Detroit mal völlig anders:MC Royce The 5"9' bemüht sich zwar um konstante Weiterentwicklung und hat mit seinen prägnanten Raps schon den Sprung vom Indie zum Major geschafft, möchte in seinen Lyrics aber keinenfalls eine Aussage treffen. Schließlich könnte das zu Fehlinterpretationen führen.
Text: jan kage aus De:Bug 57

Leere Worte

Wenn man an Detroit denkt, denkt man an Kraft: “Motor City”, größte Autoindustrie der Welt, musikalisch bekannt als Ursprung von DEM Soul-Label Motown und von Rockbands wie The Stooges und MC5, die Anfang der Siebziger Rockmusik den Punk einbrockten. Und dann schenkten Kiss der Stadt auch noch die Hymne “Detroit Rock City”. Es folgte der Abschwung: Japanische Autos machten nicht nur Lee Iacocca, sondern der gesamten amerikanischen Autoproduktion das Leben schwer, Motown zog in den Süden zu neuen Ufern und der Punk wurde von englischen Rotznasen kopiert, während Iggy Pop durch Sanatorien tourte. Und von Detroit ward nichts mehr gehört (Worüber sich im Übrigen auch alle Technohelden der Stadt jahrelang immer beklagt haben – Die Red). Das wär wohl auch so geblieben, wenn nicht Ende der 90er einige HipHopper aus Rock City das Erbe antraten, um das Geschäft zu übernehmen und die lokale Fahne zu schwenken: Allen voran pöbelte sich der erblondete Eminem aka Slim Shady auf den Popolymp, zog seine Jungs D12 nach und auch Slum Village traten in den Ring. Und dann ist da noch einer, der den Underground mit der DJ Premier-Produktion “Boom” aufhorchen ließ, und mit der 12″ “When Bad Meets Evil” in Kollaboration mit Slim sich der Masse vorstellte: Royce Da 5″9.

ROYCE DA 5″9′: Wir durchlaufen einen Wiederaufbauprozess und wollen wieder dahin, wo Detroit in der Motown Ära war, aber im HipHop Sinne. Das ist natürlich nicht musikalisch gemeint. Seit die Ära zuende ging und die ganzen Labels Detroit Richtung Osten und Westen, nach New York und Kalifornien verließen, ist Detroit unbeachtet geblieben. Es gab musikalische Talente, aber keiner hatte Plattenverträge. Jetzt gibt es eine neue Ära. Es gibt Künstler aus Detroit mit Deals. Es wird größer und größer. Die Welt wird Detroit wieder als Power-Stadt betrachten.

DEBUG: Wie sieht die Szene in Detroit aus und wie hast du z.B. Eminem kennengelernt?
ROYCE DA 5″9′: Wir hatten Open Mic-Sessions und die gibt es immer noch. Slim habe ich auf einem Usher Konzert getroffen. Unsere Gruppe war die Vorband und Slim hat da seine Tapes verkauft, er hatte eine EP in unserer Gegend rausgebracht. Wir wurden einander vorgestellt und haben uns gesagt, dass wir mal was zusammen machen sollten. Von da an haben wir zusammen gearbeitet.

ALARM MACHEN MIT INDIE

Rock City. Motor City. Die Namen suggerieren das Charisma harter ehrlicher Arbeit, den Schweiß von Produktionslinien, von roughen Jungs mit starkem Willen, die nicht aufgeben und sich nicht unterkriegen lassen, eben so wie die Motoren.

ROYCE DA 5″9′: Mein einziges Ziel ist ewige Weiterentwicklung. Es ist ein Super-Langzeit-Ziel. Alle meine kurzen Ziele sind nur Etappen. Nächste Woche will ich auf diese Woche zurück blicken und mir selber sagen: “Ja, letzte Woche habe ich mich weiter entwickelt. Ich habe was gemacht und mich vorwärts bewegt.” Ob ich am Album meines Bruders arbeite oder an dem meiner Crew; ich will in Bewegung bleiben.

DEBUG: In Amerika gibt es ja eine große Independent Label Szene. Wie wichtig ist die für das Überleben der Kultur? Oder könnten auch die Majors das gesamte Geschäft übernehmen und HipHop vital halten?
ROYCE DA 5″9′: Die Majors machen natürlich viele Geschäfte, aber die Indies spielen ihre Rolle im Geschehen. “Game” war zum Beispiel ein Indie und hat mir sehr geholfen. Die Indies haben mir erlaubt, in den Straßen Alarm zu schlagen. Durch die Independent Labels kannst du deine Musik durch den Underground zirkulieren lassen. Ich denke also, dass sie sehr wichtig sind. Es war für mich notwendig und gut, aber was für mich gilt, muss nicht für alle gelten.

DEBUG: Du willst ganz nach oben. Du hast sechs 12″ auf dem Independent Label Game raus gebracht und von Anfang an aus deinen Ambitionen keinen Hehl gemacht. Du sagst ja auch in einem Text, dass du wirklich hart gearbeitet hast. Außerdem sagst du in Boom: “I’m a motherfuckin star, i don’t battle no more!” Dient Battlerap MCs nur, um hoch zu kommen? Wenn man einmal berühmt ist, braucht man nicht mehr zu battlen? Was tut man, um hoch zu kommen und oben zu bleiben? Sind das zwei verschiedene Paar Schuhe?
ROYCE DA 5″9′: Nein, das hab ich nur gesagt, weil ich es dope fand. Eigentlich battle ich nicht mehr, weil die Leute zu gewalttätig sind. Früher waren alle Battle MCs und das war quasi die Kunstform. Sieger und Verlierer haben sich hinterher die Hand geschüttelt und sich wieder um ihre Geschäfte gekümmert. Es gibt heute zu viele verbitterte Verlierer.

DEBUG: Es war ein Sport.
ROYCE DA 5″9′: Ja, und heute halte ich mich davon fern. Besonders in Detroit ist es sehr brutal.

DEBUG: Wieso? Gibt es da mehr Konkurrenz?
ROYCE DA 5″9′: Ich weiß es nicht. Die Leute sind verbitterte Verlierer. Sie verlieren und dann wollen sie kämpfen.

Und manche wollen sich einfach nach oben kämpfen. Mit der Kraft von Motor City und dem Punch von Rock City. Der Mann, der immer weiter wachsen will und wie zur Illustration seine Inch-Größe im Namen führt, rotiert wie ein Motor, stetig. Seine Flows sind tight, die Sprache und Bilder klar. In wessen Dienst stellt er sein Talent außer in den seiner eigenen Größe? Welche Aussage will er treffen?

ROYCE DA 5″9′: Ich möchte nichts ausdrücken! (lacht) Das ist, was ich nicht tun will. Ich möchte nicht, dass die Leute denken, ich hätte irgendeine Message. Ich möchte Platten machen und sie dem Gefallen der Leute überlassen. Wenn du die Platte magst: Kauf sie! Wenn nicht: Kauf sie nicht! Wenn die Leute aus allem, was du sagst, eine Message ziehen wollen, dann urteilen sie auch über dich. Und in 99% der Fälle beurteilen sie dich falsch. Also keine Message von Royce.

Na, wenn das keine Message ist!

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Elektronische Lebensaspekte.