Das Berliner Musiktagebuch Teil 3
Text: Reimund Spitzer, Eric Mandel, Sascha Kösch, Alexandra Dröner, Bianca Heuser, Timo Feldhaus aus De:Bug 165

Fotos: Christian Brox

Die Partys, an die man sich nicht erinnern kann sind die besten. Wissen wir alle. Und davon hatten wir eine Menge in den letzten 15 Jahren. Immerhin, ein paar lichte Momente sind uns geblieben: Der zweite Teil des DE:BUG & Friends Ausgehtagebuchs ’97 bis heute. Anderthalb Dekaden im Schnelldurchlauf: ohne Modeselektor, skurrilerweise.

2008 / November:
Oben sein um runterzukommen

Zwischen halb sechs und halb sieben ist die Stadt noch ganz friedlich, so wie jetzt, nur einsame Nachtbusse und Taxis und ein paar Besoffene. Den Sonntag hatte ich komplett in der Panne verbracht, Bier und White Russian und Kräuterschnaps und was an Chemikalien grad so da war. Oben sein um runterzukommen. Abends um neun kurz zuhause zum Umziehen und dabei umgefallen, mit Hose an und Licht an. Dann eine Tour durch die Stadt, ein bisschen wie im Traum, so wie man manchmal in Träumen an Orte geht, die man kennt, ihnen Besuche abstattet, wenn sie leer und verlassen sind, bevor die Normalität zu ihnen zurückkommt. Gute Laune die ganze Zeit, die mir langsam zu viel wird, so etwas Gelöstes und Erleichtertes, dabei besteht dazu gar kein Grund, außer, dass das Wochenende vorbei ist. Fragmentierte Zeit, übergangslose Phasenwechsel, der helle Nachmittag gestern, ich war bei der Post oben in den Allee Arkaden, auf dem Weg traf ich Martin und Martina, er mit Augenringen und sie mit entrücktem Blick, wenig später stand ich mit dem Rücken zum Fenster im Zimmer, spielte Luftbass und musste mich zusammenreißen um nicht loszuheulen, weil ich alles so schön fand.
Reimund Spitzer
(Originalton aus dem Newsletter des Golden-Gate-Betreibers. Der Club feiert dieser Tage 10 Jahre Jubiläum, Herzlichen Glückwunsch!)

“Berlin ist cool, Mitte ist cool, die ganze gut aussehende Welt kommt zu Besuch und Techno ist um.” – 2007


2008 / Juni:
Sound- und Baumwollbeutel-Designer

Es ist eine Party in der L.U.X., und ich habe schon wieder jemand kennengelernt, der bei Native Instruments arbeitet. Egal, wo du heute ums Schlesische Tor herum mit jemand ins Gespräch kommst: NI. Marketing, Programmierer, Sound- oder Baumwollbeutel-Designer – aus allen Länder scheinen sie zu kommen: Enge Hosen, wallende Shirts, diese Brillen, Tätowierungen, und wer kann: Dreitagebart. Es sind viele Frauen dabei. Sie kommen aus Finnland, Kalifornien und Katalonien. Die Wochenenden verbringen sie im Turnus von Berghain und Bar (das L.U.X. dient heute nur zum Vorglühen, der DJ arbeitet bei na ratet mal), die Tage verbringen sie in diesem Komplex aus Etagen, Gängen, Büros, Luftschächten und Treppenhäusern, der sich immer tiefer in die Häuserreihe an der Schlesischen Straße frisst und in dessen Zentrum eine gigantische Kaffeemaschine steht – Ein Steampunk-Element in der klinischen Programmiererwelt, in der das Morgen schon heute stattfindet. Wird sie je zu wachsen aufhören? Wird sie Arbeit und Segen für die ganze Gegend bringen? Traktoren und Reaktoren für Alle? Oder werden die Natives vorher eine eigene Nation bilden?
Eric Mandel

2009 / Februar:
Donnerstags ist iPod-Disco

Es ist arschkalt, und ich soll mit meinem Partner Wuzi bei einem dieser elektronischen Mittwochabende in einem dieser RAW-Häuser auflegen, die ich immer noch nicht auseinander halten kann. Als wir wie vereinbart um 11 dort ankommen, wird uns gesagt, wir seien gegen vier dran. Das passiert uns öfter, also beschließen wir, zuhause noch einen Track zu basteln und gleich heute Abend zu testen, denn was soll man machen mit dem angebrochenen Nachmittag. Das haut dann zwar nicht hin, weil der Track nicht so doll ist und ich außerdem keine leeren CDs mehr habe. Dafür haben wir schön einen drin, als wir um 4 zurück zur Party kommen und das Ende des italienischen Dubtechno-Liveacts mitbekommen. Wir sollen aber Dub spielen, deswegen beginnt Wuzi mit einem dieser King- Tubby-auf-Crack-Dinger, die er so liebt. Da kommt auch schon eine Friedrichshainer
Dorfschönheit und fragt: “Seid ihr hier für die Musik zuständig?” “Nein. Die Musik kommt von der Bar.” “Ach echt?” “Ja, die Barfrau kriegt sonst schlechte Laune. Wir dürfen hier nur üben. Deswegen die Kopfhörer!” “Ach so.” Sie verschwindet in Richtung Bar, ist aber natürlich, Triumph in den Augen, nach zehn Minuten wieder da. “Hey, kann ich hier meinen iPod anschließen?” “Nee, das ist immer Donnerstags. Donnerstags ist iPod-Disco.” “Ach, Donnerstags. Ok, danke.” Die schönste, weil für alle Beteiligten befriedigendste Konversation dieser Art, die ich je hatte.
Eric Mandel

Das letzte Bild unseres Tagebuchs zeigt Christian Brox. Er dokumentierte die Berliner Rave- und Partykultur wie kein anderer. Danke, Brox+1!

2010 / Juni:
Alle in einem Boot

Ist zugegeben erst das zweite Mal, dass ich in diesem ketaminverseuchten Hexenkessel mit der schlechtesten Anlage der Stadt auflege. Soll ja auch bald vorbei sein. Schon wieder. Damit wären auch schon alle Gründe dafür zusammengefasst. Koletzki übergibt mit allen Reglern tiefrot. Scheppert eh nur. Da mach ich mit Mia einfach so weiter. Pingpong im krächzenden Soundbrei für Menschen, die eh alles begeistert. Hell ist es schon immer, aber die Fassade hält hartnäckig. Schnitt (kein Filmriss, nur keine Besonderheiten zu vermelden, endlos Party wie immer, nicht mal Konfetti unter der Nadel). Stunden später an der Anlegestelle der Bar 25. Wir bereit für den Nachhauseweg. Kommt ein Boot vom anderen Ufer angetuckert, zwei Jungs winken, komm wir nehmen euch mit. Wohin? Die Spree runter. Die unverhoffte Bootsfahrt endet nach ein paar ausgelassenen Kutterkurven ohne Sinn passend ohne Sprit im Niemandsland Museumsinsel bei Dauerplatzregen. Sommer in Berlin. Ziellos aber stilvoll scheitern.
Bleed

2010 / Dezember:
Witch Hunt

Büschen Angst hab ich schon. Man hört ja so Sachen. Satanisches, Drogen, die ganzen Kreuze, Salem in Berlin. Witch House. Was hat das House da eigentlich zu suchen? Das ganze Jahr schon trinken die Kids Jungfrauenblut aus Opferschalen, wachsen umgedrehte Kruzifixe aus Dreiecken, überhaupt: Dreiecke! Und waschen sich nicht. Waschen sich ganz langsam nicht. Runtergepitcht, alles ist runtergepitcht. Neblig. Schwarz. Der Festsaal ist voll, Gott sei Dank. Gott? Nein Salem. Zwei Jungs, ein Mädel, sehen alle aus wie Kurt Cobain kurz vor Schluss. 40 Minuten live. Keiner bewegt sich. Alle klatschen.
AD

2011 / Juni:
Von Koze geküsst

Peinlich, aber wahr: Ich habe mal, schwer benebelt, um DJ Kozes Hand angehalten. Nach seinem Set in der Panorama Bar schubste mich eine befreundete Hand Richtung Bar, ich schlurfte schüchtern rüber und startete meine Charmeoffensive. Dabei ist es mir einfach so rausgerutscht. Koze brach daraufhin in Lachen aus, warf die Arme in die Luft und rief viel zu laut “Ich kann dich leider nicht heiraten!” Dann nahm er seinen Buddy und mich in den Arm, drückte jedem einen flüchtigen, aber ehrlichen Schmatzer auf und verschwand schnell gen Toilette bevor ich noch mal zum Reden ansetzen konnte. Wäre das woanders als in der schützenden Dunkelheit der Panorama Bar passiert, hätte ich mich wahrscheinlich auf der Stelle erbrechen müssen. Hier, dachte ich mir, konnte sich am nächsten Morgen doch eh keiner mehr daran erinnern.
Bianca Heuser

2012 / August:
Transatlantischer Kulturaustausch

Wie ein Nomadenstamm aus längst vergessener Zukunft wischen sie auf ihren iPhones und murmeln in einem elegischen amerikanischen Singsang über Tumblr-Bildblogs, olympisches Bodenturnen, Materie in ihrer Zeit und im Netz. Nik Kosmas von der Künstlergruppe Aids 3-D windet seinen befreiten gestählten Oberkörper halbgelangweilt um eine in der Mitte der Bar installierte Gogo-Stange, von unten dröhnt ein bombastisch überdrehter Mix aus Hard Style und Schlumpftechno. Die Times Bar mit Schwitz-Kellerdisko ist die nachträglich ins Leben gerufene Keimzelle der Expat-Künstler, zwischen Lebenskunst und Internetart. USA-Kids, die in Europa versuchen, Skrillex nachzumachen, der europäische Muckerdubstepmucke für den amerikanischen Massenmarkt adaptiert. Genau betrachtet der irrste transatlantische Kulturaustausch seit langem. In Berlin der verwirrendste Ort des Jahres. Als dieSonne am morgen aufgeht, fragt uns die heimliche Chefin des Hauses selbstgewiss: “Jungs, was machen wir jetzt mit dieser Stadt?!”
Timo

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