Wie fühlt sich Mode und Modeindustrie aus der unabhängigen Mikro-Perspektive an? Welche ästhetischen Entscheidungen trifft man in der Welt zwischen Knöpfen aus Asien und Reverskonventionen aus den 30er-Jahren. Debug traf fünf junge Designer am runden Tisch.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 86

Unabhängig und aufwändig / 5 Modedesigner am runden Tisch

Die Mode-Designer, die jetzt international sichtbar werden, scheinen eingeklemmt zwischen Fetzenlook aus der Großproduktion und Couture aus dem Souterrainatelier: Sie sind ästhetisch an nichts so wenig interessiert wie dem sprichwörtlichen Berliner Ghetto-Look. Pariser Schneiderkunst, italienische Stoffe, englische Gediegenheit sind internationale Maßstäbe, mit denen sie arbeiten, die sie in allem Ernst abwandeln. Andererseits sind sie soweit weg von der Corporate Industry ist, wie es nur geht. Sie suchen nach den ökonomischen Strukturen, in denen sie erfolgreich und zu fairen Bedingungen arbeiten – und arbeiten lassen – können. Geht man den konventionellen Weg über Agenturen und Messen, lässt man in Asien sticken und in Deutschland Knöpfe annähen, bleibt man autonom mit dem eigenen Atelierladen oder dient man sich doch lieber Jil Sander an? Kann man etwas aus anderen Nischenbereichen, etwa von der Independent-Musik und ihrer engen Vernetzung, lernen? Debug sprach mit den Berliner Designerinnen Anja Rüther von Anya, Therese Pfeil von Pulver, Zille Homma Hamid von der Honey-Suckle Company, dem Londoner Designer Bakri Bhakit und dem Hamburger Designer Felix Koschinsky.

Die da oben
Debug: Empfindet ihr eine Abhängigkeit von saisonal lancierten Modethemen?
Therese: Es ist schon erstaunlich, wie viele Leute zeitgleich das Gleiche zu fühlen scheinen. Ich glaube aber nicht, dass alles kopiert ist. Wenn es zwanzig Cowboys gibt, wäre ich ja blöd, auch noch auf Cowboy zu machen.
Felix: Trotzdem gibt es aber eine Konkurrenz zwischen Industrie und dem Designer. Das ganze Customizing, dieses individuelle Abwandeln und auf alt Trimmen von Klamotten, das war zum Beispiel früher eine Domäne der Designer. Jetzt bricht da die Industrie ein. Marken wie Diesel oder Miss Sixty sind ja durchaus kreativ und wollen auch nicht komplett in den Massenmarkt abrutschen. Sie machen ganz explizit aufwändiges, gutes Design, um ihr Image zu halten.
Bakri: Aber wenn die Industrie aufs Customizing verfällt, ist man als Designer doch schon wieder ganz woanders. Es wäre ja auch komisch, wenn man das von der Industrie rückwärts wieder übernehmen würde.
Felix: Die Industrie hat jedenfalls eine enorme Infrastruktur, ihre Trendscouts überall …
Therese: Die Industrie ist gut – dort arbeiten auch Designer – sie ist schnell, superbillig, das kann man als autonomer Designer gar nicht erreichen. Man muss sich ein anderes Feld suchen. Entweder du machst ganz schnell ein T-Shirt, was ganz Billiges. Oder du machst was in einer Preisklasse, in der du dir einen Namen aufbauen musst, damit die Leute sich dafür entscheiden. Das geht es dann auch um eine emotionale Bindung.
Bakri: Es war immer der Vorwurf an den Konsumenten, dass er Sachen nur wegen eines Namens kauft. Ein Top von Stella McCartney zum Beispiel. Sich in Deutschland solch einen Namen zu machen, war immer extrem schwierig. Wenn jetzt wichtiger wird, wo kommt es her, wie wird es produziert, dann ist das eine Chance für deutsche Mode, Berliner Mode.
Therese: Genau, wenn man eine Hose von Diesel und eine identische von einem kleinen Designer vor Ort hat, lässt sich vermuten, dass die Hose vom Designer fairer hergestellt worden ist und die Geldportionen anders verteilt werden.
Felix: Stimmt, damit hat man Vorteile in der Kalkulation gegenüber der Industrie. Bei Diesel kostet die Hose auch 100 Euro, dafür kannst du die auch schneidern.
Therese: Nur dass die Portionen anders verteilt sind …
Bakri: … und man einen moralischen Mehrwert hat.
Felix: Wenn du dann als Designer genauso viel verdienst wie die Verkäuferin bei Diesel, die den ganzen Tag im Laden steht, dann ist das ja okay.
Therese: Die Kette ist eben eine andere. Bei kleinen Designern landet bei jedem mehr, angefangen bei dem, der näht. Bei Diesel landet im Verhältnis weniger bei dem, der näht, und mehr bei dem, der Diesel mal den Namen gegeben hat.

Die Produktion
Bakri: Die Infrastruktur von Mode funktioniert auch anders. Die Tendenz zur Vernetzung, wie man sie im Musikbereich hat, also alle Stellen mit Gleichgesinnten zu besetzen, das ist in der Mode überhaupt nicht der Fall. Dadurch braucht es immer diesen Extra-Enthusiasmus, um aus seiner künstlerischen Idee ein Produkt zu machen. Ich glaube aber, dass das im Musikbereich auch erst anders geworden ist, seit es so viel einfacher ist, Musik zu machen, als früher.
Debug: Seit Punk-Zeiten, aber noch mal richtig explodiert mit der elektronischen Musik.
Bakri: Das Pendant zu der Modernisierung über elektronische Devices wäre in der Mode die Massenproduktion in Asien. Der Produktionsprozess bleibt jedoch prinzipiell der gleiche. Copy/Paste funktioniert in der Mode nicht. Wenn man eine Jacke näht, sind es nach wie vor so und so viele Schritte. Das verursacht die Kostenexplosion.
Debug: Würdet ihr lieber niedrigere Preise ansetzen können, um ein bestimmtes Wunschpublikum nicht ausgrenzen zu müssen?
Zille: Wollen schon …
Bakri: Ich habe es mal versucht. Die Einkäufer sind aber dagegen, denn man setzt Sachen über den Preis in einem Segment fest und da kommen sie nie wieder raus. Du versuchst einen demokratischen Preis zu machen und deine Sachen gelten als Ramsch. Anstatt dem Konsumenten was Gutes zu tun, schadest du deinen Sachen. Trotzdem, man würde es schon lieber billiger machen.

Debug: Die Einkäufer schlagen doch das 2 1/2-Fache des Einkaufspreises drauf, oder? Das ist natürlich ein Killer. Findet ihr das gerechtfertigt?
Therese: Die Sache mit den Zwischenhändlern. Ich bin da, ehrlich gesagt, dafür. Es ist interessant, wenn in Städten schöne Läden sind. Das ist ein Teil unserer Kultur. Ich will mich nicht selbst in einen Laden stellen, aber es ist schön, wenn jemand meine Sachen verkauft. Diese Arbeit nehme ich sehr ernst. Sich Sachen auszusuchen, sich ein Profil zu geben, das ist ein Faktor, der kostet Geld. Wenn man möchte, dass man in diesen Läden landet, muss man ihnen eine Spanne gewähren.

Preis, Image, Qualität
Therese: Ganz ehrlich, ich finde, fast alle Klamotten sind viel zu billig. Früher hatte man seinen Anzug und sein Hemd, das war ein Wertstück, dafür hat man Geld ausgegeben. Gut, die Zeit ist vorbei, man will öfter was Neues haben. Aber die Sachen sind etwas wert, das muss man mal wieder kapieren. Mode ist nicht nur Image, sie hat einen Wert. Beim Essen wächst das Bewusstsein dafür mittlerweile.
Zille: Dennoch kann sich einen Mantel für 600 Euro nur eine kleine Gruppe von Leuten leisten, das ist schlicht so. Meine Vorstellung ist, dass sich meine Klamotten Leute leisten können, die ich nett finde und von denen ich denke, denen steht mein Mantel am besten. Wieso sollen sie bei einer Klasse von Leuten landen, mit denen ich vielleicht gar nichts anfangen kann.

Debug: Ich kann verstehen, dass du als Designer möchtest, dass deine Klamotten in ihrer vollen Wertigkeit erkannt werden. Aber für mich wäre es ein Rückschritt, wenn ich mich auf ein paar hochwertige Basics beschränken sollte, die ich dann drei Jahre trage. Was dabei verloren geht, ist die Möglichkeit, mich selbst als Plakatfläche zu entwerfen, jeden Tag neu, wenn ich will. Das ist es, was mich an Mode interessiert.
Therese: … und mich wahrscheinlich total nervt. Wenn man immer überlegen muss, wie wirke ich jetzt … Aber klar, so wie du die andere Seite zuspitzt, wäre es ja auch kein Spaß. In dieser Ecke sehe ich mich auch nicht.
Felix: Da ist die Frage, ob man als Designer von der Globalisierung profitieren kann. Kann man international zusammenarbeiten und Produktionsvorteile im Ausland nutzen? Oder sollte man sich in eine Handwerksnische zurückziehen und sagen, die Wertigkeit muss erhalten bleiben.
Therese: Wir produzieren nur in Deutschland. Ich würde mir zwar Möglichkeiten im Ausland angucken, aber bei unseren Stückzahlen wäre es albern, irgendwo hinzufliegen.
Bakri: Das machen tatsächlich einige. Ich kenne kleine Skaterlabel, die gehen nach Bulgarien oder Hongkong, denn sie könnten ihre Skateranoraks gar nicht anders herstellen.
Felix: Oder wenn man etwas besticken lassen will, das ist hier gar nicht möglich.
Bakri: Auf der einen Seite ist es richtig, hier zu produzieren. Auf der anderen ist es nur ein Teil-Alibi, wenn wir uns über alles andere keine weiteren Gedanken machen.
Therese: Wenn man jemandem in Polen den gleichen Preis für die Arbeit bezahlen würde wie jemandem in Deutschland, würden die Arbeiter in Polen im Verhältnis zu den dortigen Lebenshaltungskosten viel mehr verdienen – natürlich nur, wenn man nicht in die Preisdrückerrichtung geht.
Bakri: Bleibt noch die Frage, warum zum Beispiel Stella McCartney so viel kostet, obwohl sie so große Stückzahlen macht? Heißt das, nur bei den kleinen Produzenten ist der Preis “echt”, so hoch, wie er ist?

Konventionen statt Fetzen
Debug: Ihr haltet euch alle an europäische Kleideretiketten, also an Herren- und Damenkonventionen. Gebe es da nicht viel aufzubrechen, viel zu entdecken weltweit? Auch jenseits der mit der Etikette verbundenen Rollenverständnisse?
Zille: Meine Sachen sind nicht als Frauengarderobe zu erkennen. Sie sind androgyn. Die Uneindeutigkeit ist mir teilweise auch ein Anliegen.
Bakri: Meinst du, ob man sich als Designer am Vorgeben von Rollenbildern beteiligen sollte?
Debug: Streetwear ist ja totale Unisex-Mode. Jetzt orientiert sich die Mode – wie in euren Kollektionen – wieder mehr an Konventionen, die die Jugendmoden bislang ignoriert haben.
Therese: Es besteht ja nach wie vor alles nebeneinander, es gibt kein Mode-Diktat, aber wenn man Tendenzen wahrnehmen möchte, dann ist das schon so. Es gibt wieder so was wie Weiblichkeit, man arbeitet immer noch mit der Überschreitung, aber auch wieder mit eindeutigeren Unterscheidungen. Ich finde das sogar spannend. Das Androgyne der 90er ist ein bisschen vorbei.
Debug: Bei Herren- und Damengarderobe ist auch ganz anderes Spezialwissen gefordert. Oft geht es um Feinheiten. Man muss wissen, dass Männersachen rechts geknöpft sind, Frauensachen links oder wie weit ein Kragen vom Hals abstehen darf und so.
Therese: Ich finde solche Fragen interessant. Damit spielen wir bei Pulver. Wir gucken uns gezielt an, warum Sachen Klassiker geworden sind. Dann kommt man automatisch zu solchen Geschichten. Man kann es aufheben – es ist egal, ob eine Hose rechts- oder linksrum geknöpft ist, aber man kann auch damit spielen.

Berlin
Felix: Was bietet dann Berlin, wenn es mehr in Richtung Couture geht? Sitzt die Kompetenz, wie ein anständiges Herren-Businesshemd aussieht, eher in Italien, das Wissen von Stoffen eher in Paris?
Therese: Ich fahre nach Paris oder nach New York, weil ich auf keinen Fall in dem Berliner Sumpf feststecken will. Ich habe in New York gearbeitet und kannte viele Leute, die bei großen Designhäusern gearbeitet haben, da passieren ganz andere Sachen als in Berlin. Das heißt ja nicht, das groß gleich gut ist, aber ich will mir das weiterhin angucken. Es hat ja meistens einen Grund, warum jemand groß ist.
Bakri: Wenn man in internationaler Mode denkt, dann war Berlin Aufbruch und auch Trash. Das andere, was über den Kontext “deutsch” kam, waren die minimalistischen Sachen, Bauhaus und so, sowohl in Mode als auch Fotografie. Wenn man in ausländischer Presse über Jürgen Teller liest, steht da immer, das sei typisch deutsch. Insofern wäre was da, was man jenseits des Trash verfolgen könnte. Aber ich glaube nicht, dass es eine Gefahr ist, Berlin müsste für ewig die Fetzenstadt bleiben. Das Trash-Ding war ja auch international, das Kokettieren mit Armut im Look, es war nur in Berlin am ausgeprägtesten. Wenn der Look out ist, ist Berlin nicht tot. i-D geht ja auch mit über die ganzen Jahre, hat das Punk-Image der Anfangszeit, kickt aber auch Dior nach vorne. In der Mode ist das ja möglich.
Felix: Wenn die Industrie das Costumizing so stark vormacht, gibt es dann auch wieder einen Trend zum Selbstschneidern, zum eigenen Verändern der Klamotten? Anja, du gibst Nähkurse, stellst du einen Boom fest?
Anja: Boom weiß ich nicht, aber Interesse ist da. Oft sind die Leute aber total enttäuscht, wenn sie nach drei Stunden noch keine perfekt sitzende Hose fertig haben. Das gibt ihnen auch wieder ein bisschen das Bewusstsein dafür zurück, was in Klamotten für Arbeit steckt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.