Das belgische Label R&S schob Techno Anfang der 90er in Europa entscheidend an. Irgendwann verloren Renaat Vandepapeliere und Sabine Maes jedoch das Interesse.
Text: Electric Indigo aus De:Bug 106

Legende

Vom Diskjockey zum Jockey und retour
Renaat Vandepapeliere startet R&S Records neu

R&S Records, das Label mit dem Ferraripferd im Logo, legt wieder los. 1984 wurde es von Renaat Vandepapeliere und Sabine Maes gegründet und nach ihren Initialen benannt. “Mission 2“ nennen sie jetzt den Neustart, nachdem sie in der ersten Hälfte der 90er Jahre die Essenz von Techno dokumentierten. Durch strategisch geschicktes Kombinieren von Lizenzierungen, Aufbau und Betreuung eigener Künstler und hausinterner Studioarbeit konnten Renaat und Sabine so gut wie alle damals Stil prägenden Künstler auf R&S und ihren Sublabels versammeln und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.
Ab 1996 geriet das Label allerdings allmählich in Vergessenheit, bis es 2001 ganz eingestellt wurde.

Zu den Höhepunkten der unglaublichen Akkumulation großer Releases gehören auf jeden Fall jene von Aphex Twin (auf R&S waren das “Digeridoo“ und “Xylem Tube“ 1992, “Classics“ 1995, auf Apollo die “Selected Ambient Works 85-92“ 1992), Joey Beltrams “Beltram Vol. 1“ (1990), Model 500s “Classics“ (1993) und “Deep Space“ (1995), “Mentasm“ von Second Phase (Joey Beltram und Mundo Muzique, 1991), DHS’ “House Of God“ (1991), R-Thymes “R-Theme“ (D-Wynn und Derrick May, 1989), Suburban Knights “The Art of Stalking“ (1990), Carl Craigs 69 Projekt u. a. mit “Jam The Box“ (1994), Ken Ishiis “Garden Of The Palm“ (1993) und Mike Dreds “Macrocosm“ (1994, außerdem nicht zu vergessen seine irren Acidscheiben auf Diatomyc, einem weiteren Sublabel!). Auf der durchaus vorhandenen Hit-orientierten Seite fanden sich z. B. Jaydees “Plastic Dreams“ (1992) und Jam & Spoon mit “Stella“ (1992). 2001 war scheinbar endgültig Schluss, 2006 treffe ich Renaat Vandepapeliere in Brüssel zum Interview:

Debug: Warum hast du eigentlich aufgehört?

Renaat: Im Grunde war ich gelangweilt. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Musik wiederholte, sich nicht weiterentwickelte, sondern Klone von Klonen von Klonen entstanden. Um ehrlich zu sein, habe ich dieses Problem auch heute noch. Abgesehen davon gab es zwei wichtige Ereignisse, die mich wirklich verärgerten: Zum einen war das bei den MTV Awards, wir waren wegen der R&S Lightbox eingeladen. Hast du die R&S Lightbox je gesehen?

Debug: Nein. Was ist das?

Renaat: Wir machten eine extrem aufwendige Box für die 1994 zum 10jährigen Jubiläum erschienene “In Order To Dance 5“-Kompilation (Katalognummer: RS 94036 X), die für sich schon – ohne CD und Verpackung – umgerechnet 100 € pro Stück in der Produktion kostete. Es war toll. Beim Öffnen leuchtete sie und das funktioniert nach 12 Jahren noch immer! Sie war auch mal im Museum für Moderne Kunst in Gent ausgestellt. Ich weiß, dass sie ein Sammlerstück ist und dafür ein Vermögen bezahlt wird. (Sie wird übrigens auf discogs.com für 60 £ zum Verkauf angeboten.) Jedenfalls waren wir bei den MTV Awards und es gab einen Preis fürs beste Artwork. Ich dachte natürlich, dass wir den gewinnen müssten.

Debug: Und ihr habt ihn nicht bekommen?

Renaat: Nein. Blur hat ihn für ein beschissen dämliches Cover mit einem Hund drauf gewonnen. Ich war wirklich enttäuscht und das hat mir wahrscheinlich auch als erstes die Augen geöffnet, wie die Industrie bzw. das Establishment funktioniert. Natürlich war die Box bei den R&S-Fans und in der Technoszene sehr bewundert worden, aber darüber hinaus nicht. Das war die erste große Ernüchterung. Und dann schlossen wir noch diesen schwer wiegenden Deal mit Sony ab. Pffhh. Das hatte nichts mehr mit Musik zu tun, da ging es nur um Bilanzen, Zahlen, Meetings.

Debug: Heißt das, dass die Bilanzen für einen Major wie Sony nicht gut genug waren?

Renaat: Damit hatte es nichts zu tun. Aber diese Unternehmen sind wie Banken, sie haben Aktionäre und du musst Leistungen bringen.

Debug: Es gibt da die Meinung, z. B. von Frankie Bones auf discogs.com vertreten, der Grund für die Auflösung von R&S läge im veränderten Repertoire. Mit der Wendung zu Drum and Bass und Rock-Fusion in der zweiten Hälfte der 90er Jahre hätte der Niedergang begonnen …

Renaat: Genau. Und hier kommt die nächste Frustration. In erster Linie bin ich ein Musikliebhaber. Punkt. Die Leute haben aber verlangt, dass R&S nur einen bestimmten Technostil herausbringen soll. Ich war gelangweilt von Techno, ich hatte das 15, 16, 17 Jahre lang gemacht – im Grunde genommen vor allen anderen. Ich war auf den ersten Technoparties wie Loveparade und Tribal Gathering. Es war fantastisch, aber es wurde dann sehr kommerziell und gesteuert. Daran ist ja nichts verkehrt, aber das entwickelte sich zu einem gewöhnlichen Produkt, einem Hamburger. Ja. Es war nichts weiter als ein Hamburger für mich.

Debug: Du hast also dein Glück in anderen Musikstilen gesucht?

Renaat: Nicht mein Glück, aber etwas, das ich schon immer mochte: eine aufrichtige und echte Atmosphäre. Als Bukem in diesem kleinen Keller anfing, war ich dabei, und es war der gleiche Vibe, die gleiche, schöne Musik, roh und vom Herzen, wie am Beginn der Technogeschichte. Hier konnte ich die in der Technoszene verloren gegangene Energie wiederfinden. Und niemand brachte Drum and Bass heraus. Ich hatte diesen Konflikt mit Jeff Mills auf einem Panel, er sprach davon, dass sie als Pioniere der Musik alle möglichen verschiedenen Stile spielten, und ich fragte ihn, warum dann nicht Drum and Bass …

Debug: Vielleicht weil es eine Frage des persönlichen Geschmacks ist?

Renaat: Ja, aber dann kannst du nicht vorgeben, der Godfather der Musik zu sein und allen möglichen Richtungen zum Durchbruch zu verhelfen.

Debug: Klingt nach einer Diskussion zwischen dir und Jeff Mills …

Renaat: Nein, keine Diskussion. Ich respektiere seine Vision, was er macht, aber ich will nicht in die Ecke gedrängt werden. Auch nicht in einer Beziehung oder wo auch immer. Ich will meine Freiheit. Niemand wird mir sagen, was ich zu tun habe.

Debug: Okay, aber niemand hat dir gesagt, was du tun musst. Trotzdem brauchst du ja Leute, die deine Platten kaufen, oder?

Renaat: Viele Leute haben mir aber gesagt, was ich tun muss – das konnte ich fühlen. Ich habe aus Liebe zur Musik begonnen und anfangs gar nicht daran gedacht, dass Leute Platten kaufen würden. Es gab ja auch keinen Markt für diese Musik. Die besten Platten, sogar von Derrick May, wurden ohne jeglichen Gedanken an einen Absatzmarkt gemacht. Jetzt hingegen, oder auch schon zu der Zeit, als ich aufhörte, kannst du hören, dass 90% der Stücke für bestimmte Clubs gemacht werden.

Debug: Du weißt ja, dass dieses Interview in der Rubrik “Legenden“ erscheint. Was macht R&S deiner Ansicht nach zu einer Legende?

Renaat: Ich habe keine Ahnung.

Debug: Du hast nicht die geringste Ahnung?

Renaat: Wir waren die ersten in Europa, die sich der Herausforderung stellten, diese Art von Musik zu veröffentlichen. Das Gleiche passierte später mit Drum and Bass, niemand rührte es an. Wir zogen also unsere Sache durch – ohne nachzudenken. Wir hatten Spaß.

Debug: Klar hattet ihr Spaß! Wie hast du eigentlich diese ganzen fabelhaften Produzenten getroffen? War es schwierig, sie dazu zu bringen, auf R&S zu veröffentlichen?

Renaat: Es war total einfach. Wenn ich eine tolle Platte im Club hörte, erkundigte ich mich, von wem die sei, rief an, flog hin und traf die Leute. Sehr simpel.

Debug: Dann musstest du aber auch finanziellen Rückhalt haben. So kann man ja nicht ohne Kohle agieren.

Renaat: Nun, die hatte ich. Wir produzierten ein paar fragwürdige Platten, die Geld brachten, bevor alles andere anfing. Außerdem nahmen wir einen Kredit auf, blablabla. Ich hab viel Geld verloren, aber auch gewonnen. Das ist Business.

Debug: Mir scheint, dass du ein paar Faktoren smart verknüpft hast: Einerseits warst du dafür bekannt, Stücke und ganze Platten zu lizenzieren. Ich kann mich gut an DJ Hells “My Definition Of House“ erinnern, das er in höchst limitierter Auflage selbst herausbrachte, nicht ohne den Hintergedanken, du wärst dafür ein potenzieller Abnehmer.

Renaat: Ja, ich war da, als er das Stück zum ersten Mal bei der Loveparade spielte.

Debug: Außerdem hatte R&S auch eigene Studios, “Techno Island“ genannt, und du hast Leute wie Joey Beltram hingebracht, die ihre Tracks dort produzierten.

Renaat: Ja, alle. Carl Craigs erste Platte, überhaupt sein erster Anlauf, elektronische Musik zu machen, entstand in einem höchst obskuren Studio in der Nähe meiner Wohnung … Das war eine überwältigende Zeit … Ich bin von Soul geprägt, Motown war eines meiner Lieblingslabel, und als ich “It Is What It Is“ und “Strings Of Life“ hörte, war klar, dass wir dabei sein müssen. Ich mochte ja Electro und Body Music wie Front 242 nie, das war mir zu arrrghhh … tja, persönlicher Geschmack eben … daran ist nichts falsch, aber es ist mir einfach zu hart. Ich bin ein Loverboy. Peace. Ich will Frauen tanzen sehen … Jedenfalls war mir klar, dass da was passieren würde – diese Jungs schafften es, Soul in die elektronische Musik zu bringen!

Debug: Selbstverständlich!

Renaat: So selbstverständlich war das vor 25 Jahren nicht. Und überhaupt konnte die Qualität von “Strings Of Life“ meiner Meinung nach bis heute nicht wiederholt werden. Wie Kraftwerk auch … so viele haben es versucht, und sie kamen bei weitem nicht heran.

Debug: Diese Stücke existieren nun schon mal, ein direkter Vergleich ist auch wirklich schwierig.

Renaat: Manchmal muss man aber vergleichen. Es ist schwer auszudrücken – die Qualität jener Musik war damals schon umwerfend und heute ist es geradezu noch verblüffender, dass sie schon vor 30 Jahren gemacht wurde. Genau das fasziniert mich und deshalb will ich frei experimentieren. Andernfalls wäre z.B. Aphex gar nicht herausgebracht worden. Ich kann mich erinnern, dass die Fans böse auf den Release reagierten, ich bekam Briefe mit “Das ist Mist, schlechter Lärm“ etc. Man muss also innovativen Leuten eine Chance geben und das werde ich jetzt wieder tun. Ohne groß darüber nachzudenken.

Debug: Was hat dich dazu gebracht, mit der Labelarbeit wieder anzufangen?

Renaat: Eigentlich war das nicht geplant … Über die Jahre kamen so viele Anfragen, auch von Künstlern, warum ich denn nicht wieder loslegte, aber meine Antwort war lange, dass ich das schon hinter mir hätte und mich nicht wiederholen könne. Als wir unseren Neustart dann ankündigten, wurde gleich wieder nachgefragt, ob ich die Musik neuerlich ändern wolle … Aber nicht ich bin es, der die Musik verändert, sondern die Künstler sind es. Ich kann nur eine Art Plattform sein und Risiken auf mich nehmen.

Debug: Ist dir Musik untergekommen, die dich dazu gebracht hat, das Label wieder aufleben zu lassen?

Renaat: Nein. Ich musste eine Auszeit nehmen, um andere Geschäftsideen zu entwickeln, weil ich sonst verrückt geworden wäre. Ich hatte den Eindruck, die Labelarbeit nicht noch weiter vorantreiben zu können – aus Mangel an Kapital, das dem der Majors vergleichbar wäre. Ich könnte mir nie leisten, Robbie Williams oder Kraftwerk oder Prodigy unter Vertrag zu nehmen. Und selbst wenn, dann hätte das ungeheure Konsequenzen, was die Organisation etc. betrifft. Dieses Kapitel wollte ich also abschließen. Außerdem wollte ich meine Pferdezucht angehen, ich liebe Pferde!

Debug: Du hast also einen Stall, eine Farm? Du bist ein Farmer?

Renaat: Na ja, Farmer … aber ja, im Moment bin ich ein Farmer. Ich habe 20 Pferde und werde noch 50 kaufen.

Debug: Was machst du mit den Pferden? Machst du Geld mit ihnen?

Renaat: Nein, wir machen Verluste, auch noch für die nächsten 10 Jahre … Wir versuchen, Spring- und Dressurpferde zu züchten, und es ist das Gleiche wie bei R&S: Wir wollen jungen Menschen, die sich kein gutes Pferd leisten können, Chancen geben.

Debug: Von Diskjockeys zu Jockeys also?

Renaat: Genau richtig! Auch für meinen Körper ist das von Vorteil. Wenn man im Nachtleben unterwegs ist, muss man sich irgendwann mal darum kümmern. Jetzt bin ich dazu gezwungen, jeden Morgen um 7 Uhr aufzustehen und auch körperlich schwer zu arbeiten – immerhin mache ich die Ställe selber – sonst wird man faul und fett. Jedenfalls gibt mir das Zeit zu atmen und zu denken … Sabine und ich haben ja 24 Jahre ohne jeglichen Urlaub, 7 Tage die Woche für R&S gearbeitet.

Debug: Betreibst du die Farm mit Sabine [Maes]? Seid ihr noch immer ein Team?

Renaat: Ja, wir sind ein Team! In der Zwischenzeit habe ich eine weitere Firma gegründet, eine Holdinggesellschaft für Investments in industrielle Projekte – auch das wieder, um neuen Ideen die Umsetzung zu ermöglichen.

Debug: Das scheint deine Mission zu sein …

Renaat: Vielleicht ja, ich weiß nicht, ja, vielleicht. Wenn ich mich an meine jungen Jahre erinnere, als ich eine Plattenfirma gründen wollte, hieß es, ich sei verrückt, ich könne nicht zu den Banken gehen, blablabla. Alle neuen Ideen, sogar wenn sie von jungen Leuten kommen und wirklich gut sind, kannst du vergessen. Ich habe gelernt, wie die Finanzwelt funktioniert: Es ist Mist.

Debug: Aber auch das lässt mich vermuten, dass du auf irgendetwas gestoßen sein musst, das dich dazu brachte, wieder mit dem Label anzufangen.

Renaat: So ist es – der Auslöser … Ich habe mir überlegt, was die nächsten Schritte für R&S sein könnten: Film, Entwicklung mobiler Anwendungen – das ist ja überhaupt die Zukunft (hält sein Handy hoch). DAS IST DIE ZUKUNFT! Mp3 und so, das wird alles verschwinden. DAS wird das ultimative Gerät sein, dessen bin ich mir sicher!

Debug: Warum?

Renaat: Weil es einfach ist! Die Technologie gibt es bereits und warum sollten wir 20 verschiedene Geräte haben, wenn wir alles mit einem machen könnten?

Debug: Weil das Interface zu klein ist?

Renaat: Das wird sich ändern.

Debug: Dann wird es also eine Art Laptop …

Renaat: Bestimmt. Ich habe neue Modelle gesehen und darüber auch mit Mobilfunkbetreibern diskutiert, die ich übrigens über die Pferde kennen gelernt habe, wie einige andere hochinteressante Leute aus der Industrie auch. Der Auslöser war jedenfalls, nachdem ich mich in den Film- und Animationsbereich begeben wollte, dass ich einen Typen traf, der eine gigantische Show plante.

Debug: André Heller!

Renaat: Nein, ein Antwerpener. Fantastisch, es hat mich völlig umgehauen, daran wollte ich unbedingt Teil haben! Eine Multimediashow – wie Pink Floyd mit der “The Wall“-Tour, die noch heute geltende Standards setzt, nur geht der Typ, was seine Ideen und das Konzept betrifft, um Meilen weiter!

Debug: Ist das noch ein Geheimnis, weil in Entwicklung, oder kannst du dieses Projekt benennen?

Renaat: Nein. Es wird noch nicht produziert, vor allem, weil es ein Vermögen kostet: 25 Millionen Euro alleine, um die Geschichte zu entwickeln. Wenn die Show passieren sollte und Besucher dort einen Joint rauchten, wären sie tot. Der Trip ist derartig heftig … Wir haben zwei Jahre lang darüber gesprochen, aber ich bin jetzt aus dem Ganzen draußen. In erster Linie, weil die Sache um einen DJ herum konzipiert wurde und das nicht klappen wird, da müssten schon zumindest eine Band und ein DJ oder viele DJs im Mittelpunkt stehen. Überhaupt finde ich, dass zur Zeit die Verpackung überall größer ist als der Inhalt, wenn du in den Club gehst z. B. Wenn der Überbau noch viel größer ist und dann nur ein einzelner DJ als Inhalt herhalten muss … sorry, mit allem Respekt für alle DJs der Welt, aber das ist nicht genug … Die Show wäre gut für Pink Floyd, U2 oder Prodigy – Prodigy wären überhaupt großartig dafür! Das war also der Anstoß, wieder ins Unterhaltungsgeschäft einzusteigen. Ich hatte ja fünf Jahre lang überhaupt keine Musik gehört, aber ab da fand ich wieder Freude daran.

Debug: Wie heißt denn der Mann aus Antwerpen?

Renaat: Ich werde seinen Namen nicht nennen und keine Publicity für ihn machen. Es kann gut sein, dass wir mit den Ideen, die wir gesehen haben, eine ähnliche Show auf die Beine stellen werden … In den letzten Jahren bin ich auch wieder mit Vergnügen ausgegangen, weil ich nicht mehr auf einer geschäftlichen Ebene involviert war. Du kennst das bestimmt, wenn man ein Label führt und in den Club geht, Musik hört, ist das wie Arbeit und du genießt es nicht mehr.

Debug: Das kommt drauf an, wie besessen du unterwegs bist … Führt ihr eigentlich nur R&S weiter oder auch welche der zahlreichen Sublabels von früher?

Renaat: Zuerst bringen wir mal Chizawa Q und Ryoh Mitomi aus Japan raus, später dann Thomas Karni aus Israel – sehr schöne Musik, hat aber nichts mit Dance zu tun … wie Aphex Twin … seine Schwester singt, die ganze Familie hat eine Ausbildung in klassischer Musik, es sind richtige Musiker, das kannst du hören. Bizarre, heftige, elektronische Musik! So was habe ich mein ganzes Leben noch nicht gehört, aber es erinnert mich an das Erlebnis, Aphex Twin das erste Mal zu hören. Es ist wie ein Schock.

Debug: Hast du eigentlich noch Kontakt zu Leuten wie Aphex Twin?

Renaat: Das ist eine Weile her. Er hat ja auch sein eigenes Label.

Debug: Und die Jungs aus Detroit?

Renaat: Von Kenny Larkin habe ich gerade ein neues Album bekommen.

Debug: Das heißt, als sie hörten, dass du wieder startest, haben sie dich kontaktiert?

Renaat: Alle haben angerufen: Dave Angel, CJ Bolland, Kenny Larkin war der erste … Nein, die ersten waren Future Sound Of London. Wir werden ein altes Stakker-Album rausbringen, einen Klassiker, und auch dieses Jahr noch Stakker mit neuen Sachen. Danach kommt ein komplett neues Album von Future Sound Of London. Brian [Dougans] war also der Erste.

Debug: Was hältst du eigentlich von der gegenwärtigen Musik aus Detroit?

Renaat: Ich mag sie nicht. Es gibt auch nichts. Die Frage nach dem neuen Derrick-May-Album kommt ja auch dauernd wieder …

Debug: Wenn irgendetwas eine Legende ist, dann das!

Renaat: Na ja. Ich mag ihn! Er ist lustig. Er hat seine Geschichten und ich kenne meine Version: Wir bezahlten einen Vorschuss, das Album kam nie. De facto wird er niemals ein neues Album machen, da bin ich mir sicher. Never ever.

(Interessanterweise traf er sich noch am Abend des Interviews mit Derrick May, der dann angeblich auch seine Abreise verschob, weil es so viel zu besprechen gab. Der Mythos lebt!)

Debug: Wie sieht’s mit Joey Beltram aus, du meintest ja, er wäre extrem produktiv?

Renaat: Ich hatte die meisten Jungs an der Strippe – vielleicht bringe ich eine neue Platte von Carl Craig oder Kenny Larkin raus, vielleicht auch nicht. Das habe ich ja schon gemacht. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht. Es gibt so viele talentierte junge Menschen, die nie eine Gelegenheit bekommen zu veröffentlichen – besonders heutzutage! Bevor ich wieder mit dem Label anfing, erkundigte ich mich bei Freunden aus der Szene und bekam zu hören, dass sie schon bei 3000 verkauften Maxis Champagner aufmachen. Wenn sie 5000 verkaufen können, sind sie verblüfft, und bei 10.000 kennen sie sich gar nicht mehr aus. Die meisten verkaufen 500 oder 600 Platten, das ist die Realität. Wenn du also nur ein Label hast, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen, bekommst du ernsthaft Schwierigkeiten!

Debug: Was würdest du denn einem jungen Label heute raten?

Renaat: Macht das, woran ihr wirklich glaubt, und hört nicht auf die anderen. Solange ihr aus dem Herzen heraus und mit ehrlicher Leidenschaft arbeitet, wird sich alles zum Besten fügen. Vergesst aber die wirtschaftliche Seite nicht, seid vorsichtig, denn ein Label zu führen hat reale finanzielle Folgen.

Debug: Die alte Garde meldet sich zurück … kürzlich bin ich ja auch wieder auf Robert Leiner “The Source“ auf Myspace gestoßen, der in den 90ern sehr präsent war und dann völlig in der Versenkung verschwand. Oder Patrick Pulsinger, den du ja auch in deinem Back-Katalog hast und der bald eine neue “Dogmatic Sequencies“ auf Disko B herausbringen wird, was ich ja super finde, weil ich seine Technosachen immer sehr mochte. Meinst du, wir befinden uns in einer Zeit der Auferstehung?

Renaat: Pulsinger ist einer der Wichtigsten! Aber ich weigere mich, die Vergangenheit noch mal zu leben. Ich stelle mich hier einer neuen Herausforderung, einem neuen Abenteuer, vielleicht werde ich auch scheitern. Aber es könnte schon sein, ich bin ja so verrückt wie vor 10 Jahren, bei allem was ich mache!

Debug: Es klingt danach, als würdest du nicht mehr in der Technoszene arbeiten wollen …

Renaat: Die neuen Platten sind sozusagen Dance/Techno. Aber letztens hab ich bei Pete Tong ein fantastisches Reggeastück gehört und wenn es geht, dann werde ich es veröffentlichen! Und von Missy Elliot hörte ich auch einen großartigen Track – niemand kann mich davon abhalten, auch so was rauszubringen. Den Zwang, nur Techno zu releasen, habe ich abgelegt. Ich werde wie ein Kind in die Sache reingehen und wenn sich die Platten nicht verkaufen, schön. Wenn sie sich verkaufen, okay. Ich erwarte nichts!

Debug: Du machst dein Label also ausschließlich, weil du Geld übrig hast, das du ausgeben möchtest?

Renaat: Ich mache das als Hobby!

Debug: Und wer ist deine Zielgruppe? Nicht nur für die Klassiker aus früheren Jahren, sondern auch für die neuen Platten?

Renaat: Ich habe keine Ahnung. Seltsam, das erinnert mich jetzt an die Zeit mit Sony. “Zielgruppe“. Die wollten mir vorschreiben, nur mit Ken Ishii weiterzuarbeiten und andere Acts für ihn fallen zu lassen …

Debug: Vielleicht schwebt dir ja der perfekte Kunde vor?

Renaat: Ich will jeden erreichen. Mädchen! Alle Mädchen der Welt!

Debug: Wunderbar! Das wollte ich dich ohnehin schon fragen: Was ist eigentlich mit Frauen? Im Back-Katalog gibt’s ja kaum eine – und wenn, dann versteckt hinter Projektnamen …

Renaat: Die sind willkommen. Vielleicht ist das überhaupt der Schlüssel: R&S wird ausschließlich Platten von Frauen veröffentlichen! Ich habe schon immer versucht, Musik für Frauen zu releasen … Wenn sie nicht tanzen, kann man das Ganze gleich vergessen. Verstehe mich nicht falsch, das ist mein persönlicher Geschmack und ich sage nicht, dass irgendetwas falsch oder besser wäre, aber ich könnte mich in keinem Club aufhalten, wo nur Männer sind.

Debug: Ja, das ist normalerweise recht langweilig – außer es handelt sich um einen Schwulenclub.

Renaat: Okay, Schwule Partys sind fantastisch! House, hands in the air!

Debug: Oder schwule Berliner Technoclubs! Ich liebe die …

Renaat: Oh, nimm mich mal mit, ich bin da wohl etwas außerhalb des Systems …

Debug: Zurück zu den Frauen: Bis jetzt hattest du keine Pläne, Frauen speziell zu fördern?

Renaat: Vielleicht haben sie Angst vor mir? Ich sollte drüber nachdenken. Vielleicht könntest du mir helfen? Wo sind sie? Es ist eine gute Idee!

Debug: Ich hätte das Interview wirklich gerne mit dir UND Sabine Maes geführt, auch deswegen! Du warst ja immer an der Front.

Renaat: Ja, Sabine mag Interviews nicht. Sie ist das komplette Gegenteil von mir … Sogar Partys, die sie anfangs ganz toll fand, besuchte sie nicht mehr, sobald es drohte, Routine zu werden. Das Problem – oder auch die Gefahr – meines Alters (49) ist, so viele musikalische Veränderungen erlebt zu haben und immer öfter zu denken “Das kenne ich schon“, sich gelangweilt zu fühlen. Wo ist die Entwicklung in der Tanzmusik?

Debug: Ich glaube, dass wir den revolutionären Charakter der Musik in den frühen 90er Jahren überschätzten und übersahen, dass das Neue eher im Sozialen lag, in den Clubs und auf Raves passierte. Ein halbes Jahrzehnt später gehörte es bereits zum guten Ton, auf kompatible Stücke aus Vor-Techno-Zeiten zu verweisen …

Renaat: Das Schönste war aber dieser Klick, dass plötzlich die ganze Welt durch die Musik vereint war. Leute aus allen möglichen Ländern haben die gleiche Musik gehört.

Debug: Aber das funktioniert doch immer noch – ich spreche auch aus eigener Erfahrung, sonst würde ich ja nicht nach wie vor weit reisen. Und das ist nur ein Symptom dafür, dass diese Musik Leute weit über geografische Grenzen hinaus verbindet.

Renaat: Die Grenzen sind heute eher sozialer Natur, das Ganze wurde eine Geldmaschine.

Debug: Auch, aber nicht die ganze Szene.

Renaat: Kann sein. Soweit ich das beurteilen kann, geht’s aber um die Verpackung, um große Promoter … Das hat mich gelangweilt und gestört.

Debug: Kannst du lokalisieren, woher die Musik kommt, die dich am meisten interessiert?

Renaat: Unmöglich. Als wir wieder begannen, waren 1500 Demos da und es kommen ungefähr 25 Tracks pro Tag. Ich höre mir die auch alle an – nicht alle Stücke in voller Länge, aber die merkwürdigen schon.

Debug: Auf eurer Website sah ich, dass ihr eine Online-Community ins Leben rufen wollt.

Renaat: Ja, daran arbeiten wir gerade. Das macht unser IT-Mann, Bob. Es soll eine Art Myspace werden, wo sich die Leute musikalisch austauschen können, vielleicht sogar in Echtzeit Musik miteinander machen können. Sollte ich dort etwas Interessantes finden, werde ich es sicher hegen und pflegen, wie in alten Zeiten.

Debug: Was meinst du mit “etwas“? Einen Track?

Renaat: Ich bin nicht nur an dem Typen interessiert, der gute Musik macht, sondern auch daran, dass er auftreten kann, ein außergewöhnlicher Mensch ist, der etwas zu sagen hat.

Debug: Ihr haltet also Ausschau nach Persönlichkeiten?

Renaat: Definitiv. Das macht Spaß!

Debug: Nach weiblichen Persönlichkeiten?

Renaat: Auch. Das wäre noch besser! (kichert)

Debug: Zusammenfassend kann man also sagen, dass du dem Kommenden sehr offen gegenüberstehst und mal schaust, was passiert.

Renaat: Stimmt. Wir hatten da auch noch eine andere Idee. Ein frustrierendes Kapitel für die Dance-Szene … Die ganzen Aufführungsrechte aus den Clubs sind ja von den Verwertungsgesellschaften noch nie korrekt verteilt worden, obwohl Millionen von Leuten zu der Musik tanzen und die Clubs auf der ganzen Welt dafür bezahlen. Wir wollen den Versuch unternehmen, eine Autorenvereinigung zu bilden – damit wir mehr Kontrolle über die im Radio und in den Clubs gespielten Tracks gewinnen.

Debug: Ihr wollt so etwas aufbauen? Das ist ja ein riesiges Projekt!

Renaat: Ja, das ist ein riesiges Projekt, aber ich habe noch größere im Kopf …

Debug: Wollt ihr euch damit in Konkurrenz zu den bereits bestehenden Gesellschaften wie SACEM, GEMA etc. begeben?

Renaat: Nein, nein. Wir werden mit ihnen reden und versuchen zusammenzuarbeiten. Es gibt ja auch die technischen Möglichkeiten dafür, dass die Leute nachvollziehen können, wo und wann ihre Musik gespielt worden ist. Das ist natürlich eine Monsteraufgabe.

Debug: Die und das Community-Projekt sind ja auch sehr kostspielig. Wie werdet ihr denn alles finanzieren?

Renaat: Erst mal werden wir unser eigenes Geld hineinstecken. Wir können ja auch nicht vor Abschluss der Entwicklung bei Sponsoren auftauchen.

Debug: Du musst ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann sein, um dir das leisten zu können.

Renaat: Ich habe alle früheren Gewinne in neue Projekte investiert und über die Pferde lernte ich natürlich auch Finanzleute aus der ganzen Welt kennen. Vor kurzem gründete ich eine große Holdinggesellschaft zur Finanzierung von Projekten, die teilweise gar nichts mit Musik zu tun haben, sondern z. B. mit dem Recycling verschmutzter Luft … Ich bin zu alt, um mich mit nur einer Materie zu beschäftigen, ich brauche das auch, um am Leben zu bleiben. Der Druck der Musikindustrie war zu groß.

Debug: Und wie willst du den Druck zukünftig vermeiden?

Renaat: Indem ich mich auch um andere Dinge kümmere! Es gibt die Pferdezucht, eine Filmproduktion, zwei industrielle Projekte, ich lerne gerade Autorennen fahren – ich habe verschiedene Interessen! Diese Vielfalt macht mir Spaß. Vor allem bin ich ein Entrepreneur, der erfolgreich sein will! Und je mehr Geld ich mit den anderen Projekten verdiene, desto mehr kann ich auch in R&S stecken, denn es läuft ja alles wieder in meine Holding zurück – mir gehören 70% der Anteile, ich kann tun, was ich will.

Debug: Habt ihr ein großes Team, um all das zu realisieren?

Renaat: Wir bauen jetzt ein internationales Team auf – früher war es ja ein belgisches. Ich weiß auch genau, wen ich dabei haben will … 12 Leute aus London, Japan, USA etc. Wir brauchen kein gemeinsames Büro, es wird einmal im Monat ein Meeting geben und der Rest über den Computer erledigt.

Debug: Wie hoch ist denn da der Frauenanteil?

Renaat: … nur zwei … Ich kenn auch nicht viele Frauen in dem Bereich, um ehrlich zu sein …

Debug: Besitzt du noch einen Ferrari?

Renaat: Ich hatte zwei und mit dem letzten bin ich 100.000 km in 18 Monaten gefahren. Aber jetzt habe ich keinen. Ich warte auf das nächste Modell …

Debug: Was fährst du denn jetzt?

Renaat: Einen Golf. Ich weiß, Frauen hassen Ferrari, sie mögen Porsche lieber.

Debug: Tatsächlich bin ich kein Fan von Ferrari, aber Porsche ist nun auch nicht mein Fall … Wenn’s schon eine Art Zuhälterwagen sein muss …

Renaat: Ein WAS?

Debug: … wäre ich viel eher für einen Maserati zu haben. Ich sah da letztens ein Modell, aus den späten 70ern oder frühen 80ern – sehr elegant! Fast wie ein amerikanisches Auto, aber schöner.

Renaat: Ja, das ist schon ein Wagen mit Klasse, sogar irgendwie diskret. Okay, es gibt viele Zuhälter und Angeber, die Ferrari fahren, aber als Maschine und für den Fahrer – unvergleichlich, glaub mir! Es ist wie “hardcore pumping techno“: brutale Kraft!

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Elektronische Lebensaspekte.