Als alle mit Punk Lärm machten, driftete Robin Guthrie mit Sängerin Liz Fraser als "Cocteau Twins" lieber durch schwülstig weite Phaser-Stimmungswelten. Generationen von Shoegazern folgten ihm. Jetzt kocht der Chef wieder selbst.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 104


Die Wiedergeburt des Original Shoegazers
Robin Guthrie

Wenn Robin Guthrie aus dem Fenster seines Hauses in der Bretagne schaut, ist da fast nur noch Langeweile. Kein Schwelgen in der Natur, kein erleichterndes Seufzen darüber, dem Moloch London, in dem er so lange gelebt hat, entkommen zu sein. Seit fünf Jahren wohnt er nun dort in einer ländlichen Gegend, von den Nachbarn einen angenehmen Steinwurf entfernt. Robin geht jedoch nicht viel aus, baut vor Ort kaum Kontakte und Freundschaften auf. Die meiste Zeit verbringt er in seinem Studio oder mit Touren und Reisen in andere Länder. Nur an dem Ort, an dem er wohnt, hat er sich nie wirklich heimisch gefühlt. Die ersehnte Ruhe, die die grasgrüne Idylle der Bretagne versprach, hat sich verflüchtigt, ist zu einer Enge geworden. Es ist absehbar, dass Guthrie weiterziehen wird, dass diese drängende Sehnsucht, die seine Musik zu mächtiger Größe aufschwingen lässt, ihn weitertreibt.

Damals, vor fünf Jahren, wollte er raus aus England. “Meine Kinder sollten in einer ländlichen Umgebung aufwachsen”, nuschelt Guthrie ins Telefon. Doch da ist mehr: Es waren nicht nur die Kinder, die ihn zu dem Umzug bewegt haben. Es war auch die Stadt London, die Hype-Metropole, die ihm nicht zurückgegeben hat, was er ihr mit den Cocteau Twins so lange gegeben hatte. Nach dem Split der Band vor neun Jahren waren die anderen Projekte, die Guthrie anleierte, nicht so erfolgreich wie erhofft. Die Enttäuschung verwandelte sich in Abneigung. Heute sagt Guthrie, dass er die Engländer nicht besonders mag. “Nachdem die Cocteau Twins sich aufgelöst hatten, habe ich in England weiter Musik gemacht. Sie haben mich nicht beachtet. Das wird wahrscheinlich auch jetzt so sein. Ich erwarte nicht, zurückzukommen und auf ein reges Interesse zu stoßen.” Bis er wieder in England leben kann, wird noch ein wenig Zeit ins Land streichen müssen. Mittlerweile spielt er dort jedoch wieder ab und an Konzerte. Die Musik ist eben stärker als Ressentiments und verletzte Eitelkeiten. Da ist er ganz kompromissloser, leidenschaftlicher Musiker. “Weißt du, Ich bin ein richtig selbstbezogener Motherfucker. Ich mache das, weil ich es liebe, Musik zu machen. Ich meine, wie toll ist das eigentlich. Genau das zu machen, was ich wirklich will. Es ist zwar schön, wenn Leute dir sagen, dass es gut ist, was du machst, aber im Endeffekt bleibt mir nichts anderes übrig, als Musik zu spielen. Ich muss das machen.”

Am Anfang Punk
Ein Rest ist also noch übrig geblieben von dieser Punk-Attitüde, die ihn vor über 25 Jahren bewogen hat, die Cocteau Twins zu gründen. Robin Guthrie konnte – klassisch Punkmythos – damals eigentlich überhaupt nichts. Gerade mal eine Gitarre halten, ein paar Akkorde schrammeln, mehr nicht. Es gab aber dieses dringende Bedürfnis, um jeden Preis in einer Band zu spielen. Um sich von den Angeber-Instrumentalisten abzugrenzen, war Guthrie gezwungen, einen eigenen Sound zu finden. “Ich wollte aber gar nicht besonders clever oder experimentell sein, sondern einfach nur spielen.” Sie ließen ihren Dilettantismus hinter Effektgeräten und Drumcomputern in einem elegisch verzweigten Soundscape verschwinden. Und aus diesen handwerklichen Unzulänglichkeiten – auch klassischer Punkmythos – entwickelte sich der Signature Sound einer Band, die das Profil des Labels 4AD maßgeblich prägte. Die Platten “Head over Heals” und “Treasure” lieferten die Blaupause für einen Sound, den man später Shoegazer-Pop nennen sollte und den Weg ebnete für Bands wie My Bloody Valentine, Slowdive, Ride und die spätere Enkelgeneration von Ulrich Schnauss bis Christian Fennesz.
Im Kern hat sich Guthrie von diesem Sound nie entfernt. Auf seinem zweiten, gerade erschienenen Soloalbum “Continental” geht er ganz auf in diesen mächtigen Gitarrenwänden, Hall und Verzerrer bis zum Anschlag aufgedreht, mit getupften Synthesizer-Akkorden darüber. Völlig ohne Angst vor Pathos. Mit simplen, ewig gültigen Harmonien mitten rein in die bitter-süßen Sehnsuchts-Neurosen der blassen Shoegazer-Jünger. “Conquering the Romantic” ist der bezeichnende Tracktitel eines der schönsten Stücke des Albums.
Mit “Continental” erobert sich Guthrie seinen festen Platz in der Shoegazer-Fraktion zurück und legt die Messlatte für seine musikalischen Enkel hoch. Aber wirklich weg war er ja eigentlich gar nicht, eben nur nicht mehr so präsent. Seit Ende letzten Jahres tourt er regelmäßig mit seinem selbst produzierten Film ”Lumiere“ durch Europa und die USA. Vor zwei Jahren trifft er die Ambient-Ikone Harold Budd wieder. Guthrie und Harold Budd hatten sich seit Mitte der Achtziger nicht mehr gesehen. Damals kollaborierten die Cocteau Twins mit Budd für das Album “The Moon and the Melodies”. Man versteht sich sofort blendend und schreibt 2004 zusammen den Soundtrack für den Film “Mysterious Skin”. “Eigentlich hatte Harold Budd bereits sein Abschiedskonzert gegeben. Ich konnte ihn aber für die Arbeit an dem Soundtrack gewinnen. Anschließend haben wir dann letztes Jahr in Kalifornien an einem weiteren neuen Album gearbeitet. Es wird im Laufe dieses Jahres erscheinen. Er ist ja mittlerweile über 70. Als ich ihn wegen des Albums angesprochen habe, sagte er: ‘Ok Robin, let´s do one more.’ Ich liebe es, ihm einfach nur zuzuhören, wenn er im Studio Klavier spielt. Alte Minimalisten sollten nicht in Rente gehen.”
Und es gibt noch eine überraschende Kollaboration. Ein weiteres Album, das ebenfalls bereits fertig gestellt ist und auf die Veröffentlichung wartet: Auf einem Harold-Budd-Konzert traf Guthrie vor ein paar Jahren John Foxx wieder, den ehemaligen Sänger der Synthpop-Band ”Ultravox“.

Guthrie scheint geschäftiger den je zu sein. Irgendwo muss diese Sehnsucht, die seine Musik antreibt, auch im wirklichen Leben hin. Am Ende des Interviews frage ich ihn, was er eigentlich vermisst. Sehnsucht entsteht doch nur dann, wenn etwas fehlt? “Mir fehlt nicht wirklich etwas. Da musst du schauen, was dir fehlt. Musik ist eine sehr persönliche Sache. Der Hörer macht letztendlich Sinn aus dem, was er hört”, brummelt Guthrie in warmem Ton ins Telefon. Wahrscheinlich schaut er dabei misstrauisch in die grüne langweilige Idylle der Bretagne und ist mit Gedanken schon auf Reisen. Auf dem Konzert in England, das er am nächsten Tag spielen wird.

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Elektronische Lebensaspekte.