Roman gibt um 14 Uhr Interviews. Seine Stimme spielt eine zentrale Rolle in seiner Musik. Sonst hat er nichts mit Marc Wannabe gemein.
Text: Multipara aus De:Bug 99


Die innere Stimme

Auf dem Hinweg zum 14-Uhr-Termin, beim Frieren auf dem Hochbahnsteig, spannt die innere Stimme schon wieder diese euphorischen Popmelodiebögen. So geht das jeden Tag, wenn morgens Romans zweites Album gelaufen ist, und heute will ich wissen, wieso mich das so ganz und gar nicht nervt.

In einem großen, ruhigen, fast leeren Berliner Café sitzt Roman Podeszwa. Das zweite Interview hat er hat an diesem Dienstag grade hinter sich und ist schon gespannt auf das dritte – weil sich beim Reden über die Arbeit so vieles konkretisiert, klarer wird, in neuem Licht zeigt. Roman ist hellwach und verzichtet auf einen dritten Milchkaffee.

In Romans Musik spielt die Stimme eine zentrale Rolle. Sein Gesang ist direkt und ausdrucksvoll, aber nicht aufdringlich. Stattdessen dockt er unmittelbar im popmusiksozialisierten Unterbewussten an – mit dem Resultat, dass seine Hörer zur Beschreibung ihre persönlichen Lieblingsreferenzen aufeinander stapeln, von Aztec Camera bis Robert Wyatt (und in meinem Fall Robert Forster). Die Eingängigkeit dieses Große-Gefühle-Pop schaltet Roman nun kurz mit einer erfrischenden Bedroom-Rechner-Studio-Verspieltheit, die vor keinem Clash Halt macht: kleine Streicherarrangements plus Gameboy-Sounds, verstimmte Klampfenbegleitung, heftiges Knistern, kreischendes Publikum, Keyboardleads, die ein bisschen zu viel Vibrato intus haben, schließlich Slideguitar-Wolken über verzerrten Drummachines, die mehr Punk als Electro sind – und irgendwie immer ein bisschen an Beatboxing erinnern. In der Tat sind die Stücke, so Roman, auf “So Ghost?” deutlich schneller geworden als beim ersten Album, und, weil Songs, folgerichtig auch knapper, weil die Abläufe einfach dichter werden. Der Titel beziehe sich auf die vielen kleinen musikalischen Ideen, “Geister”, die keine Ruhe geben wollen, bis sie endlich realisiert sind. Denn eigentlich gehe es nicht um die Details, sondern um den Gesamtausdruck eines Stücks – dass sich das Gefühl vermittelt, noch bevor man den Text versteht. Es gehe darum, unmittelbarer, direkter zu werden, zu reduzieren. Auch wieder zu vergessen, was er im Gesangsunterricht, klassisch wie Jazz, gelernt hat, weil das der Ursprünglichkeit eher im Weg stehe. Diese Komprimierung stehe jetzt zunächst vor allem für die Liveumsetzung an.

Immer singen
Roman tut das, seit er denken kann. Der gerade Weg heißt für ihn: singen, selbst beim Produzieren. Die Stücke schreibt er am Sequenzer – und zwar, indem er die Instrumentalparts einsingt; die Drums werden dabei in der Tat gebeatboxt. Was er dann nicht selbst spielen kann (wenn es sich nicht ohnehin um Elektronik handelt), übernehmen befreundete Instrumentalisten, allen voran ein Gitarrist, mit dem er schon lange zusammenarbeitet. Noch etwas, sagt er, sei anders als beim ersten Album: Die Stimme sei diesmal ganz trocken aufgenommen, so als würde sie auf den Instrumentalparts nur aufsitzen, anstatt sie in den Gesamtsound einzuweben. Und plötzlich ist klar, warum man sich so leicht mit ihr identifiziert: Sie steht nicht auf der Bühne, sie sitzt im eigenen Kopf. Die Musik ist draußen, die Stimme in einem drin, und sie trägt einen, die eigene innere Stimme, in immer neuen, kleinen Wendungen, die wir alle seit unserer Kindheit kennen, mit leichten, großen Schritten durch den jungen Winter.

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Elektronische Lebensaspekte.