Nach sieben Jahre langem "Auf-die-Musikindustrie-Scheißen" kommt nun die erste Platte von der Zwei-Personen-Punkkombo Rocket/Freudental. Ihr Power-Brei aus HipHop, Jodeln, Volksmusik, Schüttelreimen, Scheißjobs nebenbei, Homerecording und Dixi-Klo-Pinkeln ist es genau das, was Bob und Pete so symphatisch und besonders macht.
Text: Ran Huber aus De:Bug 82

Die Weisheit wächst auf Bäumen

In Stuttgart gibt es seit 98 eine seltsame Punkband, die 2 Personen klein ist (Andre Möhl & Robert Steng an Selbstbauschlagzeug, E-Gitarre, Stimme und Sampler). Ihre Musik ist so trocken gespielt wie Doo Rag, so minimalistisch arrangiert wie Terry Riley, ihre Texte arbeitsverherrlichend. Ihr Name: rocket / freudental. Keine Allegorie auf Penis/Vagina, er entstand aus ihren Pseudonymen Bob Rocket und Pete Freudental.

SWAMPBLUES-SAMPLEPUNKT
Robert: Wir hatten anfangs eine ähnliche Blueszerstümmelungstaktik wie Doo Rag, wer aber unsere neue CD hört, wird merken, dass sie nur noch wenig damit zu tun hat. Hip Hop, Jodeln, Country …, und der große Herrmann Halb half uns dabei, alles in einem Power-Brei zu vereinen.
Halb, ex-Lassie Singer, trug viel dazu bei, der Platte den rotzigen, direkten Sound zu geben.

DENGLISH GOES ARBEITERVOLKSMUSIK
Andre: Als wir mit r/f anfingen, hab’ ich englische Texte geklaut und was dazugedichtet. Manchmal hab ich Deutsch und Englisch gemischt. (…) irgendwann entdeckte ich Volksmusik und Schüttelreime. Ich mochte auch immer The Fall. Ich fand gut, wie viel Mark E.Smith zu erzählen hatte. Dann sind erste deutsche Texte wie “wir pinkeln in ein dixi-klo” entstanden.
Die Texte sind poetisch und nur scheinbar banal. Ein Schwerpunkt: die Arbeit.
Die Möhlsche und Stengsche ökonomische Formel: ohne Wohnung keine Arbeit und andersrum, ohne Label keine Aufmerksamkeit und andersrum.
Deshalb jobben sie seit der Schulzeit als Gärtner, aufm Bau, Staplerfahrer, am Fließband, etc.
Robert: Wir machen schon lange Musik (vor r/f bei Midget, Metabolismus, Heliozentr) und wollten keinen anderen Beruf, da kommt man bald in die Verlegenheit , miese Jobs anzunehmen. Das inspiriert Andre zu seinen Texten und das ist das Positive dran, denn so sind wir in der Lage, gesellschaftliche Statements zu machen.
Andre: … in manchen Lebensphasen wird man ja so stark von einem bestimmten Umstand geprägt, dass einem ständig ähnliche Dinge durch den Kopf spuken, z.B. du hast nen blöden Job – singste über Arbeitskacke, …
Auf r/f´s neuen Platte “Die Weisheit wächst auf Bäumen” haben sie sich stilistisch in alle Richtungen bewegt und die Texte sind vielschichtiger geworden – Kummer, Blumen, “Scheiße bauen” oder Deutschland: “Ausländerhetze und Potsdamer Plätze und Einwanderungsgesetze und Nazigoldschätze” (aus: Ich will mich nicht beschweren).

PUNK UND MUSIKBUSINESS
Als neue Einflüsse nennen sie Classic Rock, die Produktionsweise bleibt aber weiterhin dem Punk verschrieben: Homerecording, karg instrumentiert (oft nur ein Sample und Text), roher Sound. Punk, – nicht als Mode und nicht als Epigonentum.
Sie sind bescheiden, denn nach einer Dekade Musikmachen gehen einem die Gesetze der Musikindustrie am Arsch vorbei …
Robert: … Demos schicken ist ein Mythos. Nicht mal Indieklitschen hören sich das an. Alles funktioniert über Beziehungen und Besitzstandswahrung. Andre: Die Musikindustrie ist ignorant, eitel und dumm – die Großen wie die Kleinen. Fahrt zur Hölle, ihr Blindgänger!

DIE WEISHEIT WÄCHST AUF BÄUMEN
Doch wenn man lange genug auf das Business scheißt, wächst irgendwann mal ein Pflänzchen:
Im 7. Bandjahr kommt die erste Platte mit Label, Vertrieb und Verlag. Sie gibt einen Überblick über das bisherige Schaffen und erscheint untypischerweise bei dem bisher auf (Slampoetry)Autoren spezialisierten Lautsprecherverlag und dem Label Pavlek.
Robert: Wie wir dort gelandet sind, weiß ich nicht. Zufall, passt aber zu Andres Texten.

Leuten wie rocket/freudental ist die Diskussion um den Niedergang der Musikindustrie relativ egal, da sie bis dato fast niemand kannte und sie kein Geld mit Musik verdienen. Es kann nur besser werden. Sie sind eben nicht optimal vermarktbar. Ihre Musik ist viel zu rocket/freudental-orientiert.

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Elektronische Lebensaspekte.