Fotograf Oliver Möst, Medienkünstler Christian Mahler und De:Bug-Bildspezialist Stefan Heidenreich über den Bilderkosmos der digitalen Fotografie
Text: Anton Waldt aus De:Bug 126


DeBug: Digitaltechniken verändern die Fotografie gerade von Grund auf: wer Bilder macht, wer sie sehen kann, wie sie wahrgenommen werden und was sie bedeuten.

Christian Mahler: Es geht um zwei Grundverständnisse. Zum einen das Linsen-basierte Sehen der Welt, zum anderen ein Datenbank-basiertes. In der klassischen Fotografie geht es darum, dass Licht durch eine Linse fällt und aufgezeichnet wird, ob auf ein Negativ oder mit einem Bildsensor spielt dabei keine Rolle. Auf der anderen Seite ist jedes digitale Bild – egal wie es aufgezeichnet wurde – zuerst ein Datensatz. Der wird dann durch die Interpretations-Anweisungen zu einem klassischen Foto oder geht in einen anderen Komplex ein, ob das ein Panorama ist oder die Anweisung zum Spielen von Musik, macht zunächst keinen Unterschied.

Oliver Möst: Aber dadurch geht das Subjektive verloren. Und das war bei der Fotografie sehr wichtig. Das fällt raus, weil es nicht um den Blick des Einzelnen geht. Ich arbeite zum Beispiel mit einer Kamera, in die mein Brillenglas eingebaut ist. Die Kamera bildet also das ab, was ein Normalsichtiger sehen würde, wenn er meine Brille aufsetzen würde. Es geht um subjektive Wahrnehmung und wie sie die Welt verändert. Aber ich bin als Brillenträger auch damit groß geworden, dass ich zwei Möglichkeiten habe zu sehen.

DeBug: Das machst du alles analog? Du könntest doch auch ganz normal fotografieren und einen Unschärfe-Filter drüber legen?

Möst: Nein, das funktioniert nicht, weil das ein anderer Prozess ist. Licht fällt durch diese spezielle Linse anders, als wenn man es später mit einem Filter bearbeitet. Das lässt sich nicht reproduzieren. Die Bilder sind auch nicht eigentlich unscharf, sondern eher verschoben.

Mahler: Meine Arbeit setzt meistens erst danach an, also wenn das Fotografische abgeschlossen ist. Auf Eigenface bin ich anlässlich der Bundestagswahl 2005 gekommen, damals habe ich bemerkt, dass das Layout-Raster der Plakate immer das gleiche war und nur das Bild in der Mitte wechselte. Also habe ich habe eine Mittelungstechnik gesucht und alle Plakate übereinander legt: Man sieht das Layout-Raster und die Figuren ergeben einen komischen Mix. Das Konzept ist aber alles andere als neu. Angefangen hat es schon um 1880, als Francis Galton, ein Vetter von Charles Darwin und Begründer der Eugenik, Kompositionsportraits angefertigte. Er hat beispielsweise mittels Mehrfachbelichtung ganze Familien als Durchschnitt dargestellt. Oder den typischen Gewaltverbrecher, das typische Rassepferd, aber auch den typischen Juden, was später die Nazis übernommen haben. Die Technik ist also sehr alt. Wissenschaftlich konnte das Gezeigte aber nicht belegt werden, weil es einfach keinen Zusammenhang gibt, zwischen Aussehen und Verhalten. Das Verfahren wurde dann noch in der Schönheitsforschung verwendet und auch in der Informatik, weil ein Rechner aus einem Datensatz heraus etwas erkennen muss: Wenn ein Mensch einen roten Apfel gesehen hat, weiß er, das ist ein Apfel, auch wenn er das nächste Mal einen grünen sieht. Der Rechner kann das nicht, die Prototypen-Repräsentation reicht dem Menschen, Rechner brauchen eine große Durchschnittsmenge zum Abgleich. Daher wurde das Verfahren in der Gesichtserkennung verwendet.

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GESICHTSERKENNUNG

DeBug: Aber da ist doch das Eigenface oder der Eigenvektor nicht mehr das Standardmodell, weil konkurrierende Modelle erfolgreicher sind, oder?

Mahler: Ja, genau. Eigenface wurde nur eine Zeit lang verwendet, in dem Bereich tut sich aber ohnehin sehr viel. Zum Beispiel hat sich auch die Passbild-Fotografie verändert, weil eine Maschine die Bilder lesen muss. Die Standardisierung erfolgt also nicht mehr aufgrund der menschlichen Instanz – bitte recht freundlich in die Kamera sehen – sondern durch maschinelle Vorgaben. Da greift die digitale Technik in unsere analoge zurück, in die Repräsentation von uns selbst. Das ist eine interessante Überlagerung. Den Begriff Eigenface habe ich jedenfalls einfach aus der Informatik übernommen, um ihn auf Bilder des Privaten zu übertragen.

DeBug: Welche konkrete Technik verwendest du dabei?

Mahler: Gesichtserkennung funktioniert prinzipiell so, dass man aus 100 oder mehr Vertretern ein arithmetisches Mittel errechnet. Meine konkrete Methode habe ich selbst programmiert: Man nimmt Bilder von der gleichen Größe, schaut sich die Pixel einzeln an, addiert die RGB-Werte und teilt sie wieder durch die Anzahl der verwendeten Bilder, womit man einen Durchschnittswert pro Pixel erhält. In der Gesichtserkennung wird unterdessen ein Durchschnitt hergestellt, von dem das Individuum substrahiert wird. Was übrig bleibt, die Abweichung von der Masse, das ist der Eigenvektor oder das Eigenface, das wie ein Daumenabdruck einmalig ist. Was ich darstelle, ist aber nur der Durchschnitt. Die Motive habe ich jeweils aus einem eigenen Fotobuch genommen, und dann geschaut, wo es die noch gibt, und damit Muster ermittelt.

SOZIALE PHOTOGRAPHIE

DeBug: Was ist der Reiz daran, als Autor ganz zu verschwinden, als Teil einer Datenbank oder einer Gruppe? Wo liegen da die Potentiale?

Möst: Das hängt wohl von den Persönlichkeiten ab. Wer das als Hobby betreibt, für den macht es Sinn sich einer Gruppe anzuschließen.

Mahler: Ich finde es schön in einer größeren Gruppe ein Projekt zu verwirklichen, das alleine oder mit einem lokalen Team nicht zu schaffen wäre. Zum Beispiel die Seite “Face of Tomorrow”: Da wurde dazu aufgerufen, am jeweiligen Heimatort 100 Leute zu fotografieren. 50 Männer und 50 Frauen, um daraus ein Durchschnittsgesicht zu errechnen. Das ist von der Technik her nichts Neues, aber vom flächendeckenden Ansatz. Berlin gab´s da noch nicht, also bin ich los und habe 100 Leute fotografiert, was gar nicht so einfach war. 100 Menschen um Erlaubnis bitten, erklären wofür, das Licht muss stimmen – das dauert. Da geht es nicht ums Einzelbild, schon gar nicht ums einzelne Foto, sondern darum, dass man gemeinsam ein Stück Kulturarbeit leistet.

Möst: Aber solche Prozesse gab es doch auch schon im Analogen. Lomografie zum Beispiel, also eine Community, bei der viele Menschen mitmachen, warum auch immer: weil es ein Vorbild gibt, weil es hip ist, weil schon so viele andere mitmachen. Das war richtig groß. Bevor Digitalkameras einschlugen, war Lomografie wahrscheinlich die größte fotografische Bewegung, die es in Europa gab. Und so funktioniert auch Flickr: Leute machen gerne etwas zusammen mit anderen, obwohl sie sich individuell einbringen. Dass sie etwas kopieren, was andere vorgemacht haben, spielt eigentlich keine Rolle, weil sie das Gefühl haben, selbst etwas zu schaffen.

MIT MEHR AUGEN SEHEN

Mahler: Das stimmt. Panoramen sind so alt wie die Fotografie selbst. Eadweard Muybridge hat schon im 19. Jahrhundert Panoramen angefertigt. Die waren nicht so sauber aneinander gestitcht wie heute, aber die Technik war schon da. Heute ist es nur viel einfacher geworden, viele Kameras haben Funktionen, um Bilder aneinanderzureihen und danach ist es nur noch ein Standard-Rechenprozess. Aber der Punkt dabei ist doch ein anderer als der des Abbildens: Es geht darum den etablierten Standard des einäugigen Sehens aufzubrechen. Ob das nun Lomografie ist oder Panoramen oder Slitscans, es geht immer um eine andere Art die Welt zu sehen. Wie kann meine Maschine die Welt anders darstellen, als ich es mit einem Foto kann?

DeBug: Aber ist das Bild, das dabei herauskommt, nicht wieder ein einzelnes Bild?

Mahler: Natürlich. Und genauso belanglos oder bedeutsam wie jedes andere Bild auch.

DeBug: Du arbeitest dagegen gar nicht digital?

Möst: Doch schon. Aber durch die Digitalisierung hat sich für mich gar nicht so viel verändert, weil das meiste auch schon vorher da war. Es ist nur einfacher, zugänglicher geworden. Um das zu illustrieren: Es gibt eine Flickr-Seite mit einem Bild, das aus 18, 19 Polaroids besteht, da steht als Erläuterung “If you like Hockney, you will like this”. Dieser Mensch weiß also, worauf er sich beruft. Und Hockney war auch nicht der erste, aber er hat das Konzept populär gemacht.

Mahler: Ich sehe schon einen Unterschied, auch wenn es die Konzepte schon gab. Jetzt ist es eine Technik des Privaten und erzeugt auch Bilder des Privaten. Das ist in der Kunst nicht so gewesen. Die Bilder waren nicht unbedingt Privataufnahmen. Und die haben noch einmal eine eigene Kultur für sich. Hausfrauen erzeugen andere Bilderwelten als Rentner. Das trennt es deutlich von der Kunst, wo eine Bildtradition zumindest angeeignet ist, wo eine Intention hinter dem Bild steht, die nicht bloß Erinnern heißt. Das ist ein anderer Ansatz.

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KONTEXT STATT QUALITÄT

Möst: Da hast du Recht. Aber für mich? Ich nutze digitale Technik, wenn sie Sachen einfacher macht.

DeBug: Die spannende Frage ist doch: Was bringen die Digitaltechniken eigentlich Neues?

Mahler: Die Bilder stehen nie für sich, sondern in einem Kontext. Es gibt zum Bild eigentlich immer noch eine Website, einen Text, oder weitere Bilder. Das schaffen analoge Bilder nicht unbedingt. Allein die Metadaten, die im Bild sind, eröffnen völlig andere Möglichkeiten zu sortieren und zu arrangieren. Über den Fileheader hat jedes Bild zumindest Uhrzeit und Datum. Es ist ein anderes Werkzeug geworden.

Möst: Aber durch die Vereinfachung, verliert das Bild auch an Wertigkeit. Das Bild das nach draußen geht, also irgendwo abgebildet, gedruckt wird, das hat für mich in den letzten 15 Jahren an Qualität verloren.

DeBug: An Bedeutung oder Qualität?

Möst: Beides. Klar gibt es viel mehr Bilder von Dingen, die man vorher noch nie gesehen hat. Aber die fotografische Qualität der Bilder spielt keine so große Rolle mehr, weil es eher um das geht, was auf dem Bild zu sehen ist. Ganz profanes Beispiel sind Paparazzi-Fotos, da wird heute jeder Pixel, in dem man etwas zu erahnen glaubt, gebracht. Weil es um die Frequenz geht.

DeBug: Also werden die Gestaltungsansprüche heruntergefahren?

Möst: Da geht es nicht um analog/digital. Dadurch dass viel mehr Bilder verfügbar sind, geht es oft nicht mehr um das beste sondern nur noch um das schnellste Bild. Das erste Bild, das in der Redaktion verfügbar ist, wird oft auch gedruckt und nicht das Bild Nummer 25, das vielleicht viel besser ist. Dadurch gibt es für mich in den Printmedien einen Qualitätsverlust.

Mahler: Da geht es aber ums kommerzielle Bild, nicht um das private. Und da gibt es das Phänomen, dass in der Prozesskette immer noch jemand kommt: “Das machen wir in der Post (-Produktion)”, ist der Spruch dazu. Wenn die Nachbereitung im Vorfeld ausgeschlossen wird, gibt es eine andere Verantwortung bei den Bilderzeugern, es gleich vernünftig zu machen.

DeBug: Aber es ist doch inzwischen Standard, gar keine fertigen Bilder mehr zu produzieren, die zum Anschauen gedacht sind. Wir produzieren nur Rohmaterial zur späteren Bearbeitung.

SUBJEKTE DER DIGITALEN PHOTOGRAPHIE

Mahler: Es gibt aber auch ein anderes Bewusstsein von der Motivseite her. Beim Kleinbildfilm mit 24 Bildern hat man die Hacken zusammengelassen und durfte nicht blinzeln, heute macht man mal eben 20 Fotos von einem einzigen Motiv und irgendeins wird schon passen. Das Bewusstsein für das Bild und die Pose hat sich verändert. Auch weil man früher teurer fotografiert hat.

Möst: Ein anderes Bewusstsein gibt es bestimmt. Das merkt man auch, wenn man als Portraitfotograf arbeitet: Viele Leute werden nervös, weil sie sofort selbst gucken wollen. Man glaubt, es wird besser, wenn man das eigene Bild am Display kontrolliert. Früher hat man eine Polaroid gemacht, um die Belichtung zu prüfen. Aber weil die Leute inzwischen daran gewöhnt sind, dass sie sofort gucken können, ändert sich der Prozess. Das gilt auch für Agenturen, die wollen oft direkt die Kontrolle haben. Das verändert das Berufsbild des Fotografen. Früher musste man dem Fotografen vertrauen, der irgendwann sagte: Jetzt ist es im Kasten. Heute sieht man gleich etwas auf dem Display. Je weniger Vertrauen da ist, umso häufiger wollen sie aufs Display gucken.

DeBug: Werden durch die digitale Fotografie neue Wunschbilder generiert? Also bestimmte, andere Vorstellungen von sich entwickelt?

Möst: Ich fotografiere beispielsweise für einen Kunden seit fünf Jahren alle Mitarbeiter, und zwar digital, weil klar ist, dass die Bilder nur im Netz benutzt werden. Einige habe ich über die Jahre schon mehrmals fotografiert und deren Selbstreflexion hat sich geändert. Wahrscheinlich, weil sie jetzt auch digital fotografieren. Früher waren die Probleme oft, dass die Menschen mit ihrem Gesicht auf dem Papierbild nicht klarkamen, einfach weil sie ihr Spiegelbild besser kannten, als ihr richtiges Gesicht. Dadurch dass die Leute sich jetzt viel häufiger selbst fotografieren, sagen sie heute eher Dinge, die früher Fotografen gesagt haben: Das ist meine bessere Seite, oder sie haben eine klare Vorstellung davon, wo das Licht herkommen sollte. Die meisten Leute gehen also professioneller mit ihrem realen Abbild um.

PROZESS UND ZUKUNFT

DeBug: Man muss wohl zwei Dinge unterscheiden. Zum einen so etwas wie die HDR-Bilder, bei denen man in zehn Jahren klar sieht, das ist ein Foto aus den Nullerjahren. Ein kurzfristiger Trend, der sich in Standards auflösen wird. Aber es gibt auch Bewegungen, die etwas Neues bringen, wo man ahnt, dass da noch mehr kommen wird.

Möst: Die Gruppendynamiken werden weitergehen. Das wird sich weiter ausdehnen. Man wird wahrscheinlich noch viel mehr gemeinsam an einem Bild oder einem Thema arbeiten.

Mahler: Auch im Bereich Image Processing wird noch einiges passieren. Man wird Prozessketten selbst programmieren. Sachen wie Open Source-Processing oder Open Frameworks, wo man direkt aufs Bild zugreifen kann und nicht mehr nur einen Filter übers Bild jagt, wie das bei Photoshop der Fall ist. Und bei den Panoramen geht es ganz klar zu bewegten Panoramen, also zum Film. Die Kameratechniken für 360-Grad-Aufnahmen werden gerade entwickelt. Man wird sich in einem Film bewegen können.

DeBug: Die Bildproduktion geht dann endgültig im Prozess auf?

Mahler: Genau wie man ein Foto falsch belichten konnte, kann man heute am Rechner genauso falsch oder richtig handeln.

Möst: Man kann eine Wurst falsch belichten und das schön finden, wie man es früher auch konnte.

DeBug: Gerade finden offensichtlich viele Menschen die grob zusammengestitchten Bilder faszinierend, wo man den Prozess noch deutlich sieht, gerade weil es unfertig aussieht.

Mahler: Klassisch hat man immer einen Rahmen gezogen und abgeschnitten, um den Prozess zu verbergen, heute zeigt man überall den Prozess, der dahinter steckt. Auch in der Fotografie, da lässt du am Rand deinen Bildstreifen, damit auch wirklich jeder merkt, dass es ein Foto ist.

VON DER MASSENWARE ZUM FLIESSBANDFILM

DeBug: Themenwechsel: Es werden Unmengen Bilder hergestellt, da verschiebt sich schon mal das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Die Leute haben gar keine Zeit mehr sich alle Bilder anzuschauen. Daher müssen andere Formen von Auswahl zustande kommen. Im Extremfall habe ich nicht mal mehr die Zeit, meine eigenen Bilder anzuschauen. Welche Bilder zirkulieren dann überhaupt noch?

Mahler: Wenn man frei auf die Pirsch geht, weil man gerade ein Bild braucht, da ist angesichts von Millionen von Angeboten die Zeit der Maßstab. Hat man nach zehn Minuten keinen Erfolg, nimmt man das, was nach fünf Minuten da war.

Möst: Das ist wie bei Google. Man gibt einen Suchbegriff in Datenbanken ein und dann werden die ersten zehn Seiten angeguckt. Bei Bilddatenbanken ist es ja auch so: Umso mehr Begriffe auf ein Bild passen, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass es auch gedruckt wird.

Mahler: Getty Image hat eine neue Software, wo man über Stimmungen Bilder finden soll … was noch nicht wirklich funktioniert, aber es ist ein Ansatz. Es gibt auch Retrievr, da malt man ein Motiv, das dann gesucht wird, ein weiterer alternativer Ansatz (labs.systemone.at/retrievr).

DeBug: Wir reden jetzt zwar über Fotografie, aber es ist ja eigentlich nur eine Frage des Speicherplatzes, dass sich Fotografie in Bewegtbildern auflöst?

Möst: Vor fünf Jahren stand ich einmal mit einer Analogkamera in einem Pulk von Pressefotografen mit Digitalkameras und musste Gerhard Schröder fotografieren. Die haben alle den Auslöser gar nicht mehr losgelassen – und damals gab es noch keine 10 GB-Karten. Ich habe an dem Tag mehr Filme geschossen als jemals zuvor, weil ich das Gefühl hatte, ich fotografiere zu wenig. Es ist also schon ein filmischer Prozess, aus dem dann ein Bild ausgesucht wird.

Mahler: Die Filmkameras im Consumer-Bereich haben ja nicht umsonst einen Fotoknopf.

DeBug: Damit gehört doch für den Fotografen das Erspüren des richtigen Augenblicks der Vergangenheit an.

Möst: Das hat gar nichts mit dem richtigen Augenblick zu tun. Der richtige Augenblick ist dann, wenn eine gewisse Konzentration da ist. Nicht nur vom Fotografen, sondern auch der Umgebung. Und da entsteht ein anderes Bild wenn man fotografiert als beim Filmen. Das hat mit dem Bewusstsein zu tun und zwar nicht nur mit dem hinter sondern auch mit dem vor der Kamera.

Mahler: Ja, das ist ein bestimmtes Bewusstsein, eine Geste, eine Haltung, eine Spannung: Jetzt nicht blinzeln. Das fällt weg. Es gibt aber auch Leute, die sich keine Videokamera anschaffen, die Fotos auch abziehen lassen und in ein Fotoalbum kleben, weil das ein sinnlicher Zugang zum Material ist.

DUNKLE ZEITEN, SCHNELLE BLICKE

DeBug: Aber das wird doch irgendwann als defizitär empfunden? Jedenfalls von Jüngeren.

Möst: Defizitär sind doch vor allem die Erinnerungen, die nicht mehr existieren, weil die Speichermedien nicht mehr existieren. Man sieht immer öfter Aushänge an Laternenpfählen, wo nach gestohlenen Computern mit allen Kinderfotos gefahndet wird.

DeBug: Aber von der Zukunft aus betrachtet, leben wir in einer sehr dunklen Zeit, weil wir nicht alles dokumentieren. Heute wird als die Zeit gelten, in der man aus der Dunkelheit langsam ins Licht der Erinnerung trat. Auch wenn sich da wieder das Adressproblem stellt, weil niemand die Zeit hat, sich alle Erinnerungen anzuschauen.

Mahler: Es wird neue Findungsmechanismen geben, alleine die Datenbank-Visualisierung ist ein Riesenentwicklungsfeld. Das wird es auch für Bilder geben. Man wird andere Interfaces entwickeln, in die bekannte und neue Techniken einfließen werden, mit denen man anders Zugriff findet.

DeBug: Ändert sich denn das Sehen von Bildern? Text-Wolken lesen wir ja auch nicht mehr richtig.

Möst: Extrem. Also das Sehen aller Bilder, auch die der Malerei. Das kann man auch im Museum beobachten. Man versucht Bilder schneller wahrzunehmen und nimmt sich nicht die Zeit, sich dem Gegenüber auszusetzen.

Mahler: Ist das nicht einfach Training? Weil man schon soviel gesehen hat, glaubt man schnell zu erkennen. Dieses Vorurteil im Sehen lässt weniger Zeit zum Gucken. Wir sehen weniger, aber schauen schneller.

Möst: Aber nur, weil man glaubt, dass man schon so viel gesehen hat, erfasst man nicht wirklich, was da wahrzunehmen ist.

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Elektronische Lebensaspekte.