Rockin Pony, zwei Menschen aus Israel mit russischen Wurzeln, schnipseln ihre gesamte Lieblingsmusik in ihren Sampler. Irgendwo mit Portasound und Breakbeat, Rhodes und Aphex Twin haben Misha und Sasha den Gegenentwurf zur israelischen Trance Übermacht in der Hand. Und gewinnen.
Text: christoph lindner aus De:Bug 57

Nano-Spuren Faltermeyer

“Nächstes Jahr kommen wir im Sommer auf Tour, das ist mal klar.” Dies ist Berlin und es ist die kälteste Nacht des Jahres. Die beiden reizenden jungen Männer, die mir in einer Pizzeria am Rande des Prenzlauer Bergs gegenübersitzen, heißen Rockin’ Pony, sind erstmals auf der Straße quer durch Europa, um ihre Musik zu präsentieren und haben fast beiläufig eine der schönsten Elektronikplatten des Kubrick Jahres 2001 produziert. Eine Erfolgsstory aus der Provinz: Handelt von zwei russischen Juden, die sich im Rahmen der großen Ausreisewelle Anfang der neunziger Jahre mit ihren Familien in Israel niederließen, genauer gesagt in Maale Adumim, einer Kleinstadt zwischen Jerusalem und Totem Meer. Rock & Roll: Der eine Typ, Misha, war der Drummer in einer Band von lokaler Prominenz, der andere, Sasha, ihr treuester Fan: “Ich war sozusagen ihr Groupie.” Nach dem Ende der Band experimentierte man dann mit noch primitiven elektronischen Sounderzeugern und entdeckte, dass man sich eines entfernten familiären Verwandtschaftsverhältnisses erfreut: “Ab da war alles klar.” Regelmäßige Besuche im besten Plattenladen Jerusalems und die ständige Konfrontation mit dem Output der Lieblingslabels Warp und Rephlex mögen das ihrige zur Ausformulierung der musikalischen Grammatik des Projekts beigetragen haben. Eine neue Heimat hat man beim engagierten, zunächst mehr zufällig aus dem Internet-Diskussionsforum “Biophilia” entstandenen Berliner Label Lux Nigra gefunden: Hier arbeitet der ausgebildete Linguist Peter Gebert seit etwas über 3 Jahren an seiner ureigensten Definition von Offbeat-Electronica: Musik, die auch experimentell sein darf, aber – nicht nur wegen der zumeist äußerst liebevollen Verpackung – einfach Spaß macht und sich entspannt von der Bierernstigkeit anderer Kleinlabels abhebt.

KEIN TRANCE, TROTZ ISRAEL

Nachhaltig scheint die optimistische Vision der Rockin Ponies vom dem naiven Spirit der 80er getragen: Der Konzertopener im plüschigen Berliner “Goldmund” mit dem sinnigen Titel “Hello” klingt wie ein billiger Hongkong-Soundtrack und ab und an lugt Harold Faltermeyer vorwitzig um die Ecke. Den Ponies sind die kinematischen Aspekte ihrer Musik durchaus bewusst: Liegen den Tracks (fast möchte man ja von “Songs” sprechen) doch kleine Begebenheiten, Puns und Anekdoten zugrunde. Da mag man vergessen, dass das hier zu verhandelnde Land Israel als eines der gewalttätigsten der Erde einzustufen ist. Ein Land wohlgemerkt, in dem sich elektronische Musik zuallermeist als TRANCE buchstabiert: Als eine Art Antidote zu einem unerträglich langen, dreijährigen Militärdienst und zu den allfälligen politischen und sozialen Missständen hat sich hier eine einzigartige, eskapistische Form von Trance Raves etabliert. Schon heute werden über die Hälfte aller Veröffentlichungen dieses Genres weltweit in Israel produziert. In ihrem davon unbeleckten Paralleluniversum allerdings träumen die Niedlichen aus Israel von der utopischen Kraft von Pop (nicht zuletzt heißt ihre erklärte Lieblingsband Erasure) und von einer besseren Cyberculture, an die im zynischen Europa zwischen Ars Electronica und Sonar ohnehin kein Schwein mehr glauben will. Dass sie dabei den Humor und ihre Freundlichkeit nie verlernen und sich bei ihnen fast zwangsläufig die Zunge irgendwo in die Wange verirrt, macht sich nicht weniger sympathisch. Kaum verwunderlich, dass Rockin’ Ponies Sasha seine jetzige weißrussische Freundin irgendwo in einem Chatroom des weltweiten Webens kennengerlernt hat. Andreas Türck, übernehmen Sie!

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Elektronische Lebensaspekte.