Dass Drum and Bass in der Tat noch keinen Grabstein braucht, zeigt der Bristoler Vorzeigejunglist Roni Size auf seinem neuen Album, das Dancefloor und Homelistening unter einen Hut bringt. Und auch bei Full Cycle ist man fleißig.
Text: Heike Lüken aus De:Bug 65

Long Time no see, wie der Engländer so sagt, oder: Wenn man auf etwas sehnlich wartet, erscheint die Zeit eben immer ein bisschen länger. Zum Beispiel auf Veröffentlichungen eines nicht nur nach außen wichtigen Vertreters des Drum and Bass. Abgesehen von Remixen und Kooperationen wie z.B. zuletzt auf dem Blade 2-Soundtrack ist es nach Reprazents “In the Mode“ um Roni Size ruhig geworden. Zeit, die er genutzt hat, um sich und seinem Label Full Cycle ein solides Fundament zu bauen. Wer regelmäßige Veröffentlichungen vermisst hat, soll ab jetzt für die Geduld belohnt werden, gibt Size im Interview Auskunft: “Ich habe versucht, eine lange Pause zu machen und sicher zu stellen, dass wir jeden Monat eine Platte herausbringen können. In den nächsten fünf Jahren soll man in die Läden gehen können und jeden Monat eine Roni Size-12“ oder eine von jemandem des Full Cycle-Labels finden können.“
Beständigkeit und Konzept nicht nur für das eigene Label, sondern auch für Veröffentlichungen auf z.B. V-Recordings: “Das nächste, was ich auf V herausbringen werde, ist ’Return to V’. Das werden viele Remixe und neue Sachen werden. Ich mag es gerade, Alben herauszubringen.“
Diese Vorliebe für Alben schlägt sich in seinem Solo “Touching Down“ nieder. Zum fast 10-jährigen Bestehen von Full Cycle ein Alleingänger. Symptom oder Statement? Size korrigiert: “Ich sehe es nicht als Roni Size-Soloalbum. Endlich bringt das Label beständig Musik heraus. Es ist eine Platte, die dem Label hilft, sich zu entwickeln. Und das ist der Anfang davon. Ich versuche immer noch herauszufinden, was ich als Solo-Künstler kann.“ Schon fast Understatement, das man einem ernsthaften und gleichzeitig sehr relaxtem Roni Size abnimmt. Trotzdem, die beiden Maxis “Playtime“ und “Sound Advice“ operieren schon seit längerem erfolgreich auf der Tanzfläche und sind damit Ankündigungen, die dem sonstigen Standard der Platte gerecht werden. Ein Album, das Size der Tanzfläche gewidmet hat, damit aber nur einen Teil seiner Fans: “Ich habe zwei verschiedene Zuhörerschaften. Die einen haben ’New Forms’ gekauft, nachdem wir den Mercury Award gewonnen haben, die anderen standen schon vorher auf Roni Size. Diese beiden Publika widersprechen sich etwas. Die einen sind für die Tanzfläche, die anderen für zu Hause. Wenn ich ein Album wie das jetzige herausbringe, sind die Leute, die New Forms mochten, verwirrt, wenn ich so etwas wie New Forms herausbringe, verstehen das die Leute nicht, die den Dancefloor Stuff mögen. Ich muss also versuchen, Projekte herauszubringen, bei denen die Leute in die Falle gehen. Ich habe jetzt einen Weg gefunden, das zu tun, aber das konnte nicht über Nacht passieren. Zum ersten Mal überhaupt, seit ich Musik herausbringe, bin ich sehr glücklich.“ Das hört man, auch wenn sich das bei Size in gekonnt darker Manier äußert.

Das Ende einer Ära
Auf die Frage nach weiteren Plänen für Breakbeat Era oder Reprazent: “Das ist vorbei. Breakbeat Era gibt es nicht mehr. Und Reprazent ist vorbei. Es wird keine weitere Reprazent geben. Zumindest nicht in den nächsten fünf Jahren. Wir haben über 1000 Shows mit den Live-Sachen gemacht und es war harte Arbeit, 16 Leute auf Tour zu bringen. Das ist nicht einfach.“ Wohl sogar so schwierig, dass ein sonst so angenehm loyaler Size zu einem kritischen Resümee seiner Live-Arbeiten kommt: “Es ist frustrierend zu sehen, dass man selbst 120% in etwas steckt und genau weiß, dass man jemanden sehen kann, der keine 120% in etwas steckt und dafür mehr Ansehen bekommt. Dabei habe ich einige Bands im Kopf, die noch nicht einmal performen und dann Nr. 1 werden. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich eine Live-Show spielen kann. Damit ist für uns ein Traum in Erfüllung gegangen, aber ich finde, dass wir die Energie, die wir reingesteckt haben, nicht wiederbekommen haben. Als die Leute uns bemerkt haben, haben wir schon aufgehört und woanders weitergemacht. Einige Leute haben den Zug verpasst. Die Shows und die Albenverkäufe waren erstaunlich, aber wir haben unsere größte Arbeit in die Musik gesteckt, als die Leute meinten, die Musik sei tot. Jedes Interview, das ich zu der Zeit gemacht habe, etwa ein Jahr lang, fing an mit: ’Ist Drum and Bass jetzt tot?’ Das ist alles, an das ich mich erinnere.“ Auf die Idee hin, dass das vielleicht an seiner exponierten und wichtigen Stellung innerhalb der Szene gelegen haben kann, antwortet Size mit einem nüchternen “Yeah, but if you call me a king, I am not gonna put a crown on. Dann würde ich ja meinem eigenen Hype Glauben schenken.“

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Elektronische Lebensaspekte.