Sonig, Karaoke Kalk, Autopilot und De:Bug
Text: Jens Balzer aus De:Bug 115


Die Macher von Sonig, Karaoke Kalk, Autopilot und De:Bug kennen sich aus den Zeiten, als es neben 4/4-Techno in jedem Club noch einen Ambient-Floor gab. 1997 wollten viele Ufer befestigt werden. Label, Vertrieb oder eben Magazin, das Gründungsfieber grassierte. Zehn Jahre später gleichen Guido Möbius, Frank Dommert, Thorsten Lütz und Anton Waldt bei unserem Roundtable die Erfahrungen der Vergangenheit ab, bevor dann auf der De:Bug-Jubiläumstour das ewige Zukunftsversprechen der elektronischen Musik gefeiert wird.

Jens: Es gibt diese magische “7” in der Pop-Kultur: ’57 Rock’n’Roll und Soul, ´67 Pop, ´77 Punk, ´87 Rave und Techno. Und was war ´97? Wenn ich an ´97 zurückdenke, fällt mir gar nichts ein, weder musikalisch oder ästhetisch.

Waldt: Das ist gerade der Witz an ´97, da ist etwas ausgeblieben. Die erste Hälfte der Neunziger hat man sich mit Techno beschäftigt und dann kurzzeitig gedacht, dass die technische und ästhetische Entwicklung mit Drum and Bass weitergeht. Aber ´97 zündete nichts, der schöne Pop-Dekaden-Rhythmus war vorbei.

Strobocop: In Köln war das anders: Vorher hatten wir beispielsweise den “Sound of Cologne”, wo sich verschiedene musikalische Strömungen zusammengetan haben. Da gab es neben dem Techno-Floor noch einen Ambient-Floor mit den Jungs von A-Musik und nebenan haben Bleed und Triple R Bassdrums gewälzt. Da war ´97 der Höhepunkt überschritten. Es fing an, sich zu splitten, weil sich alle positionieren wollten, eigene Süppchen kochen wollten. In Berlin war das immer so. Hier existierten viele kleine Szenen immer nebeneinander. In Köln lebt man dagegen in einem sehr engen Umfeld und muss miteinander auskommen. Daher ist diese Separation auch so tragisch für Köln.

Jens: ´97 kam der Rückzug in die Nische und damit war alles vorbei?

Frank: Es war nicht vorbei, es war einfach ein Höhepunkt erreicht. Es ging eigentlich nicht mehr zusammen. Eine Zeit lang dachte man ja, das geht jetzt immer so weiter. Wir machen alle alles zusammen und das funktioniert auch. Aber ich habe das damals schon kommen sehen, dass es auseinander geht und dass der Ambient-Raum irgendwann nicht mehr gebraucht wird.

Strobocop: Aber die Leute haben sich auch zurückgezogen, vielleicht weil man auch altersbedingt nicht mehr so viel Party machen wollte. Also hat man einfach mal ein Label gegründet, ohne viel drüber nachzudenken.

Waldt: Diese Spezialisierung ist vielleicht auch auf fehlenden Innovationsdruck zurückzuführen. Der nächste große Schlag in die Fresse … der blieb aus.

Strobocop: Nee! Da hat noch Innovation stattgefunden, gerade in musikalischer Hinsicht. Für Köln war ´97 ein wichtiges Jahr! Es gab Harvest, Mike Ink mit Studio 1 und Alec Peet und Tralala, die große Partys veranstaltet haben. Und es gab die internationale Aufmerksamkeit, irgendwelche Schreiberlinge für englische Magazine hüpften durch die Stadt und fanden alles großartig.

Jens: Wie war denn das ökonomisch. Hat es ´97 Sinn gemacht, ein Label zu machen?

Strobocop: Spielte keine Rolle. Man hat ein Label gemacht, weil es Sinn machte und weil es einfach war. Man dachte nicht, dass man damit Geld machen könnte.

Waldt: Genau! De:Bug ist ja aus dem Impuls entstanden, dass die Frontpage eingegangen ist. Plötzlich waren da ein paar Leute ohne Job, die das sowieso nie so toll fanden, gleichzeitig aber ‘ne Menge gelernt hatten und das weiterverfolgen und besser machen wollten. Plötzlich hast du eine Zeitung und merkst: Das funktioniert ja sogar!

Frank: Das waren keine professionellen Betriebe. Wir haben nicht gesagt, also ich mache jetzt ein Label und das ist sofort mein Auskommen. Man hat ein Label gegründet, um erst mal eine Platte rauszubringen.

Strobocop: Zuerst Stücke von Freunden. Meistens Musiker, die keinen Bock mehr auf Bands hatten und sich deshalb Sampler und Cubase widmeten. Es war aber auch einfach, die Sachen abzusetzen, weil mit Vertrieben schon eine Basis vorhanden war: kleine Auflage verkaufen, nächstes Projekt, das war ein Selbstläufer. Obwohl ich anfangs nebenher noch Jobs machen musste. Bis du einen Release hast, auf den sich alle einigen können und das Label auch Geld bringt. Bei Karaoke Kalk war es die “Wunder”. Aber da hast du irgendwann gemerkt: Huch, ich sitze hier den ganzen Tag und mache nur noch Label-Arbeit.

Frank: Ich hatte schon ´87 ein Label, Entenpool, erst mit Kassetten, dann auch ein paar Platten. Eigentlich wird das Zwanzigjährige vom Zehnjährigen überschattet: Manchmal habe ich auch Angst, dass die jungen Leute im Laden einen Schreck kriegen, wenn sie merken, wie alt ich schon bin … Auf Entenpool kommt immer noch alle Jubeljahre mal was raus. Sonig ist gegründet worden, um zum einen elektronische Sachen zu machen, viel Mouse On Mars oder Seitenprojekte. Zum anderen haben wir dann später mit Bands zusammengearbeitet, die experimentellere Sachen machen, C. Schule und Heiss oder auch die Belgier Scratch Pet Land.

Jens: Und wie kamst du dann zu Autopilot?

Guido: Ich hab ´96 die Seite gewechselt, also vom Musikmachen zur Verwertung. Angefangen habe ich beim dienstältesten Funk-Label Deutschlands, Autogramm-Records. Kennt kein Schwein, das Label hat aber einen riesigen Funk-Katalog … Dort habe ich gearbeitet und gelernt und später zusammen mit dem Inhaber den Verlag gegründet.

Waldt: Was macht so ein Musikverlag eigentlich genau?

Guido: Ein Musikverlag handelt mit Rechten, viel administratives Zeug, mit der GEMA oder anderen Verwertungsgesellschaften, von denen es weltweit etwa 50 gibt. Ansonsten verkauft er eben Lizenzen und Nutzungsrechte für Film und für Werbung usw. Wir arbeiten mit einigen Sonig-Künstlern: Schlammpeitziger, Vert, Randomitz … also Elektroniker, ein bisschen Post-Rock …

Jens: Nach welchen Kriterien sucht sich ein Verlag seine Künstler? Der Labelbetreiber sagt ja immer, ich nehme Dinge nach meinem eigenen Geschmack. Sagt der Verleger das auch?

Guido: Unter Vorbehalt sagt er das auch. Es gibt ein paar Ausreißer und ich kann mir das leisten, solange ich damit nicht so nach außen gehe. Der Verlag steht nicht in der Öffentlichkeit wie die Label. Dann gibt es Sachen, die ich ganz toll finde, unbedingt machen will, von denen ich aber weiß, dass sie sich schlecht verwerten lassen. Inzwischen bin ich aber wählerischer, weil ich den administrativen Rattenschwanz kenne. Zuerst musste aber der Katalog wachsen, damit sich Autopilot als Marke etablieren kann.

Waldt: Wie schaffst du es denn, die Begeisterung für einen Sound in diese doch sehr trockene Rechtesache umzusetzen? Das kommt mir wie der Horror vor.

Guido: Eine Vert-Platte auf Tagesrotation bei Radio Eins zu bringen, hat schon was Subversives, und das begeistert mich. Und hinsichtlich des Verwaltungskrams muss man einfach Strategien entwickeln, sich nicht zuschütten lassen und sich immer sagen, dass das sinnvoll ist, gerade auch für die Künstler. Das macht Sinn, aber Spaß macht es nicht.

Jens: War die De:Bug ein Magazin, auf das ihr gewartet habt?

Frank: Nicht gewartet, aber es hatte schon was mit mir zu tun. Wir waren da direkt drin, das war irgendwie klar. Nicht unbedingt Anzeigen schalten, aber unsere Musik wurde besprochen.

Strobocop: Es war auf jeden Fall das erste Magazin, das sich intensiv mit den Sachen auseinander gesetzt hat, die wir veröffentlicht haben. Vorher gab es zwar die Frontpage, aber die war so freakig-ravig.

Frank: Und House-Attack war ja eher eine Kunstzeitung, da gab es nicht so viele Reviews.

Strobocop: Und die Spex hatte immer nur diese kleine Kolumne von Sascha und Riley, viel zu kurz.

Frank: Als die ersten De:Bugs kamen, habe ich sie so gelesen wie Testcard, wie Kunstmusikzeitschriften.

Jens: Für mich war De:Bug das erste Magazin, bei dem Musik nicht mehr das Leitmedium war. Vorher, bei der Spex und anderen, da wurde immer von der Musik aus geschrieben. Bei der De:Bug war die Musik immer Teil eines technologischen Wandels, der dann in toto beschrieben werden sollte. Stimmt das?

Waldt: Ja. Erst die Digitalisierung hat es überhaupt möglich gemacht, mit ein paar Rechnern im Wohnzimmer ernsthaft eine Zeitschrift zu produzieren. Und das Prinzip, warum die Technik so toll ist, konnte man an der Musik am besten beschreiben.

Jens: Und wieso eine Zeitung und nicht gleich Online?

Waldt: Selbst die Internet-Fanatiker hätten das ´97 wohl als übertrieben empfunden …

Guido: Also, ich hatte da noch keinen Computer.

Jens: Mich hat immer die strenge Geschichtsphilosophie irritiert: Im Vergleich zur Spex ging die De:Bug gleich los und sagte: Das ist der Stand der Kunst, und sie sprach auch Verbote aus. Dass es keine Frontalkonzerte mehr geben dürfe, beispielsweise.

Waldt: Das war ´97 schon ein Nachhall. Dass niemand auf der Bühne steht, es keinen Star mehr gibt, kein Gesicht, das waren bereits gut konsolidierte Prinzipien. Stehe ich auch heute noch drauf.

Guido: Inzwischen sind DJs Rockstars.

Waldt: Ne. Das Rockstarprinzip ist gründlich beerdigt. Der DJ ist Dienstleister. Der kann vielleicht gut aussehen, er kann sogar in der konkreten Vorort-Wahrnehmung ein Role-Model sein, aber er ist kein Rockstar.

Frank: Also das hat sich sehr schnell wieder erledigt.

Strobocop: Natürlich hat sich das sehr schnell erledigt und Techno hat auch genau die Mechanismen übernommen, die vielleicht Rock’n’Roll oder die klassische Popmusik hatten, von denen man dachte, die wären schon begraben.

Waldt: Zombies eben. Aber der neue Idealzustand geht doch anders: Der DJ ist Teil des Abends, aber nicht auf der Bühne, beim Break wird ihm mal zugewunken, aber letztendlich beschäftigt die Tanzfläche sich mit sich selbst.

Strobocop: Du hast Recht. Man ist sich selbst als Party genug und beschäftigt sich mit dem, was um einen herum passiert.

Jens: Kürzlich hattet ihr ein Neo-Folk-Special. Muss so was bei euch kontrovers diskutiert werden, bis es durchgesetzt ist, gegen diesen Futurismus?

Waldt: Nein. Um noch mal auf den Dekaden-Rhythmus der Popgeschichte zurückzukommen: ´97 kam das Archiv. Und das ist eine genauso große Aufgabe, wie eine ganz neue Ästhetik zu erfinden, die die Opas von der Bühne kickt. Das digitale Archiv hat die gesamte Musikgeschichte aufgesogen. So gesehen ist auch Neo-Folk ein digitales Thema. Der Rest ist die Summe von persönlichen Entscheidungen, Vorlieben und Launen …

Jens: Und wie finden Label ihre Themen, also Künstler?

Frank: Meistens sind sie auf einmal da, man trifft sie einfach.

Jens: Wie viele Veröffentlichungen habt ihr denn so pro Jahr? Und was haben die für eine Auflage?

Strobocop: Also, ich hab dieses Jahr fünf.

Guido: Das ist eine ganze Menge für ein Indie-Label.

Frank: Bei uns sind es auch fünf, dieses Jahr. Und Sonig-Platten haben eine Auflage zwischen 300 und 5.000, manchmal noch mehr. Heute werden sie immer kleiner, aber dafür gibt es Downloads und den Backkatalog.

Jens: Was ist der Hauptabsatzmarkt?

Frank: Für mich Amerika, aber das nimmt ab, weil der Dollar so schlecht steht, für mich ein Mega-Problem.

Strobocop: Für Karaoke Kalk ist Deutschland eigentlich als Markt absolut unrelevant. Und Japan ist sogar noch wichtiger als die USA, was an dem extrem gut funktionierenden Backkatalog liegt: Von einen Release aus dem Backkatalog verkaufe ich manchmal mehr als von den Neuerscheinungen. Die “Wunder” ist fast zehn Jahre alt, da gehen immer noch bis zu 800 CDs im Jahr weg. Was die Japaner damit machen, ob die ihre Wände tapezieren, weiß ich nicht …

Jens: Wie ist das Verhältnis insgesamt zwischen Vinyl, CD und MP3?

Strobocop: Vinyl ist total abgesumpft.

Frank: Und dabei ist für mich wieder der Dollar schuld, es ist scheißteuer, Vinyl rüberzuschicken, und du bekommst nichts dafür. Die Import-Platten sind auf einmal teurer als die regulären und das sind die Amis nicht gewohnt, ebenso wenig die Japaner. In Europa waren Importe dagegen schon immer teurer.

Jens: Und mit Downloads ist kein Geld zu verdienen?

Frank: Doch klar. Die Downloads retten dir den Arsch. Und in den USA ist iTunes schon sehr wichtig. Ich habe übrigens das Gefühl, dass in Deutschland eher illegal runtergeladen wird als in den USA.

Guido: In Amerika weiß ein Teil der Kids doch gar nicht mehr, dass es CDs und Vinyl gibt, die laden einfach nur runter.

Jens: Wie gestalten sich denn die Promotion-Kanäle auf dem bankrotten deutschen Markt?

Guido: Die Mechanismen sind eigentlich dieselben geblieben, Interview ja oder nein, Besprechung ja oder nein.

Jens: Und die Relation zwischen Print- und Onlinebereich? Checkst du eigentlich die Einsätze im Internet für die GEMA?

Guido: Generell bin ich da eher konservativ, ich soll ja auch die Feuilletons beliefern. Aber Online wird jetzt schon wichtiger. Und die GEMA hat erst mit dem Jahr 2006 begonnen, das überhaupt zu erfassen und abzurechnen. Die Verwertungsgesellschaften sind von dem Phänomen total überfordert, die Verschiebung im Konsumentenverhalten ist bei den Verlags- und der Copyright-Agenturen also noch nicht angekommen. Und momentan gibt es da auch viele Scheingefechte.

Jens: Was macht ihr in zehn Jahren? Wo steht ihr?

Guido: Meine Hoffnung ist, dass die ganzen 19- und 21-Jährigen ihre MP3-Player verlieren. Und frag die mal nach einem Back-Up. Die müssen sich alles noch mal kaufen.

Jens: Wie sieht die De:Bug in zehn Jahren aus?

Waldt: In fünf Jahren wird es De:Bug noch als Print-Ausgabe geben. Zehn Jahre ist als Horizont zu weit. Vor allem, weil gerade bei der technischen Entwicklung Murphys Gesetz gilt: Es kommt immer anders, als man denkt.

Strobocop: Es gibt euch dann in Englisch und Japanisch!

Waldt: Und auf Chinesisch.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.