Lange ist es her, vergessen ist er nicht: Die britische HipHop-Hoffnung Roots Manuva hat ein neues Album herausgebracht. "Awfully Deep" ist nicht nur awfully strange, sondern vor allem awfully necessary.
Text: clara völker aus De:Bug 89

Sonischer Aasgeier
Roots Manuva

Ob man mit dem Alter weiser und milder wird, sei mal dahingestellt. Schließlich ist Roots Manuva weder wirklich alt noch schrecklich weise. Schrecklich tief, wie der Titel seines neuen Albums suggeriert, ist er eigentlich auch nicht. Das wurde ihm aber nach seinen beiden kollossalen LPs, “Brand New Second Hand“ und “Run Come Save Me“ immer wieder gerne unterstellt. Dabei geht es ihm nicht darum, HipHop zu verkopfen und den flexenden Meeresspiegel hochzutunen, sondern darum, mehr verdrehten Bounce und HipHop zurück in HipHop zu bringen. HipHop in HipHop zu bringen? Richtig. Denn das, was mittlerweile landein, landaus unter HipHop durch die Wellen läuft, ist Rodney Smith zufolge im eigentlichen Sinn kein HipHop mehr. Mit der medialen Dauerpräsenz hat sich das Genre in einen selbstbezüglichen stumpfen Strudel verwandelt. Nicht nur, aber auch. Denn immerhin gibt es neben Roots Manuva noch Kollegen wie TTC oder André3000, die HipHop den ursprünglich anarchistischen Hauch und damit neue Frische einverleiben. Aber immer langsam mit den jungen Pferden. Und als solches kann Mr. Manuva fast noch gelten, wenn er mit Brandy auf einem Hotelsofa lümmelt und einem Tag voller Interviews einigermaßen wacker ins Gesicht und der Berliner Kälte in den Schlund blickt. Nicht ohne modisch adrett aus der Mütze zu muffen. Als Mann aus Great Britain nimmt man die Sache mit dem Stil noch ernst.

2001 erschien Roots Manuvas zweite LP, ein hoch umjubeltes Werk, das ihn von einem hochgewebten Kritikerkanon in ein tief gestricktes seelisches Loch fallen ließ. In den letzen drei Jahren hat sich so einiges für ihn geändert. Roots Manuva trinkt weniger obsessiv (ein Wort, das zu seinen Lieblingen gehört) und hat “damit aufgehört, morgens aufzuwachen, einen Spliff zu rauchen und einen Beat zu machen, bevor ich mich überhaupt gewaschen habe”. Als Vater eines Sohnes ist man verpflichtet, kehrt dem städtischen Treiben ein wenig den Rücken und räumt auf: “Ich habe mein altes Management ziemlich abrupt aufgegeben und aufgehört Magazine zu lesen.” Zuvor waren 15 im Monat sein Durchschnittspensum, woher also der Wandel? “Weil sie langweilig waren und um mit meiner Medienobsession aufzuhören. Anstatt Informationen über die Welt und diesen winzigen Ausschnitt von High Life und High Society aufzusaugen, wollte ich mich lieber in die innere Stimme einklinken, in die Botschaften, die täglich um uns herum sind.“ Also doch: Mit der Reife kommen die inneren Visionen, gerne besungen – und damit sei die Weisheit wieder abgeholt.

UK, OK
“Mir liegt sehr viel daran, eine gewisse UK-Identität in den Sound zu bekommen, auch wenn ich nicht weiß, was zur Hölle das sein soll. Ich bin definitv dagegen, ein klares Funk- oder Soul-Sample zu verwenden, denn meiner Meinung nach gibt das der Musik einen amerikanischen Akzent. Das ist dumm, ich muss wahrscheinlich mal darüber hinwegkommen, aber mir gefallen verflochtene und schräge Elemente besser. Wenn ich beispielsweise von einem P-Funk-Sound ausgehe, möchte ich ihn mit Country und Western vermischen. Ich versuche mich in gewisser Weise von Formen fern zu halten und die Dinge sozusagen in ein schwankendes Schmutzwasser von Sounds zu verwandeln. Du kannst House- und Rave-Einflüsse hören, aber über einem rapbaren Gewebe.” Na, welches Genre kommt einem da in den Kopf? “Grime ist die ultimative Fusion. Es ist eine schöne Szene, der ganze Fortschritt in ihr – von Acid zu Rave zu Happy Hardcore zu Jungle zu Drum and Bass. Die Bewegung zu sehen, dass die jüngere Generation das MCing weiterführt, das ist schön. Viele der älteren HipHop-Heads betrachten es nicht als HipHop, aber für mich ist es definitv ein Kind von HipHop. Es ist erstaunlich. Und der Akzent sitzt, die Einflüsse sind echt, sie sind nah an den Künstlern. Leute wie Dizzee sind in einer Zeit mit einer Menge Piratenradios groß geworden, sie sind wahrscheinlich mit einem komplett anderen Sound aufgewachsen als ich. Aber ich bin sehr offen dafür. Als ich aufgewachsen bin, habe ich eine Menge mehr oder weniger Underground-Künstler aus Amerika idealisiert, wie KRS One und Eric B. und Rakim.”

Wurzeln purzeln
“Als Kind habe ich viele Reggae-Tapes gehört, daher die Faszination für die alte Tradition. Als ich sieben Jahre alt war, habe ich die Sugarhill Gang bei Top Of The Pops gesehen, wie sie ’Rappers Delight’ performed haben. Ich wusste nicht, dass das HipHop ist, das war einfach eine merkwürdige Musik aus Amerika, in der die Leute nicht gesungen, sondern gesprochen haben. Gleichzeitig aber bin ich mit Yellowman und Bob Marley aufgewachsen. Meine Eltern haben Gospel gehört, Elvis Presley und Jonny Cash. Es ist ein recht bunt zusammengewürfeltes musikalisches Erbe. Und vieles, was heutzutage als HipHop rezipiert wird, steht meiner Meinung nach nicht in einer Reihe mit dem anfänglichen Geist von HipHop. Grandmaster Flash hat eine Menge rarer Platten gefunden und die besten Teile dieser Platten so zusammengefügt, dass es sich anders angehört hat, als das, was die anderen DJs gemacht haben. HipHop war der musikalische Aasgeier, der von allem etwas genommen hat. Die einzige Regel im HipHop war, dass es keine Regeln gibt. Aber jetzt, da HipHop Airplay bekommen hat, haben wir es mit einer Karikatur von HipHop zu tun. Es ist nicht die Gesamtheit von HipHop, es ist der kommerzielle Teil. Früher gab es auf LPs immer auch einen Hip-House-Track. Vermutlich wollten sie das eigentlich nicht machen, aber er war da, die Anerkennung von anderen Kulturen war vorhanden. Wenn Leute wie Big Daddy Kane ein Album gemacht haben, gab es da ein breites Spektrum an Emotionen drauf, einen Gangsta-Rap-Track, einen Battle-Track, einen Track, auf dem er gesungen hat. Es war ein Rundumschlag dessen, was es bedeutete, aus den Ghettos von Amerika zu kommen und ein Künstler zu sein. Es war nicht nur ein Ding, das auf Hochglanz poliert war. Ich denke, dass die Ankunft von Videos und Radio-Play eine Art HipHop auf Stromlinienform gebracht hat, der das ganze musikalische Erbe außer Acht lässt.” Da könnte man ja vermuten, dass die Remix 12“ der Single “Colossal Insight“ mit Variationen von Röyksopp, Jammer, Soft Pink Truth und Part2 eine Idee aus seinem Kopf war. Aber: “Das ist nur Marketing. Big Dada haben mir eine Liste gegeben und ich meinte: ’Whatever you wanna do, man.’ Mir gefällt diese Cross-Genre-Befruchtung.”

Immer wieder kommt Roots Manuva ungefragt zurück zu HipHop-Deklarationen: “TTC sind für mich HipHop.Sie machen das, worum es eigentlich geht, zu experimentieren und die Elemente zu fusionieren. Für mich ist André3000, der ein ganzes Album macht, auf dem er nur singt, mehr HipHop als die Hälfte dessen, was man auf MTV sieht. HipHop ist das, was es sein möchte.“ Aber geht es nicht eigentlich mehr um die Musik als um Definitionen? “Ist das eine Definition: Es ist, was es ist? Es ist ein Aasgeier! Die blühenden Findlinge des HipHop kommen aus einer sonischen Landschaft. Ich glaube nicht, dass Kraftwerk vor ihren Geräten saßen und sich dachten: ’Hm, ich glaube, zu dieser Musik werden sich die Leute auf ihrem Kopf drehen.’ Aber es ist HipHop! Es ist etwas, auf das man nicht seinen Finger legen kann und man sollte es auch gar nicht. Ich finde es gibt zu viel Nachäfferei und Erbrechen von Standards. Zu viel Gefolge, wo es mehr Arglosigkeit und den Willen zu spielen und zu experimentieren geben sollte.” Deswegen gefallen ihm Basic Channel sehr gut.

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Elektronische Lebensaspekte.

Roots Manuva hat 1999 mit seinem Debut-Album "Brand New Second Hand" nicht nur das Ninja Tune Sublabel Big Dada groß auf der Hip Hop-Landkarte markiert, sondern auch UK-Hip Hop wieder ins Gespräch gebracht. Open minded zwischen Aphex Twin und Reggae.
Text: christian meyer | christian.meyer@lebensaspekte.de aus De:Bug 50

Madman im Audio-Zirkus
Roots Manuva

UK-Hip Hop war nach dem Ende von typisch britischen Fusionen von “Shut Up And Dance” (Hip Hop plus Breakbeat-Rave) oder der “London Posse” (Hip Hop plus Reggae) und zunehmend langweiligem Hardcore ziemlich lange in Vergessenheit geraten – die zeitgleich einsetzende Rawkus-Hysterie auf der anderen Seite des Atlantiks tat ihr Übriges…

In der Nachfolge von Roots Manuva erschienen, allerdings weniger von der Presse beachtet, auf Big Dada weitere expanding Hip Hop Platten von New Flesh For Old oder Gamma, die Manuva an Eigenart nicht nachstanden, aber einen deutlich schärferen, von elektronischem Noise begleiteten Ton anschlugen. Nach Gast-Auftritten bei Non-HipHop-Acts wie Leftfield, Mr. Scruff oder Herbalizer, die Manuvas open mindedness unterstrichen, meldet er sich jetzt mit seinem zweiten Album zurück und kann seinen roughen Labelmates einiges entgegensetzen. Er hat allerdings auch weiterhin seine typische, vom Reggae geprägte Gelassenheit im Gepäck. Die Verbindung zum Reggae, die durch tiefe Bässe und teilweise eingestreutes Toasting präsent ist, ist ein erstes Indiz für London. In der Kombination von elektronischer Musik wird man noch deutlicher an diesen Herkunftsort verwiesen.

De:Bug: Die Vermischung von Musikstilen scheint besonders typisch für England bzw. London zu sein. So sind schließlich Dinge wie Drum and Bass, Trip Hop oder 2Step entstanden.

Roots Manuva: Auf jeden Fall. In Bezug auf Hip Hop sieht das so aus: In den USA sind die Leute stark durch Funk beeinflusst, in England lieben die meisten Hip Hopper Reggae genauso wie Hip Hop.

Da verwundert es nicht, dass er sich einen alten Helden des britischen Hip Hop-Reggaes, Rodney P. von der London Posse, als Gast-MC auf sein Album holt. Woher aber kommen die Einflüsse für so ein Stück wie “Witness(one hope)”, die erste Singleauskopplung, das mit massiven elektronischen Sounds aufwartet?

Roots Manuva: Ich höre ein bisschen elektronische Musik, z.B. Aphex Twin , Neotropic, andere Sachen auf Ninja Tune und anderes, deren Namen ich vergessen habe. Ich habe immer schon alle mögliche merkwürdige Musik gehört. Die Leute, die mich dazu gebracht haben, mit Synthesizern und Samplern zu arbeiten, waren Art of Noise.

De:Bug: Hast du bei all der Experimentierfreude keine Probleme mit dem Publikum? Experimenteller Hip Hop ist ja nicht gerade ein Kassenschlager, wenn ich an die Besucherzahlen der letzten Konzerte denke!

Roots Manuva: Nein, in der Regel nicht. Wir kommen, um zu unterhalten, und je nachdem kannst du die Musik ignorieren: Just watch the Madman, the strange guy, the audio circus! Aber so viel weird stuff da ist, so sehr mache ich auch simpleres Zeug, um die Balance zu halten. There are awful safe tracks!

De:Bug: Das letzte Album hörte mit einem String-Track auf, das aktuelle startet mit einem ähnlichen Intro. So hat man zunächst das Gefühl, dass ‘Run Come Save Me’ die Konsequente Fortführung des Debuts ist. Aber ist das wirklich so, gibt es da nicht einige entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Platten?

Roots Manuva: Ich hatte jetzt mehr Zeit, mich dahingehend zu entwickeln, mich nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen, was für das In-Ding gehalten wird oder was die ‘korrekte’ Interpretation von dieser verrückten Sache ist, die wir Hip Hop nennen. Ich war freier und weniger im Kampf mit der Welt. Auf der technischen Seite habe ich mir ein kleines Heimstudio, nein, kein richtiges Studio, eher eine kleine Homeproduction Suite, zusammengestellt. Vorher hatte ich einen Atari-PC mit 1 MB Speicherplatz, jetzt habe ich einen G4 mit 85 Gigabyte, viele Programme, ich kann jetzt Vocals und Instrumente zuhause aufnehmen.

De:Bug: Du spielst herkömmliche Instrumente?

Roots Manuva: Ich würde nicht sagen, dass ich sie spiele, ich produziere Sounds mit ihnen: Gitarre, Bass, Spielzeug-Trompete…, alles, womit man interessante Geräusche erzeugen kann.

De:Bug: Man könnte vermuten, dass die Arbeit an dem neuen Album wegen des großen Erwartungsdrucks nach dem ersten, in der Presse sehr positiv aufgenommenen Album problematisch war. Nach so einem Erfolg möchte man auf keinen Fall enttäuschen… besser, man setzt noch einen drauf, um die hochgeschraubten Erwartungen zu erfüllen. Das führt dann in der Tat dazu, dass die neue Platte wilder und gehetzter klingt. Zumindest zu Beginn von ‘Run Come Save Me’ wartet Manuva heftig mit vielen düsteren elektronischen Sounds und komplexen Beats auf. Weil das so besonders exponiert an den Anfang gestellt ist und offensichtlich eine Herausforderung für den allgemeinen Hip Hop-Fan sein wird, kann man vermuten, dass signalisiert werden soll: Hier kommt ein neuer Style, da musst du durch, da musst du mitarbeiten.

Roots Manuva: (lacht) Das war nicht meine Idee, es fühlte sich einfach richtig an. Das letzte Album fing ziemlich understated an. Jetzt komme ich zurück mit Noise. Aber es gab tatsächlich einen großen Druck. Nach dem ersten Album wollte ich zuerst eigentlich gar nichts mehr, zumindest nicht als Roots Manuva, produzieren. Ich wollte nicht mehr Musiker, sondern lieber wieder Mensch sein. Zeit haben, die grundlegenden Dinge des Lebens zu genießen: einkaufen, waschen, mal aufräumen, wieder selber kochen, anstatt immer Fast-Food zu essen.

De:Bug: Aber es gibt ein neues Album, also gab es da doch noch das Bedürfnis, sich musikalisch auszudrücken!

Roots Manuva: Ja, ich habe ein großes Bedürfnis, kreativ zu sein. Nicht nur mit Musik, ich probiere auch andere Dinge aus: mache merkwürdige Bilder, Computerkunst, Filme mit meiner neuen Digitalkamera, alles mögliche, und schneide kleine Filme zusammen.

Das ist eine nicht geringe Bandbreite, die uns fragen lässt, als was wir wohl in der Zukunft von ihm hören werden.

Roots Manuva: Ich brauche erst eine Reaktion, um zu wissen, was ich danach tun werde. Ich glaube aber nicht, das es in nächster Zeit noch ein Roots Manuva Album geben wird. Ich werde andere Dinge machen: mit anderen Leuten zusammenarbeiten, produzieren, es ist aber noch nichts Konkretes geplant. Ich habe aber einige gute, noch vage Ideen.

Hört sich alles danach an, als sei das MCing nicht gerade das Wichtigste im Leben von Roots Manuva.

Roots Manuva: Ich rede über alles mögliche, die Basisstruktur meiner Texte ist ziemlich zufällig. Meist sind meine Texte nur wahllos Wortspiele. Es gibt ein oder zwei Stücke mit linearen Erzählungen: eine über eine Beziehung, eine über das Aufwachsen in der Kirche, aber im allgemeinen mische ich Erlebtes mit Fantasie und verbalen Tricks. Vor allem würde ich aber gerne meine musikalischen Ideen und Träume ausdrücken. Ich würde gern einen Track machen, auf dem nicht meine Stimme zu hören ist, der aber trotzdem meine Richtung hat. Ich würde gern die Stimmen arrangieren, wie ein Dirigent bei einem Orchester, nur eben nicht für Streicher, sondern für MCs… und für die Sounds, die man verwendet, um die rhythmische und melodische Struktur zu erschaffen.

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