Der Chicagoer Roy Davis Jr. salbt House mit der Spiritualität von Stevie Wonder und der Einfühlsamkeit von Larry Heard. Das Ergebnis nennt er "Soul Electrica", und es hat so anmutige Kinder wie "Gabrielle" und "Michael".
Text: florian sievers | sievers303@aol.com aus De:Bug 49

Therapiert den Underground
Dr. Roy Davis Jr.

Da kann man sich wohl schon mal erschrecken: Stell dir vor, du ziehst, wie jede Woche, in aller Ruhe deinen Nachtjob als Resident-DJ in diesem Houseclub in Los Angeles durch, und auf einmal steht Wesley Snipes hinter dir, tippt dir auf die Schulter und knurrt mit dieser tiefen Wesley-Snipes-Stimme: “Brother, you’re a bad motherfucker.” Roy Davis Jr. jedenfalls hat sich erschrocken. “Ich meine, das war Wesley Snipes, Mann! Er lud mich nach meinem Set in seine Villa ein, um ein bisschen Businesstalk mit mir zu machen. Ich konnte sogar noch zehn meiner coolsten Freunde mitbringen. Er sagte, dass er alle meine Platten zu Hause stehen hätte – und es stimmte tatsächlich.” Snipes wollte mit ihm ein Label aufziehen, um Musik im Geiste von Stevie Wonder im Gewand von kontemporärem House und HipHop zu veröffentlichen. “Wesley wunderte sich, dass noch kein Majorlabel an mich herangetreten war”, grinst der 30jährige Roy. “Aber mir geht es darum, mein eigenes kleines Business aufzubauen und unabhängig zu bleiben. Ich will meine kleinen Kinder ernähren und classic Records produzieren. Real Music, that’s what it’s all about.”

Gesagt, getan, jetzt schmeißen die beiden ungleichen Partner zusammen Soujah Entertainment als Teil von Roys Mini-Musikimperium Undaground Therapy Muzik Inc., das in einem Ort mit dem schönen Namen Hammond im US-Bundesstaat Indiana sitzt. Zusammen mit seinem Partner Odell Braziel Jr. betreibt er dort die House-Label Undaground Therapy und Bangin Traxx Muzik, eine Produktionsfirma sowie Undaground Therapy Management. Hier zu Lande bekannt geworden ist der pummelige, verschmitzte Ami-Shorts-Träger Roy Davis Jr. aber vor allem durch den Erfolg, den sein 96er Breakbeat-House-Gesangstrack “Gabrielle” in der britischen Garage-Szene hatte, sowie der folgenden, dreisten Selbstabkupferung “Michael”, die das Gleiche nochmal zelebrierte. So eine Art fragiler Version von Romanthonys Gesangsstücken nämlich. “’Gabrielle’ war einfach eine Chicago-Soulplatte, die zufällig von der Garage-Szene gemocht wurde”, tut Roy das ab.

Bevor er unter seinem eigenen Namen produzierte, hatte er DJ Pierre bei dem Chicago-Allstars-Mythos “Phuture” abgelöst. 1998 geisterte er sogar noch mit den wiedervereinigten Phuture 303 auf den Großraves dieses Planeten rum. Dann war Schluss damit. “Phuture hatte diese Legenden-Aura”, sagt Roy, “und DJ Skull und ich als jüngste Mitglieder wollten lieber etwas Eigenes produzieren. Wir waren ermüdet von diesen ewigen legendären Tracks und verdrogten Typen, die auf Raves mit ‘666’ auf dem Arm gemalt zu uns kamen. Also entschloss ich mich zu gehen.” Statt auf Rave-Acid und Abgeh-Wildpitch besann er sich lieber auf die spirituellen Wurzeln von House, nannte das ganze “Soul Electrica” (wie auch sein 99er Album auf Peacefrog) und versöhnte damit seine Jugendeinflüsse Larry Heard und Stevie Wonder. “Ich benutze immer noch die Maschinen wie früher bei Phuture, aber gleichzeitig bin ich jetzt mehr Musiker und spiele Gitarren und Schlagzeug und bringe mehr Gefühl rein”, betont er. So produzierte er unter anderem zusammen mit Jay Juniel als Men From The Nile, Free Men und Earth Boys sowie mit der Full-On-Liveband Soldiers Of Universal Love, also S.O.U.L.

Doch trotz dieses schönen Bilderbuch-Werdegangs wollte ich Roy eigentlich nicht mögen. Denn der Mann engagiert sich mit seiner Arbeit in einer seltsamen Musikentwicklung namens Gospel-House. Tracktitel wie “Destination Heaven”, “Got 2 Get 2 Heaven” oder “Join His Kingdom” kann man mit einem deutschen kulturellen Hintergrund einfach nicht so richtig nachvollziehen. Und auf der zugehörigen Webseite Gospelhousemusic.com findet sich neben kitschigen Lobpreisungen DES HERREN und SEINES REICHES auch mal ein antisemitisches Statement. Aber da kann Roy nichts zu – ihm geht es schlicht um Spiritualität. “Ich glaube, dass Gott will, dass jeder Frieden findet. Und ich denke, dass meine Rolle als Musiker darin besteht, Gottes Ansicht zu verbreiten. Ich schreibe diese Tracks ja nicht für mich, ich schreibe sie für die Welt.” Für die Welt hat er denn auch einige alte Underground Therapy-Tracks an das kanadische Label Bombay Records lizensiert, das sie als “Traxx From The Nile” unters Volk bringt. Er selber hat im vergangenen Jahr nur zwei Platten veröffentlicht, tourte stattdessen als DJ, remixte D’Angelo und produzierte als Doc Link Teile der HipHop-Compilation “On D Lo Presents The Alliance – United We Stand”, für die er gerade einen Europavertrieb sucht. Außerdem arbeitet er an seinem ersten richtigen Album, für das er schon fünf Stücke fertig hat, und dreht einen Videoclip für einen neuen Track namens “There Is A Place”. Und dann ist da noch der Soundtrack für den neuen Wesley-Snipes-Film “Blade 2”, der die erste Soujah-Veröffentlichung werden soll. “Es geht darum, auf dem Tanzflur etwas Positives zu schaffen und die Kids auf gute Gedanken zu bringen”, sagt Roy. “Das Hauptziel ist, dass sich alle gegenseitig lieben.” Und wenn es bei einem “Blade”-Soundtrack ist.

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Elektronische Lebensaspekte.