und korrigieren können. Dazu kümmere ich mich um den Außenauftritt, die Kataloge und um die Buchcover. Die sind unsere Sache. Die Autoren haben ein Vorschlagsrecht, doch wir haben das letzte Wort.

Debug: Wofür steht der Gestalten Verlag? Was macht den Erfolg aus?

Robert Klanten: Wir versuchen, Zielgruppen-orientiert zu arbeiten. Nicht Medien-orientiert. Und wir versuchen mit unseren Büchern zwischen Style und Gestaltung zu vermitteln. Style ist per Definition ungerichtet, während Gestaltung Pflichten-orientiert ist. Da wir viel in der Gestalter-Peripherie und mit der Gestalter-Infrastruktur arbeiten, sehen wir genau, was Designer zusammenbringt, was sie befruchtet und worüber sie sich austauschen. Hier fühlen wir uns zu Hause. Hier haben wir uns eine gewisse Kompetenz angeeignet. Deswegen machen wir nur Bücher, die in genau diesen Kontext passen. Zudem sollte der Output immer zwischen Brot-und-Butter-Themen ausgeglichen sein. Man muss immer zwei, drei Schlachtschiffe im Portfolio haben, die verkaufen müssen. Und für die dann auch mal drei Gestalter acht Monate Entwicklungszeit brauchen. Auf der anderen Seite braucht natürlich das forschend Experimentelle seinen Platz. Deswegen gibt es immer Titel mit Themen, mit denen viele nichts anfangen können. Aber das hat eine Legitimation für uns und gibt uns Street Credibility. Dieses Verhältnis muss man eben so eintakten, dass es wirtschaftlich nicht komplett gegen die Wand fährt. Aber es ist ganz wichtig, um für uns unseren Anspruch zu bedienen und in diesem Bereich eine Kompetenz zu reklamieren. Die dritte Sorte Buch sind die Pressethemen. Es hat immer Publikationen wie das Manual von Bill Drummond von KLF zum Popbiz, Electronic Plastic zur Game-Kultur oder Temporary Spaces zur Clubkultur gegeben, bei denen wir uns bewusst darüber waren, dass sie zwar wenig verkaufen – aber alle darüber schreiben werden.

Debug: Wie funktioniert eine Buchkonzeption? Wie werden Ideen an euch herangetragen?

Robert Klanten: Es gibt zwei Wege zu arbeiten: die eine ist Autoren-orientiert, d.h. wir verlegen einen Autor oder ein Autoren-Team. Die andere ist redaktionell, wir entwickeln das Thema also selbst. Es passiert sehr selten, dass wir auf der Basis von eingesandten Konzepten ein Buch machen, meistens funktionieren sie einfach nicht, sind so weit verformt, dass man sie nicht in einen offenen und verwertbaren Zustand zurückbauen kann. Das ist oft schade, doch manchmal gibt es noch Wege, es zu transformieren. Meist gehen wir auf Gestalter zu, sagen: Ihr macht coole Sachen, darüber würden wir gerne ein Buch publizieren. Wir sehen Substanz bei euch. Wenn ihr Lust habt, dann schickt uns doch ein Proposal. Im Falle des MTV-Buches “The Visual Messages and Global Language of MTV” haben wir das Thema selbst entwickelt. Ich kam darauf, weil ich merkte, wie unterschiedlich die einzelnen Formate in den verschiedenen nationalen Kontexten funktionieren. Ich fragte mich, wie das gesteuert wird. Dahinter steckt dann ein ökonomisches und organisatorisches Interesse. Dieses globalisierte, gleichgeschaltete System à la McDonalds funktioniert bei Kreativität nicht, weil man es mit anderen ästhetischen Korridoren in Gestaltung und Rezeption zu tun hat. Es ging hier um die Frage, wie globale Inhalte auf verschiedene nationale Sender heruntergebrochen, individualisiert und gesteuert werden. Mit diesem Interesse bin ich auf sie zugegangen und habe das Thema vorgeschlagen. Für MTV ist das Thema wichtig, weil sie sahen, dass sie ihre Vorherrschaft im Jugendmarketing festigen müssen und hier ein Chance haben, sich selbst zu positionieren. Beim Illustrationsbuch “Illusive. Contemporary Illustration and its Context” war das Vorgehen anders: Wir haben eine große Datenbank mit Designeradressen, die wir nach bestimmten Themen absuchen können. Im Detail fragen wir bestimmte Designer, was gerade in ihrem Kontext passiert. Darüber generieren wir wieder Kontakte und sehen mehr Arbeiten. Dann sammeln wir alles zusammen, filtern und publizieren.

Debug: Wie habt ihr ein solches Netzwerk aufgebaut? Pflegt ihr das aktiv?

Robert Klanten: Wir arbeiten mit einer Basis von ca. 4000 Kontakten. Mit denen kann man nicht mal eben ein Bier trinken gehen. Es gibt Designer, mit denen man öfter zu tun hat, die auch näher an einem dran sitzen. Es ist normal, dass wir uns austauschen. Wir bekommen Sachen zugemailt und wir gehen natürlich auf die Anfragen ein. Wenn wir ein Thema haben, das wir angehen wollen, haben wir eben diese raffinierte Datenbank, um ziemlich punktgenau suchen, filtern, ansteuern und befragen zu können.

Debug: Gibt es Projekte, die du bevorzugst?

Robert Klanten: Es gibt keine Projekte, von denen ich sagen würde, die mache ich am liebsten. Ich lasse meine Vorlieben außen vor. Ich versuche mich bei allen Projekten ähnlich zu engagieren. Die meisten sind cool und machen Spaß. Aber natürlich gibt es Projekte, die hängen einem schon vor dem Druck zum Halse raus. Da muss man sich zusammenreißen. Das Negative darf man nicht nach außen tragen. Und man darf es den Büchern nicht anmerken. Das hat meist weniger mit den Themen zu tun als mit den Leuten, mit denen man zusammenarbeitet. Manchmal sagst du, hey, das ist ein geiles Buch, aber den Autoren willst du nicht mehr sehen. In meiner Funktion kann ich es mir nicht erlauben zu sagen, ich hätte kein Bock mehr auf den und den.

Debug: Wie lange dauert eine Buchgestaltung bzw. Produktion?

Robert Klanten: Beim Los Logos haben wir es mit ca. 20.000 Arbeiten zu tun. Bei manchen Fotobüchern stehen hier über 80 Kartons mit Kontaktabzügen rum. Masse braucht Zeit. Aber normalerweise dauert nur die Gestaltung der Bücher im Mittel um die vier Wochen. Aber ab einem bestimmten Punkt kommst du nicht ohne ein ausgeklügeltes System weiter. Du kannst dir eben nicht alles merken. Man muss wissen, was man will, was wichtig ist. Eine klare Proklamation für das Ziel, bevor man sich die Arbeiten ansieht. Bei der Arbeit muss man ein Gefühl für die Substanz haben, denn schon nach der ersten Auswahl werden die Arbeiten alle für den Druck vorbereitet und reingezeichnet. Die Produktion selbst dauert dann so ein bis zwei Wochen, um PDFs zu schreiben und die Plots zu korrigieren.
Bevor die Gestaltung losgeht, wissen wir schon ziemlich genau, was am Ende für ein Buch dabei herauskommen und wie es sich anfühlen soll. Es gibt einen Gestalter, der das Projekt leitet, dann gibt es einen Produktioner, der ihn in den Produktionsdetails unterstützt, und zwischen drei und sechs Gestalter, die das Buch layouten.

DeBug: Das Buch kommt dann auf den Markt. Gibt es hier bestimmte Regeln?

Robert Klanten: Klar, es gibt eine Menge Regeln. Das fängt beim Buchcover an. Da gilt: No White. No Black. No Green. Kein Weiß, weil es im Buchladen immer schäbig aussieht. Neben zehn perfekt eingepackten Büchern liegt ein Ansichtsexemplar und die Leute kaufen es nicht, weil sie denken, sie kaufen das schäbige. Das ist total irre. Kein Schwarz, weil das schwarze Cover in die auf Key Visual ausgelegten Präsentationsflächen des Buchladens Löcher reißt. Ein schwarzes Buch ist ein Loch. Die Käufer scannen einfach drüber hinweg, egal, ob es genau das ist, was sie suchen. Grüne Bücher verkaufen sich 20-30% schlechter, wobei keiner so genau weiß, warum. Aber natürlich machen wir auch schwarze oder weiße Buch-Cover, sogar grüne. Ab und zu. Wir sehen uns als Advokat des Handels gegenüber dem Autor. Und umgekehrt. Sagen wir zum Buchhändler: Hier sind wir! Verkauf’ unsere Bücher! Sagt der Gute, Junge, so geht das nicht: Ich habe hier jede Menge Bücher, die gehen zurück und man klaut uns die DVDs aus den Büchern raus. So etwas muss man den Autoren und Gestaltern erst mal erklären. Gerade Lizenzierungen für Musik, die in Kombination mit Motion Graphics genutzt werden, erweisen sich im internationalen Kontext oft als extrem schwierig. Das Bizarre an dem Business ist jedoch, dass man die Bücher nicht für den Endkonsumenten macht, sondern für den Einkäufer, d.h. den Buchhändler. Wenn dieser dem Buch keine Sichtbarkeit im Laden gibt, kann es nicht funktionieren, denn es wird keiner kaufen. Die Einkäufer der Buchläden entscheiden, was funktioniert und was nicht. Der typische Kunstbucheinkäufer ist bis auf einige löbliche Ausnahmen jenseits der fünfzig. Und hasst uns. Er wundert sich, dass er keine Berge Bücher über Kandinsky verkauft. Das ist ja auch irgendwie ok, doch sie haben bisher nicht mitbekommen, dass sich die Zeiten und die Verfügbarkeit von Information mit dem Internet geändert haben. Noch bestellt kein normaler Buchhändler über Internet. Das ist eine Wasserscheibe. Da ist Ende. Wenn die Einkäufer mit ihrem stalinistisch geprägten Ästhetik-Korridor Einkäufe machen, geht da nichts. Wir versuchen trotzdem, da reinzukommen.

Debug: Was hat sich in deiner Wahrnehmung über die Jahre grundlegend verändert? Wo finden in deinen Augen zurzeit die interessantesten Bewegungen und Entwicklungen statt?

Robert Klanten: In den letzten Jahren war es die Vernetzung. Nicht nur eine Vernetzung der Gestaltungsdisziplinen untereinander, sondern auch der Grundlagen von Ästhetik und Gestaltung. Früher war es so, dass sich Webdesign und Editorial Design beeinflusst haben. Über die Jahre sind durch die Peripherie vielfältige Einflüsse dazugekommen. Digitale Fotografie und Digital Video. Das Interesse wurde breiter, weil die Technik verfügbar war. Auch die Gestaltungssoftware hat sich verändert, gerade in der Verzahnung der Programme. Es werden zudem mehr Kontrapunkte gesetzt, die in der Gestaltungshistorie zurückgehen und sich auf Gestaltungsformen des 18. und 19. Jahrhunderts beziehen. Eben Einflüsse, die sich nicht nur auf klassische Grafik-Design-Wurzeln beziehen.
Man setzt Gestaltungs-Referenzen in alle Kulturen und Jahrhunderte. Es gibt somit eine höhere Akzeptanz, Dinge aus einem Kontext heraus weiterzuentwickeln, der eben nicht Grafik-typisch ist. Kreativität, Gestaltung, Grafik ist vielseitiger geworden. Zudem interagiert zurzeit Kunst sehr stark mit Grafikdesign. Diese klassische 70er- und 80er-Jahre-Kunst mit viel Syntax und vielen Erklärungsmodellen funktioniert für viele nicht mehr. Die Künstler können sich im grafischen Kontext besser ausdrücken und Arbeiten fertigen, die sie bewegen. Es werden sich reale Fähigkeiten angeeignet, da sich die Künstler weniger darauf konzentrieren, in erster Linie im Verwertungssystem Kunst zu funktionieren. Das ist Visual Culture: Man entwickelt im Gestaltungskontext zweckfreie Sachen und Konzepte weiter. Anderseits das Kunstprinzip: Früher hat man sich auch hübsche Sachen angesehen und sich gesagt, wenn ich nur dieses Werk verstehen kann, wenn ich vorher 30 Seiten Text vorher gelesen habe, und dazu den Text eigentlich interessanter finde als das, was ich sehe, dann funktioniert das nicht ganz. Für mich ist mit der ”Sensations“-Ausstellung der große Cut gekommen. Einen Großteil der Kunst in diesem Kontext kann man in 30 Sekunden rezipieren. Danach kannst du es wegschmeißen und vergessen. Es passiert, da öffnet sich aber nicht mehr viel. Das wurde für eine andere neue Art von Sichtweise entworfen. Diese ganze Entwicklung trägt zur Situation und zum Gesamtbild bei: Jetzt gibt es Street- und Urban Art, die in die Museen einsickert. Heute hat jeder zweite Künstler mit Sprayen angefangen. Statt Kunsthochschule gehen die Künstler auf die Straße, an die Wand. Da ist das Internet wieder sehr hilfreich, um sich zu organisieren und auszutauschen. Hier entstehen diese verschiedenen Mikrokosmen, diese Kollektive, die in sich funktionieren. Das ist eine Welt, die mal offen, mal hermetisch verschlossen ist. Sie haben sich so weit entwickelt, dass der Kunstmarkt nicht mehr dran vorbeikommt.

Debug: Dennoch bleibt diese Gestaltungskunst, die bisher noch keinen Namen hat, gern unpolitisch.

Robert Klanten: Nein, das Politische sehe ich schon. Der brasilianische Gestalter Nando Costa hat im Buch ”Disorder in Progress“ seinen Gestaltungskontext im klassischen Stil einer lokalen Kompilation aufgezogen. Das war thematisch durchaus dicht. Er wollte die gesellschaftlichen Eigenheiten und Probleme des Landes mit Analphabetismus und Kinderprostitution nicht ausklammern, sondern seine Arbeiten dem annähern. Es gibt diese Tendenz, schwierige Inhalte zu kommunizieren und nicht nur dekorative Postkarten zu machen. Viele Gestalter sind in ihren Arbeiten politisch. Wobei das Politische eine Wandlung erfahren hat. Meinung und Politik sind heutzutage nicht mehr mit dem klassischen Parteien-System zu fassen. Es diversifiziert sich, wird persönlicher und dosierter.

Debug: Wenn ich Streetart betrachte, hätte ich mir gewünscht, dass dieser intellektuellere Ansatz kommunikativ etwas zielgerichteter nach vorne geht als der “Reclaim The Streets”-Kontext von Graffiti.

Robert Klanten: Das gibt’s aber auch. Es gibt in Paris diesen Street-Artist, der Schlafstätten von Obdachlosen markiert. Er setzt Marken, die man nicht unbedingt entziffern kann. Es gibt viele Künstler, die kleine Störungen in urbane Systeme einbauen. Dennoch ist meine Erfahrung mit den Streetart-Künstlern die, dass sie am meisten mit sich selber zu tun haben. Sie denken nur an sich und an ihr Ego. Viele sind nur so manisch von sich selber besessen, dass da eben nicht viel übrig bleibt. Die, die die Szene belegen, sind meist die, die den meisten Schindluder mit Props und Profit betreiben. Ob jetzt im HipHop mit “Respekt” oder beim Techno mit “Love”. Es gibt nirgendwo so viel Bullshit wie in den Bereichen, wo man sich etwas extrafett auf die Fahne schreibt. Aus den kreativen Vorlagen wird dort zu wenig gemacht. Da könnte noch eine Menge passieren.

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Elektronische Lebensaspekte.

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