Die Stimme von "Can you feel it"
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 119

House-Pioniere und das Älterwerden: Die Stimme von “Can you feel it” erzählt über den Soul im House, persönliche Enttäuschungen und das Musikbusiness in Europa und den USA. Leitmotive für ihn sind alle möglichen Elemente der illusorischen heilen Welt, von “Gutes tun” bis “Leute zum Nachdenken bringen”. Nachdem er 2006 mit Rob Mello “The Energy” produzierte und als Sänger von “Walk a mile in my shoes” von Coldcut den großen Konsenshit landete, legt er jetzt ein eigenes Album nach, das erste seit 1990.

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Robert Owens Biographie:

Geboren 1961 in Ohio, aufgewachsen in Chicago und L.A., spielte Mitte der 80er in der Chicago-House-Band Fingers, Inc. mit Larry Heard und Ron Wilson (“Can you feel it”, mhr Hymne gibt es nicht).
Er landete zwei No1-Hits: “I’ll Be Your Friend” 1991 und “Mine To Give” (mit Photek) 2000, und brachte 1990 die LP “Rhythms In Me” mit Frankie Knuckles heraus.
1993 zog Owens nach London, wo er seitdem lebt und u.a. für das Freetown Label arbeitet.
1996 schob er seine musikalische Laufbahn mit der EP “Ordinary People” wieder an und setzte letztes Jahr mit Rob Mellos “The Energy” und “Walk a mile in my Shoes” von Coldcut zu einem neuen Sprung an.

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Es gibt viele Stimmen in der Geschichte von House und allem, was danach kam, aber kaum eine klingt wohl so unverwechselbar und zieht sich so konstant durch alle Stile wie die von Robert Owens. Ob unter eigenem Namen oder in der Zusammenarbeit mit Produzenten wie Larry Heard, Frankie Knuckles, David Morales bis hin zu Photek, London Elektricity oder Coldcut und unzähligen anderen, er war immer da und verlieh jedem Track seine einnehmende Präsenz. Nun schaltet er sich mit einem Album erneut in das zeitgemäße House-Geschehen ein und hat für diesen Zweck eine Reihe illustrer Mitstreiter versammelt.

De:Bug: Du machst seit über 20 Jahren Musik und warst eine der ersten Stimmen von House. Jetzt veröffentlichst du dein erstes Künstler-Album seit längerer Zeit.

Robert Owens: Ja, ist eine Weile her. Ich bin wie ein altes Relikt, immer noch da (lacht). Ich bin sehr froh und fühle mich, als hätte ich das, was so in der Musikwelt passiert, mitentwickelt. House-Leute tendieren dazu, stillzustehen oder in ihrem Umfeld zu stagnieren. Ich hatte das Glück, um die Welt reisen zu können und konstant neue Kulturen kennen zu lernen und mich davon inspirieren zu lassen. Um Dinge weiterzuentwickeln, brauchst du ein gewisses Bewusstsein, und ich hoffe, dass mir das mit dem neuen Album gelungen ist. Eine neue Richtung einzuschlagen und der Welt zu zeigen, dass ich mir der Gegenwart und was so abgeht bewusst bin.

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De:Bug: Du hast bei Produzenten Gastauftritte als Sänger gehabt. Jetzt hast du wieder mit anderen Produzenten zusammengearbeitet, aber was hat dich dazu bewogen, das Album unter deinem eigenen Namen zu veröffentlichen? Hattest du das Bedürfnis, wieder einen Schritt in diese Richtung zu machen?

Robert Owens: Definitiv, mein Management und viele Leute haben gesagt: “Du machst nur noch Sachen auf den Alben anderer Leute, bei denen es nicht um dich geht. Sie bekommen deine Handschrift, und du bleibst ein Feature-Sänger. Warum bringst du kein eigenes Album raus?” Und da habe ich mir gedacht, ich drehe die Sache einfach um. Ich lasse andere Produzenten als Gäste auf meinem Album auftreten.

De:Bug: Wie hast du sie ausgesucht? Hattest du eine Vorstellung, wie du auf dem Album klingen willst?

Robert Owens: Wenn ich eine Platte zusammenstelle, ist mein Anfangsgedanke immer ein Thema und wie ich es musikalisch ausdrücken kann. Dann bringe ich eine Reihe von unterschiedlichen Produzenten zusammen und checke, wie sie auf meine Vision reagieren. Die, die mit einer unsinnigen Antwort kamen, habe ich rausgefiltert. So blieben am Ende all die Leute übrig, die mit mir und meiner Herangehensweise in Einklang waren. Das war dann das Ergebnis, und ich hoffe, dass man eine gewisse Kontinuität spüren kann in der Art und Weise, wie ich das Album arrangiert habe, wie ich die Leute zusammengebracht habe und wie sie klingen.

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De:Bug: Also, ich finde, es hat Kontinuität und es klingt homogen, wenn das dein Ziel war.

Robert Owens: Ja, außerdem wollte ich aktuell sein und trotzdem bestimmte Elemente aus der Vergangenheit reinbringen, um zu zeigen, dass ich meine Wurzeln nicht vergessen habe. Heute ist in vielen Ländern Techno oder Minimal angesagt, und es scheint, als wären Gesang und Geschichten verloren gegangen, besonders hier in Europa. Ich versuche, das zurückzubringen. Das ist eins meiner Ziele, Geschichten zu erzählen ist mir sehr wichtig. Daher heißt der Titel des Albums: “Night-Time Stories”.

De:Bug: Du wolltest also lyrische und emotionale Inhalte zurückbringen?

Robert Owens: Genau, Gefühle, ein bisschen Soul-Substanz. Deine Gefühle hängen mit den Gefühlen anderer Menschen auf der Welt zusammen. Jemand anderer erlebt vielleicht die gleiche Situation, über die du gerade redest. Du schließt dich an ihre Psyche und ihre Gefühle an, das kann beruhigen oder heilen. Darum sollte es in der Musik auf alle Fälle gehen. Besonders heute passieren viele negative Dinge; wenn du Menschen in ihrem Alltag ein wenig davon befreien kannst, dann ist dir etwas Konstruktives und Positives gelungen.

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De:Bug: Auf der anderen Seite erscheinen viele der Geschichten, die du in deiner Musik erzählst, gehetzt und voller Schmerz, also nicht so positiv.

Robert Owens: Ich bin wohl eher ein düsterer und trauriger Mensch (lacht). Aber ich versuche, eine Verbindung zwischen den Dingen herzustellen. Besonders auf dieser Platte beginnen manche Stories traurig, aber dann haben sie ein frohes Ende. Sie sind wie Kurzgeschichten, konzentriert. Wie bei “Press On”. Du bist vielleicht von Sorgen erdrückt, aber du machst weiter. Denn wenn du weitermachst, kannst du allem entkommen, der Depression, der Melancholie. Ich mag die Vorstellung, diese Seiten zusammenzubringen. Denn vieles im Leben ist unglücklich, nicht jeder ist verliebt. Es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt so viel Schlimmes, und diese Verschränkung gibt mir die Möglichkeit, alternative Dinge zu schreiben, anders als das übliche R&B-, HipHop- und Popzeug, das man so hören kann. Nicht jeder lebt in diesen Märchen. Nicht jeder lebt dieses aufgesetzte Puff-Daddy-Ding. So viele Menschen in Dritte-Welt-Ländern leben unterdrückt und hungern. Dadurch, dass ich permanent durch die Welt reise, sehe ich diese Unterdrückung, und irgendjemand, irgendwo, sieht diese Geschichten auch. Und darum geht es: wirklich eine Verbindung zu den Menschen, und dem, was du siehst, herzustellen und nicht nur dein eigenes Ding zu machen.

De:Bug: Also bist du enttäuscht davon, wie im R&B- und Pop-Kontext Geschichten erzählt werden?

Robert Owens: Alles hat seinen Platz. Aber Charts-Musiker würden viele der Situationen, um die es in dieser Musik geht, nie erleben. Diese Leute leben in einer märchenhaften Umgebung, sie haben Millionen und den Rückhalt von Labels, Videos und so. Aber ein normaler Durchschnittsmensch, der sich mit der “anderen” Realität auseinander setzt, kann eine Verbindung zu diesen einfachen Stories herstellen. Etwa nach dem Motto: “Ich lebe soundso, ich kämpfe, ich bezahle jeden Tag Rechnungen, versuche einfach zu überleben. Ich kann das verstehen.” Das wäre das Ziel. Sich mit den normalen, armen und durchschnittlichen Menschen auseinander zu setzen. Ich selber bin zum Beispiel ziemlich normal – ich gehe aus, lese, fahre Zug, gehe in Clubs. Nach meinen Auftritten bleibe ich da, rede mit den Leuten und höre ihnen zu. Ich bin ein Teil von ihnen. Menschen sind mein Lebensinhalt. Ich mache das alles für Menschen, daher muss ich mir bewusst sein, wie ein normales Durchschnittsleben aussieht. Ich lebe nicht irgendeinen Hochglanz-Lifestyle.

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De:Bug: Während deiner ganzen Karriere stehen deine Platten für eine große emotionale Ernsthaftigkeit. Wenn du aus einer Kiste mit Dance-Alben die rausziehst, bei denen du die Lyrics geschrieben und gesungen hast, scheint es, als würden sie sich der ganzen hedonistischen Clubkultur widersetzen und sie auf ein ganz anderes Bedeutungslevel hieven.

Robert Owens: Das finde ich wunderschön, und ich bin froh darüber, denn es ist mein Ziel, Menschen zum Nachdenken zu bringen. Nicht nur zu tanzen, sondern auch zu denken, befreit zu sein von negativen Dingen, die sie vielleicht gerade belasten. Wenn ich ihnen helfen kann, diesen Dingen auch nur für ein paar Minuten, während des Hörens eines Tracks, zu entkommen, habe ich das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Ich hoffe, dass lyrischer Inhalt ein Comeback haben wird. Wenn man Leute zum Nachdenken bringt, können sich Dinge ändern, vielleicht wollen sie dann etwas Konstruktives in ihrem Leben machen oder die Richtung ändern, weg von etwas Negativem. Mit vielem instrumentellem oder minimalem Zeugs wird dagegen diese Möglichkeit absorbiert. Darin geht es nicht wirklich um Änderung. Ich habe noch nie eine instrumentelle Platte gehört und dabei gedacht: “Ich gehe jetzt raus und tue etwas Gutes.”

De:Bug: Das finde ich interessant, denn als du in Chicago als Aufnahmekünstler angefangen hast, waren viele deiner Platten sehr reduziert und einfach. Aber du hast deine Stimme dazugebracht und eine Änderung hat stattgefunden. Ist es denn nicht möglich, das mit einem modernen Minimal-Track zu wiederholen?

Robert Owens: Hm, liebend gerne. Man müsste die Leute, die die Tracks machen, dazu bringen, dass sie an die Idee glauben und sagen: “Das könnte klappen.” Wenn man dann zu mehreren wäre, könnte sich der Gedanke entwickeln zu einem: “Nur so kann es klappen.” Aber bei Musik sollte es darum gehen, Neues zu erschaffen und zu entfalten, eine Einführung in etwas völlig Einmaliges und anderes. Vieles von diesem frühen Material entstand aus Unterdrückungs-Situationen. Viele der Großstadtkids haben diese Musik erschaffen, sie kamen aus kaputten, armen Familien, unstrukturierten Verhältnissen. Durch das Spielen mit 808, 707 und anderen Roland-Kisten fanden sie eine billige Möglichkeit, Sachen auf die Beine zu stellen, sich auszudrücken und eine Message nach außen zu tragen. Ich denke, es wäre durchaus möglich, etwas von dem modernen Zeug mit dieser Art von Energie zu verschmelzen. Und das ist wahrscheinlich auch der Ursprung der ganzen Melancholie, denn es war nun mal nicht alles perfekt.

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De:Bug: Ich nehme an, die meisten der aktuellen Minimalsounds stammen aus ähnlichen Situationen. Dir ist es gelungen, diesen Sound mit einem völlig anderen Hintergrund zu kombinieren.

Robert Owens: Ja. Ich bin sehr aufgeschlossenen gegenüber einmaligen und neuen Sachen. Ich bin offen dafür, mit jedem zu arbeiten. Jeder kann mit mir in Kontakt treten und wenn derjenige ein gutes Herz hat, können wir vielleicht was starten. Wenn du lernst, mit Menschen zu kommunizieren, ist schon die halbe Schlacht gewonnen.

De:Bug: Du hast eine bemerkenswerte Stimme, die nun seit über zwei Jahrzehnten Teil der Clubmusik ist. Wie siehst du andere Sänger, die dir in diesem Kontext gefolgt sind?

Robert Owens: Da gibt’s einige talentierte Leute, echt erstaunlich. Kenny und Su Su Bobien, das sind einige der Neuen, die mich echt berühren. Michelle Weeks hat eine unglaubliche Stimme. Barbara Tucker hat sehr positive Musik gemacht. Byron Stingily auch, aber er ist eher Oldschool.

De:Bug: Aber fast niemand dieser Sänger hat so eine große Auswahl an Sounds wie du. Du hast alle Arten von House gemacht, Drum and Bass, Techno, Downtempo …

Robert Owens: Ich habe halt Glück (lacht)! Ich habe immer versucht, mich selbst herauszufordern. Ich habe mich immer bemüht, einmalig und anders zu sein, was ein ständiger Kampf ist. Denn in vielen Fällen wollten Leute, dass ich wie jemand anderes klinge, dagegen habe ich immer gekämpft. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum meine Karriere nur langsam wuchs. Ich habe eine loyale internationale Fangemeinde, und dafür bin ich dankbar. Sie halten mich am Leben und treiben mich vorwärts. Ich bekomme Feedback. Auf Myspace sind manche Kommentare echt überwältigend.

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De:Bug: Gab es Zeiten in deiner Karriere, als es anders war? Tiefpunkte?

Robert Owens: Viele. Das ist der Grund, warum du viele melancholische und Up-and-Down-Stories hören kannst. Ich habe sehr lange herumprobiert. Sehr viel experimentiert. Ich habe immer noch Momente, in denen ich hadere. Aber ich halte sie aus und kämpfe weiter, denn wenn ich es endlich zum Endziel schaffe, für eine Menschenmenge zu spielen, bin ich verjüngt, erleichtert, high. Und ich sehe die Menschen glücklich. Für mich ist das das größte Glück in meinem Leben. Es ist meine Bestimmung. Ab einem gewissen Alter kennst du deine Grenzen, du weißt, wo du stehst, verstehst dich selbst. An diesem Punkt in meinem Leben bin ich zu 100 Prozent in Einklang mit mir selbst, es bedeutet, sich selbst zu verstehen und das der Menschheit zurückzugeben.

De:Bug: Waren diese Tiefpunkte der Grund für dich, die Staaten zu verlassen?

Robert Owens: Normalerweise war mein Grund, von irgendwo wegzugehen, immer Niedergeschlagenheit – ich war unglücklich mit meiner Umgebung, jemand hat mich schlecht behandelt, was mich sehr traurig gemacht hat. Ich bin da sehr empfindlich. Ich öffne mich Menschen, lasse sie in mein Herz, Freundschaften gehen mir sehr nahe und ich möchte, dass sie ewig halten. Das Gefühl als Illusion zu entlarven, ist ein großer Schmerz. Viele Leute haben mich enttäuscht, und ich wollte einfach nur weg, so weit wie möglich. Du haust ab, lässt es nicht an dich ran.

De:Bug: Aber als du in London angefangen hast, hättest du einfach weitermachen können. Ich erinnere mich, dass du als A&R für das Label Freetown Inc. gearbeitet hast.

Robert Owens: Das war toll. Ich war Talentscout für das Label, habe eine Band aufgebaut, einen Chor zusammengestellt, eine Serie von Inhouse-Musikern. Es war ein Projekt, bei dem ich die Freiheit hatte, ein Unternehmen zu entwickeln. Diese Gelegenheit bekommt man selten. Ich glaube nicht, dass viele Leute in der Öffentlichkeit sich darüber im Klaren sind, wie viel Arbeit da drinsteckte. Ich habe manchmal Studiosessions gemacht, bei denen ich 16 Stunden wach war. Mit den Künstlern zu arbeiten, Songs zu schreiben und zu entwickeln, ich hätte das noch weiter entfalten können, aber es war alles nicht so super organisiert. Aber es war trotzdem eine gute Gelegenheit und etwas, an das ich gerne zurückdenke.

De:Bug: Eine Band zusammenzustellen, wie du es gerade erwähnt hast, ist das ein Teil deiner Idee des Performens, neben PAs und bei deinen DJ Gigs zu singen?

Robert Owens: Eigentlich machen wir das gerade. Ich hatte zwei Auftritte hier in Berlin mit einer Band. Ich kam hierher und habe eine Liveband mit Berliner Musikern zusammengestellt. Wir haben im Café Moskau und in der Maria gespielt. Du zeigst ein völlig anderes “Ich” in einer Liveband, ganz anders, als wenn du nur über Hintergrundlieder singst. Wenn wir also die richtigen Leute zusammenbringen, ist es definitiv Teil des Plans, auch viele Livetermine für das neue Album zu machen.

De:Bug: Du könntest vielleicht Larry Heard am Schlagzeug begleiten.

Robert Owens: Wir fahren tatsächlich bald gemeinsam nach Japan! Larry hat neulich was für mich geschrieben, und wenn ich in einigen Wochen da hinfahre, will er mir Tracks mitbringen, damit ich sie checke. Und er will sehen, was ich für ihn schreiben würde. Ihm ist es auch gelungen, Ron Wilson zu finden und Kontakt zu ihm herzustellen. Wer weiß, vielleicht besteht eine Möglichkeit, ein Fingers Inc. II auf die Beine zu stellen. Er hat definitiv darüber nachgedacht, noch mal zusammenzuarbeiten und neues Material zu schreiben. Er wollte immer Sachen starten, aber das kommt nicht richtig zustande, weil er in Amerika ist und ich hier. Ich sollte immer rüberkommen, aber es hat zeitlich nie gepasst. Ich brauchte eher eine Aufgabe hier, Jobs, Gigs. London ist eine der teuersten Städte auf der Welt. Und ich habe hohe Ansprüche, haha. Daher muss ich auch viel arbeiten. Aber ich hoffe, dass die Zusammenarbeit mit Larry zustande kommt, denn ich liebe einige Sachen, die er gemacht hat, sehr, seinen ganzen Style, ihn als Person. Ich finde, er ist eine beeindruckende Person.

De:Bug: Planst du schon deinen nächsten Umzug, zurück in die USA oder anderswo hin?

Robert Owens: Gerade denke ich darüber nicht nach, mein Netzwerk in Europa ist perfekt. Aber wenn es sich ergibt, dann passiert es eben. In den USA sehe ich mich aber nicht. Amerika und Europa sind für mich getrennte Welten. Es gibt einfach überall in Europa so viel mehr zu tun, die verschiedenen Kulturen, die du von Stadt zu Stadt findest … Clubs, Musik … dieses Level gibt es in Chicago oder New York nicht. Berlins Panoramabar – was ist los, über 3000 Leute? Ich war geschockt, als ich da ankam und dort gespielt habe. Ich kenne keinen vergleichbaren Ort in den Staaten.

De:Bug: Es erscheint wie eine endlose Geschichte: Leute aus den USA spielen woanders, reisen rum und erzählen, dass das zu Hause niemanden interessiert.

Robert Owens: Und dann versuchen sie immer noch, diese Spielchen zu spielen. Wenn du mit Leuten aus England und Europa zu tun hast, ist es eher geradeaus: “Wir wollen, dass du das machst. Wir werden dich unterstützen. Kannst du das machen?” Und dann machen wir das, und sie stehen zu ihrem Wort, und es läuft einfach. Ich komme mit diesem System seit Jahren zurecht. Es wäre ein Rückschritt, zu einer Situation wie dieser zurückzukehren: “Wir wollen das machen …. Naja, ich bin nicht sicher. Hast du jemanden, bei dem du übernachten könntest? Geh einfach in die 44ste usw. usw.”

De:Bug: Sind sie also in den Staaten weniger professionell?

Robert Owens: Naja, zumindest mit mir. Und sie zahlen schlecht (lacht). Ich habe mich an englische Pfund gewöhnt, Dollars bringen mir einfach nichts. Ich muss immer noch nach England zurückkommen und da mit Pfund bezahlen. Zu etwas Konkretem und Sensiblem würde ich sofort ja sagen. Es geht mir ja nicht um Habgier. Es geht mir um Respekt davor, wie ich in dem System überleben kann. Die sollen mir bloß nicht dumm kommen. Manchmal sucht man den Promoter und er ist einfach in der Nacht verschwunden. Du hast dein Geld nicht bekommen und nicht mal eine Entschuldigung. Wer hat schon Lust auf solche Geschichten, wenn man jahrelang mit effizienten und zuverlässigen Leuten zusammengearbeitet hat?

De:Bug: Zum Teil bist du weiterhin so gefragt, weil du immer eine wichtige Rolle gespielt hast in der Geschichte von House und besonders im Deep House. Mir scheint, dass aktuelle Produktionen in diesem Bereich von dem frühen 90er House Sound inspiriert sind, zu dem du einen großen Teil beigetragen hast.

Robert Owens: Das ganze System ist wie eine Drehtür, alles kommt wieder zurück. In den frühen 80ern waren wir von Disco inspiriert, die neue Generation ist vielleicht fasziniert von manchem aus den 90er-Jahren, und sogar das Zeug aus der Disco-Ära kommt wieder zurück. Heute wird immer noch viel von den Elementen aus der Vergangenheit in die Gegenwart übertragen, gesamplet und gemischt. Für die Jüngeren ist es etwas Neues, für andere wie ein Flashback. Ich bin froh, dass ältere Stile wieder auftauchen. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass Dinge wirklich tot sind. Mit House war es schon zig Mal “zu Ende” und schwupps hat fast jeder R&B-Künstler einen Housemix auf seinem Album.

De:Bug: Aber leider wird auf diesen Mixen auch nur der House Mainstream zitiert.

Robert Owens: Ja, das ist komisch. Man will nicht die Pioniere und Housebegründer in dieser Art von Musik. Besonders die Majors, sie interessieren sich nicht für diese Künstler. Sogar, wenn man sie mit dem hauseigenen Produzenten zusammenbringt, nur um zu schauen, was dabei herauskommen könnte. Es ist seltsam, dass nie jemand diese Chance genutzt hat. Sie geben eher einem Mädchen eine Chance, mit dem sie schlafen wollen, auch wenn es kein Talent hat im Vergleich zu jemandem, der in der Lage wäre, richtig aufzublühen.

De:Bug: Es scheint, als hätten die Labels Legionen von R&B- und HipHop-Produzenten, aber keine Produzenten im Haus, die sowohl die Tanzinteressierten anziehen und dabei musikalische Qualität vorweisen könnten. Ich habe den Eindruck, dass das seit den Discotagen nicht mehr wirklich zusammengeht.

Robert Owens: Naja, wie soll man Grenzen einreißen, wenn man permanent an einer politischen Korrektheit kleben bleibt? Es bleibt an einigen von uns hängen, weiter gegen das System zu kämpfen. Auch wenn es vielleicht ein Kampf ist und schwer, immer wieder Grenzen zu übertreten. Während meiner ganzen Karriere ging es ums Kämpfen und darum, ein Rebell zu sein, was schwierig und anstrengend ist. Aber wenn du erst eine Tür eingetreten hast, hast du ein Gefühl von “Okay, ich kann kurz ausatmen”. Und du hast was Konstruktives gemacht. Es geht nicht darum, superreich oder superbeliebt zu sein, sondern darum, das Richtige zu tun. Und viele Leute wollen das nicht wirklich. Aber das Komische ist, dass diese Leute in einer guten Position landen und unglaublich viel Geld zur Verfügung haben und dann nichts damit anzufangen wissen. Am Ende werden sie aus dem Schoß des Unternehmens rausgekickt, weil sie all ihr Geld für unnötiges Zeug verschwendet haben. “Mir gefällt dieses Mädchen da, ich probier’s mal mit der” – heute kann man jeden so hinbiegen, dass er sich im Studio gut anhört. Die Spice Girls können draußen niemals das wiederholen, was sie im Studio aufgenommen haben.

De:Bug: Verglichen mit deiner Gesangskarriere – wie hat sich deine DJ-Laufbahn im Lauf der Jahre entwickelt? Soweit ich weiß, hast du als DJ angefangen?

Robert Owens: Ja, schon immer haben mich Leute aus meiner Umgebung gebeten, bei ihren Partys aufzulegen. Zu Hause, als Jugendlicher, wurde ich oft gefragt, ob ich nicht auflegen könne, oft nur im Familienumfeld, bei meiner Tante oder meinem Onkel. Seltsamerweise lief das oft so ab: “Warum kommst du nicht rüber und legst Platten auf? Du weißt ja, was uns gefällt, also leg los!” Kein Mixer, nur ein Plattenspieler. Du legst eine Platte auf, nimmst sie wieder runter, die Leute unterhalten sich in der Zwischenzeit, du legst die nächste auf und sie fangen an zu tanzen. Ich fing sogar mit schwarzen Clubpartys in Kellern an und machte da dasselbe. Aus allen Blocks drängten sich die verschiedensten Leute auf diesen Partys. Daraus wurden später Uni-Partys und Dancehalls, später legte ich in Bars und Clubs auf. Die Leute haben mich immer quasi zum Entertainment gepusht. Von der Familie zur lokalen Szene, immer hat man in mir etwas gesehen, was ich zuerst nicht verstanden habe und was sich dann aber von alleine entwickelt hat.

De:Bug: Du hattest also schon eine Entertainment-Herangehensweise, warst also nicht immer der düstere DJ, der nur Platten raussucht?

Robert Owens: Man wollte mich in dieser Position. Ich habe mich nicht aktiv für diesen Weg entschieden. “Nein, so und so solltest du es machen”, hieß es, ich wurde in diesen Bereich hineingeschubst. Je mehr ich gepusht wurde, desto mehr habe ich gelernt, desto selbstbewusster wurde ich und wurde mir der Gefühle, die die Leute haben, bewusst. Das alles hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

De:Bug: Du hast also nie darüber nachgedacht, das aufzugeben?

Robert Owens: Oh nein, ich sehe darin meinen Lebensweg. Ich bin alt (lacht)! Was sonst sollte ich nach so vielen Jahren Musikmachen und Entertainen machen? Ich denke, es wäre vergeblich, etwas völlig anderes auszuprobieren. Ich wäre wahrscheinlich völlig verloren. Und auch traurig.

De:Bug: Als ich in den späten 80ern begann, in Houseclubs zu gehen, hätte ich mir niemals vorstellen können, dass jemand über 40 auflegt. Ich hätte das einfach nicht für möglich gehalten. Und heute sieht man so viele DJs, die älter und immer noch dabei sind.

Robert Owens: Was ich toll finde. Du kannst eine lebenslange Karriere auf etwas aufbauen, an das du wirklich glaubst. Ich dachte auch, es gäbe ein Verfallsdatum. Aber wenn man viele der Pioniere sieht, die immer noch aktiv sind, gibt einem das Hoffnung und Inspiration weiterzumachen. Humphries, Mancuso, Francois, viele von denen sind inzwischen ziemlich alte Jungs. Aber sind immer noch dabei. Und sie sind glücklich.

De:Bug: Und es gibt denen, die keine Augenzeugen der Original-Ära waren, die Chance zu sehen, wie es läuft.

Robert Owens: Ja, man kann dadurch einen Eindruck gewinnen, was in diesen Zeiten so abging. Die neue Generation bekommt diesen Eindruck von jemandem, der es tatsächlich selbst erlebt hat.

De:Bug: Findest du, du trägst eine Verantwortung, das weiterzugeben?

Robert Owens: Definitiv ist viel von dem, was ich zu sagen habe und was mich ausmacht, inspiriert von vielen Menschen, die nicht mehr da sind, um ihre Story zu erzählen.

De:Bug: Bezieht sich das auch auf deinen Gesang? Deine Stimme und wie du sie einsetzt ist so anders. Welche Inspiration steht dahinter?

Robert Owens: Ich bin in einer rauen, städtischen Umgebung aufgewachsen, das ganze Broken-Home-Szenario. Aber ich habe die ganzen negativen Dinge, die in meinem Leben passiert sind, nie als Behinderung empfunden. Man entwickelt Gefühle und dann geht es darum, einen Weg zu finden, sie rauszulassen. Wie ich meinen Gesangsstil entwickelt habe? Ich habe einen emotionalen Weg gefunden, diese Energie beim Singen zurückzutransportieren. Nicht nur den gefühlten Schmerz, sondern auch das Glück. Das Leben hat Höhen und Tiefen. Ich habe versucht, alle negativen Dinge, die mir passiert sind, durch Gefühle zurückzuleiten, und die Art und Weise, wie ich mich gesanglich präsentiere und wie ich da rangehe, empfinden Leute als einmalig. Wieder ist das aber nichts Geplantes. Es ist einfach von alleine passiert, schätze ich.

De:Bug: Wir haben viel über deine Vergangenheit und deine Gegenwart gesprochen, aber wo denkst du geht es in der Zukunft hin?

Robert Owens: Oh, ich will auf jeden Fall weiterhin Musik machen. Ich habe so viele ambitionierte Sachen am Laufen, aber ich bin ein Mensch, der immer nur eins nach dem anderen machen kann. Ich spreche normalerweise nicht über meine Zukunftspläne oder -projekte. Im normalen Leben sagt man oft: “Oh, ich will das machen, ich will da und da hingehen”, aber die Hälfte der Zeit bringt man gar nicht wirklich die physische Anstrengung auf, diese Ziele, die man im Kopf hat, zu erreichen. Aber wenn man nicht über sie spricht und man sieht sie doch wirklich wahr werden, dann ist das cool. Mir geht es eher ums Machen als ums Sagen. Was soll schon passieren? Eine Sache, die ich eigentlich erwähnen kann, von der ich dachte, sie sei längst gestorben, die aber womöglich noch gemacht wird, ist eine Filmrolle, die Hauptrolle in einem Film. Ich dachte erst, das sei ein Witz, weil die erst wollten, dass ich die Musik mache, und mich dann einer der Filmproduzenten sah und meinte: “Wie kommt es, dass du nicht zum Casting gegangen bist?” Ich war mir sicher, dass das ein Witz ist. Ich bin dann zum Casting und sie haben mich tatsächlich für die Rolle ausgewählt. Es fühlte sich so surreal an, weil ich noch nie über so was nachgedacht hatte. Aber ich habe letzte Woche mit dem Filmproduzenten gesprochen und er meinte, er hat es nicht vergessen. Dieses Business ist eine ganz andere Welt, es dauert lange, einen Film auf die Beine zu stellen. Aber das Angebot ist noch aktuell.

De:Bug: Ich kann mir vorstellen, wie du beim Abspann singen würdest, dafür wünsche ich dir viel Glück.

Robert Owens: (Lacht) Danke! Hoffen wir’s. Ist hier irgendwo Holz in der Nähe? (klopft dreimal)

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Elektronische Lebensaspekte.