Text: Sven von Thülen aus De:Bug 40

WIR SIND AUS BRISTOL, WIDERSTAND ZWECKLOS
Roni Size Reprazent Betaversion 1.0

Wenn Krust letztes Jahr auf der Promotion-Tour zu seinem Solo-Album zu Protokoll gab, dass er sich fühle “wie Manchester United”, dann kann man nur vermuten, wie es um Roni Sizes Gemütszustand zur Zeit bestellt sein mag. Drei Jahre sind seit ‘New Forms’ vergangen. Drei Jahre, in denen sich Roni Size mit Veröffentlichungen sehr rar gemacht hatte – bis auf das Full Vocal Projekt ‘Breakbeat Era’ mit Die und Leonie Laws, bei dem er seine Produzentenfinger zwar mit im Spiel hatte, aber den Weg aus dem Studio auf die Bühne lieber den anderen zwei überließ. Das mit Grummelbassline und Headbangerbeats rotzig rollend ausgestattete ‘Snapshot’ Ende letzten Jahres war das einzige Lebenszeichen von dem Mann, dessen Name auf dem bis jetzt meist verkauftesten Drum and Bass Album prangte. Aber nun sitzt er in einem Café in Berlin Kreuzberg und platzt fast vor Energie und Selbstbewusstsein. “We gonna kill it. Entschuldige meine Selbstzufriedenheit, aber es ist so. Unser Set Up ist so tough. Unsere Kickdrums und Snares sind fetter als die von allen anderen und produktionstechnisch waren wir nie weiter. Die Vocals sind fett und flowen. Wir haben so viel gelernt, unsere Köpfe sind frei. Alles ist, wo es hingehört. Und wir sind es, die die Knöpfchen drehen und die Fäden in der Hand haben.” Die Fäden in der Hand behalten, die Wege und Mechanismen der Industrie kennenlernen, um sich selbst zu verbessern, das eigene Label voranbringen und die nächste Stufe auf der Evolutions- und Popularitätsleiter von Drum and Bass erreichen; manchmal könnte man denken, die Full Cycle Crew um Roni, Die, Krust, Dynamite und Suv, die halt ganz nebenbei auch noch fünf Achtel von Reprazent (plus Onallee, Bassist und Schlagzeuger) darstellen, sind die Borg des Drum and Bass: “Wir sind aus Bristol, Widerstand zwecklos!”
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COVERENDE

In the Mode
“Mit und für Full Cyle zu arbeiten, bedeutete immer, an unserem Fundament, an der Basis zu arbeiten. Bei unserer Arbeit mit den Majors ging es hingegen immer darum zu lernen, wie die Industrie funktioniert und wie wir unser kleines Label ähnlich funktionieren lassen können. Majors geben uns momentan die Möglichkeit, durch die Welt zu reisen, zu lernen und mit einem Budget zu arbeiten, dass wir uns mit Full Cycle nie leisten könnten. Als wir New Forms gemacht haben, wusste ich nichts von einem Mercury Music Award, nichts von Coverstories in hippen Magazinen oder MTV. Es ging nur darum zu lernen und Geld zu verdienen, damit wir genug zum Leben haben. (Schaut zu Onallee.) Und natürlich darum, uns 100 Pfund teure Gucci Sonnenbrillen kaufen zu können, hahaha.” Und bei diesen Worten funkeln Ronis Augen: Die Assimilation war erfolgreich. Und bevor ich ihn auf das neue Album ansprechen kann, ist er schon mitten in einem langen Monolog über Full Cycle und die allgemeine Grundstimmung in Bristol, der Indiz dafür ist, was Roni Size (und der Rest der Reprazent Posse) in den letzten drei Jahren mit seiner Zeit angestellt haben könnte: Verarbeiten, Erfahrungen auswerten und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein aufbauen: Man weiß genau, was man tut, dass man im Zweifelsfall immer einen Schritt voraus ist, weil das Umfeld stimmt und man das Ohr und das Herz immer noch da hat, wo man die Geschwindigkeit der Veränderungen, die Sounds und die Stimmung von Drum and Bass als erstes spüren kann.
“Full Cyle ist großartig. Wir sind fitter als jemals zuvor. Through the Eyes ist draußen. Es sind sehr gute Dancefloor Tracks, sehr rough, teilweise nicht so gut produziert, aber fuck it, dass ist der Vibe momentan. Es werden keine Tracks mehr zurückgehalten. Wir haben nichts mehr im Regal liegen. Wenn ein Track fertig ist, wird er releast, zack, sofort. Vor drei Tagen habe ich einen Track fertig gemacht, der jetzt noch auf das Reprazent Album kommen wird. Brandneu. Es wird nur noch brandnew shit von uns geben. Wir haben immer versucht, an diesen Punkt zu kommen, an dem wir jetzt sind. Wir wollten nie, dass manche Tracks zwei Jahre rumliegen, bevor sie in die Läden kommen. Jetzt sind wir soweit. Die Infrastruktur stimmt. Es war hart. Es gab viel zu lernen. Wie komme ich an Distributionsdeals, wie manage ich ein eigenes Label. Aber jetzt stimmt alles. Unser Studio, bang on, Full Cycle, bang on, Reprazent, bang on, alles perfekt. Wir sind auf Kurs. Es gibt keine Schwachstellen in der Kette, alle sind ‘in the mode’. Deswegen heißt das neue Reprazent Album auch ‘In the Mode’. Alles ist ‘in the mode’, es läuft, ich mache keine Witze. Wir waren sehr jung, als wir in diesem Business angefangen haben. Aber jetzt wissen wir, wie es geht. Für das neue Album haben wir einen richtigen Studio-Timetable gehabt. Alle zusammen im Studio, das geht echt nicht gut. Dieses Mal haben wir die Aufgabenverteilung, die wir live haben, auch im Studio umgesetzt. Krust macht alle Stringarrangements, Die ist für die Melodien verantwortlich, Suv kümmert sich um die Effekte und ich bin der Mann für die Basslines. Dann hieß es jeden Tag. ‘Morgen von vier bis fünf sind Die und Krust dran und danach Dynamite, Onalle und Suv, usw.’ Klare Ansagen halt. Das war wichtig, und wie gesagt, im Moment läuft alles rund. Zur Zeit suchen wir nach einem Deal für Full Cycle, aber ich kann dir sagen, dass es kein Deal mit XL Recordings sein wird, wie manche Gerüchte besagen. Von der ‘Through the Eyes’ Compilation haben wir bis jetzt 47.000 Einheiten verkauft, was für ein Independent Label wirklich gut ist. Wenn davon genug Geld übrigbleibt, brauchen wir kein Major Label. Mal sehen. Und du kannst dir sicher sein, wenn wir mit einem Major zusammenarbeiten, werden sie nicht ein bisschen Kontrolle über Full Cycle bekommen. Sehe ich so aus, als würde ich mein Label weggeben, ohne zu wissen, was ich tue? Nein Mann, dass ist nicht Teil der Frage. Wir brauchen nur deren Geld, dass ist alles. Uns geht es auch ohne deren Hilfe gut, trotzdem können sie uns helfen. Wir suchen nach den richtigen Leuten. Nimm zum Beispiel Talkin Loud: Wir haben eine unheimlich gute Beziehung zu denen. Gilles und Paul Martin wissen, was sie tun und was wir wollen. Sie haben nie Druck auf uns ausgeübt. Wir arbeiten wirklich gut zusammen. Jeglicher Druck, den die Presse mit großspurigen Erwartungen bezüglich des neuen Albums erzeugen wollte, haben wir einfach absorbiert. Wir konnten in Ruhe arbeiten. Abgesehen davon müssen wir niemandem mehr etwas beweisen. Es geht nur noch um Konstanz. Wir können noch zehn Jahre so weitermachen.”

Neue Möglichkeiten
Aber nicht nur die Aufmerksamkeit und die Erwartungen, die mit ‘In the Mode’ in Verbindung stehen, mögen ungleich höher sein als bei ‘New Forms’. Auch die Möglichkeiten, die sich Roni Size und Bundesgenossen boten, waren plötzlich andere. Was sich vor allem an der illustren Liste von kooperierenden Celebrities festmachen lässt. “Wenn ich vorher die Möglichkeit gehabt hätte, mit ‘Zack de La Rocha’ (Sänger von Rage Against The Machine, Anm. d. Red.), Method Man, Redman oder Rahzel zusammenzuarbeiten, hätte ich es sofort gemacht. Fakt war aber, dass es nicht ging. Bahamadia war die erste Person, die mit uns einen Track produzieren wollte. Dynamite war damals noch nicht so weit, ein ganzes Album zu tragen. Ich hatte keine andere Wahl. Hätte ich Noel Gallagher fragen sollen? Nein, danke. Wir mussten mit dem arbeiten, was möglich war. Und da hat Onallee auf ‘New Forms’ an vorderster Front gestanden. Fünf Tracks: New Forms, Watching Windows, Share the Fall, Digital, Heroe. Es war ihr Album. Dieses Mal ist Dynamite dran. Er war für mich immer eine der Schlüsselfiguren, warum so viele Menschen von uns wissen. Er war immer dabei. Mit Reprazent auf der Bühne, mit mir, Die, Krust und Suv für Full Cycle unterwegs. Er hat uns alle immer gepusht, ohne selber den großen Push zu bekommen. Aber jetzt, mit dem neuen Album, das wird sein Durchbruch, sein großer Boost. Der Dynamite Boost. Er ist brilliant auf der Bühne. Er liebt Hip Hop, da steckt sein Herz.”
Überhaupt unterliegt ‘In The Mode’ sehr stark dem Einfluss der Charaktere der MCs, welche die Tracks nicht nur begleiten, sondern dort eine genauso zentrale Rolle einnehmen wie Kickdrum und Snare. Die Beats und die Stimmen von Onallee, Dynamite, Method Man, Rahzel und Zack De La Rocha verbinden sich auf eine Weise, die die Schere zwischen R&B, Hip Hop und Drum and Bass weniger weit auseinanderklaffen läßt und gleichzeitig zwischen den Texturen für ordentlich Druck sorgt. “Who Told U”, die erste Single Auskopplung, ist das beste Beispiel für Tear Out R&B Bristol Stylee. Dynamites Stimme bounct von Break zu Break, während die Bassline durch eine Unzahl von Effekten hüpft und die synkopischen Beats zum Pumpen bringt. Nie waren sich R&B Marke Timbaland und Drum and Bass näher. Da verwundert es nicht, das Hype Williams ganz heiß darauf war, das dazugehörige Video zu drehen. Die Heavy Rotation dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Ziemlich eindrucksvoll unterstreichen die 15 Tracks, dass in Bristol das einzig schlüssige Rezept, einen Pop-Entwurf von Drum and Bass zu generieren, der trotz Hitappeal immer noch auf dem Dancefloor schwitzen will und gleichzeitig genug Crossoverpotential hat, Drum and Bass mit einem Schlag wieder in tausende von Breakbeat-unerfahrene Ohrenpaare zu katapultieren. Dabei ist ‘In The Mode’ definitiv härter, wofür der gute Roni eine einfache Erklärung hat: “Natürlich ist ‘In the Mode’ härter. Als wir mit ‘New Forms’ tourten und als Band live spielten, merkten wir, dass einige der Tracks überhaupt nicht funktionierten. Sie waren zu zurückhaltend und reserviert. Aber dieses Mal, egal welcher Track, geht es nach vorne los. Jeder Track funktioniert live, ich liebe es.” Das glauben wir ihm gerne.

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Elektronische Lebensaspekte.