Interview mit A&R Dan Foat
Text: Michael Döringer aus De:Bug 159


cc-by Marcelo Braga

Wenn ein schwarzer Ferrari-Hengst auf einer Platte prangt, dann sollte man die Ohren spitzen. R&S Records war in den 90ern eines der wichtigsten Techno-Labels der Welt und hat sich nach kleiner Pause vor einigen Jahren völlig neu aufgestellt. Was ist passiert und wie kann man von der eigenen Geschichte profitieren, ohne sie zu missbrauchen? Das erklärt uns A&R Dan Foat im Interview.

Reges Treiben im Berliner Admiralspalast an einem Novemberabend. James Blake gibt ein gediegenes Theaterkonzert, doch das ist uns fast egal. Wir suchen den Mann, der Blakes bisher beste Platten veröffentlicht hat und zudem sein Manager ist. Mit brav-rotem Strickpulli und Normalo-Jeans sitzt Dan Foat im Umkleideraum, zwischen MacBooks und einem Berg Platten, den er sich heute im Hardwax geholt hat. Dan ist als A&R seit ein paar Jahren für die Musik bei R&S Records verantwortlich. In Berlin hat er heute Locations für künftige Labelpartys begutachtet und nachts wird er mit James noch auflegen. Sein iPhone klingelt und brummt im Sekundentakt. So sieht Label-Arbeit im mobilen Zeitalter aus – egal wo er und sein Rechner sich auf der Welt gerade befinden, sagt er, da ist die Zentrale von R&S.

Wir erinnern uns: 1984 wurde R&S im Zeichen des schwarzen Ferrari-Hengstes von Renaat Vandepapeliere und Sabine Maes in Belgien gegründet. Im Laufe der 90er hat das Label wie kein anderes in Europa die weltweite Evolution von Techno dokumentiert und viele wichtige Platten von gleichermaßen legendären Künstlern wie CJ Bolland, Joey Beltram, Aphex Twin oder Model 500 veröffentlicht. Anfang 2000 verschwand R&S in der Versenkung und wurde eingestellt – die diversen Gründe dafür liest man am besten im langen Interview mit Renaat nach, das dem damals überraschenden Neustart des Labels auf den Grund ging. Doch mit Meilensteinen wie “Selected Ambient Works 85-92” oder Model 500s “Classics” im Rücken kann man nicht einfach so weitermachen wie früher. Zehn Jahre Entwicklung der elektronischen Musik gehen nicht spurlos ins Land. Also sprach Renaat von neuen Abenteuern und Herausforderungen, von seinen zahlreichen finanziellen Nebenprojekten und vom Aufbau eines internationalen Teams.

Mission erfüllt
Der Wiederanfang zog sich dann etwas länger hin und die vielbeschworene Neuerfindung fand erst 2010 richtig statt. Renaat hat sich offenbar zurückgezogen und mit ihm rückte nahezu das gesamte alte Repertoire in die zweite Reihe. Dan Foat – der als Teil von The Chain selbst auf dem Label veröffentlicht – hat sie alle geholt: James Blake, Pariah, Space Dimension Controller, Lone. Mit ihnen bekam R&S einen neuen Sound, der breiter aufgestellt ist als je zuvor. Die “Mission 2” scheint geglückt, wenn auch anders als vor Jahren noch erwartet. Dan klärt uns auf.

Debug: Wie bist du zu R&S gekommen?

Dan Foat: Ich bin seit 2008 im Boot. Davor war ich bei Phonica in London und leicht gelangweilt, weil ich schon zu lange in Plattenläden gearbeitet hatte. Mit einem Freund hatte ich gerade einen Track auf Mule veröffentlicht, als mir jemand erzählte, dass R&S wieder anfangen und Leute suchen würden.

Debug: Hat das Label nicht schon 2006 neu gestartet?

Dan: Schon, aber es hat eine Weile gedauert, bis die Londoner Abteilung komplett übernommen hat, weil es eigentlich gar nicht geplant war, dass das Label aus England geführt wird. Aber ich signte immer mehr Künstler von dort, und dann kam 2009 auch Andy Whittaker als Labelmanager dazu – Jedenfalls arbeiten wir seit 2009 von UK aus.

Debug: Was ist aus Renaat geworden?

Dan: Es ist sein Label, er ist der Präsident. Aber die A&R-Arbeit mache ich und Andy schmeißt das Tagesgeschäft. In diesem Sinne sind wir das “neue Gesicht” von R&S. Wir sind natürlich ständig in Kontakt mit Renaat und selbstverständlich hat er auch ein Auge auf die Finanzen. Es ist ja nicht leicht, heute ein Label zu führen, aber für uns funktioniert es soweit ganz gut.

Debug: Renaat schafft also die Kohle ran und ihr arbeitet damit?

Dan: In finanzielle Dinge bin ich einfach nicht involviert. Ich weiß nur, dass wir ganz von vorne anfangen mussten, als während der Wirtschaftskrise (die große Vertriebsgruppe) Pinnacle pleite ging. Es wird aber von Renaat nicht viel Geld in R&S reingepumpt. Es geht darum, gut durchzukommen. Deshalb ist unser Set-Up auch winzig: Andy und ich arbeiten meist nicht am selben Ort und haben weder Büro noch Personal. Alles besteht also nur aus uns beiden, einem Laptop und unseren Künstlern.

Debug: Dann habt ihr euch in jeder Hinsicht neu geordnet. Ist dieser Prozess schon abgeschlossen?

Dan: Wenn ich mir unsere Künstler ansehe und an meine Vision denke, dann glaube ich, dass sich gerade alles zusammenfügt. Zumindest von außen betrachtet – einen neuen Katalog aufzubauen und das Geschäft am laufen zu halten, ist viel langwieriger. Den Leuten, die noch Musik kaufen, müssen wir verdammt noch mal auch das beste Vinyl bieten, das sie kriegen können! Kaufen tun die wenigsten, deswegen machen wir uns gerade viele Gedanken über andere Bereiche, wie eben die Partys.

Debug: Im Gegensatz zu früher kommen inzwischen fast alle R&S-Künstler von der Insel. Wie schlägt sich das im Sound nieder?

Dan: Tatsache ist, dass viele von ihnen etwas Neues machen, da ist mir die geografische Verortung ganz egal. Ich sehe nur die Musik, egal ob die Leute meinen, wir seien ein Techno- oder vielleicht ein Dubstep-Label. Das interessiert mich Null, so lange wir gute Partys und perfekte Platten machen, die alle feiern. Blawan macht unglaubliche Techno-Platten, mit ein bisschen Acid drin. Oder nimm die Klavierwerke von James – die Leute wussten nicht, wie sie es nennen sollten, also wurde es Post-Dubstep. Absoluter Quatsch!

Die neue Mitte
Tradition muss sein, deshalb hat man die “In Order To Dance”-Serie wiederbelebt. Die beeindruckende Hitparade der letzten beiden Jahre aber setzt ganz auf frische Kraft, denn ein einziger Model-500-Track (auch noch im Bullion-Remix) ist oberflächlich alles, was von früher geblieben ist. Es regieren die jungen Briten, mit dem Sound, der eigentlich insgesamt keinen Namen haben kann, und wenn dann Post-Alles ist. Pariah spielt mit HipHop, Soul-Popper Blake auf seiner neuen EP ebenfalls und Vondelpark bringen gar Gitarren zwischen die sanften Garage Beats. Dazu die Roughness von Blawan oder die ravigen Nummern von Lone und Untold. Diversifizierter geht‘s nimmer, vorwärts immer? Das Hardcore Continuum ist in einer neuen Mitte angekommen, die wenig ausschließt und als nächste Stufe eigentlich nur noch einen Schritt zurück zulässt. Wohin auch immer, R&S treibt die Entwicklung maßgeblich mit voran.

Debug: Welche Rolle spielt die Vergangenheit von R&S?

Dan: Wir profitieren natürlich vom Image. Was Renaat früher gemacht hat, half mir definitiv dabei, die neuen Jungs richtig zu pushen. Trotzdem musste ich die Leute erstmal signen und die Platten rausbringen, das steht auf einem anderen Blatt. Ich kann noch nicht abschätzen, wo es für uns hingeht und wie das dann mit der Geschichte von R&S zusammengehen wird. Wenn wir in vier Jahren noch mal sprechen, dann zeigt sich vielleicht, ob das alles den großen Sinn ergibt. Oder ob es nur zwei Jahre mit ganz okayen Tracks waren.

Debug: Was kann man sich denn mehr wünschen als eure bisherigen Releases?

Dan: Großartige Alben will ich veröffentlichen! Die Kids sollen nicht bloß auf Beatport gehen und sich einen Track holen. Das mag heute zwar lächerlich klingen, aber ist die neue “EP” von Space Dimension Controller etwa nicht fantastisch? Ich will, dass sich meine Künstler zu den ganz Großen entwickeln. James hat das schon geschafft, wir sind mit seinem Album jetzt fast bei 300.000 verkauften Einheiten weltweit angelangt. Klar, James ist die große Ausnahme bei uns. Aber man sieht, dass ein Album funktionieren kann!

Debug: Weil Alben etwas Beständigeres sind?

Dan: Genau das ist mir eine Herzensangelegenheit: bloß keine Einweg-Dance-Music fabrizieren! Keinen Schrott, der in zehn Minuten auf dem Laptop gemacht wurde.

3 Responses

  1. Merowinger

    Momentan mein Lieblingslabel. Und die Nachricht, dass 2012 Alben von Blawan, Lone und Vondelpark anstehen habe ich mit Begeisterung aufgenommen.