Das Berliner Musiktagebuch Teil 1
Text: Timo Feldhaus, Thaddeus Herrmann, Anton Waldt, Sascha Kösch (bleed), Ulrich Gutmair, Jan Joswig aus De:Bug 165

Fotos: Christian Brox

Die Partys, an die man sich nicht erinnern kann sind die besten. Wissen wir alle. Und davon hatten wir eine Menge in den letzten 15 Jahren. Immerhin, ein paar lichte Momente sind uns geblieben: Das DE:BUG & Friends Ausgehtagebuch ’97 bis heute. Von Sexyland über eingeschlagene Türen bei der Ankunft von Grime, von kackenden Ravern und britischen Theoretikern, knutschen mit Koze, Hinterzimmerabgehpartys und Verwirrunegn am DJ-Pult. Muss man dabei gewesen sein? Mitnichten. Anderthalb Dekaden im Schnelldurchlauf: ohne Modeselektor, skurrilerweise.

1997 / Juli:
Sexyland dicht

Im Prenzelberg ist auch nichts los. Warum bin ich da hingezogen? Zionskirchplatz. Gerade mal ein Kiosk und ein Bäcker um die Ecke. Sexyland ist auch schon wieder dicht. Gut, bis Mitte ist es nicht so weit. Und wir müssen ja auch noch unsere eigene Zeitung gründen, da kann man partyfreie Zeiten brauchen. Moment. Wie? Natascha macht einen temporären Laden auf der Kastanienallee? Elektronisches Wohnzimmer? Taschen-Sensor über einen Monat? Mit Monolake im CDSelbstbrennversuch, MMM, BassDee, CGB und klar leg ich da auf! Natürlich wird das mein Wohnzimmer. Wie es klingt? Sanft blechern, ziemlich ruhig, aber egal, Hauptsache hier klingt irgendwas, Hauptsache eine neue Heimat direkt vor der Haustür, das reicht, auch temporär. Man konnte ja nicht ahnen, dass hier nie nix los sein wird außer dem kurzen Glanz einer zweifelhaften In-Meile mit dem noch zweifelhafteren Namen: Casting Allee.
Bleed

1998 / Februar:
Asyl für Kodwo Eshun

Wenn wir nicht im test bed waren, dann waren wir im Luxus. 1997 war ich mit Martin Conrads in ein Haus in der Straßburger gezogen, wo wir Kodwo Eshun eine Nacht Asyl gewährten, der klaute sich aus lauter Dankbarkeit das schöne Wort Thoughtware. Kaum waren wir da, machte um die Ecke das Luxus auf, wo sich Teile der alten Prenzlberger Boheme mit Leuten aus Mitte und angereisten Kreuzbergern trafen, weil die Stadt plötzlich geschrumpft war. Den Neonschriftzug im Schaufenster konnte man entziffern, wenn man wusste, wie der gekachelte Laden hieß. Links an der bastverkleideten Wand eine Sitzecke. Hinter der Bar cool und androgyn Randolf, Gin Tonic mischend. Oben an der Wand das Aquarium. Anfangs mit Goldfischen, später auch ohne. Darunter der beste Platz, um zu reden, zu rauchen und die sorgfältig ausgesuchte, programmatisch nicht tanzbare Musik vom Tape zu hören. Hier wurden die Geburtstage gefeiert, hier hörten die Neunziger auf. Das war uns egal, wir brauchten nur zwei Minuten nach Haus.
Ulrich Gutmair

1998 / Juni:
Elektronika-Rauferei

Raus aus dem Klub, rein in das durchsubventionierte Kulturkuddelmuddel. Autechre in Berlin. In der – Achtung – Akademie der Künste. Schönes Bauwerk, schlechter Sound. Wenig Besucher, die Gage verschwindet, angemietetes Equipment wird in Schutzhaft genommen, mit englischen Tour-Managern ist nicht zu spaßen. Und mittendrin Autechre – die Band – what the fuck is happening? Und dann passiert das Schlimmste. Kiffe ist alle. Komplett. Hat Herr Push Button Objects, als Support- Act mit auf Tour, alles weggeraucht. Ami, schlimmer: Miami. Auch mittendrin: ich. Wie soll man mit Turkey-Engländern denn auch reden! Also fahren wir ins Hotel. Zur Notration. Und in der Auffahrt passiert es dann. Fäuste fliegen, Autechre blutet, die amerikanisch-britische Völkerfreundschaft geht zu Bruch. Sitzen alle beduddelt rum, ganz plötzlich. Taschentücher werden gereicht. Soll ich mal weglassen in meinem Artikel, diese Szene. Die Plattenfirma lacht sich schlapp, ich auch.
Thaddi

“Hier lag das Zentrum der Minimalpest, die in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends Angst und Schrecken über die Tanzflächen brachte.” – 2004

1998 / Dezember:
Untergrund Techno

Zum Ende der Dekade sind “Techno” und “Raver” szeneseitig mausetot und öffentlichkeitswirksam zum Eurotrash verkommen. Auf der Loveparade tummeln sich Millionen, aber niemand den man kennen würde. Die solide aber stilsichere Techno- Sause mit Pillenfressen, Endlosgehüpfe und Arme im Nebel hochreißen überlebt derweil im Untergrund der Szene, schwule Fetischpartys werden zum Nukleus der Renaissance im neuen Millenium. In diesem Moment sperrt das Ostgut seine Halle auf. Aber da will jenseits schwuler Fickpunks erstmal kaum jemand hin: zu hart, zu kahl, zu chemisch und irgendwie so unpersönlich, befindet der Zeitgeist, der sich für den Laden erst Jahre später erwärmt, nämlich als die kuschelig-anschlussfähige Panoramabar dazukommt. Erstmal ist das Ostgut ein Club für Raver, die eine Techno-Techno-Arschversohlung nötig haben, aber darüber bestimmt nicht reden wollen.
Anton Waldt


1999 / August:
2Step

Was für ein überzuckerter Handkanten- Funk jubiliert denn da aus den Boxen? Ich hatte noch nie etwas von UK Garage oder 2Step gehört, im Sommer ’99 rührte es mir bei der ersten 2Step-Nacht der Twen FM Soulsquad im WMF, dem damaligen Feierabendzuhause der DE:BUGRedaktion, auch ohne Vorwarnung meinen Watermelon Man um. Tüftelige Beat-Science und sonnigste Hedonisten- Harmonien? Da kam zusammen, was man seit Willie Mitchells Southern-Soul- Produktionen für Al Green aus den 70ern nicht mehr zusammengedacht hatte, jedenfalls nicht in dieser Unverschämtheit. Jungle kannte das Rezept nur als Sponti- Scherz, aber bei UK Garage bekam es Soul-Glamour. Wer auf amerikanischen Garagehouse und englische Bleeps und Clonks stand, fand hier seinen Himmel. Musikalisch avancierte Popper-Scheiße, genau mein Ding! Heute erinnert noch die Espressomaschine 2Step des Qualitätsherstellers WMF an diese glorreichen Zeiten.
Jan Joswig

“Die solide aber stilsichere Techno-Sause mit Pillenfressen, Endlosgehüpfe und Arme im Nebel hochreißen überlebt derweil im Untergrund der Szene, schwule Fetischpartys werden zum Nukleus der Renaissance im neuen Millenium.” – 1998

2000 / Juli:
Techno fällt ins Klo

Nicht, dass das noch irgendetwas mit Techno zu tun gehabt hätte, aber die gerade Bassdrum starb, als der Raver aufs Klo musste. Die Paradestrecke auf der Straße des 17. Juni: einen Steinwurf von meiner damaligen Wohnung. Bezaubernde Gegend. Hasen, Wiese, nachts manchmal ein bisschen Gezanke vom Strich um die Ecke. Zur Parade ein anderes Bild. Wohnmobile in der Auffahrt, Trance zum Frühstück mit Pillensahne obendrauf. Klingelt also dieser Raver. “Yo! Sach ma, du findest Techno doch auch verschärft, oder hab ich Recht?” “Dutzen wir uns?” “Jetzt sach doch mal, Mensch, ich muss derartig aufs Klo. Kann ich mal reinkommen oder was? Geht doch auch gleich los!” Gekackt hat er in den Hausflur.
Thaddi

Anton Waldt in jungen Jahren


2000 / September:
Berlin liebt dich

Ich komme direkt vom Summerjam Reggae Festival, Freunde fanden das eine gute Idee. Die blonden Rastafaris aus westdeutschen Kleinstädten schauten dort alle angewidert auf mein T-Shirt, da stand “Ich-Maschine” drauf, fand ich cool. Auf dem Festival hatte so ein Mädchen erzählt, sie wohne in der Schönhauser Allee, noch, weil da würde sie jetzt wegziehen, weil überhaupt nicht mehr cool, viel zu viele Touris, Assis, voll hip. Ich treffe sie später in Mitte im Haus Schwarzenberg, Hinterhof mit Berlin-Tokio-Geschichte am Hackeschen Markt. Jeans Team geben ein Konzert. Ich sehe das zum ersten Mal, finde es superschlüssig, Boyband mit Kraftwerk zu verbinden, und die haben alle so tolle Frisuren und Klamotten. Der einleuchtendste Mensch des Moments, das fühlt hier allerdings jeder, auch die die keine Ahnung haben, ist Patrick Wagner. Der Macher von Kitty-Yo hatte gestern in Schlingensiefs Fernsehsendung U3000 in der Berliner U-Bahn mit seiner Band Surrogat den Heavy-Metal-Hit “Berlin liebt dich” gespielt. Einen Monat später wird “The Teaches of Peaches” auf seinem Label erscheinen, Wagner ist glaub ich glücklich. Alles tut weh, alles macht so Sinn. Weiter hinten steht Erlend Øye und denkt über die letzten Simon- and- Garfunkel-Akkorde seines bald erscheinenden Knüllers “Quiet Is the New Loud” nach. Das wurde dann auch Programm, aber nicht lange, denn dann kamen die Flugzeuge und alles wurde “Extremely Loud and Incredibly Close”. Aber das hat noch viel später ein wieder anderer gesagt. Ich höre auf zu denken und singe: “Ich singe keine Melodien, ich singe 1 2 3 4.” Das T-Shirt werde ich nie wieder anziehen, war irgendwie vorbei.
Timo

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