Text: Sascha Kösch aus De:Bug 11

Hypermodern Blues 1998 Rope mit N Enden Sascha Kösch bleed@de-bug.de Das Bild ist denkbar einfach. Ein Seil, so dick daß man jemanden daran aufhängen kann. Es bewegt sich, verdreht wie eine Doppelhelix, zu der Musik. Wie von selbst, aber mit eigenen Vorstellungen einer Gegenläufigkeit. Es ist faßbar, greifbar, sehr real und analog, aber dadurch nur unwahrscheinlicher. Es ist ein Märchen, ein Kindertraum, ein fragmentarisches Riesenrad, das auf dich zurollt. Ein dickes Kabel mit einem Strauß elektrobunter Fusseln am Ende, daß Dir jemand erwartungsvoll vor die Nase hält und sagt: Hier, schließ an. Das alles ist Rope. Rob und Yannek sind das, was man die Core Group von Rope nennen könnte. Man muß sich ihr Verhältnis zum Rest der Mitspieler ungefähr so vorstellen, wie das von Kirk und Spock zum Rest der Enterprise Crew. Ohne Pille und Checkov ist die Serie zwar undenkbar, aber man würde nicht schwören, daß sie auch wirklich in jeder Folge dabei waren. Rope gibt es als Liveband, als die sie noch vor gar nicht allzu langer Zeit jede Woche im Berliner Privat Club zu sehen war, als Projekt, das vor zwei Jahren die zweite LP/CD auf Alec Empires, mit Spannung erwartetem, Geist Label produziert hat, die jetzt veröffentlicht wurde Und neben diversen anderen Anblicken als das, was sie jetzt sind: Ein für sie selbst noch undefiniertes, immer erst zu entwickelndes, Projekt mit dem Ziel, irgendwann einmal von Musik leben zu können. Aus genau diesem Grund verließen beide vor einigen Jahren erstmal ihre Heimat. Der Kanadier Rob zog nach Paris und versuchte sich als Drummer durchzutingeln, und Yannek verkaufte alles inklusive Soulplattensammlung, um als Eurobeatflüchtling in Texas eine Akkordeonkarriere zu starten. Wie das ausging, kann man sich vorstellen. Aber daß es sie beide, als Folkband auf Berliner Open Festivals wie eine radikalisierte Zwei-Mann-Version von Woodstock mit wehendem Haar und Blick auf die Ferne einer unsichtbaren Wüste gerichtet, wieder an Land spülen würde und wie sich daraus, einigermaßen im Rahmen westlicher Logik, Rope entwickelte, ist schon eine schwierigere Aufgabe für ein Gehirn, das durchschnittlich mit dem Inhalt einer Fernsehserie von vor 5 Jahren, und zwei oder drei nicht notwendigerweise erwähnbaren, weil eh schon vergessenen, Nebentätigkeiten vollkommen ausgelastet ist. Der Pressetext feierte in bester DHR-Manier Yannek als Computerfreak der ersten Stunde, dem das mit den Rechnern irgendwann zu kindisch wurde und der jetzt nur noch Live spielt, so als wäre das Zentrum der Riotphilosopie letztendlich nichts, als die übliche deutsch-europäische Technophobie des Wahrhaftigen. Das ist so erstmal nicht wahr, denn “Hotel”, ihre Platte auf Geist, ist z. B. durchgehend mit dem Computer nachbearbeitete und umstrukturierte Musik. Und das ist alles um so besser, weil “Geist” so tatsächlich eher in die Nähe von “Mille Plateaux” rücken kann, wie es Yannek sieht, in eine Tradition der explizit experimentellen Arbeit an einer heterogen vernetzten Zukunft. Die Livehaftigkeit von Rope sieht sich, auch wenn sie jetzt mehr betont wird, mehr als ein Versuch handhabbarere Technologien so zu arrangieren, daß jedes Ding perfekt in den für es geschaffenen Zusammenhang paßt. In der Mitte sitzt dann verlassen der Mensch und singt den Blues, aber das ist eine andere Geschichte. Immer wieder kommen wir im Interview auf dieses Thema zurück. Immer wieder macht Rob rudernde Bewegungen mit den Armen, um zu verdeutlichen, wie die Rhythmen, an denen er und seine Loopmaschine arbeiten, gegeneinander und zusammenarbeiten; wie er Vor- und Nachteile der explizit einfach gewählten Technologie so nutzt, bzw. von ihr so benutzt wird, daß daraus Rope entsteht. Immer wieder schwankt Yannek zwischen der Faszination für neueste Software und 70er Jahre Taschenrechner mit Holz so hin und her, daß man die Suche nach Haltbarem gerne zum zentralen Thema von Rope machen würde. Der Mann an der Mundharmonika, der Gesang braucht, um sich in den Tracks live als Stück orientieren zu können, die angedachte Platte mit deutschen Texten auf Kitty Yo. Yannek, der Rob gegenüber seine Texte als Replacement von Lyrics vor Sinn retten will, der gerne streitet und lächelnd bekennt, daß seine Idee, Rope mit unerwarteten Gästen zu einem offenen Ort, einer Insel zu machen, nicht von allen nachvollzogen werden kann, aber auch nicht muß; Rob der zwischen Brüchen und Groove zu vermitteln versucht; und der Wille von beiden, nicht jedes Stück über 10 Minuten zu bringen. All das sind Gründe, hinter Rope etwas zum festhalten zu vermuten, aber was, wenn das, woran man sich festhält, ein fliegender Teppich ist; ein Seil das schon durch ein paar Takte Musik lebendig wird; ein Stück Parasit, das wie ein geschlossenes Ökosubsystem durch die Wüste rollt, als wäre hinter ihm ein Hurricane ausgebrochen. Es ist eigentlich kein Problem nach überallhin auszufleddern, geistig, musikalisch, textuell oder sonstwie, sondern trotzdem anschließbar zu bleiben. Rope beginnt erst jetzt, obwohl es sie schon lange gibt. Wie jede Welt fängt alles erstmal mit ein paar einfachen Symbolen an und ist doch schon so komplex, daß dem eigentlich nichts mehr hinzuzufügen wäre. Hypermodern Jazz 1998 eben, oder, vielleicht austauschbar, Hypermodern Blues, Jahreszahl unbekannt. ZITAT: Immer wieder schwankt es zwischen der Faszination für neueste Software und 70er Jahre Taschenrechner mit Holz so hin und her, daß man die Suche nach Haltbarem gerne zum zentralen Thema von Rope machen würde. Der Pressetext feierte in bester DHR-Manier Yannek als Computerfreak, dem das mit den Rechnern irgendwann zu kindisch wurde, so als wäre das Zentrum der Riotphilosopie die übliche deutsch-europäische Technophobie des Wahrhaftigen.

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Elektronische Lebensaspekte.