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Text: jan kage aus De:Bug 32

/mode Rüschenhemd und Tunnelzug Mode und Pop im Museum Würde der grüne Religion- und Deutschlehrer seine Nickelbrille tragen, hätte es nicht John Lennon vorgemacht? Würde sich der Lastwagenfahrer ohne Rock’n’Roll die Haare zur Tolle stylen oder hätte der HipHopper ohne Jay Z sein Ice und seine Shines im Ohr? Wahrscheinlich nicht. Popstars wie Mick Jagger, Madonna, TLC oder David Bowie kreierten ihr eigenes Image unter Mithilfe prominenter Designer und transportierten somit neue Styles in die breite Öffentlichkeit. Das Verhältnis zwischen Musik- und Modewelt war immer wechselseitig. Musiker suchten Designer auf, damit diese ihre Vorstellungen von Körperlichkeit umsetzen, und umgekehrt nutzten Modeproduzenten die Attraktivität und Öffentlichkeit der Popstars, um neue Stile populär zu machen. Unvergessen ist etwa Jean Paul Gaultiers Spiral-Büstier, den er für Madonna kreierte, und Gianni Versaces arschkurze Kleider für Tina Turner. Oder die inzwischen den Streetstyle beherrschenden Tunnelzughosen, die von TLC vor drei Jahren auf die Bühne gebracht wurden. Nur ihre blinkenden Leuchtdioden-Applikationen am Gürtel haben sich noch nicht durchgesetzt. Die Lederjacke, seit Marlon Brando über die Rocker bis zu den Ramones und den Achtziger-Punks das ewige Rebell-Dress. Pop definiert Styles und Codes als Ausdruck zeitgeistiger Sehnsüchte. Und da dem so ist, zeigte man zum auslaufenden Millenium im New Yorker Metropolitan Museum Klamotten aus 50 Jahren Musikgeschichte. Die Exponate sind dem Costume Institute und dem Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland entliehen. Die Revue featurt David Bowies androgyne Spacestyles aus den eskapistischen, drogeninduzierten 70ern, dichtgedrängt neben Angus Youngs Schuluniform oder Jimmi HendrixÔ barock anmutendem Rüschenhemd und weitkrempigen Hut mit Federschmuck, essentieller Bestandteil seines Styles. Der Blick zurück in die goldene Vergangenheit oder der futuristische Entwurf: durch Styles lässt sich beides vermitteln. George Clintons Fellmantel und Plateauschuhe neben Busta Rhymes ärmellosen, rot mit gold applizierten Kleid, in dem er sich auf der 98er MTV-Awards Verleihung präsentierte. Afrikanisch inspirierter Roots And Culture-Style. Mick Jaggers enganliegende Hosen (dem Gerücht zufolge verhalf er sich vor jedem Gig zu einer leichten Erektion, die sich unter seinem Dress abzeichnete, um die Imagination seiner hysterischen Verehrerinnen zu stimulieren) und die sexuelle Revolution. Und natürlich die Beatles: ihre klassischen Anzüge der frühen 60er, die selbst heute noch der wieder wachsenden Modgemeinde einen Dresscode leihen. Ihre psychedelischen, bonbonfarbenen Spaceuniformen (auch Michael Jackson liess sich hiervon inspirieren, und weil er sah, dass es gut war, fertigte man auch seinem Chimpansen Bubbles das gleiche Outfit an). Die Selbststilisierung des Popstars macht ihn zu einem Image Icon. Er verkörpert den Style in seiner Essenz als Reinkultur. Welchen Sinn macht es, all diese, in Form und Inhalt verschiedenen Stile recht unkommentiert nebeneinander zu stellen? Was hat Elton Johns extrovertierter, narzistischer Barockstyle mit Steven Tylers albernem, Batiktuch behangenem Mikroständer gemein? Nicht viel, ausser der Tatsache, dass alle Exponate stilgeronnener Ausdruck eines kollektiven, temporären Selbstverständnisses in der symbolisch überhöhten Künstlerfigur sind. Mode ist immer ein Sinn an sich, und es ist müssig, zuviel in einen Hosenschnitt zu interpretieren. Die ausgestellten 50 Jahre sind, das kann man sicher sagen, ein buntes Fest des Individuums, der Phantasie und des überbordenden Pathos. Und auf jeden Fall ein Spass für’s Auge.

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Elektronische Lebensaspekte.