Das Berliner Musiktagebuch Teil 2
Text: Sascha Kösch (bleed), Timo Feldhaus, Verena Dauerer, Anton Waldt, Kito Nedo, Sasha Perera, Alexandra Dröner, Martin Conrads aus De:Bug 165

Fotos: Christian Brox

Die Partys, an die man sich nicht erinnern kann sind die besten. Wissen wir alle. Und davon hatten wir eine Menge in den letzten 15 Jahren. Immerhin, ein paar lichte Momente sind uns geblieben: Der zweite Teil des DE:BUG & Friends Ausgehtagebuchs ’97 bis heute. Anderthalb Dekaden im Schnelldurchlauf: ohne Modeselektor, skurrilerweise.

2001 / August:
Timecode-Magie

“Ernsthaft?” “Ja, da gibt es ein Final Scratch zum Testen, geh mal hin”, sagt Dimitri und klar, da geh ich hin, was sonst? Wollte ich schon sehen, seitdem ich mal auf einer längeren Bahnfahrt völlig durch und mit Triple R im Abteil direkt von einer der endlosen Partys kommend, ihm mit sichtlichem, bei jedem Wort stärker werdendem Ekel im Gesicht erklärte, dass wir nicht immer mit Vinyl, sondern irgendwann auch mit Daten auflegen werden. Also angefasst dieses ominöse Ding aus Holland für das Aquaviva die Werbetrommel rührt und sofort pure Magie gespürt. In allen Fingern. Pures Potential. Technologie, so anfassbar wie schwärzestes Vinyl. Wie konnte das gehen? Ernsthaft, ich hab mir die Rillen von diesem Ding zehnmal genau angesehen, selbst wenn ich keine Mühe hatte, zu verstehen was ein Timecode ist. Und wäre fast bereit gewesen, dem halbleeren “Mensch und Maschine”-Kongress im Haus der Kulturen der Welt eine Zukunft einzuräumen.
Bleed

2001 / April:
Glam im Burger King

Die Partyreihe hieß Glam und brachte den Disko-Glitter in modrige Gemäuer. Die Serie fand in einem Abbruchhaus in der Invalidenstraße statt. Als das nicht mehr möglich war, verlegte sich das Glam eine Zeit lang auf lose Eine-Nacht- Abenteuer in Leer-Stehendem. Und so war auch der Burger King am Rosenthaler Platz dran. Gerade geschlossen schienen die Räumlichkeiten ideal, nur leider etwas zu exponiert direkt am Platz. Aber es ging doch: erst durch den Keller, und dann durch die Küchentür ging es hinein. Es fühlte sich so leicht an, das alles: sich die Stadt einfach zum Abenteuerspielplatz machen. Die Kunst war, dass niemand und auch der DJ nicht von draußen gesehen wurden. Das ging auch meistens ein paar Stunden wunderbar gut. Irgendwann war die Polizei aber doch da, die beschlagnahmte immer als erstes die Anlage. Dem Glam machte das nichts, es zog kurz darauf in die Schillingstraße und diesmal wirklich an einen festen Ort. Später wurde es die Blumenbar genannt, in deren Keller bis heute T.Raumschmiere sein Studio hat. Und der Burger King ist heute das Oberholz.
Verena Dauerer

2002 / August:
Euphoriesoße Panoramabar

Sonntagvormittag, draußen brennt Helligkeit auf die S-Bahnschienen und durch die Panoramabar wogt und schwitzt die Crowd, nächtelang mit Tech- House weichgekloppt, zeitlupenhafte Geschmeidigkeit und maximale Sensibilität, über die Justus Köhnckes Stimme wie warme Euphoriesoße fließt: “Wir – jagen die Monotonie …” Der reinste Kitsch, der auf die fröhlichste Hingabe trifft, um sich im Nebel aus schwachsinnigem Grinsen und Bewegungsdrang, Poppersschwaden und kollektiver Hitzewallung zu verlieren. Köhncke steht irgendwo am Rand, ebenerdig hinter dem Tischchen mit seinem Equipment, dass er live spielt und singt, fällt trotz oder gerade wegen der dampfenden Klebrigkeit an Körper und Geist bis zum Schluss kaum auf, aber an diesem Vormittag hat Köhncke uns ein für alle mal sein Amalgam aus Schlager, House und Optimismus injiziert.
Anton Waldt


2003 / Februar:
Nanuk der Eskimo

Alles, was man je über das Sniper wusste, das weiß man heute nicht mehr so genau.
Von außen war der Raum überhaupt nicht zu erkennen: ein graues Garagentor im zweiten Innenhof am Hackeschen Markt, an dem ein französisches Parkverbotsschild blinkte: jour et nuit. Geöffnet war nur Mittwochs, nach Mitternacht. Drinnen: eine dunkle Rumpelkammer, in welcher ein Typ namens Rosa waltete und in der für Besucher eigentlich kein Platz war. Das Getränkeangebot setzte sich im wesentlichen aus Tsingtao, Sake und frischem Pfefferminztee zusammen. Für gewöhnlich zeigte Safy Sniper dort von ihm bearbeitetes Bewegtbild-Material und anschließend Film, irgendwann haben People Like Us dort mal live gespielt. Man konsumierte Haschkekse, Schlangenschnaps und aus den Lautsprechern dröhnten die Reden von Robert Ley, dem Chef der Deutschen Arbeitsfront. Eines Nachts sahen wir drogenumnebelt Nanuk der Eskimo: Im Film wurde jedes nur denkbare Antarktis-Tier gejagt und getötet. Es kam uns wie eine einzige Blut-Orgie vor. Als wir das Sniper für uns entdeckten, war es eigentlich längst Geschichte: Das aber machte gar nichts.
Kito Nedo

“Es fühlte sich so leicht an, das alles: sich die Stadt einfach zum Abenteuerspielplatz machen. Die Kunst war, dass niemand und auch der DJ nicht von draußen gesehen wurden.”


2004 / August:
Grimetime

Lethal B, D Double, Kano, Jammer & DJ Target landen in Berlin. Zur ersten Grimetime Party. Und filmen ihren Trip, jede verdammte Minute, Christian Fussenegger, ihr Mädchen für Alles, steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Rüber ins Studio von Jahcoozi, ein paar Rhymes spitten und Leute brüskieren: “Hey Mann, mit gekreuzten Beinen sitzen? Bist du schwul, oder was?” Später fast nur Berliner im WMF Sommerlager, die Show knallt, Pre-Easy-Jet-Set im August 2004. Danach ins Hotel, Jammer macht den “Super Jammer Move” und tritt die Zimmertür ein. Und sie filmen, jede verdammte Minute. Irgendwann landet das alles auf der Lord of the Decks 3-DVD. Die bestverkaufte Grime-DVD ever. Gerriet vom WMF muss die Tür bezahlen, 400 Euro. Jahre später treffe ich Jammer auf Tour mit Mumdance, weißt du noch? Peinlich war ihm das. Ist ruhiger geworden. Und trägt ‘ne Brille.
Sasha Perera


2004 / Oktober:
Bar 25

Die ersten paar Jahre war die Bar 25 noch ein ziemlich entspannter Ort mit peaciger Tür, trotzdem war der Laden der reine Rave-Alb, denn hier lag das Epizentrum der Miminalpest, die in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends Angst und Schrecken über die Tanzflächen brachte: Unverdünnte Langeweile zu vershuffelt ausgebremsten Rhythmen. In der Bar tuckerte die Einfallslosigkeit in bassfreier Kofferradioqualität oft tagelang traurig vor sich hin, ohne dabei groß aufzufallen, vielleicht weil die Bar-25-Crowd durchs Musikhören über schepprige Laptoplautsprecher abgestumpft war, bestimmt weil es in diesem Club sowieso nicht um die Musik oder ums Raven ging, sondern um alberne Verkleidungen, schultheaterhafte Rollenspielchen und multitoxische Hirnerweichung, egal was, egal wie, Hauptsache mal die banale Tristesse der real existierenden Kreativklasse verdrängen. Weshalb die Unendlichkeit der Bar-25-Wochenenden, die sich gerne zäh und lustlos in den Dienstag schleppten, auch kein Ausdruck überbordender Lebensfreude waren, sondern kollektive Realitätsverweigerung mit Konfetti, Glitzer und Verstand im Ketamin-Erdloch ersäufen.
Anton Waldt


2005 / März:
Global MischMasch

Blaze a blaze Galang a lang a lang lang, Purple Haze Galang a la, a la, a la, a la. Scheiße, der CD-Player skipt. Und aus. Keine Zugabe. Egal, war geil gewesen. Die Kleine mit dem schrägen Namen, Arulpradingsbums, na M.I.A. halt. Hype, ey, Wahnsinn! Und sowas im Pfefferberg, Perlen vor die Säue, is doch wahr. Und die Mucke, so mit allem drin irgendwie, so Asien und Brasilien und Angola und fette Beats, die kennt doch auch Diplo und DJ/Rupture bestimmt auch, obwohl die ist ja Engländerin eigentlich, oder? Geht jetzt bestimmt ein paar Jährchen weiter so mit Ghettos ausschlachten in der Dritten Welt, oder wie das heißt, Schwellenländer und so. Machen dann bestimmt bald alle, so Hipster und Warp, Mensch, Südafrika, wa? Und Leggings, bunte Leggings ey, haben die bestimmt 2012 noch an, also mindestens.
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“Auf der Loveparade tummeln sich Millionen, aber niemand den man kennen würde.” – 1998

Mai:
Diederichsen in der Volksbühne

Es bleibt festzuhalten, dass Diedrich Diederichsens Vortrag am 21. Mai im Großen Haus der Volksbühne von der Aufzählung von Regierungstechniken im 78er Song “The Big Country” der Talking Heads handelte. Bis hierhin erinnert nichts daran, dass an diesem Abend noch Ungeahntes passieren würde. Als nach dem Vortrag Christian von Borries, Ekkehard Ehlers und das RIAS Jugendorchester symphonische soundalike- Versionen von Vangelis-, Octave- One- und Derrick-May-Tracks aufführten, schien noch alles im Rahmen dessen, was damals als “Conceptual Music” beschrieben wurde. Auch noch, als zwei junge Sängerinnen hinzutraten, um “My Mind Playing Tricks on Me” von den Geto Boys zu rappen. Unvermittelt, hiernach, stellt sich Diederichsen überraschend wieder auf die Bühne und singt zum Varèse- Samples verwendenden Orchester Chics “At Last I Am Free”: “All this lyin’, my friend, it just can’t be”. Ungelogen: soundcloud.com/masseundmacht/peeping-around-corners
Martin Conrads

2006 / September:
Kein Golf, Hot Chip

Was machen denn die ganzen jungen Leute da auf der Schlesischen Straße? Muss irgendwas los sein, ein Golf-Tunier vielleicht? Oder Tennis? Ach Blödsinn, hallo? Schlesische Straße. Da spielt doch keiner Golf. Die sehn aber so frisch aus, und sauber, wie gerade aus der Schule, oder von der Elite-Uni. Gleich mal hinterher. Aha, zum Lido wollen die. Lido! Da geht man jeden Tag an dieser super Location vorbei und denkt sich, “Mann, warum hat da ausgerechnet die Schaubühne die Hand drauf, wär doch so ein mega Club!” und dann kommen die Leute vom Karrera Club und machen das einfach. Ich Loser. Aber egal, jetzt bin ich drin, neben mir Girl zu Boy: “Ich kenn die ja seit der ersten Kitsuné Compilation, die sind echt cool, die neue hab ich mir auch grad geholt, hast du Digitalism mal gecheckt?” Ok, irgendwo muss doch … ach da, Hot Chip live in concert. Hot Chip. Das sind diese Dänen, oder? Quatsch, totaler Quatsch, aus London sind die doch und machen irgendwas mit James Murphy. Nein? Auch wieder falsch, puh, ich geh lieber nach Hause und hör’ Dubstep. Das Konzert muss aber toll gewesen sein. Stand in der FAZ.
AD

“Und Leggins, bunte Leggins ey, haben die bestimmt 2012 noch an, also mindestens” – 2005

2007 / Mai
Letzte Nacht im Rio

Das Rio schließt, es ist der letzte Abend, für kurze Zeit liegt eine kleine Melancholie über dem Club auf der Chausseestraße. Dann nicht mehr, dann ist alles wie immer: wild, laut, küssen. Berlin ist cool, Mitte ist cool, die ganze gut aussehende Welt kommt zu Besuch und Techno ist um. Ein Musikredakteur mit Brille und asymetrischen Haaren (nein, er hat kein Truckercappy mehr auf, nein, er heißt zu dieser Zeit noch nicht Hipster) schlaumeiert mir ins Ohr: “Ab 2000 teilte sich der Sound der Stadt grob in zwei Lager: Minimal und Electroclash. Beides voll langweilig. Zweiteres ist für aufgetakelte Partypeople, denen die Klamotten genauso wichtig sind wie die Musik (meine kleine Schwester findet trotzdem immer die sehen dreckig aus), die triffst du seit 2003 im Rio. Ersteres ist einfach nur langweilig und dauert viel zu lange.” Neben uns tauchen überall junge Frauen mit großen Digitalkameras auf und sagen einen bisher unbekannten Satz: “Ich habe einen Streetstyle-Blog, darf ich dich fotografieren?” Vor zwei Jahren legte ein blasses DJ Duo bouncend-zercuttete Brazzmusik auf, sie nannten sich Justice, lieferten nach sieben Jahren den Nachfolgesound zu Mr. Oizos Flat Beat und machten Electroclash unnötig, denn von nun an brauchte elektronische Musik keine Gitarren mehr um wie Rock zu klingen. So absolut zutreffend man das ein halbes Jahr fand, so abstoßend schrecklich danach. Dass Dinge, Drogen, Musikrichtungen, Küsse nicht lange halten, das lernte man im Rio. Mitgründer Connie Opper, seit Jahren die bessere Hälfte von Peaches, wird die Idee dieses Clubs später noch diversifizieren – für die hübschen Schmuser den Broken Hearts Club, für die Kids das Scala, für die Egalos das Flamingo und im King Size treffen sich heute die Welt- Feuilletonistinnen, Start-Up-Chefs und Streetstyle-Bloquettes mit klickbarer Werbung am rechten Bildrand.
Timo

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